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Yonnihof

Sechs Monate Mutterglück – Eine ehrliche Zwischenbilanz

Bild: shutterstock

Von Liebe, Farbe, Glück - aber auch von Monotonie, Langeweile und Klaustrophobie.



Wenn Ihnen dieser Text zu lang zum Lesen ist, kann ich Ihnen hier gleich zusammenfassen, was nun in vielen Worten folgt: Wir sollten ehrlicher übers Elternsein reden. Sodeli.

Jetzt will ich erklären, wieso das meines Erachtens so bitter nötig ist und welche Einsichten ich bisher gesammelt habe.

Übermorgen vor sechs Monaten, an einem blendend schönen Herbsttag, kam unser Sohn zur Welt. Seither ist meine Welt unendlich viel voller und unendlich viel lustiger und farbiger, aber sie ist auch brutal anders. Ich habe Mühe damit, dass man über Mutterschaft (und ich rede hier von Mutterschaft, weil ich halt eine Mutter bin und ich nicht für Väter reden will/kann) nicht kritisch reden darf. Über jeden anderen Beruf darf man das – und Elternschaft ist teilweise auch genau das. Ein Beruf mit Pros und Contras. Teils Berufung, teils einfach ein Job mit Kehrseiten und Aufgaben, die man nicht mag. Und es ist ein Beruf, der einem enorm viel abverlangt, physisch und psychisch. Warum es so dermassen verpönt ist, das auszusprechen, habe ich bis jetzt nicht kapiert. Vielleicht, weil diesem Job eine Komponente zugrunde liegt, die andere nicht haben: Die Liebe zu einem (anfangs komplett hilflosen) Menschen und das Commitment, ein Leben lang an seiner Seite zu sein.

Warum deshalb alles von Anfang an rosarot und perfekt sein soll, erschliesst sich mir bis heute nicht. Hier ein paar ehrliche, natürlich subjektive Einsichten aus den ersten sechs Monaten mit Kind.

1. Nicht jede Frau ist eine Minibaby-Mama aus Leidenschaft

Ich bin sicher, es gibt Frauen, die die Zeit mit einem sehr sehr kleinen Baby geniessen, die darin aufgehen, das kleine Wesen non-stop am Körper zu haben, es rumzutragen, ihm Liedli zu singen und es herzig anzuziehen.

Ich bin keine solche Frau.

Die allererste Zeit mit dem Baby, wenn ausschliesslich Energie ins Kind hineinfliesst und kaum etwas zurückkommt, der Kontakt unglaublich physisch ist, Kommunikation fast nur in eine Richtung stattfindet … Sie war für mich sehr schwierig. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht so, als hätte ich keine Freude an meinem Sohn gehabt und ich habe ihn auch nicht einfach links liegen gelassen, sondern habe brav auch zum 105. Mal am Tag den «Tusigfüessler Balthasar» gesungen und im Büechli auf Tierli gezeigt und die entsprechenden Geräusche gemacht. Das aber nicht, weil es mir speziell Freude machte, sondern weil ich wusste, dass es wichtig war und dass es meinem Kind, das ich über alles liebe, guttut. Die wenigsten Frauen reden offen darüber, aber der Alltag mit einem sehr kleinen Kind ist manchmal einfach stinklangweilig. Punkt.

2. Eine Geburt ist ein Systemschock, der Raum braucht

Ich verstehe, wenn der eine oder die andere bereits jetzt findet, ich sei hier nur am motzen. Das ist nicht das Ziel. Aber ich bin auch nicht bereit, all die Mythen aufrecht zu erhalten, die uns (gerade uns Frauen) immer wieder eingebläut werden und die uns das Gefühl geben, das, was mit uns nach der Geburt passiert, sei schlecht oder falsch. «Du wirst sofort schockverliebt sein», sagten sie. War ich nicht. Ich war voller Neugier und Gwunder und Faszination, aber ich kannte diesen kleinen Menschen noch nicht und ich brauchte eine Weile, bis er mir so unendlich nah war wie heute. «Du wirst nie wieder dieselbe sein», sagten sie. Doch. Ich bin noch immer sehr fest ich und ich habe auch sehr fest vor, ich zu bleiben – ich denke sogar, dass das langfristig meinem Kind zugute kommen wird.

Die Geburt meines Sohnes war das Fundamentalste, was mir je passiert ist. Fundamental ist weder rein positiv noch rein negativ, es ist einfach anders. Mit allen Facetten. Mit absolut irrem Glück, tiefster Liebe, viel Lachen, Nähe, Wärme, aber eben auch mit Einbussen. So stellte sich bei mir persönlich auch eine Art Trauer um das ein, was ich nun nicht mehr hatte. Das will nicht heissen, dass ich meinen Sohn je wieder hergegeben hätte, aber ich trauerte um die Flexibilität, die Spontaneität, die Sexiness, die Freiheit meiner Vergangenheit. Und diese Trauer musste Platz bekommen, ohne dass ich ihretwegen ein schlechtes Gewissen haben musste.

3. Es wissen es immer alle besser

Warum genau es so ist, weiss ich bis heute nicht, aber Elternschaft in Zeiten sozialer Medien, das ist ein Kleinkrieg.

Denn: Jede/r ist Experte.

Das kann ich irgendwie nachvollziehen, aber man ist letztendlich halt einfach nur Experte, was das eigene Kind betrifft. Und die Knöpfe sind unglaublich unterschiedlich. Da passieren Grenzüberschreitungen, die ich in meinen wildesten Träumen nicht für möglich gehalten hätte, angefangen bei ungefragten Tipps bis hin zu Beleidigungen, dass sich die Balken biegen. Das Thema ist hoch-emotional, das kann ich schon nachvollziehen, aber mir würde nicht im Traum einfallen, einer anderen Frau während deren Schwangerschaft auf Instagram eine Message zu schreiben, ich hätte sie am HB im Sushiladen gesehen und ob ich denn nicht wisse, dass ich das nicht dürfe. Nebst der Tatsache, dass ich Vegi-Sushi gekauft habe, dürfte ich letztlich auch einen rohen Wal essen, wenn ich das so wollen würde.

Nochmal: Die Motivation kann ich nachvollziehen, man will dieses hilflose Wesen schützen, aber wo ist die Grenze? Ich finde das ethisch recht schwierig einzuschätzen (Stichwort Irina Beller und das tägliche Glas Champagner trotz Schwangerschaft) und ich habe auch keine Pauschalantwort, wo mein Garten aufhört und derer anderer anfängt, wenn es ums Wohl eines unschuldigen Wesens geht. Dann sind da noch Bandenkriege zwischen Trage-Mamis und… äh… ich weiss nicht einmal, wie die andere Gang heisst. Schiebe-Mamis? Was ich da schon an wirklich boshaften Auseinandersetzung gelesen habe, hätte ich mir vor der Geburt nicht im Traum ausmalen können. Und das alles nur aus Liebe – ist doch irgendwie seltsam, nicht?

Eltern zu werden ist – wie vieles andere – ein Trade-Off. Ich finde es völlig irr und unverständlich, dass uns nach wie vor eingebläut wird, die negativen Seiten dieser fundamentalen Lebensumstellung dürften keinen Platz bekommen. Das ist doch Blödsinn. Nebst Schlafmangel, eher mediokrer Körperhygiene und konstantem Zeitmangel für sich selbst, geschweige denn für die Paarbeziehung, machen wir uns so auch noch ein schlechtes Gewissen, wenn wir all diese Veränderungen nicht immer nur mega lässig finden.

«Dänn muesch halt keis Chind ha!» habe ich einst unter einem ehrlichen Statement zum Elternsein gelesen. Doch. Sollst du. Es kann doch nicht sein, dass es beim Kinderhaben nur perfekte Harmonie und Hingabe gibt und man ansonsten doch davon absehen sollte, sich fortzupflanzen. Ich glaube, sich selbst nicht total aufzugeben, sobald so ein kleiner Nugget daherkommt, ist sogar etwas, was langfristig auch dem Kind zugute kommt, bzw. zugute kommen kann.

Mir wurde prophezeiht, ein Kind zu bekommen sei die totale, ultimative Erfüllung. Nun ja, mein Leben ist definitiv voller, das stimmt. Aber nicht nur mit eitel Sonnenschein. Ausserdem würde das ja bedeuten, wer keine Kinder hat (keine haben kann oder schlicht keine haben will), lebe kein erfülltes Leben, was ich für totalen Schwachsinn halte.

Ich glaube, dieses Kind zu bekommen, war für mich persönlich mit meiner Lebensgeschichte das Sinnstiftendste, was ich je gemacht habe. Das gilt aber nur für mich und ist keinesfalls eine universelle Wahrheit. Mein Leben ist voller, lustiger, bunter, lebendiger – aber auch monotoner, langweiliger und klaustrophobischer. Es ist wild und erstaunlich und faszinierend, aber auch unbequem und unsexy und anstrengend.

Ich liebe dieses Kind über alles, aber mich halt eben weiterhin auch – ich werde mein Leben lang dafür arbeiten, meinem Sohn eine gute Mutter zu sein, aber ich werde weiterhin auch ab und an Entscheidungen für mich und nur für mich treffen, werde meinen Raum einfordern und erhalten und nebst einer guten Mutter für mein Kind auch mir selbst eine gute Lebenspartnerin sein. Man muss sich die Maske im Flugzeug immer erst selbst anziehen, bevor man jemand anderem – ja, auch den eigenen Kindern – helfen kann.

Ich werde den Teufel tun und mich dafür entschuldigen.

Vill Liebi,
Dini Mueter

yonni und nicolas

Die Autorin und ihr Sohn Nicolas am Tag seiner Geburt. Bild: zvg

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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