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Ein QAnon-Gläubiger an einer Demonstration gegen Corona-Massnahmen. bild: shutterstock

QAnon-Verschwörung: Jetzt besteht die einmalige Chance, Menschen zurückzuholen

Die QAnon-Verschwörung hat auch in Europa grossen Zulauf. Doch Experten sagen: Nach der Vereidigung von Joe Biden ist der beste Zeitpunkt, um sich an betroffene Verwandte und Bekannte zu wenden.

Ali Vahid Roodsari / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Satanistische Eliten entführen Kinder und foltern sie, um aus ihrem Blut ein Mittel für eine Verjüngungskur zu gewinnen.

Klingt irrwitzig?

Zumindest nicht für jene, die an die QAnon-Verschwörung glauben. Sie kämpfen auch gegen den angeblichen Deep State, also den vermeintlichen Staat im Staate. Und sie sind überzeugt, dass nur Donald Trump die Menschheit vor all den Bedrohungen retten kann.

Millionen Menschen halten solche Geschichten für wahr – auch bei uns hat die Verschwörungs-Bewegung seit Beginn der Corona-Krise starken Zulauf. Manch einer hat sich vielleicht sogar mit Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten wegen ihrer QAnon-Fantasien zerstritten. Ihnen sei gesagt: Nach der Vereidigung von Joe Biden zum US-Präsidenten besteht vielleicht die beste Chance, auf diese Verschwörungstheoretiker zuzugehen und, fast noch wichtiger ist: sie wieder in die Realität zurückzuholen.

Weltbild in Gefahr nach Biden-Vereidigung

Dazu mahnt zumindest Miro Dittrich auf Twitter. Er ist Experte für Verschwörungserzählungen wie QAnon und rechtsextreme Netzwerke im Internet. Im Telefongespräch mit watson-Medienpartner t-online sagt er: «Der Glaube war, dass Donald Trump auch nach dem 20. Januar Präsident bleiben werde. Weil eben diese offensichtliche Prophezeiung nicht stattgefunden hat, kommen bei vielen Leuten Zweifel auf.»

Ähnliches sagt auch Pia Lamberty, Psychologin und Expertin für Verschwörungserzählungen: «Viele der Narrative von QAnon waren auf die Präsidentschaft von Donald Trump aufgebaut. Nun sind mit der Vereidigung von Biden die Anhänger mit neuen politischen Umständen konfrontiert, die auch das eigene Weltbild beeinflussen können». Laut Lambery können nun zwei Fälle eintreten: Entweder werden radikalere Erklärungen gefunden oder die Menschen beginnen, zu zweifeln. «Was davon eintreffen wird, hat sicher auch damit zu tun, wie sehr man in dieser Ideologie verhaftet ist und wie viel bereits in das Weltbild ‹investiert› wurde», sagt sie.

Wer am Tag nach der Vereidigung Bidens in die QAnon-Gruppe beim Chatanbieter Telegram schaute, konnte tatsächlich unterschiedliche Ansichten finden: Manch ein Nutzer wunderte sich, warum Biden doch Präsident sei, andere kündigten an, sich von der Bewegung abzuwenden. Einige nannten aber Gründe, warum doch noch alles gut werde. Beispielsweise sei Biden durch einen Klon ersetzt worden oder Trump habe in Wirklichkeit im Hintergrund noch immer die Kontrolle. Oder die Leute sollen sich gedulden: Denn nach einigen Tagen Dunkelheit werde alles enthüllt.

Was Angehörige beachten sollten

Solche Hardcore-Gläubigen lassen sich schwer erreichen, so Experte Dittrich. «Aber es gibt auch Menschen, die noch nicht so tief in den Sumpf versunken sind und auf die man Einfluss haben kann», sagt er. «Hier ist es wichtig, den Leuten die Möglichkeit zu geben, ihre Fehler einzugestehen und in die Realität zurückzukommen.»

Dittrich rät, bei diesen Menschen auf Empathie zu setzen. So sollten Angehörige den Verschwörungsanhängern sagen, dass sie ihnen noch wichtig seien und es schade sei, wie es gelaufen ist. «Am besten bauen Sie wieder eine Beziehung auf, indem Sie über die schönen Dinge reden, die Sie früher gemacht haben», sagt Dittrich. «Zeigen Sie auch den Leuten, dass sie noch einen Platz in Ihrem Leben haben und Sie weiterhin gerne Kontakt halten möchten.»

Von Kritik oder Veralberungen sollten Angehörige absehen und stattdessen Verständnis zeigen: «Ich glaube, dass viele Menschen während einer Pandemie auf der Suche nach Bewältigungsstrategien in diese alternative Wirklichkeit abgerutscht sind und man solche Dinge auch verzeihen kann.» Das heisse aber nicht, dass Angehörige den Verschwörungsgläubigen Absolution geben sollten: «Wenn beispielsweise früher Gewalt gegen Politiker oder andere Gruppen thematisiert wurde, müssen man das ansprechen», sagt Dittrich.

Vor allem sollten Nutzer persönlich mit ihren Angehörigen sprechen (zu Corona-Zeiten am besten per Telefon), rät Dittrich. «Vermeiden Sie einen Kleinkrieg mit Argumentenaustausch oder eine Konversation per Chat», so der Experte. «Da werden nur Links hin- und hergetauscht, die aber keiner wirklich liest.»

Hier erhalten Betroffene Hilfe

- Infosekta, Fachstelle für Sektenfragen: info@infosekta.ch, 044 454 80 80, www.infosekta.ch

- sektenberatung.info: kontakt@sektenberatung.info, www.sektenberatung.info

- Skeptiker Schweiz, Verein für kritisches Denken: kontakt@skeptiker.ch

- Pro Juventute und Hilfe 147: www.projuventute.ch, www.147.ch

Warum es wichtig ist, zu reagieren

So mancher Nutzer unter Dittrichs Twitter-Beitrag verneint aber, dass er auf seine Angehörigen zugehen werde. Dittrich hält so etwas für eine schlechte Idee: Denn es bestehe die Gefahr, dass sich der Glaube dieser Menschen verschlimmere, wenn ihnen jetzt keine Möglichkeit zur Rückkehr gegeben werde: «Wenn ein Weltbild auseinanderbricht, kann es in Untergangsstimmung ausarten», sagt Dittrich. «Wenn es keine politische Lösung gibt, heisst das für viele, dass sie stattdessen Gewalt anwenden müssen.»

Auch Expertin Lamberty rät dazu, sich jetzt an QAnon-Angehörige zu wenden. Allerdings müssen Angehörige geduldig sein: «Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass dies ein schneller Prozess wird, nur weil Donald Trump nicht mehr Präsident ist», sagt sie. «Gerade wenn die Person stark ideologisch ist, würde ich auch vorschlagen, eine Beratungsstelle zu Rate zu ziehen. Dort kann man dann gemeinsam ausarbeiten, welche Funktion die Ideologie erfüllt haben kann.»

Menschen brauchen einen Sinn im Leben

Die deutsche Bundesregierung gibt auf ihrer Website Tipps, wie man mit Freunden und Familien umgehen kann, die an Verschwörungsmythen glauben. Auch in der Schweiz gibt es mehrere Beratungsstellen (siehe Infobox weiter oben im Artikel). Experte Dittrich wünscht sich von der Politik mehr solcher Angebote. Denn: «Wenn man eine Aufklärungskampagne macht, hat das nicht so viel Einfluss», sagt er. «Persönliche Beziehungen sind effektiver. Und für eben diese Leute braucht man solche Hilfsangebote, die ihnen Tipps geben und bestärken, mehr in Notfällen zu tun.»

Zudem weist Dittrich darauf hin, dass man nicht nur Symptome, sondern auch Ursachen des Ganzen bekämpfen sollte: «Viele Menschen haben ein Bedürfnis nach einer Gemeinschaft und suchen auch einen grösseren Sinn im Leben», sagt Dittrich. «Wenn das nicht befriedigt wird, wird versucht, das über alternative Onlinewelten auszugleichen.»

So haben viele Menschen das Gefühl, nur ein kleines Rad in einer Maschine zu sein und ausser Arbeit keine Funktion zu haben. «Man muss sich nur die Corona-Beschränkungen anschauen: Fast alles ausser Arbeiten ist verboten», sagt Dittrich. «Da sieht man gut, worin der Fokus unserer Gesellschaft liegt. Dass das zu Problemen führen kann, ist nicht so schwer abzuleiten.»

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