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Yonnihof

Meinungsfreiheit ≠ Freiheit von Meinung

Ou lueg, ein Bild von Greta Thunberg, schnell anklicken und Kommentare lesen. Bild: shutterstock



Aus der Tiefe der neuen Mutterschaft möchte ich hier mal schnell zwei Dinge ansprechen, die mich schon lange beschäftigen.

Meine Meinung ist ja so ein bisschen mein Business, nöd wahr. So ist das bei KolumnistInnen. Sie bringen ihre Meinung zum Ausdruck und wenn sie das in einer irgendwie aussergewöhnlichen, unterhaltsamen oder halt derart nervigen Weise machen, dass Andere sie gerne lesen (sei es, um unterhalten oder informiert zu werden oder um sich fürchterlich darüber aufzuregen, das tun wir heute nämlich ach so gern), dann bekommen sie dafür in der einen oder anderen Weise einen Batzen.

So.

Ich habe vorhin gerade einen Artikel über die Geschichte mit Dieter Nuhr gelesen. Ich bin ehrlich gesagt nicht vollumfänglich im Bilde darüber, was da genau abgegangen ist, weil ich einerseits Dieter Nuhr für ziemlich unlustig und narzisstisch halte (narzisstische Tendenzen haben übrigens sehr viele Menschen im Comedy-/Satire-Business, ich eingeschlossen) und andererseits, weil ich Geschichten über weisse Männer (TRIGGER), die auf Greta Thunberg (TRIGGER) rumhacken, sei das aus Überzeugung oder eben genau, um solche Schlagzeilen zu generieren, langsam nur noch langweilig finde.

Die Debatte, die daraus hervorgeht, ist – ich weiss – auch eine alte. Was darf Satire? Was darf man sagen? Wo hört Meinung auf?

Man kann sich über diese Fragen vom Hundertsten ins Tausendste diskutieren und ist am Ende genauso schlau wie vorher, nur dass man halt nochmal zwei Stunden mit irgendeinem Fremden mit dem Pseudonym peter.enis1976 im Internet gestritten hat, anstatt an die frische Luft zu gehen oder das verdammte Altpapier endlich mal zu bündeln. Ich möchte heute aber über zwei Dinge «laut» nachdenken, bzw. sie niederschreiben, die mich im Zusammenhang mit diesen Fragen beschäftigen.

1.) Meinungsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit der Freiheit von Meinung

Beispiel: Ich schreibe etwas, das meine Meinung enthält. Jemand kommentiert und widerspricht mir. Ich nehme die Argumentation auf und bringe meinerseits wieder Gegenargumente. Was dann oft passiert, ist dass mir folgendes gesagt wird: «Kannst du keine anderen Meinungen akzeptieren?» Und da liegt die Krux: Meinungsfreiheit bedeutet, dass man frei seine Meinung äussern darf. Sie bedeutet explizit NICHT, dass einem dann niemand widersprechen darf. Ich habe immer öfter das Gefühl, dass diese beiden Dinge verwechselt werden. So finde ich also, dass Dieter Nuhr selbstverständlich blöde Sprüche über Greta Thunberg klopfen darf. Ich fände es falsch, ihm diese Freiheit zu nehmen, auch wenn ich nicht mit ihm einig bin (siehe: «I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it.») Ich finde aber, dass man ihm widersprechen darf.

2.) Wem muss der Köder schmecken?

Diskussionen wie diejenige über den Klimawandel oder diejenige über Greta Thunberg als Modell (ich fühle mich immer wieder an Frischs «Andorra» erinnert), sind wahre Geldmaschinen, sie sind Katalysatoren, sie sind Wunder der «Kundenbindung». Ob Nuhr die Meinung, die er auf der Bühne erzählt, tatsächlich auch aufrichtig vertritt, weiss ich nicht. Ich denke da aber zum Beispiel an einen Roger Köppel. Ich kann mir ganz ehrlich nicht vorstellen, dass ein Mann mit Köppels Intellekt die Dinge, die er von sich gibt, auch tatsächlich glaubt. Viel eher weiss er ganz genau, dass er damit «Kundenbindung» betreibt. Weil er dann eben der ist, «der endlich mal sagt, was läuft». Er speist wunderbar die Weltbilder seiner Wähler (ich glaube übrigens, dass dieses Schema auf der anderen Seite des politischen Spektrums genauso funktioniert) und ich komme nicht umhin, an folgendes Zitat zu denken:

«Der Köder muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.»

Das Gleiche gilt für die Medien. Ich bin mir der Brisanz des Begriffs «die Medien» bewusst. Aber dort funktioniert's mit solchen Schlagzeilen genau gleich. Thunberg = Emotionen. Emotionen = Diskussionen. Diskussionen = Klicks. Klicks = $$$. Letzten Endes mache ich hier wohl nichts anderes, wobei mir diese beiden Themen tatsächlich schon länger unter den Nägeln brennen. Sage ich jetzt. Ob Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, mir das glauben, ist Ihnen überlassen. Vielleicht bin ich ja auch eine manipulierende Anglerin und sehe in Ihnen lediglich einen Koi-Teich voller glänzender Bätzeli.

Ka-Ching, Bitches.

Worauf ich mit Teil zwei hinaus will, ist dann auch genau das: «Die Medien» machen Business, unter anderem mit unserem Drang, unsere Meinung kund zu tun, mit unserem Voyeurismus und mit unserem Genuss, gehässige Diskussionen zu lesen oder gar zu führen. Kann man ihnen das übel nehmen? Teilweise ja. Teilweise nein, denn sie sind letzten Endes halt einfach das: Organisationen, die Geld machen wollen.

Was mir bei diesem Teil der Debatte aber öfter fehlt, ist die Selbstverantwortung der Lesenden. Ich kann schon sagen «Scheiss-Clickbait» (wörtlich ist «Bait» ja auch tatsächlich «der Köder»), «Scheiss-Medien». Ich kann mich dann aber auch entscheiden – und das sage ich im Rahmen einer Selbstkritik und sofern ich mich als Manipulierte selbst erkenne – dass ich eben Artikel, die sinngemässe Titel wie «Alter weisser Mann föppelt 16-jähriges Heldenmädchen» tragen, einfach nicht mehr anklicke, die Diskussionen darunter nicht (genüsslich) lese und mich nicht daran beteilige.

Ob ich das immer schaffe, weiss ich nicht. Ziemlich sicher nicht. Aber ich kann's ja mal versuchen.

Und jetzt geh’ ich mein Altpapier bündeln.

MfG, Ihr Wolfsbarsch

P.S. Haha, «WolfsbARSCH».

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (37) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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