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Yonnihof

Von Schlafschafen und Aluhüten: Der Tanz mit den Extremen

Bild: keystone

Wenn man nur noch Extremmeinungen hört, fehlt die Stimme der Mitte.



Einen Text in die Richtung dessen, was ich hier nun zu schreiben versuche, schlug ich schon einmal zu Faden. Damals war Corona noch ausschliesslich ein Bier. Der Grund für jene Kolumne war die Debatte über Extrempole der Modeindustrie. Ein Kleiderhersteller hatte gerade eine Plus Size-Linie herausgegeben und Models für deren Präsentation ausgewählt, die stark übergewichtig waren – und selbstverständlich zerfleischten sich die Leute in den Kommentaren darüber, was gesund und was ungesund, was eklig und nicht eklig, und ganz grundsätzlich darüber, was daseinsberechtigt sei und was nicht.

Auch bei diesem Thema verwandelten sich die Kommentierenden innert Sekundenfrist zu Ernährungsspezialisten und zu Fashion-Experten. Und da war noch eine Seite dieser Diskussion: Der Vergleich stark Übergewichtiger mit stark Untergewichtigen. «Warum klatschen bei den Dicken alle und Dünne werden gehänselt?» – «Spinnst du, über Jahrzehnte wurde bei Dünnen geklatscht und die Dicken fertig gemacht, wieso sollte das immer so bleiben?» – «Fettwale!» – «Hungerhaken!»

Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass man fast nur über Extreme redete. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde, sehr dünne und sehr dicke Menschen sollten gleichermassen Kleider tragen können, in denen sie sich gut fühlen. Ich finde es wichtig, dass das Spektrum von sehr klein bis sehr gross reicht – und ich finde, dass es nicht die Aufgabe von Hans-Kurt aus dem Internet ist, dicke oder dünne Menschen in einen anderen Lebensstil hinein zu erziehen, noch viel weniger, wenn er das aus ästhetischen Gründen tut und von den körperlichen und seelischen Gründen für starkes Über- oder Untergewicht keine Ahnung hat.

Was mir aber zunehmend fehlt – und das betrifft nun eben auch die Corona-Diskussion – ist die Frage nach der Mitte.

Ich habe einen Abschluss in Allgemeiner/Kognitiver Psychologie. Das klingt wichtig, ist aber oft hauptsächlich eins: Statistik. Wenn das mein Gymi-Mathelehrer lesen würde, bekäme er einen Lachkrampf. Mit der Statistik vor Augen möchte ich nun einfach mal ganz neutral fragen, was denn mit den Frauen mit Grösse 38 bis 42 ist. Ich kenne mittlerweile einige wenige Labels, die Durchschnittsfrauen für ihre Kampagnen ablichten und – OHALÄTZ – die Cellulite nicht wegretuschieren.

Aber die Statistikerin in mir fragt: Müsste das nicht die Regel sein? Was nützt es mir als Frau am oberen Rand des Durchschnittsspektrums, wenn ich eine Frau mit Grösse 32 eine Jeans tragen sehe, in der ich dann aussehe wie eine Leber-Wurst, die seit fünf Stunden in der Sonne liegt und kurz vor der Explosion steht (bitte gerngeschehen für das Bild)? Ich bin mir absolut bewusst, dass Bilder von unterschiedlichen Frauen für jedes einzelne Kleidungsstück rein aufwandstechnisch kaum umsetzbar sind (obwohl es Marken gibt, die mittlerweile auch das tun, das schlägt sich dann aber im Preis nieder, was wieder einen Teil der Klientel ausschliesst), aber sollte man dann nicht die blanken Zahlen anschauen und auf der Häufigkeit einer Grösse basierend Bilder machen, damit sich möglichst viele Menschen wiedererkennen?

Ich habe einst einen Artikel gelesen, der aussagte, die Durchschnittsfrau in der Schweiz habe Grösse 40/42. Auch dort hagelte es Feedbacks wie «Sicher nöd! De Durchschnitt isch sicher nöd so dick!» und nebst der Tatsache, dass eine Frau mit Grösse 40/42 nicht dick, aber halt eben auch nicht dünn ist (kännsch «Durchschnitt»?), redete man da nicht nur vom Oberstufenschulhaus Hinterpfupfikon und der Lettenbadi im Sommer, sondern von «allen Frauen». Also auch von allen Mamas und Omas und Ur-Omas.

Einsicht: Selbst wenn dein persönlicher Erfahrungsschatz etwas anderes vermuten lässt, ist die Mitte oft woanders. Voilà: die Bubble.

Und bei diesem Stichwort muss ich mich auch etwas an der eigenen Nase nehmen, denn ich weiss nicht, ob das Thema dieser Kolumne überhaupt so drängend ist, wie ich es – eben in meiner Bubble aus Menschen, die fürchterlich gerne ihren Senf erzählen (und ja, damit meine ich durchaus auch meine Wenigkeit) – mittlerweile jeden Tag erlebe. Ich habe das Gefühl, diesen Trend aber auch anderswo festzustellen.

Corona und die Diskussionen rundherum. Sind Sie auch so müde? Bekanntermassen wohne ich ja im Internet, aber es gibt immer öfter Momente, da habe ich absolut keinen Bock mehr, da hinzugehen. Und die Stimmung kippt nicht nur online. Die Leute gehen einander mittlerweile auch auf der Strasse und im Supermarkt an die Gurgel. Als ich vor Kurzem auf die Maximalkapazität eines Lifts verwies, wurde ich aufgefordert, «mit meinem Scheisskind wieder auszusteigen», wurde, nachdem ich doch recht vehement nachfragte, ob ich das gerade richtig verstanden hätte, als «Scheissmutter» betitelt und schliesslich an den Schultern Richtung Lifttüre geschubst. Nicht so, dass ich hätte stürzen können, aber der Mann fasste mich an, weil ich auf ein Einhalten der Auflagen beharrte.

War das im Lift ein böser Mann? Mit hoher Sicherheit nicht. Aber die Lunten der Leute werden kürzer und das nicht nur als schlafschafbuster87 oder aluhuthunter6969 im Internet, sondern auch als Mensch im Alltag.

Schlafschaf und Aluhut, das ist das Dick und Dünn, das Links und Rechts, das Fleischliebhaber und Veganer früherer Diskussionen. Aber mehr als bei den anderen Themen finden diese Debatten ihren Weg ins Zwischenmenschliche – im wahrsten Sinne «zwischen den Menschen». Die angespannte Stimmung, die Unsicherheit, was als Nächstes passiert, wie lange diese Krise noch anhält und welche – gesundheitlichen wie wirtschaftlichen – Konsequenzen sie haben wird, zehren am Nervenkostüm. Wo anfangs noch Solidarität und Einigkeit herrschten, driften nun durch die anhaltende Unabsehbarkeit der Situation immer mehr Menschen in Extreme.

Schlafschaf! Aluhut!, sagen sie einander.

Wissen Sie, ich finde Skepsis wichtig. Es ist richtig, dass man Dinge hinterfragt und sie nicht einfach hinnimmt. Und dann ist es aber auch irgendwann wichtig, dass man Entscheide mitträgt – nur schon, damit der Ausschlag für die Massnahmen irgendwann aufhört. Ich zum Beispiel weiss nicht, ob und wie meine Auftritte nächstes Jahr stattfinden können. Das ist mein Lebensunterhalt. Natürlich bin ich kritisch, wenn in diesem Bereich neue Auflagen erlassen werden. Solche Situationen machen Angst. Das heisst aber nicht, dass ich ohne Maske auf eine Demo renne und selbstverständlich halte ich mich daran, was von Veranstaltern und Locations verlangt wird.

Auch hier, wenn es um Infos geht, kommt die Statistikerin in mir hervor. Wenn es einen Wissenschaftler, eine wissenschaftliche Gruppe oder eine ganze Community gibt, die zu einem bestimmten Resultat kommen, das nicht dem «Mainstream» entspricht, dann lässt mich das zwar aufhorchen, denn – und die Statistik besagt es – es existiert eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie recht haben. Wenn aber die restliche wissenschaftliche Welt zu einem anderen Ergebnis kommt, dann sind diese Wahrscheinlichkeiten halt entsprechend kleiner, als sie wirken. «In der Wissenschaft wird aber betrogen und gelogen». Das ist absolut richtig, das gibt es immer wieder. Das diskreditiert jedoch nicht die gesamte Wissenschaft, es macht die «alternativen» Resultate nicht wahrer und es bedeutet nicht, dass die skeptischen Wissenschaftler es nicht auch tun.

Mir fehlt die Mitte. Mir fehlt die Stimme derjenigen zwischen den Polen, die sagen, «erklärt uns, warum, und wir machen mit». Mir fehlen in den Kommentaren die Quellen wissenschaftlicher Journals anstatt Youtube-Videos. Mir fehlt das «Wir können das noch gar nicht wissen» anstelle schneller, einfacher Antworten, die man angesichts einer solchen Herausforderung noch gar nicht kennen kann. Mir fehlt ein «Ich habe mich geirrt» da und dort. Mir fehlen Wahrscheinlichkeiten statt absoluter Aussagen. Mir fehlt das Gemeinschaftsgefühl innerhalb dieser aussergewöhnlichen Zeit, in der wir uns alle befinden. Mir fehlen konstruktive Diskussionen in der Mitte – ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal einen anständigen Austausch zum Thema gelesen habe. Mir fehlt dieses «Dann mache ich vielleicht halt mal einen Moment etwas, was für mich etwas unangenehm ist – nützts nüt, so schadts nüt».

Mir fehlt die Mitte. Grösse 40/42 dieser ganzen Debatte.

Mir fehlt die Mitte zwischen blinder, kritikloser Obrigkeitshörigkeit und konstanter Paranoia. Mir fehlt die Mitte zwischen Angst vor dem überall drohenden Tod und der Angst, ständig und überall manipuliert zu werden. Keins dieser Extreme ist Grundlage für eine anständige Lebensqualität – nicht für uns und nicht fürs Miteinander.

Wer völlig blind ist, rennt sich irgendwann die Birne ein. Wer überhaupt nicht mehr schläft, verendet.

Mir fehlt die Mitte.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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