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Gewalt ist eine Abwärtsspirale.
kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Ich sass letztens in einem Eurocity und hörte, wie eine Frau nebenan lauthals ihre Kinder anschrie. 

Dem Satz «Ich wollte dich nicht schlagen [...]!» und dem Weinen der Kinder entnahm ich, dass auch Gewalt mit im Spiel war. Ich habe sie daraufhin gebeten, etwas leiser zu sein, und habe ihr angeboten, dass sie oder ihr Sohn für eine Weile in mein Abteil sitzen können, um sich etwas zu beruhigen. Sollte man in so einer Situation handeln oder sollte man sich lieber nicht einmischen? Anina, 19



Liebe Anina

Wenn wir der SVP Waadt folgen würden, wäre die von Ihnen erlebte Situation bald schon kein Grund mehr, sich aufzuregen. Diese will ja, dass Eltern ihre Kinder künftig wieder züchtigen dürfen, und auch einige Freikirchen sind der Meinung, dass, wer sein Kind liebt, es züchtigt. Ich konnte die Liebe zu meinem Kind meistens anders zeigen, aber auch mein Sohn hat in den letzten zwölf Jahren zwei Ohrfeigen eingefangen. Darauf bin ich nicht stolz, aber ich finde es auch nicht weiter tragisch. Seither hat er mich nie mehr in den Oberschenkel gebissen, als ich mit Einkaufstüten unter dem Arm die Türe aufschliessen wollte.

Sein Kind zu schlagen zeugt meistens von einer Überforderung. Es ist schön, wenn man es anders regeln kann. Manchmal kommt man aber als Elternteil an einen Punkt, wo man sich nicht mehr im Griff hat. Das ist nicht gut. Aber Realität. Ich war wie gesagt zweimal an diesem Punkt. Meine eigene Mutter war es des Öfteren, ich habe ein paar Ohrfeigen kassiert in meiner Kindheit und Jugend. Rückblickend sind es aber nicht diese, die ich ihr vorwerfen würde. Ich habe vor ein paar Jahren schon mal eine ähnliche Frage beantwortet und wurde damals von vielen Eltern für meine ehrlichen Worte gelobt und von zwei kinderlosen Frauen beinahe der KESB zum Frass vorgeworfen. Dennoch bleibe ich bei meiner Meinung. Schön, wenn es ohne diese Aussetzer geht. Bei mir ging es nicht immer. Und wie ich dem sehr ehrlichen Text meiner Freundin Andrea Fischer Schulthess entnehme, bei ihr auch nicht.

Ich habe keinerlei Ahnung, was im Zug vorgefallen ist. Und Sie anscheinend auch nicht wirklich. Wann immer ich Eltern sehe, die ihre Kinder hauen, bin ich peinlich berührt. Ihnen ist es vermutlich nicht anders gegangen, wenn Sie es auch nicht gesehen, aber doch immerhin gehört haben. Dennoch hat mich Ihre Bitte, bitte etwas leiser zu sein, sehr befremdet. Denn wenn ich auch ahne, dass es nicht so gemeint ist, so hat es doch den Touch von «schlag nur, aber bitte leise», was für mich pervers anmutet.

Wegsehen und -hören kann nie eine Lösung sein.

Viele Kinder werden von überforderten Eltern systematisch geschlagen und erhalten keinerlei Hilfe, weil Nachbarn oder Verwandte wegsehen. Die Zahl der misshandelten Kinder, die jährlich im Kinderspital landen, ist grauenhaft hoch. Und ich weiss, dass sie nur die Spitze des Eisbergs sind. Weil viele der Kinder auf eine Art und Weise misshandelt werden, die niemandem auffallen. Die Aufforderung, leiser zu sein, ist für mich aus der Sicht des Kindes ein Hohn. Ein Wegsehen auf auditiver Ebene.

Wie Sie sich also beim nächsten Mal verhalten sollen? Ich kann es Ihnen nicht abschliessend sagen, es ist eine unglaublich anspruchsvolle Situation, in der Sie sich da befunden haben. Dass sie der Familie angeboten haben, dass Kind bei sich sitzen zu lassen um die Lage etwas zu beruhigen, finde ich vorbildlich! Ganz grosses Kompliment dafür, liebe Anina. Das kostet einiges an Courage, die viele Menschen nie in dieser Form an den Tag legen würden. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass nur wenige Eltern dieses Angebot annehmen. Zu peinlich ist es den meisten, wenn sie dabei beobachtet werden, wie sie die Kontrolle verlieren. Trotzdem würde ich an Ihrer Stelle beim nächsten Mal wieder so handeln. Wegsehen und -hören kann nie eine Lösung sein. Ich bin in diesem Sinne immer fürs Einmischen! Wichtig fände ich einfach, dass dies nicht mit erhobenem Zeigefinger passieren würde. Eltern, die in einer situativen Überforderung austicken, schämen sich in der Regel schon von selbst genug dafür. 

Von aussen ist es enorm schwierig zu urteilen, ob man nun Zeuge eines Vorfalls wurde, der einmal pro Schaltjahr passiert, oder einer Züchtigung, die Teil der Erziehung ist. Wie ich mit einer Freundin umginge, die ihr Kind systematisch haut, habe ich kürzlich geschrieben. Bei einem Ausraster im Zug oder an der Migros-Kasse wäre ich aber gelassener. Ich weiss selber, in welchen emotionalen Stress man kommen kann, wenn man sich mit einem kleinen Kind im öffentlichen Raum bewegt und dem Druck von aussen ausgesetzt ist. Was habe ich schon für hässliche Szenen erlebt, als Mütter am Rande eines Nervenzusammenbruchs auch noch von herumstehenden Zuschauern ausgeschimpft wurden! Da wäre ein beherztes Eingreifen in Ihrer Art mit Sicherheit die bessere Lösung.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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