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So funktioniert Snapchat
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Zwei «Snapchat-Spammer» verraten, wie sie mit Tussi-Selfies und Penisfotos 800 Franken täglich verdienen



Hinweis

Dieses Interview wurde von Autor Guido Augustin geführt und uns von BASIC thinking zur Verfügung gestellt:
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Manuel und Sven (Namen geändert) wollen anonym bleiben. Sie profitieren von Fehlern im System – sowohl technisch als auch intellektuell bei den Anwendern. Sie verdienen (fast) vollautomatisiert jeden Tag bis zu 800 US-Dollar mit Snapchat. Der Trick: Möglichst viele Fake-Accounts anlegen und Content mit Links anreichern, die Geld einspielen. Im Interview mit «BASIC thinking» erzählen die beiden offen von ihrem  zweifelhaften Geschäftsmodell, seinen Möglichkeiten und Grenzen, Perspektiven und Risiken.

Welche Inhalte verschickt ihr über Snapchat?
Manuel und Sven:
Wir posten vom Karnickel bis zu Titten, meist sind es Selfie-artige Bilder, aber keine Nippel.

Also keine Pornographie?
Nein, niemals. Das ist uns einfach zu heiss. Allein schon, weil die «Models» oft sehr jung sind oder wenigstens so aussehen.

Woher kommen die Inhalte, also die Bilder?
Das meiste von Reddit, aber auch anderen Plattformen wie Imgur, Tumblr oder 4chan. Wir haben ein Archiv mit rund 50'000 Bildern. Früher waren es viel mehr, aber dann haben wir radikal aussortiert, um nicht in die Porno-Nähe zu rücken.

Wie häufig erweitert ihr eure Content-Datenbank?
Gar nicht. Wir arbeiten mit dem Bestand. Snapchat ist ja – zumindest theoretisch – ein flüchtiges Medium. Da fallen Vergleiche schwer – sowohl für Nutzer als auch für Beobachter. Es gibt bei Snapchat keine Beobachter, weil alles in geschlossenen Zirkeln passiert. Das spielt uns natürlich in die Karten. Auf Twitter beispielsweise ist dies ja ganz anders. Da kann sich jeder ganz leicht ansehen, was ein Account in der Vergangenheit gepostet hat.

Wie häufig posten Eure Fake-Accounts?
Etwa alle 30 Minuten. Selbstverständlich gibt es eine Routine, die den Zeitpunkt nach dem Zufallsprinzip variiert.

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Gibt es weitere Interaktionen, Chat-Bots beispielsweise?
Nein, wir posten, die anderen dürfen lesen. Das ist alles. Klar könnten wir mit denen chatten, die US-Teenager würden das erst nach Wochen merken – wenn überhaupt. Aber wir haben festgestellt, dass uns das gar nicht viel mehr bringt. Also der Aufwand rechnet sich nicht. Da bleiben wir lieber bei unserem linearen Modell.

«Wir sind halt ziemlich versaut, was Wachstumskurven und Erträge angeht.»

Seht ihr euch selbst als Spammer?
Nein. Das ist kein Spam. Was wir machen, ist nicht böse, es ist aber auch nicht ganz richtig. Moralisch, naja …

Wie viele Accounts betreibt ihr parallel?
Etwa 600. Früher waren es viel mehr, da war Snapchat nachlässiger, da konntest du in kürzester Zeit Accounts mit 50'000 Freunden und mehr züchten, das geht jetzt nicht mehr.

Und jetzt?
Jetzt gehen wir bis etwa 5'000 Freunde und befreunden viel langsamer als früher. Über 5'000 schaltet Snapchat schnell ab.

Warum habt ihr nicht mehr Accounts als diese 600?
Weil wir nicht mehr bekannte Nutzer haben, mit denen wir sie befreunden können. Früher wurde die ganze Freundesliste mitgeliefert, das geht nicht mehr. Wir haben eine Datenbank mit 6'000'000 Nutzernamen, davon waren etwa 850'000 in den vergangenen drei Monaten aktiv. Bei 600 Accounts mit 5'000 Kontakten sind das 3'000'000 Kontakte, dabei gibt es selbstverständlich Überschneidungen.

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Wie lange dauert es, bis so ein neuer Account komplett aufgezogen ist?
Etwa einen Monat. Früher konnten wir in zwei bis drei Tagen Accounts auf 30'000 Kontakte und mehr hochfahren. Das geht nicht mehr und wir sind auch vorsichtiger geworden.

Merken das echte Accounts denn nicht, dass ihr Fake-Profile betreibt?
Du glaubst nicht, wie blöd die sind. Das ist das Erschreckende dabei. Die denken tatsächlich, wir wären Menschen. Dabei musst du dir das nur mal einen Tag ansehen, dann weisst du Bescheid. Wir jagen ein Tussi-Selfie raus, No-Nipple-Policy selbstverständlich und bekommen 20 Schwanzfotos zurück.

Was tut Snapchat gegen Modelle wie eures?
Was wir machen, verstösst gegen deren Nutzungsbedingungen. Aber so richtig ernst machen sie nicht. Sonst wären wir wahrscheinlich schnell weg vom Fenster. Sie schalten halt immer wieder Accounts von uns ab, weil ihnen deren Verhalten auffällt.

Wie viele fallen dem dann zum Opfer?
Wenn der Hausmeister da war, fehlen schon mal 50 Accounts, mehr als 80 waren es noch nie auf einmal.

Könnte Snapchat euch anhand der Accounts finden?
Extrem unwahrscheinlich. Wir arbeiten mit über 100 verschiedenen Proxies.

Wie läuft das technisch?
Snapchat gibt es ja nicht im Web. Wenn wir also 600 Accounts fahren wollen, brauchen wir 600 Handys. Wir haben hier selbstverständlich keine 600 Geräte liegen und beauftragen auch keine Klickfarmen in Indien oder China. Das ist auch gar nicht nötig. Wir simulieren die Handys.

Ist das aufwendig?
Gar nicht. Die einzige Hürde, die wir nehmen müssen, ist der erste Handshake mit Google, um von denen einen Token zu bekommen. Tatsächlich kaufen wir dafür PVAs, also «Phone Verified Accounts», die kosten auf dem Graumarkt mittlerweile um die 40 Dollar für 100 Stück.

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Was macht ihr mit diesen Accounts?
Wir brauchen die ja nur, um Google zu zeigen, dass wir ein Handy haben. Wir ändern nicht einmal das Passwort, das alles ist tatsächlich technisch sehr einfach.

Das heisst, jeder mit ein bisschen technischem Sachverstand könnte das nachmachen?
Ja und nein. Tatsächlich ist unser Geschäft auch eine Art Wettrüsten. Selbstverständlich mögen Google und Snapchat nicht, was wir tun, deswegen führen sie immer wieder mal neue Sicherheitsvorkehrungen ein, die wir dann wieder umgehen müssen.

«Keine Kunden, die sich beschweren könnten. Ein herrlich ruhiges Leben.»

Ein Beispiel?
Wenn Google anhand einer Telefonnummer den Account verifizieren will, melden wir eben eine Telefonnummer irgendwo auf der Welt an. Du kannst dir heute ja für einen Dollar weltweit eine Telefonnummer bestellen und auf deinem Notebook klingeln lassen. Doch was der eigentliche Hammer ist: Die Initialverschlüsselung für den ersten Datenaustausch mit Android stammt aus den 80er-Jahren. Deswegen verwenden wir auch die Original-Java-Bibliothek von Google, die ist so herrlich unperfekt.

Kommen wir zum Business. Ihr verdient damit ja Geld.
Ja klar, bis zu 800 US-Dollar am Tag. Für ein vollautomatisiertes Geschäft nicht schlecht, oder?

Wirklich vollautomatisiert?
Nein, nicht ganz. Alles, was wir noch von Hand machen, sind Snapchat-Captchas lösen. Da macht einer von uns 30 pro Tag und gut ist.

Ein einfaches, aber wirksames Business-Modell also?
Ja, absolut. Und das Beste: Es gibt keine Kunden, die sich beschweren könnten. Ein herrlich ruhiges Leben.

Wie hat Euer Business auf Snapchat angefangen?
Wir hatten die Idee und haben sie getestet: Also haben wir einen Laptop genommen, ein PHP-Skript laufen lassen und hatten am nächsten Tag fünf Dollar verdient. Was einmal geht, geht 100 Mal, geht auch 1'000 Mal. Deswegen haben wir das systematisch hochgezogen.

Womit verdient ihr euer Geld genau?
Mit Affiliate-Links. Wir schreiben auf die Bilder einen Aufruf und eine verkürzte URL, das ist alles. Da steht dann sowas wie «Gewinne ein iPhone 6» oder «E-Book kostenlos herunterladen». Was auch immer geht, sind Dating-Plattformen, Alibaba und Messaging-Tools. Die Teenager schreiben die URLs ab, anklickbarer Link geht ja nicht und jedes Mal verdienen wir ein bisschen daran. Wir sind moderne Bauern – wir melken die Rinder auf der Wiese, so lange es geht. Nur die Schlachtung, die machen nicht wir, sondern Snapchat.

Trackt ihr den Erfolg verschiedener Bilder, Themen und Link-Arten?
Das könnten wir machen, aber das wäre zu aufwendig. Geht doch auch so.

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Wie viele Posts sind mit Affiliate-Links versehen?
Etwa jeder Fünfte.

Wie hoch ist da die Conversion?
Schlecht. Sehr schlecht. Genau sagen will ich es nicht, es ist auch egal. Das ist Economy of Scale. Dahinter stecken die Massen. Deren Zahl ist gross – und deren Dummheit auch.

Betreibt ihr ein angemeldetes Unternehmen?
Na klar, wir haben eine ganz ordentliche GmbH und versteuern alle Einnahmen. Wir bekommen aus aller Welt von den Affiliate-Jungs Überweisungen und manchmal sogar Schecks. Das wiederum ist ein echtes Problem für uns.

Wieso?
Wegen des Finanzamts. Die wollen dann wissen, welche Rechtsperson da Geld schickt, was deren Umsatzsteuer-ID sei und all solche Sachen – mit Recht. Doch dann haben wir einen, der sitzt in den Niederlanden, betreibt sein Geschäft aber über Virgin Islands. Erklär das mal in 50 Einzelfällen einem deutschen Finanzbeamten. Wir haben ja noch Glück, dass wir ein Finanzamt haben, die wenigstens zugeben, dass sie das nicht verstehen. Dann können wir es ihnen wenigstens erklären. Aber grundsätzlich lehrt uns das, dass Deutschland als Standort für ein digitales Business eine Katastrophe ist. Die ganzen bürokratischen Anforderungen können einen in den Wahnsinn treiben. In anderen Ländern haben das Jungunternehmer mit digitalen Geschäftsmodellen so unendlich viel leichter.

Zum Beispiel?
Wir zahlen ja gerne Steuern, weil wir die Vorteile in diesem Land anerkennen. Aber wenn Schulden oder Vorauszahlungen sofort gezogen werden, Rückzahlungen aber Monate dauern, geht das schon mal an die Substanz. Da musst du als Unternehmen kerngesund sein, sonst überlebst du manche Kapriole des Finanzamts nicht lange.

Wie lange wird dieses Geschäftsmodell noch gutgehen?
Bis Snapchat das wirklich nicht mehr will. Dann schalten sie uns ab. Ich denke, nächstes Jahr ist es vorbei.

Habt ihr Angst vor juristischen Konsequenzen?
Nein. Etwas Sorge hatten wir früher wegen möglicher Porno-Inhalte. Aber seit wir riskanten Content aussortiert haben, nicht mehr. Die heuchlerischen Amis, haben die grösste Porno-Industrie der Welt. Ist denen ziemlich egal, was auf Snapchat läuft, Hauptsache die Daily-Active-User stimmen.

Was macht ihr, wenn es mit Snapchat vorbei ist?
Wir entwickeln parallel neue Konzepte, zu denen wir aber noch nichts sagen möchten. Wir sind halt ziemlich versaut, was Wachstumskurven und Erträge angeht. Vielleicht machen wir was mit Krypto-Währungen. Es verändert sich halt alles mit rasender Geschwindigkeit. Ich muss immer lachen, wenn Leute mir sagen, dass sie am liebsten gar nichts davon wissen wollen, von den ganzen Veränderungen. Das ist doch, als würdest du mitten im Fluss aufhören zu schwimmen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf basicthinking.de.

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