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Einst verschmäht, heute unverkennbar: Wein aus der Toskana. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Edvin Uncorked

Wie aus «flüssigem Müll» die Supertoskaner entstanden

Madelyne Meyer
Madelyne Meyer

Liebe Weinfreunde und Weinfreundinnen

Wenn es tatsächlich Weinhelden in der Weinwelt geben würde, dann wären die Supertoskaner sicher mit von der Partie. Denn ihre Entstehungsgeschichte ist wirklich ziemlich cool.

Für diese Geschichte befinden wir uns hier:

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Die Geschichte der Superstars

Die Italiener waren sehr angetan vom französischen Weinkategoriegesetz, welches das Ziel verfolgte, verschiedene Weinqualitäten auszuweisen (AOC, AOP, IGP) und dem Verbraucher zu helfen, den Wein einzuordnen. Über wie viel Einfluss diese Kategorien heute auf den Kaufentscheid haben, kann man streiten (siehe allfällige Bemerkungen im Kommentarfeld).

Also führten die Italiener ein ähnliches Weingesetz ein. Dieses landesweite System (DOCG, DOC, IGT) haben auch sie benutzt, um die Qualität des Weins zu kontrollieren, indem innerhalb eines bestimmten Gebietes Regeln aufgestellt wurden. So garantieren sie, dass es von Jahrgang zu Jahrgang, auch wenn sich die Witterungsverhältnisse ändern, Richtlinien gab, die dabei helfen sollten, das Erbe und die Qualität einer Weinregion zu erhalten. Diese Richtlinien kontrollieren die Zusammensetzung der Traubensorten bis hin zu Ernteerträgen und Alkoholgehalt.

1967 wurde dem Chianti-Gebiet ein eigener DOC verliehen. Zur Richtlinie gehörte unter anderem dieses Gesetz: Mind. 80% Sangiovesetraube und max. 20% Weissweintrauben (cha me mache, muss me ned). Wegen diesem «meh bessere» DOC-Titel wurde der Chianti immer bekannter ... weltweit. Es dauerte nicht lange, bis einige Schlaumeier die 20%-Weisswein-Regel ausnutzten:

20% Weisswein? Strecke, das Züg!

Schlagartig war es Gang und Gäbe, dass fast jeder Chianti mit Weisswein gestreckt wurde. 100% Sangiovese ist schliesslich teurer in der Herstellung. Das Ergebnis war ein erheblicher Qualitätsverlust des Weins und Mitte der 70er Jahre begann das internationale Ansehen des Chiantis zu schwinden.

Ab 1975 hatten einige WinzerInnen die Nase voll von diesen Regeln. Erstens litt der Ruf ihrer Umgebung enorm und zweitens wurde nur noch flüssiger Müll produziert, der immer mehr an Wert verlor. Sie begannen auf eigene Faust, was auch immer sie wollten, zu produzieren, wobei sie die DOC-Gesetze freudig mieden, um kreativere Weine mit besserer Qualität herzustellen. Aber Wein ausserhalb der DOC-Richtlinien herzustellen, bedeutete, diesen Wein mit der Bezeichnung Vino da Tavola (Tafelwein) zu versehen, der untersten Stufe auf der Bezeichnungsleiter.

Aber wen interessiert der Rang, wenn der Wein GROSSARTIG ist?!

Niemanden. Auch die etepete Weinjournalisten und Weinexperten interessierten sich plötzlich nicht mehr für den Qualitätsstatus ... denn der Wein zeugte von ausserordentlicher Qualität. Die Presse und Experten rasteten fast aus. Intensive, vollmundige Weine, gereift in französischen Barriques und ohne jeglichen Weisswein. Viele Weine werden (heute immer noch) im Bordeaux-Style produziert, was Trauben anbelangt, wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah.

Diese Legenden bzw. Rebellen setzten etwas in Gang, was in der ganzen Weingeschichte (und die ist ziemlich alt) einzigartig ist. Sie deklassierten ihre Weine zu Tafelweinen, um bessere Weine zu produzieren. Sie revolutionierten gleichzeitig den Qualitätsanspruch von Produzenten und Weinkonsumenten. Nebenbei sind sie verantwortlich, dass wir heute Bolgheri kennen.

Seitdem ist viel passiert:

Ich will an dieser Stelle keine Namen nennen, bin mir aber sicher, dass ihr viele Supertoskaner schon kennt. «Weinkenner» reissen sich nämlich, was das Thema «Supertoskaner» anbelangt, fast die Köpfe ab. Einige Weintrinker behaupten, dass Supertoskaner nichts anderes als Bordeaux-Imitate, teure Markenweine, Möchtegern-neue-Welt-Weine, Einheitsbreiweine oder Terroir-Ignoranten sind.

Die Meinung vom Weinblogger Rainer Albert Huppenbauer finde ich persönlich genial: «Diese toskanische Weinrevolution vor 50 Jahren hat das gesamte Qualitätsverständnis einer ganzen Branche beeinflusst. Erst dann kamen die Kritiker. Sie griffen genau diesen Weinstil auf. Danach folgten die Kopien. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Nicht darin, dass die Weine teuer sind und unglaublich viel Geld investiert wurde. Seien wir froh, dass dieses viele Geld in Wein und nicht in Waffen investiert wurde.»

Ja, Supertoskaner waren Helden. Heute? Macht eure eigene Meinung und gönnt euch eine Flasche.

Viel Freude beim Beurteilen!

Cheers, eure Edvin

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Madelyne Meyer

Die Weinwelt kann extrem elitär und exklusiv sein. Darauf hat Madelyne Meyer aber gar keine Lust. Mit ihrem unkonventionellen Weinblog Edvin hat sich die Aargauer Weinexpertin in der Schweiz einen Namen gemacht. «Meine Leser mögen wohl meine selbstironische Art. Ich nehme mich und die Weinwelt nicht todernst, zolle dem Wein aber immer genügend Respekt».

Madelyne arbeitet in ihrem Familienbetrieb für Marketing & Kommunikation und schreibt noch für den Gault Millau Channel. Das Ganze rundete sie im September 2019 mit ihrem ersten Buch «Endlich Wein verstehen» ab.
Für watson schreibt Madelyne ab sofort regelmässig exklusiv in ihrem Blog.

Weitere Infos über Madelyne und Wein findest du hier:
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