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Hast du die im Keller, bist du saniert. Bild: Von Frederik Vandaele/wikipedia

Edvin Uncorked

Was macht einen Wein eigentlich teuer?

Madelyne Meyer
Madelyne Meyer

Kann man einen Unterschied zwischen einem CHF-20.00- und CHF-60.00-Wein schmecken? Ist ein CHF-100.00-Wein geniessbarer als ein CHF-15.00-Wein? Über diese Fragen habe ich mir mit anderen Weingeniessern schon die Köpfe eingeschlagen.

Die Frage ist: Was ist der Wein dir wert? Und was hast du für eine Einstellung?

Generell lieben Menschen Schnäpplis. Insbesondere Herr und Frau Schweizer, die ständig von Paranoia verfolgt sind, über den Tisch gezogen zu werden.

Das isch e Abriss! E Verarschig! Also ned mit mir!

Dies führt oft dazu, dass vor allem bei Lebensmitteln gespart wird. Und ja, für mich ist ein Wein offensichtlich ein Lebensmittel, kein Luxusmittel ;-) Wir sparen lieber bei den Lebensmitteln und beim Wein, um dafür in Mallorca richtig fett auf den Putz zu hauen. Oder um sich endlich diese tolle, massgeschneiderte Tasche mit seinen persönlichen Initialen zu gönnen. Oder fürs Leasing.

Das klingt jetzt alles sehr urteilend, doch wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: Was ist es mir wert?

Bevor ich euch verrate, ob ein Wein über 60 Franken besser schmeckt als ein Wein für 10 Franken, gehen wir der Kostenstruktur eines Weins so richtig auf den Grund.

Welche Faktoren bestimmen den Preis eines Weins?

Terroir

Es gibt Bodenzusammensetzungen und Klimas, die für qualitativ hochwertige Weine verantwortlich sind. Diese speziellen Örtchen befinden sich nicht überall, sondern sind eher rar. Hier reden wir von Appellationen, also klar klassifizierten Gegenden wie z. B. Margaux (Bordeaux), Oakville (Kalifornien), Romanée-Conti (Burgund). Die Klassifikationen (z. B. Premier Cru, Grand Cru, irgendein Chnü) können den Preis bestimmen, wenn nicht sogar künstlich erhöhen.

Wie eine Marke ein furznormales Baumwoll-T-Shirt teurer macht.

Denn es gibt auch abertausende Spitzenweine, die aus nicht klassifizierten Regionen kommen (sei es nur 1 Schritt weiter weg von der klassifizierten Zone).

Rebbau

Beim Rebbau hat erstens die Lage und zweitens die Philosophie des Winzers Einfluss auf den Preis. Einige Hänge, wie z. B. im Wallis oder im Lavaux, erlauben keine maschinelle Arbeiten, sondern zwingen die Winzer, alles manuell zu machen (Zweige schneiden, düngen, ernten usw.). Dies treibt die Personalkosten in die Höhe, aber auch die Qualität (Sorgfalt). Schliesslich spielt noch die Arbeitsmoral des Winzers, der Winzerin eine Rolle. Biologischer Anbau? Teurer. Biodynamischer Anbau? Teurer. Freiwillige manuelle Arbeit? Teurer. Genau diese Faktoren haben aber alle einen positiven Einfluss auf die Qualität des Weins.

Hoher Aufwand, hohe Kosten, hoher Preis, hoher Genuss.

Einen Einfluss hat auch die angepflanzte Traubensorte. In der Schweiz bestimmt die Weinlese- und Weinhandelskontrolle jährlich, wie viel Kilogramm pro Quadratmeter geerntet werden darf. Beispiel: 2018 konnte 1,4 kg Chasselas und nur 1,2 kg Petite Arvine pro Quadratmeter geerntet werden. Abhängig vom Wein, welchen der Winzer machen will, kann es sein, dass er einen kleineren Ertrag mit gleichbleibendem Aufwand macht. Diese Kosten erhöhen den Preis.

Auch spielen die Lohnkosten eine grosse Rolle, was den Weinpreis anbelangt. Wie Weinkennerin Charlotte Pauk schreibt, erhält in der Schweiz ein Erntehelfer bis zu 31 Franken pro Stunde. In Frankreich sind es 9 Euro die Stunde. Die Lohnkosten eines talentierten Winzers oder einer Winzerin können natürlich auch in den Preis fliessen, was sich dann auch direkt in der Qualität widerspiegelt. Wie in jedem anderen Beruf auch.

Weinbau (Herstellung)

Dieser Punkt kann in der Preiskalkulation stark variieren. Wird der Wein im Holzfass ausgebaut (gereift), steigt der Preis pro Flasche um ca. 3 Franken. Zudem gehen während dieser Lagerphase zwischen 3 und 5 Prozent des Weins flöten.

Diese Eichenholzfässer kosten zwischen 600 und 1000 Franken. Oft werden die Fässer nach 4,5 Jahren ersetzt. Dies wird gemacht, weil das Fass über die Jahre hinweg seine Röstaromen (Vanille, Karamell, etc.) dem Wein abgibt und diese nach einiger Zeit verschwinden. So liegt es auf der Hand, dass Edelstahltanks eine günstigere Herstellungsmethode sind.

Natürlich spielt auch die Dauer der Lagerung im Fass oder im Tank eine Rolle. Je länger der Wein reift, desto teurer wird er. Denn: Lager = Kosten. Der Wein wird aber auch weicher und geschmeidiger, was wiederum die Qualität erhöht und natürlich ebenfalls den Preis.

Verpackung

Langsam rutschen wir ins Marketing. Fast jede oder jeder von uns hat sich mindestens einmal dabei ertappt, wie man den Wein anhand vom Etikett auswählt. Glänzende Kapsel, dickes Papier, serigrafierte Flaschen, spürbare Silberschriften, schwere Flaschen, Maschendraht und optische Täuschungen können beeindruckend auf uns wirken.

Die Flasche ist so schwer wie mein Kind.

Je hochwertiger das Trockenmaterial (Kapsel, Korken, Etikette, Flasche), desto teurer der Wein. Es liegt am Weinmacher, wie viel er hier investieren will, bzw. wie viel er meint, dass notwendig ist, um seinen Wein nach aussen zu repräsentieren.

Amerikanische Weine – wieso langweilig, wenn es auch mit Explosionen geht

Zusatzkosten

Beim Import von Wein fallen beim Grenzgang weitere Kosten an:

Unter 18% Alkoholvolumen: Freimengen pro Person und pro Tag: 5 Liter Zollabgaben für Mehrmengen in CHF: CHF 2.– je Liter

Über 18% Alkoholvolumen: Freimengen pro Person und pro Tag: 1 Liter Zollabgaben für Mehrmengen in CHF: CHF 15.– je Liter

Einfuhrbewilligung: Weinimporteure besitzen Einfuhrbewilligungen, mit denen sie für CHF 100.00 100 kg Wein importieren dürfen. Das heisst, pro Flasche Wein (zwischen 400 g und 750 g schwer) kommen 40 bis 70 Rappen dazu. Bei einem CHF-5.00-Wein macht das also schon 10% vom Preis aus. Fein!

Auch fallen noch Transportkosten und evtl. weitere Logistikkosten an, aber diese Faktoren haben dann rein gar nichts mehr mit der Qualität zu tun.

Image

Beim Wein hat sich neben dem Standardmarkt (hallo, Detailhandel) ein Statusmarkt (meh besser) entwickelt. Hier fängt der Luxus in der Weinwelt an. Es handelt sich um Weinproduzenten, die sich über Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, im besten Fall ein Image aufgebaut haben oder im schlimmsten Fall immer noch davon profitieren. Die Rede ist von grossen Terroirweinen wie Bordeaux und von Markenweinen.

Wie in jeder anderen Branche (Parfum, Mode) schaffen es gewisse Namen, sich so zu etablieren, dass sie einen Markenwert für sich generieren. Ganz ehrlich: Chapeau.

Laut diversen Quellen kann ein qualitativer Spitzenwein in der Schweiz Herstellungskosten bis zu ungefähr CHF 50.–/ CHF 60.– generieren.

Alles darüber sei Marketing. Was auch harte Arbeit ist. Denn Anerkennung muss man sich zuerst verdienen. Meistens muss die Anerkennung auch vom Ausland kommen. Entweder durch eine internationale Nachfrage oder internationale Bewertungen von Dudes wie Robert Parker.

Hier stellt sich auch die Frage, wie viel besser denn ein Wein für 120 Franken gegenüber einem Wein für 60 Franken schmeckt. Schmeckt er effektiv doppelt so gut? Schmeckt ein 100-Franken-Wein tatsächlich 10-mal besser als ein Zehn-Franken-Wein?

Diese Frage kannst nur Du dir beantworten.

Gärngscheh.

Angebot und Nachfrage (Knappheit)

Schlussendlich kommt noch die gute alte Wirtschaft ins Spiel. An dieser Stelle: Grüezi Herr Plaschnik (mein VWL-Dozent an der ZHAW von anno dazumal)!

Es gibt Spitzenjahre, wenn das Klima so geil mitspielt, dass die Weine auf eine faszinierende Art und Weise bedeutend besser schmecken. Da die Nachfrage nach diesen Jahrgängen (z. B. 2008 in der Champagne) dann viel stärker als in anderen Jahren ist, steigt auch der Preis. Nicht nur grandiose Jahrgänge erhöhen den Preis, sondern auch die Menge an angebotenen Weinen. Produziert ein Topweingut nur ca. 3000 Flaschen von ihrem Bestsellerwein, kann man wetten, dass das Angebot zu knapp ist, um der Nachfrage nachzukommen, und voilà, der Preis steigt. Vor allem Sammler und Weinfreaks spüren sich in solchen Momenten nicht mehr. Ähnlich wie iPhone-Lover und Harry-Potter-Fans. Muss haben!

Zu guter Letzt kann man also behaupten, dass Wein doch nicht nur ein Lebensmittel ist, sondern auch ein Kulturgut und eventuell sogar ein Lebensgefühl.

Ob Du ein Prosecco-in-der-Dose-Leben führst oder einen Bordeaux-Bankrott-Lifestyle pflegst, ist komplett Dir überlassen und geht niemanden etwas an.

Ich wünsche viel Spass beim Geldausgeben! In dem Sinne, Cheers und Quatsch mit Sosse.

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Madelyne Meyer

Die Weinwelt kann extrem elitär und exklusiv sein. Darauf hat Madelyne Meyer aber gar keine Lust. Mit ihrem unkonventionellen Weinblog Edvin hat sich die Aargauer Weinexpertin in der Schweiz einen Namen gemacht. «Meine Leser mögen wohl meine selbstironische Art. Ich nehme mich und die Weinwelt nicht todernst, zolle dem Wein aber immer genügend Respekt».

Madelyne arbeitet in ihrem Familienbetrieb für Marketing & Kommunikation und schreibt noch für den Gault Millau Channel. Das Ganze rundete sie im September 2019 mit ihrem ersten Buch «Endlich Wein verstehen» ab.
Für watson schreibt Madelyne ab sofort regelmässig exklusiv in ihrem Blog.

Weitere Infos über Madelyne und Wein findest du hier:
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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Roger Rüebli 14.03.2020 10:23
    Highlight Highlight Bei 4 Flaschen Wein mit einem Gesamtwert von ca. EUR 10'000 von saniert sein zu sprechen, passt für mich in der heutigen Zeit nicht zusammen.
  • Der Rückbauer 14.03.2020 09:13
    Highlight Highlight Nur für abartige Bänksters mit abartigem Bonus. - Letzthin trank ich mit einem guten Freund eine Flasche Pétrus 1975, die ich vor Jahren von einer Frau geschenkt erhalten hatte. Sie "holte" diese Flasche aus dem Keller ihres reichen Ex-Freundes. Naja, wir hatten beide kein wirkliches Vergnügen - wir diskutierten über Armut....
    Nun, nach ein paar Stunden ging ich in den Garten und habe den Pétrus so bei mir begraben. Er war mir für die Kanalisation zu schade. RIP.
    Für die normalen Weintrinker: Con pan y vino se anda el camino. Viva!


  • Phil88 13.03.2020 23:22
    Highlight Highlight Mal eine wahre Meinung. Da kann ich nur zustimmen. Am ende entscheidet nur der Geschmack. Mal lieber etwas mehr ausgeben, dafür weiss man, was man hat
  • My Senf 13.03.2020 16:32
    Highlight Highlight Alles „Falsch“
    Einen Wein macht es teuer wenn er als Anlage dient! Sonst gibt es nur kleine Unterschiede (in absoluten Zahlen)
    Und am teuersten sind die Weine wenn sie von Chinesen gesucht werden.
    Die Produktionskosten sind die selben für den gleichen Wein 🍷
  • Jamaisgamay 13.03.2020 14:44
    Highlight Highlight Punkt 3 müsste "Weinbereitung" heissen. Weinbau ist synonym zu Rebbau.

    Blitze für Pingelmodus
  • Jamaisgamay 13.03.2020 14:42
    Highlight Highlight Die Preisbildung beim Wein ist ziemlich komplex. Kurzfassung: Ein Wein kostet soviel, wie der Konsument zu bezahlen bereit ist. Die Produktionskosten interessieren den Konsumenten eigentlich nicht. (Vor allem für Steillagen-Betriebe kann das ein Problem sein)
    • Luzern1901 14.03.2020 10:48
      Highlight Highlight Es ist genauso, wie du sagst. Andere Leute fahren ein teures Auto. Ich gebe mein Geld lieber für gutes Essen und guten Wein aus. Den Namen Jamaisgamay würde ich überdenken. Die Zeiten des Beaujolais nouveau sind vorbei. Es werden wieder sehr viele qualitativ gute Gamays produziert im Beaujolais. Eine aufstrebende Weinregion. Gruss
    • Jamaisgamay 14.03.2020 13:54
      Highlight Highlight Mein Name ist Anti-Hype-Strategie. Ich will ja nicht, dass eine meiner Lieblingsregionen zuu teuer wird. Ich trinke ja sogar Bojo Nouveau. Wenn von einem guten Produzenten, bescht Glouglou.
  • azoui 13.03.2020 14:36
    Highlight Highlight Wir haben kürzlich eine Blind Degu mit 5 Weinen zwischen 10 und ca. 600 Franken gemacht.
    Der billigste war der, der am wenigsten beeindruckte, die teuersten jedoch nicht die besten.
    Und nein, ich kaufe keine solch teuren Weine, die lass ich mir schenken und verwahre sie ein paar Jahre.
    • Jamaisgamay 13.03.2020 15:24
      Highlight Highlight So von 10.- bis 50.- lässt sich noch am ehesten eine Preis-"Qualität"-Korrelation feststellen. Drüber wirds schwieriger.

      Qualität in "-", weil das ja auch ein ziemlich schwieriges Thema ist.
    • jimmyspeakstruths 13.03.2020 17:13
      Highlight Highlight Es gibt Qualität, hat aber nichts mit Schmecken zu tun. Ein qualitativ hochwertiger Wein hat einfach keine Fehler (=Fehlnoten) und ist „so gut wie das, was die Trauben hergaben“.

      Das macht ihn weder gut noch schlecht für jemanden, aber man kann diese Dinge zumindest objektiv beurteilen

    • azoui 14.03.2020 12:39
      Highlight Highlight Das war die Auswahl
      Benutzer Bild
  • Gubbe 13.03.2020 14:07
    Highlight Highlight Gut und stimmiger Artikel.
    Meistens wird Wein zu Essen getrunken. Nicht immer passt schwerer, dunkler Wein zu einem Essen am besten. Man sollte den Wein trinken, der einem mundet. Extra den teureren zu nehmen, wegen den Tischnachbarn, ist verschleudertes Geld.
  • Kiro Striked 13.03.2020 13:43
    Highlight Highlight In erster Linie Macht den Wein Teuer, dass das Restaurant den 9.95 Rotwein aus dem Denner, für 79.95 Weiterverkauft.

    Spass beiseite! Toller Beitrag wie immer, kann man viel von lernen.
    • My Senf 13.03.2020 19:13
      Highlight Highlight Ich geh mal davon aus Du gehst in nächster Zeit eh nicht mehr ins Restaurant oder?

Edvin Uncorked

Weinetiketten lesen UND verstehen – das musst du wissen

Das grösste Problem, welches die Weinwelt hat, ist, dass sie vergessen hat, wie Endkonsumenten reden. Durch eine immer etabliertere Sprache hat sie es geschafft, sich komplett vom normalen Vokabular zu entfernen und dadurch die Mehrzahl der Weintrinker einzuschüchtern und/oder zu überfordern. Bravo.

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