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Davos' Goalie Sandro Aeschlimann reagiert im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem HC Davos am Freitag, 30. Oktober 2020, im Zuercher Hallenstadion. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Davos' Goalie Sandro Aeschlimann beim Auftritt am Freitagabend im Zürcher Hallenstation. Bild: keystone

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Davos mit Joe Thornton – das beste Schlusslicht der Geschichte?

Der Hockeyclub Davos hat einen «Kaltstart» hingelegt. Und ist dabei der beste Tabellenletzte seit Einführung der Playoffs 1986.



Der HC Davos beginnt den November auf dem letzten Platz der National League. Bei der Niederlage gegen den launischen Titanen ZSC Lions (3:6) zeigt sich: Ein besseres Schlusslicht hatte die National League im November noch nie. Und es wäre keine Überraschung, wenn Joe Thornton, der «Anti-DiDomenico», bald zwei Punkte pro Spiel produziert.

Im Frühjahr fehlte ein Sieg, um die Qualifikation zu gewinnen. Und nun ist der HCD ganz unten im Tabellen-Keller angekommen. Mit einer nominell eher noch besseren Mannschaft, dem gleichen Präsidenten, dem gleichen Sportdirektor und dem gleichen Trainer. Mit gefühlten fünf ausländischen Spielern: In Zürich hat die eingebürgerte NHL-Ikone Joe Thornton bereits seine dritte Partie bestritten. Die Niederlage im Hallenstadion offenbart die ganz besonderen Probleme.

Sportdirektor Raeto Raffainer und Trainer Christian Wohlwend führen als Zauberlehrlinge die Kunst des grossen Zauberers Arno Del Curto weiter. Die Kunst des Tempos. Der HCD als Tempo- und Energieteam, das den Gegnern und allen Schwierigkeiten davonläuft. Überfallartige Angriffe und horrendes Tempo.

Aber im Hallenstadion ist gegen einen launischen Titanen schon nach ein paar Minuten Schluss. Nach drei teilweise schmählichen Niederlagen folgt eine heftige Reaktion. Gleich der erste Angriff bringt nach 21 Sekunden das 1:0 und nach 6 Minuten steht es 2:0. Für die Zürcher ist es das 5. Spiel in zwei Wochen. Für den HCD die 5. Partie in fünf Wochen. In diesen simplen Zahlen liegt die Erklärung.

Christian Wohlwend sucht nicht nach einer Ausrede, wenn er diese Besonderheit des Spielplans anspricht. Es sei schwierig, mit nur einem Spiel pro Woche Tempo und Intensität aufs Eis zu bringen. Es ist, wie es ist: Bei jeder Partie im Herbst 2020 folgt beim HCD ein «Kaltstart».

Gegen die ZSC Lions kostet der schwache Beginn einen möglichen Sieg, der «Kaltstart» ist statistisch dokumentiert: 5:18 Torschüsse im ersten Drittel. Als die Davoser ihren Rhythmus finden, bringen sie die Zürcher selbst nach einem 0:4-Rückstand noch in arge Bedrängnis und dominieren ihren Gegner im Schlussabschnitt (17:8 Torschüsse). Mit spielerischen Hosenknöpfen ist es nicht möglich, einem von der ersten bis zur vierten Linie durchgehend formidabel besetzten Gegner um die Ohren zu fahren. Aber zum Sieg reicht es nicht mehr.

Die ZSC Lions haben genug Klasse, um den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Es ist ein launischer Titan: Ist jeder konzentriert bei der Sache, wird Talent mit Wucht, Disziplin und Konzentration kombiniert – ein Meisterteam. Verführt das Übermass an Talent und Selbstvertrauen zum spielerischen Schlendrian – schon fast ein Punktelieferant. Das ist die grosse Herausforderung von Trainer Rikard Grönborg: den «Ungeist» der Sorglosigkeit, des Leichtsinns und der Nachlässigkeit, der so oft zur DNA so talentierter Mannschaft gehört, auszutreiben. Es könnte eine Achterbahnfahrt durch die Saison werden.

Der neue Headcoach Christian Wohlwend, Mitte, aufgenommen im Training des HC Davos, am Donnerstag, 5. September 2019, in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Davos-Headcoach Christian Wohlwend. Bild: KEYSTONE

Solche Sorgen hat Christian Wohlwend eher nicht. Er ist zwar auf der Hut und beschwört die Leidenschaft der letzten Saison, als die Davoser im verletzten Stolz alles taten, um eine schmachvolle Episode ihrer Geschichte (die Playouts von 2019 als «Lakers der Berge») vergessen zu machen. Aber die Leidenschaft ist immer noch da. Der HCD hat ab Spielmitte, einmal in die Gänge gekommen, sein Tempohockey zelebriert.

Zu spät zwar, aber immerhin. Und je schneller das Spiel, umso besser wird Joe Thornton. Der 41-jährige eingebürgerte Kanadier ist auf den ersten Blick ein unauffälliger Spieler. Hat er im Hallenstadion überhaupt etwas bewirkt? Und dann ein Blick auf die Statistik: hoppla, zwei Assists! Und in den bisherigen drei Einsätzen schon vier Skorerpunkte!

Der Davoser Joe Thornton (CH/CAN) in Aktion im Eishockey-Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und den SC Rapperswil-Jona Lakers, am Samstag, 17. Oktober 2020, im Eisstadion Davos in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Joe Thornton bei einem früheren Spiel. Bild: keystone

Joe Thornton ist kein Reisser. Keiner, der mit spektakulären Einzelaktionen, Solodurchbrüchen, Scheibenjagden, Rumpelchecks, Disziplinlosigkeiten und Provokationen die Öfen der Emotionen anheizt. Er ist ein freundlicher Philosoph des Spiels mit leisen Qualitäten, die sich erst bei genauerem Hinschauen offenbaren: phänomenale Spielintelligenz, perfekt getimte Pässe, präzis auf die Stockschaufeln gespielt, ökonomische Spielweise mit kurzen Laufwegen, aber schlauem Stellungsspiel. In gewisser Weise ist er so etwas wie die Hockey-Gegenthese zum flamboyanten Chris DiDomenico.

Je besser der HCD in Fahrt kommt, desto mehr werden sich Joe Thorntons Qualitäten zeigen.

Wenn das HCD-Tempospiel einmal richtig läuft, wenn seine Spielkameraden übers Eis fliegen und fegen, dann wird seine Spielintelligenz wie ein offensiver Brandbeschleuniger wirken. Es wäre keine Überraschung, wenn er bald einmal im Schnitt zwei Punkte pro Spiel produzieren würde. Es sind jetzt schon 1,33. Und er wird noch eine Weile als Ingenieur im Maschinenraum der HCD-Offensive tätig sein: Er hat zwar einen neuen Vertrag bei Toronto. Aber wann die NHL die Saison beginnen wird, weiss nach wie vor niemand.

Fünf Spiele, ein Heim-Sieg (gegen die Lakers), vier Auswärts-Niederlagen (in Genf, Lausanne, Lugano und Zürich), letzter Platz im November: statistisch ein Grund zur Polemik. In Tat und Wahrheit eher ein Grund, auf ein Kuriosum hinzuweisen: der beste Tabellenletzte seit Einführung der Playoffs (1986). Es ist nicht einmal vollständig ausgeschlossen, dass eine Mannschaft, die den November auf dem letzten Platz begonnen hat, im Laufe der Saison zwischenzeitlich bis hinauf an die Tabellenspitze stürmen wird – sofern die Torhüterleistungen und die Balance zwischen Offensive und Defensive besser werden.

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