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Stromausfall in der Brétagne, Februar 2021.

Stromausfall während der aktuellen Kältewelle in der Bretagne. Die Schweiz ist laut Experten gut gerüstet, doch die wegen Wartungsarbeiten stillgelegten französischen Atomkraftwerke führen zu einer angespannten Lage. Bild: Twitter

Wie gross ist das Risiko eines Blackouts? Das sagt der Bund

Wie steht es um die Stromversorgung? In Frankreich spitzt sich die Lage wegen AKW-Wartungsarbeiten und der Kälte zu, was sich auch auf das hiesige Netz auswirkt. Die zuständigen Fachleute nehmen Stellung.



Die aktuelle Kältewelle bedeutet für das Atomstromland Frankreich eine besondere Belastung. Corona-bedingt mussten Wartungsarbeiten an zahlreichen Atommeilern auf den Winter verschoben werden. Nun verschärft sich die Situation, weil der Energieverbrauch wegen der tiefen Temperaturen rekordmässig hoch ist. Die Schweiz ist als Nachbarland und Beteiligte am europäischen Hochspannungs-Stromnetz direkt betroffen. watson hat bei der Schweizer Netzbetreiberin Swissgrid und der Aufsichtsbehörde ElCom nachgefragt, wie es um die Versorgungssicherheit steht. Zur Sprache kam auch ein schwerer Zwischenfall vom 8. Januar, den ein unabhängiger Fachmann als «Beinahe-Blackout» bezeichnete.

Frankreich, die Kälte und seine Atomkraftwerke

Die Schweizer Aufsichtsbehörde ElCom hatte schon im Sommer 2020 gemahnt, mit Blick auf die Versorgungssicherheit seien die Revisionen der Kernkraftwerke, insbesondere in Frankreich, weiter zu beobachten. watson hat bei den Fachleuten des Bundes angefragt, wie sie die Lage einschätzen und welche Auswirkungen eine vorübergehende Stromknappheit der Franzosen für die Schweiz haben könnte.

Die Kommunikationsverantwortliche Antonia Adam teilt nun mit:

«Die französischen Kernkraftwerke sind zurzeit limitiert verfügbar, teilweise im Zusammenhang mit durch Covid-19 bedingt verzögerten Wartungsarbeiten. Insbesondere gegen Ende Februar sind überdurchschnittlich viele Blöcke ausser Betrieb. Für einige sehr kalte Stunden im Januar/Februar hat Frankreich zudem aufgefordert, Strom zu sparen. Daher ist zu erwarten, dass Frankreich bei Kältephasen in den nächsten Wochen stark importieren wird.»

Dies habe für die Schweiz zwei Folgen:

Kältewell in Frankreich, Fahrzeug der Stromnetzbetreiberin.

Ein Bild aus der Bretagne, wo am Freitag rund 1300 Haushalten vorübergehend der Strom abgestellt wurde. Die französischen Netzbetreiber versichern, sie hätten die Situation im Griff. Bild: Twitter

Wie steht es um die Versorgungssicherheit in der Schweiz?

Dazu teilt die Aufsichtsbehörde ElCom mit:

«Die Verfügbarkeit der inländischen Produktion ist stabil: die vier Kernkraftwerke sind in Betrieb, der Wasserstand der Speicherkraftwerke nahe am Mittelwert. Das Schweizer Übertragungsnetz ist laut Swissgrid aktuell gut verfügbar. Im Vergleich zum letzten Winter hilft, dass das Unterwerk in Bassecourt dazu eingesetzt werden kann, die Netzbelastung zu stabilisieren. Dies ist vor allem in Kältephasen wichtig, wenn Frankreich viel aus Deutschland importiert und das Schweizer Übertragungsnetz durch diese (Strom-)Flüsse zusätzlich belastet wird.»

Dem pflichtet Swissgrid in einer aktuellen Stellungnahme zuhanden von watson bei. Beim Ausfall von französischen Kraftwerken sei unser westliches Nachbarland abhängig von Stromimporten. Kommen diese Importe aus der Schweiz, könne sich das auf die Versorgungslage auswirken:

«Wenn dadurch nämlich die Reserven in den Stauseen verbraucht werden und als Folge davon nicht mehr genug Energie für die Versorgung der Schweiz verfügbar ist.»

Swissgrid

Für die sogenannte Regelenergie sei Frankreich bereits seit einigen Jahren Importeur aus der Schweiz und hier könnten die Auswirkungen sehr schnell sehr gross sein, und weniger gut vorhersehbar. Der Ausschluss von Swissgrid aus den europäischen Kooperationen kompliziere die Lage weiter.

Wenn im europäischen Umfeld gesicherte Kapazität abgebaut werde – sprich: Kraftwerke stillgelegt werden – dann wirke sich dies negativ auf die Importfähigkeit der Schweiz aus. Die stark vernetzte Schweiz hänge von den Gegebenheiten in den Nachbarstaaten ab. Ohne Stromabkommen mit der EU seien die Import- und die Exportwilligkeit gefährdet.

Aus heutiger Sicht erscheine die Versorgungslage der Schweiz stabil, betonen die ElCom-Fachleute. Aber:

«Eine Neubeurteilung der Situation müsste bei einer länger andauernden Kältewelle und bei weiteren Ausfällen der Kernkraftwerke in Frankeich erfolgen.»

Seitens Swissgrid wird dies bestätigt:

«Swissgrid geht bei einer normalen Versorgungslage davon aus, dass sich die Netzsituation grundsätzlich stabil und unkritisch präsentieren wird. Dafür sprechen mehrere Faktoren: Der Füllstand der Speicherseen liegt derzeit über dem langjährigen Medianwert. Darüber hinaus sind grundsätzlich ausreichend Importkapazitäten vorhanden, um den notwendigen Energiebedarf zu decken.»

Die Fachleute betonen, das Schweizer Übertragungsnetz gehöre zu den stabilsten und sichersten der Welt.

Ausreichende Strom-Importkapazitäten seien auch mit den Ländern Deutschland, Österreich und Italien vorhanden und diese würden vom Strommarkt ebenfalls genutzt um die Stromimporte in die Schweiz sicherzustellen.

Swissgrid sei mit den Übertragungsnetzbetreibern in diesen Ländern in stetigem Austausch, um jederzeit so viel Netzkapazität wie möglich bereitzustellen und das grenzüberschreitende Übertragungsnetz jederzeit sicher zu betreiben.

Sollte sich mittel- oder langfristig eine Gefährdung der inländischen Versorgungssicherheit abzeichnen, werde die ElCom dem Bundesrat Vorschläge für entsprechende Massnahmen unterbreiten.

Der «Beinahe-Blackout» am 8. Januar 2021

Am 8. Januar schauten die Betreiber des europäischen Hochspannungs-Stromnetzes in den Abgrund. Kurz nach 14 Uhr sackte die Netzfrequenz plötzlich ab.

Dazu muss man wissen, dass die Länder Kontinentaleuropas über Stromleitungen verbunden sind. Das elektrische Herz Europas schlägt mit 50 Hertz (Hz). Diese Netzfrequenz gewährleistet jede Sekunde die Stabilität der Stromflüsse, von Lissabon bis Warschau, von Kopenhagen bis Istanbul.

Am ersten Freitag im neuen Jahr sank die Frequenz unerwartet stark auf 49,8 Hz. Das mag nach wenig klingen, reichte aber, um die Stabilität des Netzwerks zu gefährden. Daraufhin wurde das europäische Stromnetze zweigeteilt.

Bild

Um 14.05 Uhr trennte sich Südosteuropa vom europäischen Stromnetz ab. Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Kroatien und die Türkei, die normalerweise über Leitungen an das kontinentaleuropäische Netz angebunden sind, gingen in den «Inselbetrieb». In Frankreich und Italien mussten Grossverbraucher ihre Abnahme drosseln, um das restliche Netz wieder zu stabilisieren. bild: entsoe.eu

Herbert Saurugg, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge, schlug via Twitter Alarm: Der registrierte Leistungsabfall von 3,5 Gigawatt entspreche dem Ausfall mehrerer Atomkraftwerke. Der unabhängige Experte kam zum Schluss, es handle sich um einen «Beinahe-Blackout».

Der Branchendienst Gridradar konstatierte:

«Der reduzierte industrielle Energiebedarf aufgrund von Corona hat die Situation weiter angespannt. Denn im vergangenen Jahr wurden umfassend Kraftwerkskapazitäten europaweit vom Netz genommen. Diese in mehrfacherweise herausfordernde Situation hat das kontinentaleuropäische Verbundsystem an den Rand des Blackouts gebracht.»

Der Vorfall blieb hierzulande quasi unbemerkt. Die Gratiszeitung «20 Minuten» widmete ihm eine kurze Meldung.

Wie beurteilte die ElCom den Zwischenfall und welche Erkenntnisse konnte man daraus ziehen?

Dazu die Sprecherin der Aufsichtsbehörde:

«An diesem Tag kam es zu einer Netztrennung im kontinentaleuropäischen Netz. Solche Netztrennungen bergen das Risiko, dass es aufgrund der Frequenzsprünge zu weiteren Kaskaden (Netzausschaltungen, Kraftwerksausfälle) bis hin zu einem Blackout kommt. Solche Netztrennungen kamen bisher zum Glück nur sehr selten vor – die letzte grosse Netztrennung war 2006. Es ist noch zu früh, um konkrete Erkenntnisse/Lehren aus dem Vorfall von Anfang 2021 zu ziehen. Die Netzbetreiber klären die Einzelheiten noch ab.»

Die Gewährleistung eines sicheren und stabilen Netzbetriebs sei die Kernaufgabe der Übertragungsnetzbetreiber, also hierzulande von Swissgrid. Die Betreiber hätten mit ihrem «Bilanz- und Engpassmanagement» dafür zu sorgen, dass es nicht zu solchen Kaskaden komme. Die Anforderungen für die Gewährleistung eines stabilen Netzbetriebs nehmen tendenziell zu: Weil herkömmliche Kraftwerke (AKW, Kohle) durch Erneuerbare Energielieferanten ersetzt werden, nehmen die Schwankungen zu. Dies erfordere häufigere, kurzfristigere und stärkere Eingriffe durch die Netzbetreiber.

Und wie beurteilt Swissgrid den Zwischenfall?

«Solche Vorfälle sind sehr selten, aber die Übertragungs-Netzbetreiber sind auf solche Fälle vorbereitet und es bestehen eingespielte Prozeduren zur Stabilisierung der Frequenz.»

Swissgrid-Sprecherin

Die Systeme und Prozesse hätten korrekt funktioniert und somit weitere Auswirkungen der Störung unterbunden, versichern die Swissgrid-Fachleute und betonen wie ElCom, dass die Untersuchungen noch am Laufen seien.

Generell lasse sich sagen, dass die Übertragungsnetzbetreiber auf Störfälle im Netz vorbereitet seien. Sie trainierten solche Situationen und es bestünden eingespielte Prozeduren zur Stabilisierung der Netzfrequenz.

Swissgrid und die anderen europäischen Übertragungsnetzbetreiber würden zur Stabilisierung der Netzfrequenz auch permanent Energie vorhalten, sogenannte Regelleistung, mit der unvorhergesehene Schwankungen in der Produktion, beispielsweise beim Ausfall eines grossen Kraftwerks oder im Verbrauch, ausgeglichen werden können.

Wie beurteilen die Fachleute die Blackout-Risiken?

watson hat bei Swissgrid nachgefragt, was aus Sicht der Experten die grössten Risiken und Gefahren seien bezüglich einer drohenden Strommangellage (Blackout)?

Die Swissgrid-Sprecherin betont, dass eine Strommangellage und ein Blackout nicht dasselbe seien:

Bezüglich der Risiken für die Schweiz ist die Einschätzung klar:

«Ohne Strom stehen Gesellschaft und Wirtschaft still. Entsprechend schätzt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz eine Strommangellage als grösstes Risiko für die Schweiz ein. Swissgrid leistet als nationale Netzgesellschaft einen wichtigen Beitrag zur netzseitigen Versorgungssicherheit. Wir verfolgen das Ziel, den Wandel im europäischen und im schweizerischen Energiesystem mitzugestalten. Nur so ist es möglich, den zuverlässigen und leistungsfähigen Betrieb des Übertragungsnetzes zu gewährleisten.»

Die enge Vermaschung mit dem europäischen Stromnetz – die Schweiz hat 41 grenzüberschreitende Leitungen – trage aber auch zur grossen Stabilität bei: Je enger ein Netz geknüpft sei, desto geringer seien die Auswirkungen auf dessen Stabilität, sollte mal ein Knoten reissen.

In der Schweiz, wie auch im Rest Europas, werde für den Fall von unvorhergesehenen Schwankungen (wie am 8. Januar) sogenannte «Regelleistung» vorgehalten, die im Notfall zur Stabilisierung des Netzes eingesetzt werden könne. Zudem betreibe Swissgrid das Netz n-1 sicher. Das bedeute, dass beim Ausfall eines Netzelements kein anderes überlastet.

«Für den Wiederaufbau des nationalen Netzes nach einem allfälligen Blackout bestehen Vereinbarungen mit mehreren Kraftwerken und Prozesse, die regelmässig geübt werden.»

Swissgrid

Und die Aufsichtsbehörde hält fest:

«Ein für alle Lebensbereiche so zentrales System wie die Stromversorgung braucht ausreichend Reserven für unvorhersehbare Risiken und sollte nicht über längere Zeit am Limit betrieben werden.»

ElCom

Bist du gerüstet?

Auch wenn die Versorgungssicherheit gemäss Netzbetreibern und Aufsichtsbehörde gewährleistet ist, raten die Fachleute des Bundes allen Privatpersonen, vorzusorgen. So wird unter anderem das Halten eines Notvorrates empfohlen.

Quellen

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