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ZSC Fans mit Atemschutzmasken jubeln zum 3:0 Tor im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern am Freitag, 16. Oktober 2020, im Zuercher Hallenstadion. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Bund will die Kommunikation zur Corona-Warn-App verstärken. Bild: KEYSTONE / watson

Analyse

Explodierende Infektionen, zu wenig App-User – so steht es um SwissCovid und Co.

Den Corona-Warn-Apps in Europa steht die grösste Belastungsprobe erst noch bevor. Beim grenzübergreifenden Datenaustausch hat die Schweiz schlechte Karten.



In ganz Europa herrscht Unzufriedenheit wegen der nationalen Corona-Warn-Apps. Die Infektionszahlen steigen, doch die Nutzerzahlen stagnieren. Zudem sind viele User nach Vorliegen eines positiven Testresultats nicht bereit, die Mitmenschen vor einer möglichen Ansteckung zu warnen und verzichten darauf, den Covid-Code einzugeben.

In diversen EU-Ländern falle die Bilanz der Apps bislang «eher ernüchternd» aus, kommentiert netzpolitik.org.

Und die Schweiz? Die Ende Juni lancierte SwissCovid ist über 2,5 Millionen Mal heruntergeladen worden. An diesem Montag zählte sie rund 1,74 Millionen aktive User. Doch damit ist man weit entfernt vom Ziel von 3 Millionen Usern. Diese Woche will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Informationskampagne für die App intensivieren.

Dies ist laut unabhängigen Experten dringend nötig. Die tiefe Akzeptanz liege an der mangelhaften Kommunikation, sagt der Epidemiologe Marcel Salathé gegenüber SRF.

«Ich glaube jetzt ist allen klar, wie wichtig das ist.»

Marcel Salathé

Tatsächlich funktioniert SwissCovid und hilft, unerkannte Infektionsketten zu unterbrechen. Seit Mitte Juli wurden über 130 Fälle von Personen gemeldet, die durch die App über eine mögliche Ansteckung gewarnt und anschliessend positiv getestet wurden. Das erscheint angesichts der exponentiell zunehmenden Fallzahlen als sehr wenig, ist jedoch ein Anfang, auf dem es nun gemäss den SwissCovid-Entwicklern aufzubauen gilt. Zudem sind die Kantone mit dem Contact Tracing auf jede Unterstützung angewiesen. Recherchen von watson, basierend auf Rückmeldungen Betroffener, zeigen seit Ende Sommer Probleme auf: In zahlreichen Fällen erhielten Infizierte den Covid-Code erst nach Tagen. Damit ging wertvolle Zeit verloren, um mögliche Betroffene zu warnen.

Dazu Marcel Salathé:

«Es ist schön zu hören, dass jetzt überall von dieser App gesprochen wird. Das hätte man auch ein bisschen früher machen dürfen. Aber diese Dinge brauchen natürlich Zeit. Jetzt muss nochmal dieser Kommunikations-Push kommen. Die Leute haben ja jetzt verstanden, dass es eine extrem sichere App ist, die dazu beitragen kann, das Contact Tracing zu unterstützen.»

quelle: srf.ch

Von der Freiwilligkeit zum App-Zwang?

Letzte Woche liessen die Verantwortlichen in Portugal eine Bombe platzen. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Antonio Costa liess verlauten, man wolle die Corona-Warn-App für die Bevölkerung zur Pflicht zu machen.

«Stay Away Covid» basiert – wie SwissCovid und die meisten anderen Corona-Warn-Apps in Europa – auf den von Apple und Google zur Verfügung gestellten Schnittstellen und ist seit Anfang September auf freiwilliger Basis verfügbar.

Bislang haben sie rund 1,7 Millionen der 10 Millionen Einwohner Portugals heruntergeladen. Eine relativ tiefe Akzeptanz, die gemäss den Angaben der Regierung nicht ausreiche, um die Wirksamkeit der App sicherzustellen.

Nun soll das portugiesische Parlament über eine Sonderregelung abstimmen, die die App und andere Corona-Regeln wie das Maskentragen obligatorisch macht. Wer die Handy-App nicht verwendet, könnte dem Gesetzesvorschlag zufolge mit Geldbussen von bis zu 500 Euro bestraft werden.

«Ich hasse es, autoritär zu sein, aber wir müssen diese Pandemie unter Kontrolle bringen.»

Regierungschef Antonio Costa

Die portugiesischen Abgeordneten sollen diesen Freitag über die Vorschläge der Regierung abstimmen. Der grosse Haken: Die Regierung verfügt im Parlament über keine Mehrheit, so dass der umstrittene Vorstoss scheitern kann.

Die konservative Opposition hat gemäss Bericht der Nachrichtenagentur AFP angekündigt, dass sie für die neuen Corona-Regeln stimmen könnte. Aber sie wolle die obligatorische App dann im parlamentarischen Ausschuss ablehnen.

Die gemeinnützige Organisation D3, die sich in Portugal für die digitalen Rechte der Bürger einsetzt, kritisierte, der Gesetzentwurf sei ein beispielloser und undemokratischer Eingriff in die Privatsphäre der Portugiesen. Man werde notfalls den Rechtsweg beschreiten und dagegen klagen.

Die Nationale Datenschutzkommission (CNPD) warnte, ein App-Zwang sei problematisch in Bezug auf die Privatsphäre, und werfe auch ethische Fragen auf. Die CNPD-Sprecherin rief in Erinnerung, dass die Europäische Kommission den freiwilligen Einsatz der Corona-Warn-Apps empfohlen hatte. Die Freiwilligkeit geben auch Apple und Google vor, die den Zugang zu den Plattformen iOS und Android kontrollieren.

Ein solcher App-Zwang ist in der Schweiz grundsätzlich ausgeschlossen. Das Parlament hat mit der Änderung des Epidemiengesetzes im Juni die Freiwilligkeit verankert.

Wo bleibt die Interoperabilität?

In Brüssel hofften derweil die Verantwortlichen, dass der Zusammenschluss der nationalen App-Systeme ihre Schlagkraft erhöhe, hält netzpolitik.org im aktuellen Bericht fest.

Bislang konnten die nationalen Tracing-Systeme nicht miteinander kommunizieren und Daten austauschen, obwohl dies schon im Frühsommer ein erklärtes Ziel war.

Doch nun wurde am Montag ein wichtiger Zwischenschritt vermeldet auf dem Weg zu einer grenzüberschreitenden Funktionsweise der Apps in Europa: Die deutsche Corona-App kommuniziert ab sofort auch mit den Tracing-Systemen in Italien und Irland. Ein Anfang. Bis Ende November will die EU-Kommission den sicheren Datenaustausch mit über einem Dutzend Ländern gewährleisten, so dass sich Smartphone-Nutzer im In- und Ausland warnen können.

Die Schweiz bleibt aussen vor. Zumindest vorläufig.

Laut EU-Kommission gibt es rechtliche Hürden, die dem Datenaustausch im Weg stehen. Zumindest mit der Schweiz und Grossbritannien seien eigene Verträge notwendig.

Die EU mache den Abschluss eines Gesundheitsabkommens vom Fortschritt der Verhandlungen über ein Rahmenabkommen abhängig, hiess es im August seitens BAG.

Frankreich bleibt wohl aussen vor

Die EU-Kommission arbeite seit Monaten an dem System, schreibt netzpolitik.org. Dafür wurde mit Hilfe der Firmen SAP und deutsche Telekom eine Serverfarm in Betrieb genommen in Luxemburg. Über diese Rechner können die Systeme der EU-Staaten Infektionsschlüssel sicher austauschen.

Laut Medienmitteilung wird erwartet, dass nächste Woche nach einer Testphase ein zweiter Stapel nationaler Apps hinzugefügt wird – nämlich eRouška aus Tschechien, Smittestop aus Dänemark, Apturi COVID aus Lettland und Radar Covid aus Spanien. Wobei letztere App in Spanien mit der Region Katalonien noch nicht vollständig abgedeckt sei.

Das eigentliche Gateway für den Datenaustausch läuft bereits seit Ende September, wie golem.de berichtet. Die acht weiteren Länder, die ab Ende Oktober und später hinzukommen sollen, seien Österreich, Tschechien, Dänemark, Estland, Lettland, die Niederlande, Polen und Spanien.

Ob und wie ein Datenaustausch mit der französischen App möglich sein werde, sei weiterhin unklar. Das Problem: Die französische Regierung hatte sich für einen technischen Alleingang entschieden und verzichtete auf die Implementierung der Schnittstellen von Apple und Google.

Nun wurde für den 22. Oktober ein umfangreiches Update der App angekündigt, am technischen Konzept soll sich jedoch nichts ändern. Dies spricht klar gegen eine Einbindung ins europäische System, was mittel- und langfristig auch die Schweiz und die vielen französischen Grenzgänger betrifft.

Quellen

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