Emma Amour
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montage: watson / material: shutterstock

Emma Amour

Der, der die Geister rief, sein toter Grossvater und ich

Dass Nik nicht ganz koscher ist, wusste ich von Anfang an. Wie gross sein Knall aber wirklich ist, schnalle ich erst, als ich mit ihm und seinem Opa an einem Tisch sitze. Und mich den Fragen des Grosspapis stelle. Das Absurde: Sein Opi ist schon längst tot.



«Psssst», sagt er und schliesst seine Augen. «Sei leise, Lärm mag er nicht.» Wir sitzen am Flussufer, die Füsse haben wir im Wasser. Es ist ein lauer Sommerabend. Wir haben uns ein sehr verlassenes Plätzchen gesucht. Ich mit der Idee rumzumachen. Nik aber hat andere Pläne.

Er will mich seinem Grossvater vorstellen. Am ersten Date. Irgendwie ja herzig. Auf der anderen Seite auch ein bisschen weird. Wie weird es aber wirklich wird, weiss ich zu dieser Zeit noch nicht. Dann kommts: «Weisst du, mein Grossvater und ich hatten ein sehr inniges Verhältnis.» «Hattet?», frage ich. «Ja», sagt er. «Opi ist vor vier Jahren gestorben.»

«Nicht lustig!»

Nik

Der Kontakt zu ihm sei aber nie abgebrochen. «Auch jetzt gerade sitzt er zum Beispiel direkt neben dir», sagt Nik und lächelt neben mir ins Leere.

Ich bin sehr verwirrt.

«Schon als Kind hatte ich einen guten Draht zu Geistern», erklärt Nik. Seit sein Grossvater das Zeitliche gesegnet hat, seien sie sich sogar noch näher. «Dank ihm kann ich mit allen reden, mit meiner Grossmutter, meinem Onkel, sogar meine Ur-ur-Grosseltern habe ich kennengelernt

«Oh», sage ich. «Können Kurt Cobain, 2Pac und Whitney Houston auch ans Flussufer kommen?», frage ich. «Nicht lustig», sagt er.

Sein Grossvater habe Fragen, lässt mich Nik wissen. Ob ich die beantworten mag. Ich mag. Wenn ich schon mal hier bin und mit Geistern sprechen kann, dann yolo! Was denn meine schlechten Charaktereigenschaften sind, will Opa selig wissen. «Ungeduld, Entscheidungsunfreudigkeit, Egoismus, Putzfimmel. Wobei Putzfimmel ja keine Charaktereigenschaft ist», sage ich.

Der Geist, der mich des Lügens beschuldigt

Dann geht's um die Werte, die mir meine Eltern vermittelt haben, was ich für eine Schülerin war (Haha, 2,5 in der Geometrie, 3 in Mathe, Klasse repetiert!), wo ich mich in zehn Jahren sehe (geil wäre eine Strandbar auf Costa Rica, wo nur geile Surfer verkehren, mit dem heissesten bin ich zusammen), und wie mit wie vielen Männern ich schon im Bett war.

«Ach, eine Handvoll sage ich.» Ich würde lügen, lässt der Geist ausrichten.

Ich muss lachen. Nik nicht. Ihm ist die Sache, nun, todernst. Ich solle aufhören zu lachen. Der Opa möge es nicht, nicht ernst genommen zu werden. Also zurück zum Ernst des Lebens. Ob ich mal Kinder will. Und wenn, ob ich dann bereit bin, meinen Beruf aufzugeben und zu 100 Prozent für die Kinder da zu sein. Das sei dem Opi eben wichtig.

Ich lasse dem Opa ausrichten, dass ich nicht mal weiss, was ich morgen mache, geschweige denn, wie es sein wird, wenn ich dann mal wirklich überhaupt Kinder habe.

Findet Opa, es erstaunt wenig, zu wenig durchdacht.

Ich will Nik grad fragen, ob es okay wäre, wenn wir uns wieder zu zweit unterhalten, als er erneut ein sehr energisches «Pssst!!!» von sich gibt. Der Urgrossvater sei jetzt auch da. Und die Grossmutter. Er wolle sie begrüssen. Ich möge die Augen doch auch rasch schliessen und tief atmen.

Sex ja oder nein!?

Ich murmle etwas, trinke mein Bier und schaue Nik auf der Schwelle zur Totenwelt genau an.

Er sieht so gut aus.

Und er riecht gut.

Er schreibt sauwitzige Nachrichten.

Sein Beruf ist sexy.

Seine Oberarme sind sexy.

Ich überlege mir gerade noch, ob ich wenigstens ein bisschen mit ihm schlafen soll. Ob wir überhaupt ohne Geist vögeln können. Ob der Opa pro oder contra Sex ist. Wie ich es anstellen soll. Ob es sich wohl lohnt. Oder nicht.

Es ist Niks «Grüezi wohl, s isch mer e grossi Ehr», das mich aus den Gedanken holt. Er lächelt wieder ins Leere. Dann öffnet er die Augen und sagt: «Deine Grossmutter ist hier. Sie will dich umarmen.»

Jetzt tschuddereds mich. Die Grossmutter und ich, wir hatten kein gutes Verhältnis. Niemand hatte ein gutes Verhältnis zu ihr.

«Oh, sie sagt, du wirst bald die Liebe finden», sagt Nik. Dann wird er ernst: «Ou nein, Emma, sie sieht böse Geister, die sich bei dir daheim eingenistet haben!»

Jetzt will ich nicht nur keinen Sex mehr mit ihm, jetzt will ich weg.

Er könne meine Wohnung ausräuchern. Sein Opa könne mitkommen und mit den bösen Geistern reden. Sie ins andere Reich begleiten. Böse Geister seien Seelen, die den Sprung ins Jenseits nicht geschafft haben, erklärt Nik.

Ich hab genug.

Ich sage Nik, dass mir nicht wohl ist und ich gerne gehen will.

Ich solle ruhig gehen, sein Opa wird mich nach Hause begleiten.

«Schon gut», sage ich. «Ich schaffs selber. Er soll lieber Kurt Cobain ausrichten, dass ich irgendwann auch mal komme und mit ihm eine Party feiern will. Und sag dem Opa, er möge Luke Perry ausrichten, dass er meine Lieblingsfigur bei ‹Beverly Hills 90210› war.»

Seit diesem Date sind fast vier Monate vergangen. Ich habe nie wieder was von Nik gehört. Bis vorgestern. Aus dem Nichts erreichte mich folgende Nachricht: «Du sollst dringend deine Wohnung ausräuchern. Liebe Grüsse von Opa und mir.»

Jetzt kommts.

Ich habe es getan.

Einfach zur Sicherheit.

Hab eventuell noch einen grösseren Knall als Nik. Dafür hab ich keine Geister mehr im Bett. Hoffe ich zumindest. Oder wenn, dann nur Kurt Cobains.

Adieu,

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Video: watson

Emma Amour ist ...

… Stadtmensch, Single, Mitte 30 – und watsons Bloggerin, die nicht nur unverfroren aus ihrem Liebesleben berichtet, sondern sich auch deiner Fragen annimmt. Und keine Sorge: Du wirst mit deinen Fragen anonym bleiben – so wie auch Emma. Madame Amour ist es nämlich sehr wichtig, auch weiterhin undercover in Trainerhosen schnell zum Inder über die Strasse hoppeln zu können.

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Das bin nicht ich, aber so würde ich als Illustration aussehen. Öppe. bild: watson

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