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Joseph S.

Corinne Blatter und ihr Vater, der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter. Bild: KEYSTONE

Interview

Corona, Herz-Probleme, Infantino – Tochter erzählt, worunter Sepp Blatter leidet

Seit Dezember liegt Sepp Blatter im Spital. Im Gespräch appelliert Corinne Blatter an die Fifa, ihren Vater endlich in Ruhe zu lassen.

Henry Habegger / ch media



Ihr Vater Sepp Blatter liegt seit Dezember im Spital. Vor zwei Wochen sagten Sie, sein Zustand sei ernst, aber nicht lebensbedrohlich. Geht es ihm jetzt besser?
Corinne Blatter:
Er macht täglich Fortschritte – kleine, aber kontinuierliche. Diese Woche konnte er die Intensivstation verlassen. Das war auch psychologisch ein ganz wichtiges Zeichen. Die Ärzte sind zufrieden mit seinem Zustand. Aber der Weg zurück ist noch weit.

Freunde von ihm berichten, er sei auch noch an Corona erkrankt und es gebe Komplikationen. Sie sind seine engste Vertraute. Können Sie sagen, woran er genau leidet?
Es ist richtig, dass er im November positiv auf Covid19 getestet worden war. Er überstand das Virus aber ohne grosse Symptome. Doch diese Krankheit ist heimtückisch. Vielleicht hat mein Vater mehr Substanz verloren, als dass er zugeben wollte. Kurz vor Weihnachten musste er ins Spital wegen einer Herz-OP. Er ging davon aus, dass es sich um einen Routineeingriff handelt. Doch dann wurde alles komplizierter und gefährlicher. Insgesamt lag er über eine Woche im künstlichen Koma und war nicht mehr ansprechbar. Wir machten uns grösste Sorgen. Das war die härteste und traurigste Weihnachtszeit meines Lebens.

Wie hat das Umfeld reagiert?
Der Beginn des Spitalaufenthalts fiel in die Zeit der Festtage – unzählige Menschen richteten meinem Vater Glückwünsche zu Weihnachten und zum neuen Jahr aus. Als er dann nicht reagierte, kamen viele sorgenvolle Zuschriften und Anrufe – aus dem familiären Umfeld und von Freunden rund um den Globus. An dieser Stelle möchte ich mich für den grossen moralischen Support, aber auch für das respektvolle Verhalten bedanken. Es tut gut zu wissen, dass mein Vater so viele wahre Freunde hat.

epa08899390 (FILE) - Former FIFA president Sepp Blatter arrives in front of the building of the Office of the Attorney General of Switzerland, in Bern, Switzerland, 01 September 2020 (reissued 22 December 2020). The FIFA on 22 December 2020 announced it had filed a criminal complaint with Zurich's prosecutors which identifies the football governing body's former president Blatter's alleged direct involvement in criminal mismanagement.  EPA/PETER SCHNEIDER

Sepp Blatter war von 1998 bis 2016 FIFA-Präsident. Bild: keystone

«Ich fordere kein Denkmal für meinen Vater, aber er hätte es verdient, dass man seine Leistung anerkennt und ihm vielleicht bei Gelegenheit auch einmal dankt.»

Litt Ihr Vater zuletzt gesundheitlich unter den diversen Verfahren, die von der FIFA gegen ihn in Gang gesetzt wurden oder die die Bundesanwaltschaft seit Jahren vor sich hinschiebt?
Ich bin keine Medizinerin – und auch keine Psychologin. Aber wenn man bedenkt, was mein Vater in den letzten fünf Jahren alles einstecken musste, welche Vorverurteilungen – ohne, dass ein staatliches Gericht ein Urteil gegen ihn gesprochen hätte –, kann man sich vorstellen, dass er unter grossem Druck gestanden hat.

Joseph S. Blatter

Joseph Blatter (84) war von 1998 bis 2016 Fifa-Präsident. Das Ende der Amtszeit versank in Korruptionsverfahren um Fifa-Funktionäre. Blatter wurde 2015 von der von ihm eingesetzten Ethikkommission gesperrt, die Bundesanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren wegen einer Zahlung von 2 Mio. an Michel Platini. Die Fifa unter Nachfolger Gianni Infantino schob später diverse Klagen nach. Verurteilt wurde Blatter bisher nie.

Das war ihm aber nicht anzumerken – er trat noch im Herbst zu stundenlangen Befragungen in Bern an.
Er hat einen harten Walliser Kopf und pflegt solche Dinge zu überspielen. Aber als Tochter weiss ich, dass dies alles nicht spurlos an ihm vorbeiging. Schliesslich arbeitete er 41 Jahre mit all seiner Energie und ganzem Herzblut für die FIFA – er machte aus einem kleinen Verein mit roten Zahlen und elf Mitarbeitern ein hochrentables Unternehmen mit einer tadellos funktionierenden Administration. Und plötzlich wird er behandelt wie ein Schwerverbrecher. Das traf ihn. Ich fordere kein Denkmal für meinen Vater, aber er hätte es verdient, dass man seine Leistung anerkennt und ihm vielleicht bei Gelegenheit auch einmal dankt.

Es passiert das Gegenteil. Nachfolger Infantino, gegen den die Bundesjustiz wegen seiner ominösen «Schweizerhof»-Treffen mit dem Bundesanwalt Lauber ermittelt, reicht Klage um Klage ein. Kurz vor Weihnachten wegen der Finanzierung des FIFA-Museums. Hat Ihr Vater dies überhaupt noch mitbekommen?
Von der Museums-Klage weiss er noch nichts. Und das ist auch gut so. Er würde sich nur unnötig aufregen. Wir halten diese negativen Dinge so lange wie möglich von ihm fern.

Ihr Vater hat nächste Woche einen Termin beim Zürcher Friedensrichteramt wegen einer anderen Klage der Fifa. Den kann er wohl nicht wahrnehmen?
Nein, natürlich nicht.

Was würden Sie Gianni Infantino sagen, wenn Sie ihn treffen würden?
Ich hoffe, dass ich ihn nie mehr treffe. Ich würde wahrscheinlich die Beherrschung verlieren. Ich bin Walliserin mit ganzem Herzen und kann Ungerechtigkeiten sehr schlecht akzeptieren.

epa08868799 A handout photo made available by FIFA of FIFA President Gianni Infantino during the UEFA preliminary draw for the FIFA World Cup 2022 in Zurich, Switzerland, 07 December 2020.  EPA/foto-net / Kurt Schorrer / HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Der aktuelle FIFA-Präsident Gianni Infantino. Bild: keystone

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Infantino plötzlich derart massiv gegen seinen Vorgänger schiesst?
Keine Ahnung. Es sei denn, er wolle von seinen eigenen Verfehlungen ablenken.

«Ja, er ist unschuldig, davon bin ich felsenfest überzeugt.»

Ihr Vater versuchte immer wieder, mit Infantino ins Gespräch zu kommen. Was wollte er damit erreichen?
Die Basis für ein respektvolles Miteinander schaffen. Es kann doch nicht sein, dass sich Infantino derart massiv gegen jenen Mann stellt, der ihm ein gemachtes Nest hinterlassen hat. Mein Vater empfing ihn sogar in den eigenen vier Wänden. Doch plötzlich kommunizierte die FIFA nur noch über Anwälte.

Bei der FIFA kam es immer wieder zu Korruption, auf verschiedensten Ebenen. Glauben Sie denn wirklich, dass sich Ihr Vater in den über 40 Jahren, als er dort arbeitete, nichts zuschulden kommen liess?
Ja, er ist unschuldig, davon bin ich felsenfest überzeugt. Der einzige Fehler, den ich ihm anlaste: er war und ist zu vertrauensselig.

Ihr Vater wird im März 85 Jahre alt. Ein alter Freund von ihm sagte kürzlich im Gespräch: Er hoffe einzig, dass Sepp seine Rehabilitierung noch erlebe. Glauben Sie ernsthaft, dass es eine Gelegenheit zur Rehabilitation gibt?
Ich glaube es nicht! Von der FIFA unter Infantino kann man da gar nichts erwarten.

epa05661015 (FILE) A file picture dated 20 July 2015 shows FIFA President Joseph Blatter during a press conference following the extraordinary FIFA Executive Committee meeting at the FIFA headquarters in Zurich, Switzerland. Former Fifa president Sepp Blatter's six-year ban from soccer has been upheld after an appeal to the Court of Arbitration for Sport (CAS) on 05 December 2016.  EPA/ENNIO LEANZA

Sepp Blatter während im Juli 2015 als FIFA-Präsident. Bild: EPA/KEYSTONE

Sie glauben, dass Ihr Vater von der FIFA unfair behandelt wird. Ausgerechnet vom Weltfussballverband, der Fairness angeblich so gross schreibt. Verbittert Sie das?
Verbittern – nein. Es macht mich traurig. Mein Vater hat so viel für die FIFA erreicht. Es war seine Lebensaufgabe, er hat nur für sie gelebt, und dabei ist leider seine Familie zu kurz gekommen. Und jetzt kommt da so einer und will alles zerstören, was mein Vater aufgebaut hat. Das ist ein Zeichen von Unsicherheit und Schwäche. Aber Infantino wird immer im Schatten meines Vaters stehen – da kann er tun, was er will.

«Ich appelliere mit aller Vehemenz, meinen Vater in Frieden zu lassen.»

Was erwarten Sie von Infantino, von der Fifa in Bezug auf Ihren Vater?
Wie gesagt: Von Infantino nichts! Von der FIFA hätte ich schon erwartet, dass sie meinem Vater dankt für alles, was er für den Fussball weltweit geleistet hat. Verstehen Sie mich richtig: Ich rede hier als Tochter, es geht mir um das Leben meines Vaters. Er hat es verdient, den Rest seines Lebens zu geniessen, ohne ständig von seinem früheren Arbeitgeber torpediert zu werden.

Sie erwarten, dass die Fifa ihre Strafklagen zurückzieht?
Ja, das erwarte ich. Ich appelliere mit aller Vehemenz, meinen Vater in Frieden zu lassen und ihm das zu gewähren, was er auf dem Weg zu einer hoffentlich vollständigen Genesung braucht: Ruhe, Zeit und Erholung.

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