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JAHRESRUECKBLICK 2015 - NATIONAL - Alt-Bundesrat Christoph Blocher, Mitte, und der Gemeindepraesident von Habkern, Markus Karlen, links, sprechen zusammen mit Schauspielern der Tell-Festspiele den Ruetlischwur waehrend der 1. August-Feier, am Samstag, 1. August 2015 in Habkern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

«Patriot» Christoph Blocher bei der Bundesfeier 2015.
Bild: KEYSTONE

Sektenblog

Heilsbringer Blocher mutiert zum Führer

Er schwört die Gefahr einer Diktatur herauf und lenkt davon ab, dass er die Schweiz spaltet.



Wenn seine Parteisoldaten und Fans seine Taten rühmen, huscht ein verklärtes Lächeln über ihr Gesicht und ihre Augen glänzen. Für sie ist er ein Heilsbringer, der das Böse abwenden und die Erlösung erzwingen soll.

Der hemdsärmlige Polterer und empathielose Volkstribun geniesst bei einem beträchtlichen Teil der Schweizer Bevölkerung nahezu einen Heiligenstatus: Christoph Blocher, der (angebliche) Kämpfer der Armen und Entrechteten. Die Verehrung hat pseudoreligiösen Charakter angenommen. Und wie immer, wenn religiöse Attribute im Spiel sind, sollten die Alarmglocken schrillen.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Experte Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei. Neu befasst er sich mit dem Thema wöchentlich auf watson.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

Blocher ist der Personenkult um seine Person nicht unangenehm. Er geniesst den Sonderstatus des Säulenheiligen, der ihm das Gefühl vermittelt, unantastbar zu sein. Ausserdem ist ihm das Religiöse nicht fremd. Er ist in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen, sein engster Berater ist sein Bruder Gerhard, seines Zeichens ebenfalls Pfarrer, der noch hemdsärmliger poltert als Christoph selbst.

So tickt Blochers Bruder Gerhard

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YouTube/kneetstr

Der Weg zum Heil geht über Blocher

Blocher der Grosse ist aber nicht nur ein Heilsbringer, er gebärdet sich auch als Führer, der seine Ideologie mit einem Absolutheitsanspruch vertritt: Es gibt nur eine Wahrheit und nur einen Weg zum Heil. Den Weg durch ihn.

Entweder du bist für uns oder  gegen uns. Die Guten drinnen, die Bösen draussen.

Der SVP-Übervater spricht denn auch von einer Aufgabe zur Rettung der Schweiz, die er zu erfüllen habe. Man könnte es auch Berufung nennen. Oder Mission.

Auch das Prinzip ist bekannt: Es gibt (fast) nur Freunde oder Feinde: Entweder du bist für uns oder gegen uns. Die Guten drinnen, die Bösen draussen. Grautöne? Fehlanzeige.  

Blocher und seine Partei unterscheiden streng nach weissen und schwarzen Schafen. Die weissen kicken die schwarzen aus dem heiligen Territorium. Die Farbe entscheidet, menschliche Kriterien haben im Kampf um die einzig gültige Wahrheit keinen Platz.

Roger Köppel als Zuchtmeister von Blocher

Dieses System wendet Blocher auch nach innen an. Wer in der SVP nicht spurt, wird diszipliniert und an die Kandare genommen. Als Zuchtmeister hat er Roger Köppel engagiert und ihm die Weltwoche als potentes Vehikel zur Verfügung gestellt: Parteisoldaten, die von der Linie abweichen, nicht die nötigen Opfer erbringen oder sich zu wenig hart kasteien, werden öffentlich an den Pranger gestellt. Sie gehören zum Beispiel der Weissweinfraktion an, die sich schon mal am Stammtisch zuprosten, statt Unterlagen zu studieren oder Unterschriften zu sammeln.

Früher wagten Berner SVP-Kämpen gelegentlich einen kleinen Aufstand gegen das Diktat aus der Hochburg in Herrliberg. Die Zeiten sind längst vorbei. Heute stehen sie stramm und salutieren devot Richtung Zürich.

Das Prinzip Blocher funktioniert nicht ohne Sand. Diesen streut er seinen Wählerinnen und Wählern in vielen Vorträgen, Reden und Interviews mantramässig in die Augen. So wettert er bei jeder Gelegenheit gegen die «classe politique», also die da oben, die Mächtigen, Reichen und Privilegierten.

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Privilegien für die Mächtigen und Reichen

Dabei lenkt er geschickt von der Tatsache ab, dass Blocher der vielleicht Mächtigste im Land ist, zu den Reichsten gehört und Privilegien geniesst wie kaum ein zweiter. Er kämpft für Steuererleichterungen der Reichen und Unternehmen. In beiden Fällen profitiert er tüchtig. Zahlen müssen dann die Rechnung die Unterprivilegierten, die seiner Partei wieder die Stimme geben.

Seine messianische Pose garniert er geschickt mit Anker-Helgen aus seiner millionenschweren Bildersammlung. Der PR-Trick funktioniert, die SVP reiht Wahlsieg an Wahlsieg.

Kürzlich packte Blocher in populistischer Manier die ganz grosse Propaganda-Keule aus. Die Schweiz sei auf dem Weg zur Diktatur, verkündete er. Die versteckte Botschaft dahinter: Ohne mich ist Helvetia verloren. Schart euch hinter mich, ich zerschlage als Robin Hood das dämonische Kartell. Seine messianische Pose garniert er geschickt mit Anker-Helgen aus seiner millionenschweren Bildersammlung. Der PR-Trick funktioniert, die SVP reiht Wahlsieg an Wahlsieg.

ZUR MELDUNG DES „SONNTAGSBLICK“, WONACH CHRISTOPH BLOCHER SEIN AMT ALS VIZEPRAESIDENT DER SVP ABGEBEN WERDE, STELLEN WIR IHNEN AM SONNTAG, 10. JANUAR 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG -  Alt-Bundesrat Bundesrat Christoph Blocher praesentiert an seinem Wohnsitz hoch ueber Herrliberg (ZH) am Mittwoch, 25. Juni 2008 sein Portraet fuer die Ahnengalerie des Kanton Zuerich. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Gehört zu den reichsten Menschen im Land: Blocher in seiner Villa in Herrliberg.
Bild: KEYSTONE

Doch wie ist das wirklich mit der drohenden Diktatur? Er unterstellt seinen Gegnern diktatorisch Tendenzen und lenkt davon ab, wo das Diktat tatsächlich ausgeübt wird: In Herrliberg.

Da lachen ja die letzten Hühner 

Apropos Diktatur: Eigentlich müssten die Hühner selbst im entlegensten Bauernhof über Blochers Drohgebärde lachen. Wenn es ein Land auf der Welt gibt, das sich mit seiner Staatsform gegen diktatorische Allüren machtsüchtiger Politiker gewappnet hat, ist es die Schweiz. Die Konkordanz-Regierung aus allen grossen Parteien und die direkte Demokratie sorgen dafür, dass extreme politische Strömungen bei uns kaum eine Chance haben. Es sei denn, ein Mann aus dem Holz eines Blochers setze alles daran, die Schweiz umzupflügen.

Den anderen Politikern und Parteien diktatorische Gelüste zu unterstellen, ist die beste Methode, von den eigenen Allüren abzulenken. Erstaunlich nur, dass die 30 Prozent der SVP-Wähler das Ablenkungsmanöver nicht erkennen. Wenn die Gefahr einer Diktatur in der Schweiz besteht, so geht sie auch vom Stimmvolk aus, das die aktuelle politische Grosswetterlage nicht richtig zu analysieren vermag.

Durchsetzungs-Initiative ist die Zerreissprobe für die Schweiz

Blocher scheint endlich am Ziel seiner politischen Träume angekommen zu sein: Bei der Spaltung der Schweiz. Alle seien gegen die SVP, frohlockte er. Nämlich bei der Durchsetzungsinitiative. Er träumt natürlich davon, dass er und seine auserwählten Gläubigen gegen den Rest der Schweiz gewinnen.

Dass dieses Freund-Feind-Denken eine Zerreissprobe für die viel beschworene direkte Demokratie werden könnte, kümmert den Superpatrioten wenig.

Für ihn als neuen Messias besteht kein Zweifel, wer auf der rechten Seite steht, wer moralisch im Recht ist. Hauptsache, er gewinnt und baut seinen Machtbereich aus.

Dass sich Patriot Blocher darüber freut, gegen den Rest der Schweiz zu kämpfen, zeigt seine ideologische Verhärtung und seine politische Geisteshaltung. Es ist Zeit, den Volkstribun an der Urne zu stoppen.

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194 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Murky
13.02.2016 11:47registriert March 2015
Super Artikel Herr Stamm, danke. Durch dieses Sektenhafte Auftreten wird erfolgreich verhindert dass die Jünger selbst zu denken beginnen. Ich habe tatsächlich schon Leute von der Gefahr einer Diktatur reden hören. Die glauben das wirklich...
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Die Super-Schweizer
13.02.2016 13:37registriert December 2014
Sehr guter Artikel. Seine Anhänger vergöttern Blocher, kennen seine Geschichte aber nicht: die seltsame Übernahme der Ems, seine Unterstützung der Apartheid, sein Kampf gegen Frauenstimmrecht, sein Engagement für die Straffreiheit der Vergewaltigung in der Ehe, die Zerstörung der Alusuisse. Aber die SVP-Wähler sind Rentner, Geringverdiener und Bildungsferne - die merken nicht einmal, dass sie für die Privatinteressen eines Milliardärs instrumentalisiert werden. Darbellay hatte Recht: Die SVP ist "eine debile Sekte"...
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Lowend
13.02.2016 11:13registriert February 2014
Endlich wird diese Sekte als dass bezeichnet, was sie ist, eine politische Psychosekte und Hugo Stamm spricht mir mit jedem Wort förmlich aus der Seele, denn ich schrieb schon öfters, dass die svP in ihrer heutigen Form, im Grunde ein Fall für Hugo Stamm ist! Danke Herr Stamm, dass sie sich dieser Sekte annehmen und ihren Führer demaskieren!
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