Forschung
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
An artistic reconstruction of 'Southern European' Vikings emphasising the foreign gene flow into Viking Age Scandinavia.
https://www.eurekalert.org/multimedia/pub/242776.php

Dunkelhaarige Wikinger? Frühe genetische Einflüsse von weit ausserhalb Skandinaviens führten dazu, dass viele Wikinger braune Haare hatten. Illustration: Jim Lyngvild

Nicht alle Wikinger waren blond – und nicht alle waren Skandinavier



Blonde Hünen waren sie, bärtig und wild, und womöglich trugen sie auch noch Helme mit Hörnern: die Wikinger, wie wir sie aus der Populärkultur kennen. Die behörnten Helme sind schon länger als Mythos entlarvt, und nun räumt eine Studie, die am 16. September im Wissenschaftsmagazin «Nature» erschienen ist, auch mit weiteren Klischees auf. So hatte die Mehrheit der Nordleute braune Haare, und einige von ihnen waren gar keine Skandinavier.

Das sind die herausragendsten Ergebnisse der bisher umfangreichsten Genstudie an Wikinger-Skeletten. Das internationale Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Eske Willerslev, Direktor am Zentrum für Geogenetik der Universität Kopenhagen, sequenzierte während sechs Jahren die vollständigen Genome von 442 Individuen. Sie hatten zwischen 2400 v. Chr. und 1600 n. Chr. in den verschiedensten Teilen des einst von Wikingern besiedelten oder bereisten Gebiets – von Grönland über Grossbritannien und Skandinavien bis Russland – gelebt. Die Resultate glichen die Forscher darauf mit bereits zugänglichen genetischen Daten von tausenden von Personen aus der Vergangenheit und der Gegenwart ab.

Skelett einer Frau, die von den Forschern Kata genannt wurde, in Varnhem, Schweden. Auch ihre DNA wurde in dieser Studie analysiert.

Skelett einer Frau, die von den Forschern «Kata» genannt wurde, gefunden in Varnhem, Schweden. Auch ihre DNA wurde in dieser Studie analysiert. Bild: Västergötlands Museum

Die eigentliche Wikingerzeit – das Wort stammt wohl vom skandinavischen Begriff «vikingr» und bedeutet «Seekrieger» oder «Seeräuber» – begann mit den ersten dokumentierten Überfällen um 750 und dauerte bis 1050, kurz vor der Schlacht bei Hastings.

Frühe Schweden, Dänen, Norweger

Die Wissenschaftler konnten drei Gruppen unterscheiden, die sie anhand ihrer groben geografischen Herkunft als Schweden-ähnlich, Dänen-ähnlich und Norweger-ähnlich bezeichnen – wobei die Grenzen zwischen ihnen nicht genau den heutigen Staatsgrenzen folgen. Die Menschen im Südwesten des heutigen Schweden gehörten beispielsweise zur Dänen-ähnlichen Gruppe. Diese Dreiteilung stimmt mit der klassischen Sicht der Geschichtswissenschaft auf die Wikingerepoche überein.

Unternehmungen der Skandinavier vom 8. bis zum 10. Jahrhundert
Von Captain Blood Übertragen aus de.wikipedia nach Commons durch Gikü., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6098791

Raubzüge, Handelsrouten und Siedlungen der Wikinger vom 8. bis 10. Jahrhundert. Die Karte zeigt die unterschiedlichen Einflussgebiete und Wirkungsräume der dänischen, norwegischen und schwedischen Wikinger. Karte: Wikimedia/Gikü

Während die verwandtschaftlichen Beziehungen der Schweden-ähnlichen Gruppe – besonders der Bewohner der Ostsee-Insel Gotland – vorwiegend nach Osteuropa und bis zum Ural hinübergreifen, erstreckt sich der Einfluss der norwegischen Gruppe nach Irland, Island und Grönland. Die dänische Gruppe wiederum griff eher nach England und Nordfrankreich aus.

Braune Haare

Mit der Zeit veränderte sich jedoch die genetische Landschaft Skandinaviens: «Wir haben entdeckt, dass der Genfluss innerhalb Skandinaviens grob von Süden nach Norden verläuft und von Bewegungen aus Dänemark nach Norwegen und Schweden dominiert wurde», stellen die Forscher fest. Schon lange vor der Wikingerzeit, nämlich mindestens seit der um 500 v. Chr. beginnenden Eisenzeit, gelangten zudem Menschen aus Südeuropa und Asien nach Skandinavien und brachten genetische Einflüsse von weit ausserhalb Skandinaviens mit.

«Es war nicht vorherzusehen, dass es vor und während der Wikingerzeit einen bedeutsamen Genfluss nach Skandinavien aus Südeuropa und Asien gab», sagt Willerslev. «Bisher wussten wir eigentlich nicht gut, wie Wikinger aussahen». Nun verändere die Studie das Bild der Wikinger deutlich, führt er aus. «Die meisten von ihnen waren nicht blond, sondern hatten braune Haare, und waren von genetischen Einflüssen geprägt, die von ausserhalb Skandinaviens stammten.»

Isolierte Gruppen

Ein weiterer Befund der Studie ist, dass es genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Wikingerpopulationen gab, die offenbar isolierter voneinander lebten, als man früher angenommen hatte. Dass die Gruppen lokaler und kleinteiliger waren, zeigt ein etwas makaberes Beispiel: Bei der frühesten bekannten Wikingerexpedition Mitte des 8. Jahrhunderts wurden bei Salme im heutigen Estland 41 Männer aus Schweden, die gewaltsam ums Leben gekommen waren, mit ihren Waffen in zwei Schiffen bestattet.

Die genetische Analyse der Skelette zeigte, dass in einem Schiff vier Brüder und ein Verwandter dritten Grades beigesetzt wurden. Sie waren dem Rest der Besatzung genetisch sehr ähnlich, was die Forscher zur Annahme führt, dass sie alle aus einem kleinen Dorf in Schweden stammten. Expeditionen dieser Art hätten sich wohl aus Männern zusammengesetzt, die alle aus derselben Lokalität kamen, glauben die Wissenschaftler.

A mass grave of around 50 headless Vikings from a site in Dorset, UK. Some of these remains were used for DNA analysis.

Massengrab mit etwa 50 enthaupteten Wikingern in der englischen Grafschaft Dorset. Auch einige dieser Skelette wurden im Rahmen der Studie genetisch analysiert. Bild: Dorset County Council/Oxford Archaeology

Offene Wikinger-Kultur

Die Analyse von zwei männlichen Skeletten auf den schottischen Orkney-Inseln zeigt ferner, dass nicht alle Wikinger zwangsläufig skandinavischer Herkunft waren. Die beiden Toten waren Einheimische gewesen; sie zeigten keinerlei typische Gensignaturen der Wikinger auf, sondern ähneln genetisch heutigen Iren und Schotten. Möglicherweise handelt es sich bei ihrem Erbgut um die frühesten bekannten Genome von Pikten. Dieses keltisch sprechende Volk lebte im Frühmittelalter in Schottland.

Die beiden Männer hatten trotz ihrer piktischen Abstammung vermutlich die angesehene Wikinger-Kultur angenommen – sie wurden jedenfalls nach Wikingerart mit Schwertern und charakteristischen Alltagsgegenständen bestattet. Die Identität der Wikinger war, so folgern die Wissenschaftler daraus, nicht auf Menschen skandinavischer Herkunft begrenzt, sondern stand auch Angehörigen anderer Völker offen.

Die heutigen Engländer weisen nach Angaben der Forscher noch maximal sechs Prozent Wikinger-DNA auf. In Schweden liegt dieser Anteil bei etwa zehn Prozent, in Polen bei rund fünf Prozent. Die Analyse des Wikinger-Erbguts erlaubt den Forschern nun, Gene genauer nachzuverfolgen, die mit Eigenschaften wie Immunität, Pigmentierung und Stoffwechsel assoziiert sind. «Wir können auch damit anfangen, auf die physische Erscheinung der Wikinger zu schliessen und diese mit den heutigen Skandinaviern zu vergleichen», sagt der an der Studie beteiligte Geogenetiker Fernando Racimo.

(dhr)

Germanen-Gemetzel in Jütland

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Wikinger-Kurs: Kochen, schmieden, kämpfen

So läuft ein Wikinger-Festival in Schottland ab

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

18
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • aglio e olio 27.09.2020 12:36
    Highlight Highlight Ein weiteres Beispiel, dass schon frühe Völker es mit Herkunft etc. nicht so genau nahmen wie uns das heutige, völkisch denkende gerne weiss machen wollen.
    Bei den germanen z.B. war es ja nicht anders. Da durfte auch jeder mitmachen und konnte "etwas werden" wenn man sich für die Gemeinschaft einbrachte.
    Ja, für die Gemeinschaft.
  • Franzl 27.09.2020 12:07
    Highlight Highlight In der Regel hatten Wikinger rote Bärte!
  • Fumia Canero 27.09.2020 03:05
    Highlight Highlight Naja, wer "Wickie und die starken Männer" gesehen hat, weiss schon lange, dass die sehr unterschiedliche Haarfarben hatten.
    • Amateurschreiber 27.09.2020 13:36
      Highlight Highlight Jetzt wo Du es schreibst...
      Ich habe lange tatsächlich geglaubt, dass Wikinger Helme mit Hörnern hatten. Dass sie aber alle blond gewesen sein sollen, habe ich (bewusst) so nie wahrgenomen. Auch, nicht, dass sie keine "Fremden" unter sich hatten.
      Mit anderen Worten: "Wickie und die starken Männer" muss mich sehr geprägt haben, was Wikinger betrifft. :-)
  • schn wiedr 27.09.2020 02:48
    Highlight Highlight die studie macht etwas merkwürdige schlüsse. welche wikinger waren denn jetzt dunkelhaarige? die aus skandinavien oder die anderen die auch noch dabei waren?
    heutige skandinavier haben 10% wikinger dna? was soll das denn heissen? was für wikinger dna, die gibts ja anscheinend nicht da es ja gar kein volk sondern ein beruf war? und woher sind die restlichen 90%?
    warum schliesst man aufgrund dieser wikinger dna dann auf die genetik von ganz skandinavien?
    die "schweden-ähnlichen" wikinger sind gemäss studie genetisch den balten am ähnlichsten, nicht den heutigen schweden.
    • Amateurschreiber 27.09.2020 14:00
      Highlight Highlight Kleine Rechnung am Rande:
      - Du hast zwei Eltern, vier Grosseltern, acht Ur- Grosseltern usw.
      - Die Wikinger lebten vor ca. 1'000 Jahren. Angenommen, dass gut alle dreissig Jahre eine neue Generation entsteht, sind seitdem also 30 Generationen "entstanden".
      Wenn man das jetzt ausrechnet (2^30), kommt man auf mehr als eine Milliarde Ururur...- Ahnen.
      Damals lebten aber auf der ganzen (!) Welt aber nur etwa 300 Mio Menschen.
      Du kannst also davon ausgehen, dass die heutigen Menschen alle untereinander verwandt oder verschwägert sind!
      Schlüsse ziehen ist also generell eher vereinfachend.
    • schn wiedr 27.09.2020 16:09
      Highlight Highlight willst du mir jetzt echt sagen, dass in diesen 1000 jahren seit der wikingerzeit 90% der heutigen skandinavischen dna neu dort angekommen ist?
      sry aber das glaubt doch niemand. wie sollen die 6% in england oder die 5% in polen erklärt werden? die müssten deiner logik nach zu 50% wikinger gewesen sein vor 1000 jahren wenn wir annehmen die skands waren 100%.
      so funktionieren diese dna studien nicht sie schauen nicht wer direkt mit diesen leuten verwant ist, das würde auch keinen sinn machen da es viel zu wenige samples sind. sie schauen welche dna ist irgendwie ähnlich zu jener der wikinger.
  • Hadock50 26.09.2020 21:26
    Highlight Highlight Skol !! 😁🍻
  • The Destiny // Team Telegram 26.09.2020 21:10
    Highlight Highlight Ich kann da die Serie Vinland Saga wärmstens empfehlen.
  • derWolf 26.09.2020 20:52
    Highlight Highlight Eigentlich eine Zusamenfassung von dem, was jeder aufmerksame Vikings oder the Kingdom Fan längst weiss. Zudem ist es logisch. Die Wikinger besiedelten so viele Gebiete, dass dies eine logische Folge davon ist. Im Gegensatz zu dem was ihnen alles an schlechtem Charakter (Barbar) verkauft wird war der Wikinger eher offen gegenüber neuen Bekanntschaften. Man integrierte selbst die fremdartigen Sklaven, viele konnten sich dann alls freie Frauen frei im Volk bewegen. Schon da waren Schwarze nicht's neues für den Nordmann. Auch daraus Ehen sind
    • Chrigi Herr 27.09.2020 08:25
      Highlight Highlight Mutiger Kommentar. Leider wissen Vinings und TLK Fans erst einmal gar nichts, denn diese 2 Serien sind historischer Schwachsinn. ich rate dir dich mit reenactoren (nicht diese clowns an mitzelaltermärkten mit trinkhörnern und schulterfell) und archäologen audeinanderzusetzen. Dann darfst du gerne aufd hohe Ross steigen und so tun als ob du irgendetwas wüsstest :)
    • Amateurschreiber 27.09.2020 14:14
      Highlight Highlight @Chrigi
      Da wir grad bei den Sprichworten, wie das vom hohen Ross sind; ich kenne auch eins: "Wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich!" ;-)

      Aber im Ernst: Für interessierte Laien (wie ich) gibt es diverse Youtube - Kanäle, die nicht nur auf kurzweilige Art Wissen vermitteln, sondern auch auf Kritik eingehen.
      Meine Favoriten: Lindybeige und Metatron (leider auf Englisch)
      Hier eine Beispiel wo auch Wikinger vorkommen:
      Play Icon
    • derWolf 27.09.2020 15:34
      Highlight Highlight Upps, sorry! War e biserl desorientiert als ich das geschrieben habe, dann bin ich auch noch auf "Abschicken" Button gekommen, wie das Ende zeigt. Dachte die Schutzklausel hilft ;) Natürlich sind die Serien Fiktion, zeitlich und vom Inhalt her. Aber dadurch wurde mein Interesse geweckt. Yt und Wikipedia helfen da sehr. Und es ist klar, dass die Wikinger durch ihre Reisen auch ihren Genpool erweiterten, das ist nun wirklich logisch. @chrigi. Danke für den Tipp, kommt aber 30 Jahre zu spät. Weshalb ich wegen eines Posts auf einem hohen Ross sitzen soll erschliesst sich mir nicht ganz ..🤷🏻‍♂️
  • Gawayn 26.09.2020 19:57
    Highlight Highlight Soweit mir bekannt...
    Ja das Wort Wikingr ist mit Seeräuber zu übersetzen.

    Aber da ist mehr. Es gab gar nie ein Volk von Wikingern

    Das waren völlig verschiedene Völker aus verschiedenen Ländern.
    Die halt auf "Wiking" Raubfahrt gingen.

    Ergo man kann so wenig von einem Volk von Wikingern reden, wie von einem Volk von Piraten.

    Etwas genauere Recherche, statt nur Wikipedia Copy/Paste, hätte daraus einen sinnvollen Artikel machen können....

  • Glenn Quagmire 26.09.2020 19:36
    Highlight Highlight Samen und Lappen waren ja auch nicht weit weg.
  • Pana 26.09.2020 17:40
    Highlight Highlight Stimmt.
    Benutzer Bild
  • reactor 26.09.2020 16:34
    Highlight Highlight Und was will uns das sagen? Völkerwanderung gabs schon immer und der Kulturbegriff ist in ständigem Wandel und passt sich permanent den Gegebenheiten an. Selbst ein Blocher zählt als Schweizer. Etwas was ja nach seinem und seinem Gefolge bestehenden 'Bewusstsein' nicht sein sollte. Alles Wikinger oder was?
    • tösstaler 26.09.2020 18:42
      Highlight Highlight darum nur noch müdes Lächeln für diese Launen der Natur mit ‚Eidgenoss‘-Kleber am Auto oder so ... seit 30 Generationen zuhinterst in irgendeinem Krachen Inzest oder was?

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

Die Verbindungen Zürichs zur Sklavenwirtschaft waren «vorhanden, vielfältig und relevant», wie Frank Schubert, Mitautor einer Studie der Universität Zürich, am Dienstag vor den Medien sagte.

Diese Verbindungen waren Ausdruck einer Tradition einer langen …

Artikel lesen
Link zum Artikel