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Yonnihof

Mamma Mia! – Eine Abrechnung mit Mutter-Klischees

Bild: shutterstock

Oder: HÖRED DOCH MAL UUF!



Disclaimer: Ich rede hier von Müttern, weil ich eine von ihnen bin. Ich rede zwar auch mit Vätern über solche Themen und ich bin gespannt auf ihre Kommentare, mein Erleben ist jedoch das einer Mutter. Man kann Mutter in vielen Fällen aber gut mit Vater substituieren.

Vor gut zwei Wochen wurde unser Sohn ein Jahr alt. Zeit für ein kleines Resümee, angefangen mit der Tatsache, dass das Motto seiner Geburtstagsparty «Nicolas wird 1 – Oder: Hurra, wir leben noch» lautete.

Seit ich Mutter bin, habe ich mich immer wieder bemüht, offen und ehrlich übers Mutter-Sein zu schreiben. Viele Frauen meldeten mir direkt zurück, dass das Lesen für sie eine enorme Erleichterung war. Ich würde gar behaupten, dass der absolute Grossteil froh ist, wenn man ab und zu über das Auf, aber eben auch über das Ab des Elternseins redet. Und trotzdem halten sich gewisse Stigmata absolut hartnäckig in den Köpfen der Gesellschaft. Und wenn ich ehrlich bin, teils sogar noch in meinem.

Gewisse Ansprüche sind derart in unser Sein eingeprägt, dass sie sehr schlecht wieder wegzulöschen sind, bei allem Bewusstsein. Zum Beispiel, dass man als Mutter immer und den ganzen Tag lang mega Freude an seiner Aufgabe haben soll. Das macht in meinen Augen absolut keinen Sinn. Das ist, wie wenn man jemandem, der die Liebe gefunden hat, vorschreiben würde, er müsse ab sofort immer zufrieden sein. Genauso wie eine Liebesbeziehung, ist auch die Mutterschaft Arbeit. Ganz, ganz oft ist sie eine sehr schöne Arbeit, aber manchmal halt auch nicht. Kein Job ist non-stop mega lässig – und genau das ist das Mama-Sein halt teils auch: Ein Job. Auf Mamis und Papis Arbeitspensen kommt ein 24h-Job im Schichtbetrieb oben drauf. Man sucht sich diesen Job aus und er macht einen ganz oft unglaublich glücklich. Das heisst nicht, dass man am Montagmorgen nicht ab und zu denkt, so eine Alpaka-Farm in Guatemala wäre als Berufsweg doch auch ganz easy.

Und man darf das auch da und dort mal sagen, ohne dass Brigitte aus dem Internet einem danach entgegenplärrt, wieso «MaN DaNn üBeRhAuPt KiNdEr BeKoMmEn HaT WeNnS dOcH So sChLiMm IsT, HÄÄÄÄ??!!??!»

Nicht über die Schattenseiten des Mutterseins zu reden, ist wie die Verwendung von Instafiltern: Zwar wird die Sache aufgezeigt, aber alles Unschöne an ihr wird wegretuschiert. Das ist an sich schon problematisch, weil nicht realistisch – es hat aber eine weitere, toxische Nebenwirkung: Es gibt anderen das Gefühl, ihre Imperfektionen seien nicht okay.

Also, liebe Mütter, hier ein paar unliebsame Aussagen von der Rabenmutter aus dem Internet – von der Anti-Brigitte (sorry an alle coolen Brigittes… Brigitten… ihr wisst schon). Diese Aussage stehen immer unter der Kann- und nicht unter der Muss-Prämisse. Es muss für dich nicht so sein, aber es kann, und dann ist das völlig okay:

Mutter-Sein ist – grade anfangs – oft langweilig

Ich schrieb dies bereits einmal in einem anderen Text und wo 95% aller Mütter in den Kommentaren ein «Hallelujah» ausstiessen, kamen doch auch hier ein paar mit «Wieso hast du dann überhaupt Kinder, wenn sie so langweilig sind??! HÄ???!» Wieso haben Menschen Katzen, obwohl sie das Kistchen machen müssen? Wieso haben sie Beziehungen, wenn es dann ab und zu Streit gibt? Am Anfang buttert man enorm viel Energie in dieses kleine Häufchen rein und es kommt kaum etwas zurück – und wenn, dann Gaggi. Dankeschön. Es ist völlig okay, die ersten Monate dann und wann langweilig zu finden. So, wie dein Lieblingsfilm vielleicht auch ein paar Szenen hat, die du nicht so spannend findest, hat auch die Mutterschaft eher seichte Zeiten. Ich zum Beispiel finde es je länger, desto lässiger mit unserem Buben. Andere Mütter gehen in der Biibääbeli-Anfangsphase auf, die mir persönlich grosse Mühe bereitete. Hört doch auf mit dem Vermitteln dieses Märchens von der konstanten Rosarotigkeit (ja, das ist per sofort ein Wort). Es stimmt erstens nicht – zumindest nicht für alle – und es vermittelt darüber hinaus gewissen unsicheren Müttern, ihre momentanen Gefühle seien falsch.

Manche Mütter verlieben sich nicht im Moment der Geburt in ihre Kinder, sondern brauchen einen Moment, sie kennenzulernen

Ich zum Beispiel. Ich brauchte einen Moment. Während mein Mann im OP mit von Tränen durchnässter Maske (we wore masks before it was cool) auf dieses Mini-Menschlein schaute, war ich zwar voller Überraschung und Gwunder und Überwältigung, aber dieses Band, von dem alle sprechen, dieses «Für Immer und Ewig»-Gefühl… das setzte erst mit der Zeit ein. Und ich hinterfragte mich bereits ein erstes Mal als Mutter, was völlig unnötig gewesen wäre, wenn man ehrlicher über solche Themen spräche. Wo wir grad zum nächsten Punkt kommen.

Geburten sind nicht wie im Film

Generell wird von Geburten selten völlig offen gesprochen. Bevor ich schwanger wurde, hatte auch ich ein völlig verklärtes, sehr lückenhaftes Bild vom Gebären. Von vielen Teilen wusste ich noch nicht einmal was. Von Nachwehen zum Beispiel und wie unfassbar schmerzhaft sie sein können. Vom ersten Toilettengang. Von Wochenblutungen. Von schmerzenden Brüsten. Davon, dass sich ein Kind, das an der Brust trinkt, anfangs anfühlt, wie wenn eine Schnappschildkröte mit Kiefersperre an deinem Nippel hängen würde. Und so weiter. Und das ist nur der physische Teil. Eine Geburt ist ein Schock fürs System und es ist in Ordnung, wenn sie dich durchschüttelt und du eine Weile brauchst, dich zu erholen, im Kopf, im Herzen und am Körper. Nur schon deshalb ist unser Vaterschaftsurlaub auch mit zwei Wochen noch weit davon entfernt, was es für eine Mutter bräuchte, sich auszuruhen. Das Wochenbett dauert sechs bis acht Wochen und enthält nicht ohne Grund das Wort «Bett».

Es ist okay, wenn man sich das alte Leben zurück wünscht, ja, manchmal um es trauert

Die Geburt eines Kindes ist das Fundamentalste, was man erleben kann. Sie ist wunderschön und überwältigend und bereichernd, aber das Leben ist (zumindest für eine gute Weile) komplett anders als vorher. Alles dreht sich um den Baby-Shrimp, man selbst bleibt oft auf der Strecke (und damit meine ich nicht nur die Ayurvedakuren auf einem Ökobauernhof im Muotatal, auf die man nun verzichten muss, sondern nur schon, mal in Ruhe zu duschen oder allein aufs Klo zu gehen). Auf die Wucht dieser Veränderungen kann man sich nicht vorbereiten. Und deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn man sich ab und zu nach der Freiheit und der Unbeschwertheit von früher zurücksehnt. Ich kenne kaum eine junge Mutter, die nicht sagt «Läck, was habe ich bloss früher mit all der Zeit gemacht?» Um die Leichtigkeit der Vergangenheit zu trauern, ist meines Erachtens ein wichtiger Prozess, der nicht die Freude an der Gegenwart minimiert, sondern eigentlich ein Gütesiegel für die Zeit vor dem Kind ist.

Du darfst Dinge, die du dir vorgenommen hattest, über den Haufen werfen

Du wolltest alle Breili immer selbst machen? Du hast dir überlegt, Stoffwindeln zu verwenden? Nur Holzspielzeug? Und jetzt hockt der Welpe in Pampers am Tisch und mampft Gläsli-Brei, während er mit einem Plastik-Spiderman-Roboter-Dingsbums spielt? So. F***ing. What. Ich kenne keine Mutter, die alle ihre Prinzipien durchgezogen hat – und selbst wenn: mega super für sie. Ich bewundere Frauen, die so diszipliniert sind. Aber bei mir kam irgendwann der Punkt, wo ich Prioritäten setzte – und dies bei einer von 100 Entscheidungen mal zugunsten von mir selbst.

Entspannte Eltern können sehr unentspannte Kinder haben und umgekehrt

Dieses «Entspannte Eltern haben entspannte Kinder», das ist auch so ein Spruch, bei dem mir jeweils ein «HÖÖÖÖÖRED MAL UUUUUF!» entfleucht. Ich kenne Paare, die sehr sehr entspannt sind – bzw. waren. Wenn du dann aber ein Kind bekommst, das eineinhalb Jahre lang nicht länger als drei Stunden am Stück schläft und dazwischen 50 Shades of Kreischkonzert in D-Dur aufführt… da kann man ja gar nicht mehr entspannt sein. Die Eltern mit solchen Plattitüden dann auch noch indirekt für ihren Stress verantwortlich zu machen, ist unnötig und – zumindest meines Erachtens – einfach nicht wahr. Das Gegenteil gibt’s nämlich auch. Ich bin eine totale Stressbirne und mein Sohn ist wie aus der Tommy Hilfiger-Werbung entsprungen. Wer sagt, Kinder seien zwingend charakterlich gleich wie Mama und Papa, möge doch mal an die eigenen Eltern denken. Ebä. Voilà.

Deine Beziehung funktioniert nicht mehr? KUNSTSTÜCK!

Ja, Kunststück, Kinders! Häsch gläse? Ein 24/7 Schichtbetrieb auf die Arbeitsauslastung der Eltern obendrauf. Macht ca. 300 Prozent. Und Ihr seid so müde, dass Ihr maximal 242% leisten könnt. Maximal. Macht minus 58 Prozent. Die Unterstunden führen dann zu Prioritätensetzung: Pro «Vielleicht mal duschen» und «Shit, d’Stüüre vo 2018 sötti au mal na mache». Und Contra? Contra Romantik und contra Date und contra Sex. Die ersten Monate sind oft ein Stafettenlauf mit einem kleinen fleischigen Stab. Blanke Nerven und Schmuddellook machen weder innerlich noch äusserlich sonderlich attraktiv, nach der ersten, sehr innigen Schmusephase purzeln die Hormone und man ist so ausgelaugt, dass man die Minuten zählt, um dem Partner dann ein «ABER GESCHTER HAN ICH 7 MINUTE LÄNGER GLUEGT ALS DU, IMFALL» entgegenschleudert. Ich glaube, viele Paare sind nach den ersten Monaten nur noch zusammen, weil sie zu müde waren, sich zu trennen. Wichtig ist hier zu verstehen: Das ist normal. Und es geht – auch hier bin ich der Beweis – vorbei.

Nicht nur eine Mutter am Rande des Zusammenbruchs ist eine gute Mutter

Eine ziemlich fürchterliche und toxische Tendenz, die ich ganz früh in meinem neuen Leben als Mutter festgestellt habe, ist der konstante Vergleich unter Müttern, wer am wenigsten schläft, wer am seltensten duscht und wer am erschöpftesten ist. Das wäre beim Sprechen über sich selbst ja noch das eine, aber oft kommen dann mehr oder weniger passiv aggressive Sprüche gegen andere, die es – aus welchen Gründen auch immer – leichter haben als sie. Da ist ein warmes Bad dann gerne mal «en rächte Luxus». Oder eine Date-Night mit dem Partner etwas, «das für UNS ja im Moment unvorstellbar wäre so ohne Kind». Und dann ist da noch das Thema Fremdbetreuung. Sei’s durch Grosseltern oder eine Kita. Auch da kommt alles von «ICH könnte das ja nicht» bis zum Bulldozer aller Sprüche, nämlich «Wieso hast du dann überhaupt Kinder, wenn du sie weggibst?» Weil ich lieber an fünf Tagen eine psychisch gesunde, engagierte, lässige Mutter bin als an sieben Tagen eine mässig-enthusiastische. Wenn man die Möglichkeit hat, sein Kind fremdbetreuen zu lassen und das auch will, ist daran absolut nichts auszusetzen. Genauso, wie es völlig okay ist, wenn man das Kind immer zuhause hat. Es handelt sich um unterschiedliche Lebensmodelle, die niemanden etwas angehen, ausser die betroffenen Parteien.

Nein, du musst nicht zurück zu deiner «Prä-Baby-Figur»

Wenn dir das wichtig ist: Kids be free. Wirklich. Wenn du’s für «die anderen» machst: Nein. Neinneinnein. Mein Mann steht auf Margot Robbie. Hat er auch schon vor der Schwangerschaft getan. Ich bin und war immer un-Robbie. Gut so. Mein Mann ist auch un-Tom Hiddleston. Findet mein Mann immer und jederzeit meinen Lampi-Bauch geil? Wohl kaum. Was mein Mann aber definitiv hat, ist eine Verehrung dieses Körpers, der unser Kind ausgetragen hat. Er verehrt mich als Mutter seines Kindes. Tippt er «knapp 40-jährige Mutter» in sein youporn-Suchfenster? Wohl kaum. Würde er für mich und unser Kind sein Leben geben? Ja. Immer. Jederzeit. Und nein, das ist nicht mit ihm abgesprochen, ich bin der allertiefsten Überzeugung, dass diese Aussage stimmt.

Abschliessend:

Irgendwann, meine Damen und Herren, bewegen wir uns weg von den Geschlechtsteilen, Richtung Bauchgefühl – und darüber hinaus in unsere Herzen. Kitschig? Hoffentlich. Unsexy? Definitiv. Langweilig? Jap. Denn, denken Sie mal nach: Lang – weilig. Eine lange Weile. Genau das ist ein Kind. Etwas, das wir für eine sehr lange Weile in unserem Leben haben wollen.

Falls Sie nun denken, ich sei eine Motz-Griite, dann lassen Sie mich Ihnen versichern: Mein Kind zu bekommen, war das Sinnstiftendste, was ich je gemacht habe. Mein Leben hat mit der Geburt unseres Sohnes noch einmal von vorne angefangen. Diese Veränderung von völlig freier Lebensgestaltung, Cüpli-Events, durchgetanzten Nächten, hin zu kompletter Fremdbestimmung, vollgekotzten Shirts und 1001mal «De Tuusigfüessler Balthasar» am Tag – sie war die mit Abstand beste Entscheidung meines Lebens und ich würde sie jederzeit wieder so treffen.

Das Leben mit Kind ist eine Achterbahn mit Aufs und Abs. Es ist lustig und überraschend und innig und manchmal bitz gruusig (kürzlich schaffte er mit einmal Niesen einen Schnudder-Schlängge bis zum Ohr – ich war eine Mischung aus angeekelt und stolz), es ist irr und schmerzhaft und traurig und langweilig und stressig und laut und wahnwitzig und abwechslungsreich und einfach über alle Massen wunderbar.

Zollen wir ihm in seiner ganzen Buntheit (dem Rosa, aber auch dem Tiefschwarz) Tribut – und somit auch uns als Müttern, die den Farbkasten jeden Abend brav wieder unter dem Sofa hervorholen.

baby

Der Sohn der Autorin an seinem ersten Geburtstag, einige Sekunden, bevor er seiner Mutter das Bächerli gegen die Nase haute. Bild: zvg

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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