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Yonnihof

Zum Tag der Frau: Ein Brief an meinen Sohn

Die Autorin und ihr Sohn Nicolas am Tag seiner Geburt. Bild: zvg

Heute vor fünf Monaten kam mein Sohn zur Welt. Dies sind die Worte einer Feministin, deren Lieblingsmensch ein Mann ist.



Mein liebes Fünkli, liebster Nicolas

Im letzten April haben dein Papi und ich erfahren, dass du ein Junge wirst. Wenn ich ehrlich sein soll, war das für mich anfangs nicht ganz einfach. Ich war mir völlig bewusst, dass ich dich über alles lieben würde, egal ob Bub oder Mädchen – und doch hatte ich mir ein Meitli gewünscht. Weshalb, kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil ich selbst gern eins war und es noch immer bin. Ich hatte eine klare Vorstellung davon, wie ich dieses Mädchen würde erziehen wollen, kannte die Perspektive einer Frau, wusste, wie ich mir mein Selbstverständnis meiner selbst in der Welt erarbeitet hatte und war und bin stolz darauf, wer ich heute – auch komplett unabhängig meines Geschlechts – bin. Oder trotz meines Geschlechts. Oder wegen meines Geschlechts.

Ich hatte diese Vorstellung der jungen Frau, die ich erziehen würde. Die ich aber auch machen lassen würde. Die ich leiten, aber nicht einengen würde. Haha, blabla. Dream on.

Die meisten Eltern werden mir wohl beipflichten, dass es mit Kindern meist anders kommt, als man es sich vorstellt. Es gibt keine Garantie dafür, was für ein Menschlein einem da in die Arme gelegt wird und das hat nur ganz am Rande (obwohl mir wohl einige widersprechen würden) mit dem zu tun, was sich zwischen seinen Beinchen befindet.

Nun, du warst also ein Junge und ich mit einer neuen Ausgangslage konfrontiert. Nicht mehr mit derjenigen, was wir unseren Mädchen mitgeben wollen, welche Skills, welche Ideen, welche Freiheit von Dogmen, wenn irgendwie möglich. Ich musste mir überlegen:

Was für junge Männer wollen wir?

Und dabei ertappte ich mich: Das klingt nämlich schon wieder so, als seien die Männer für die Frauen da. Und das ist ja nicht, was Gleichstellung will.

Ich glaube nämlich – und das habe ich schon gesagt, bevor ich eine Bubenmama wurde – dass all diese Veränderungen, die wir Frauen durchlaufen, erkämpfen, erfahren und erzwingen müssen, auch absolut direkten Einfluss auf die Freiheit (junger) Männer haben und haben sollten – und dass das öfter zum Thema gemacht werden sollte. Nicht so, wie es heute oft passiert, im Rahmen von Diskussionen über Frauenthemen als Gegenargument oder als Whataboutismus, sondern als eigene Debatte.

Sie sollen einerseits aufzeigen, welche Unterschiede es noch gibt und diese dann andererseits in Angriff nehmen. Und das auf beiden Seiten. Und zwar gemeinsam. Es gibt noch so unglaublich viel zu tun.

Man kann nicht für Gleichstellung kämpfen und die Männer weglassen.

Kämpfen wir fürs Ablegen starrer Rollenmodelle bei Frauen, sollte das auch bei Männern so sein. Kämpfen wir für die Freiheit der Frau, stark und selbstbestimmt zu sein, bedeutet das gleichzeitig, dass wir für die Freiheit der Männer kämpfen, zart und anlehnungsbedürftig sein zu dürfen. Dass sie sanft sein dürfen, wenn sie wollen, dass sie aber auch stark und «bubenhaft» sollen sein können, wenn es denn das ist, was sie wollen.

Dein Papi schrieb dir nach deiner Geburt einen Liebesbrief. Er schrieb darin, dass er dir beibringen wolle, Frauen zu ehren. Und auch wenn jetzt der eine oder die andere ob dieses Ausdrucks die Augen verdreht und sagt, das Mittelalter habe angerufen: Ich finde das eine wunderschöne Aussage. Ich als Mama möchte dir genau diesen respektvollen Umgang mit Frauen ebenso beibringen, aber auch denjenigen mit anderen Männern und: dass man auch dich ehren kann und sollte und dass es dein Recht ist, das einzufordern. Als Mann, als Mensch.

Weisst du, mein Herz, ich glaube, meine Primäraufgabe als deine Mama im Moment ist, dir zu vermitteln, dass die Welt ein sicherer Ort ist und dass du geliebt wirst. Ich werde irgendwie versuchen, deine Entscheidungen nicht für dich zu fällen, sondern dich bei denen, die du selbst triffst, zu begleiten, auch wenn mir das bisweilen wohl sehr schwer fallen wird. Ich weiss, dass meine wichtigste Waffe das Beispiel ist, das ich dir bin.

Ich werde versuchen, dich nicht in gewisse Rollen hineinzuzwängen – weder in alte noch in neue, keine Rollen um der Rolle Willen –, sondern dir so viel Freiheit zu schaffen und zu lassen, dass du selbst herausfinden kannst, welche zu dir passen. Ich glaube und hoffe, genau das hätte ich auch mit einem Mädchen gemacht.

Weisst du, Fünkli, es gibt diesen Spruch «Neue Männer braucht das Land», aber ich glaube, und das umso mehr, seit ich Mutter bin, dass das Land neue Menschen braucht.

Ich freue mich unbändig darauf, herauszufinden, zu welchem du wirst.

Und wenn ich an diesem Weltfrauentag noch etwas über eine Frau sagen darf, dann über mich selbst. Ich habe in den letzten zwölf Monaten Höhen und Tiefen erlebt, wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, unmögliche Wunder zu sehen und schaute auch immer wieder in den Abgrund. Ich habe Seiten an mir kennengelernt, die ich nicht kannte, ich bin gewachsen, ich wurde verwundet und ich heilte, am Körper und an der Seele.

All das hätte ich nicht geschafft ohne die Basis, die mir von liebevollen Frauen in meiner Kindheit, meiner Jugend und in meiner Gegenwart mitgegeben und geschaffen wurde. Und von sehr, sehr vielen weit vor meiner eigenen Geburt.

Ihnen will ich heute danke sagen und: Ich will mein Leben weiter so leben, dass mir vielleicht irgendwann meinerseits eine junge Frau danke sagt für das, was ich bewegt und getan habe.

Oder eben ein junger Mann.

Ein junger Mensch halt.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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