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Yonnihof

Eine flog über das Kuckucksnest – Liebesgrüsse aus der Psychi

Bild: shutterstock

Die Geschichte vom Beginn einer Gesundung und ihrer unerwarteten Begleiter.



Als erstes mal pauschal: fick Stigmata. So.

Das sage ich nicht nur, weil ich gerne mal ein bisschen im Internet rumfluche und die Mehrzahl von Stigma so hübsch anzuschau’n ist, sondern weil ich voll und ganz hinter dieser Aussage stehe.

Hier kommen die Gründe dafür: In letzter Zeit wurde und war alles zu viel für mich. Überforderung mit meiner neuen Mutterrolle, postpartale Depression und die dazugehörige Rekonvaleszenz, zeitliche Über-, intellektuelle Unterforderung, Schreibblockade, Wegfallen von Unterstützung wegen Corona, keine Auftritte wegen Corona, zu viel Alkohol (teils wegen Corona), soziale Isolation wegen Corona. Dies sind keine Rechtfertigungen, es sind Erklärungen. Das eine enthält Wertung, das andere nicht. Dies ist nur eine von vielen Differenzierungen, die ich allein in der letzten Woche gelernt habe. Zu den anderen komme ich später.

Es war also zu viel. Von allem. Und eben auch vom Nichts (-tun können).

Und es kam der Zusammenbruch, der sich lange schon angebahnt hatte. Und deshalb bin ich seit Samstag in stationärer Behandlung. In der Psychi, wie der Helvetier so gerne sagt.

So.

Fällt es mir schwer, das zu schreiben? WEISCH WIE! Und genau deshalb sollte ich darüber reden, damit es anderen später leichter fallen möge. Ich will erzählen. Man hört ja oft fürchterliche Berichte aus psychiatrischen Kliniken. Aber die fürchterlichen sind halt die, die laut sind, weil sie erschrecken – und die verbreiten sich und zeichnen ein Bild. Und ich will weder sagen, dass diese Geschichten unwahr sind, noch dass unser medizinisches, bzw. psychiatrisches Gesundheitswesen fehlerfrei ist. Ich will auch nicht sagen, dass Ärzte und Psychologen und Pflegende es nie verkacken.

Aber ich will hier eine Lanze brechen: für die Versorgenden, aber vor allem auch für all die wunderbaren Menschen, die als PatientInnen mit mir zusammen hier sind.

Als ich am letzten Samstag hier ankam, war ich am Boden. Der Eintritt war eine gemeinsame Entscheidung meines Mannes und mir, nachdem wir es über längere Zeit noch zuhause versucht hatten. Es ging nicht mehr. Mein Mann war verzweifelt, ich auch. Also schlug ich nachmittags mit meinem unter Tränen gepackten Köfferli hier auf.

Ich kam auf meine Station, wo Leuten mit allerlei Krisen geholfen wird. Also so bitz Mischmasch. Und genau so waren auch die Menschen hier. Ein Sammelsurium aus Persönlichkeiten und Lebensgeschichten. Anfangs, als ich selbst noch sehr labil, ohne Schlaf, zerbrochen und nach dem Abschied von meiner Familie tieftraurig war, waren sie mir ungeheuer. Einige redeten viel zu laut, sagten immer wieder dieselben Sätze. Andere waren komplett in sich gekehrt. Meine Zimmernachbarin war für mich anfangs sehr schwer erträglich. Eine winzig kleine Südamerikanerin*, die ich kaum verstand, die aber trotzdem ständig mit mir sprach. Das Radio lief non-stop, auch das brachte mich völlig aus dem Gleichgewicht. Ich war reizüberflutet, wollte nach Hause oder einfach nur schlafen. Alle zwei Stunden weckte man mich und überprüfte, ob ich noch da war und wie meine Vitalzeichen waren. Am Morgen sagte ich der Pflegefachfrau, man möge mir bitte bitte bitte ein anderes Zimmer geben.

Was habe ich da bloss getan, fragte ich mich. Ich will zu meinem Baby und zu meinem Mann. Weg vom Lärm, der Irritation, dem Schmerz.

Nun, dies ist eine offene Station. Ich hätte jederzeit rauslaufen können. Und wie Sie wissen, bin ich da geblieben. Mein Wunsch, zu gesunden, überwog – für mich, für meinen Mann und vor allem für unser Kind – und ich überstand die ersten schwierigen Stunden und Tage. Ein Fakt, auf den ich heute sehr stolz bin. Ich hatte Gespräche mit Ärzten und der Pflege. Ohne dass ich es merkte, begann ich, alles besser zu ertragen.

Auch an Tag 2 und 3 erkundigte ich mich noch nach einer Zimmer-Alternative. Als man mir an Tag 4 eine anbot, lehnte ich ab. Frau Lautsprecher und ich hatten uns arrangiert, unterhielten uns in unserer ganz eigenen Form von Esperanto. Zusammen waren wir Radio Gaga in der positivsten Weise. Auch den riesigen, langhaarigen Goth*, der immer wieder den gleichen Satz sagt, fand ich nun nicht mehr furchteinflössend, sondern in seiner eigenen Art rührend und liebenswert. Wenn er mitten im Mittagessen, wenn alle schon zehn Minuten am Mampfen waren, sonor «EN GUETE» brüllte, sagte ich, anstatt zusammenzuzucken, zwitschernd «Danke gliichfalls». Der Goth und ich, wir sind ohne viele Worte Homies.

Wissen Sie, diese Situation hier ist für mich ja noch auf eine andere Art fordernd. Ich bin in der Rolle der Patientin, nicht derjenigen der Therapierenden, der Zuhörenden, der Helfenden. Manchmal komme ich nicht umhin, mit meinen MitpatientInnen zu reden oder sie zu fragen, wie es ihnen geht. Ganz weg bringt man das wohl nicht. Aber es hat einerseits etwas Schmerzhaftes, Schambesetztes, auf «der anderen Seite» zu sein; obwohl ich immer fand, man müsse sich für psychische Probleme nicht schämen – wenn man sich das Bein bricht, tut man das ja auch nicht: Ist man mittendrin, ist's nochmal etwas anderes. Es lehrt einen andererseits jedoch nochmal eine ganz andere Form der Demut und des Respekts allen Betroffenen gegenüber.

Nun aber zur leichteren Seite, diejenige ennet des Berges, wo die aussergewöhnlichen Menschen, die mit mir hier sind, eine grössere Rolle zu spielen begannen. Zum Beispiel in der Bewegungstherapie, wo ich mit einer Schweizerin in meinem Alter*, einem wohl etwas älteren, durchtrainierten Deutschen* und einem circa 60-jährigen Südosteuropäer*, der im Hemd angetreten war, eine Stunde lang zu Soul- und Funk-Musik auf einem dieser Sitzbälle rumrugelete, schnaufte, mich streckte, plankte, dehnte, usw. Da und dort kippte wieder irgendwer zur Seite, irgendwo stöhnte es (okay, vielleicht war das auch ich), hier und da ertönte ein «AUA» und ich glaube, jemand zerrte sich einen Muskel im Versuch, sich selbst zu beweisen, dass er mit seinen Fingern noch bis zu seinen Zehenspitzen kommt. Es war grossartig. Und lustig. Und schön. Und: Es war leicht.

Leichtigkeit: ein Gefühl, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Und siehe da: Ich konnte endlich wieder schreiben.

Ich bin mir bewusst, dass ich in einer sehr privilegierten Situation bin, gerade im Vergleich zu anderen PatientInnen auf der Station. Ich habe ein grossartiges Bezugssystem. Ich habe eine Familie, die nicht nur unterstützend, sondern auch fachkundig ist – obwohl die Ärzte und Psychotherapeuten in meinem Leben im Moment viel mehr Stützen und Begleiter sind als Berufspersonen, wofür ich enorm dankbar bin. Ich bin offen für alle Formen der Therapie. Ich bin bereit, vieles auszuprobieren und ich habe keine Angst vor Medikamenten, solange ich entweder bereits weiss, wofür sie sind, oder aber mir klar dargelegt wird, wie sie wirken und was man sich von ihnen verspricht. Ich habe ein objektives Verständnis für das, was mit mir passiert ist – was nicht bedeutet, dass ich es subjektiv verstehe.

Und hier komme ich zurück zum Anfang meines Textes, wo ich sagte, ich hätte unterschiedliche Differenzierungen gelernt. Zum Beispiel diejenige zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld gibt man, Verantwortung übernimmt man. Ich arbeite daran, zweites zu üben und erstes zu unterlassen. Dann ist da der Unterschied zwischen Entschuldigung und Dankbarkeit. Ich sage viel zu oft sorry, ich sage aber auch sehr oft danke. Erstes will ich abbauen, zweites pflegen. Und dann sind da noch Dinge wie «Kontrolle an sich reissen» (kann ich mega gut) und «Delegieren» (kann ich nicht), was darin resultiert, dass ich alles auf mich bürde, mich dann aber beklage, dass es zu viel ist. Das muss ich überarbeiten.

Und dann ist da noch einer der Kernpunkte, der mich schon mein ganzes Leben begleitet, den ich oben mit «objektiv wissen, was passiert, subjektiv jedoch nicht» angesprochen habe und den mir die grossartige Stationsoberärztin bereits beim Erstgespräch mit gütigen Augen über ihre Maske hinwegschauend vor den Latz knallte: «Frau Moreno, Sie müssen lernen, Ratlosigkeit auszuhalten». BÄM! Ich glaube, das ist etwas vom Allerschwierigsten, was es im Leben gibt – nicht nur für mich, sondern für ganz viele. Es ist eine Mammutaufgabe.

Den Sprint habe ich hinter mir, nun beginnt der Marathon in vielen tausend einzelnen Schritten. Hätte ich ein gebrochenes Bein, käme nun der Übertritt vom Spital in die Reha. Davor habe ich Angst, aber es würde mich fast mehr beunruhigen, wenn ich keine hätte.

Ich bin stolz, dass ich hierher gekommen – und dass ich geblieben bin. Ich bin stolz, dass ich ehrlich war, in allen Gesprächen und ja, auch hier. Nackte Ehrlichkeit und Verletzlichkeit haben etwas wahnsinnig Befreiendes, weil man keine Angst mehr haben muss, durchschaut zu werden.

« Ja, mir ging's superdreckig, ich war überfordert und krank - sag' mir was, was ich noch nicht weiss, Sucker.»

Ich bin stolz, dass ich Fassaden niedergerissen und meinen Finger in sehr schmerzhafte Wunden gehalten habe. Ich bin stolz, dass ich verwundbar blieb. Ich bin stolz – nicht darauf, dass ich gestürzt, sondern darauf, dass ich nicht liegen geblieben bin. Und ich bin stolz, diesen Text verfasst zu haben, auf dass er vielleicht ein paar Menschen das Leben ein kleines bisschen leichter machen werde.

Ich habe Freude an meiner neuen Art der Selbstkritik, die keine Selbstzerfleischung und/oder -kasteiung mehr ist, sondern eine Mischung aus Selbstpflege und Selbstdisziplin. Ich habe Freude an all den Dingen, die ich über mich erfahren habe. Ich habe Freude an den schweren, aber unglaublich guten Gesprächen, die ich mit meinem Mann (meinem treuen, wundervollen Mann, der an meiner Seite steht, jeden Tag hierher kommt, mir jeden Tag sagt, wie sehr er mich liebt, wie stolz er auf mich ist und dass wir das zusammen durchstehen) und dem Rest meiner Familie täglich führen kann, die ich mich nun endlich zu führen traue.

Und ich habe Freude an all den wunderbaren, grossartigen, kurrligen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte.

Dieser Text ist euch gewidmet. All meinen «fellow freaks and misfits», die ihr einzigartig und liebenswert seid, nicht obwohl ihr anders seid, sondern weil ihr es seid.

Eine kleine Bitte zum Schluss: Seid in den Kommentaren acht- und sorgsam mit mir und meiner Geschichte, aber auch mit denjenigen anderer. Danke.

* Die Identitäten wurden aus Persönlichkeitsschutzgründen verfälscht.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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131 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Michele80
13.06.2020 14:07registriert April 2019
Es ist lange her, dass ich einen Text las, der so gut tat und gleichzeitig so weh.
Danke Yonni für deine Worte!
70311
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Samurai Gra
13.06.2020 13:54registriert June 2016
Ich wünsche Gute Besserung und alles Gute auf dem Weg 🤗
4128
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esmereldat
13.06.2020 14:15registriert March 2016
Toller, starker Text. Danke dafür!
38211
Melden
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131

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