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HarmonyOS: Huawei kündigte am Freitag sein eigenes Betriebssystem an. bild: huawei

Analyse

Trump blockt Huawei – die Chinesen schlagen mit dieser Android-Alternative zurück

Mit HarmonyOS bringt Huawei eine interessante Alternative zu iOS und Android. Das neue Betriebssystem könnte Googles und Apples Duopol endlich aufbrechen. Noch sind aber viele Fragen offen.



Was ist HarmonyOS?

HarmonyOS ist ein neuartiges Microkernel-OS, sprich ein sehr flexibles und modulares Betriebssystem, das auf allen erdenklichen Internet-fähigen Geräten (IoT) zum Einsatz kommen kann. Es ist in erster Linie für Smart-Fernseher, smarte Lautsprecher, Wearables (z.B. Smartwatches, Kopfhörer) und Auto-Entertainment-Systeme gedacht. Laut Huawei-Manager Richard Yu kann das Betriebssystem künftig aber auch als Android-Alternative auf Smartphones und Tablets eingesetzt werden, falls nötig.

Die Benutzeroberfläche von HarmonyOS soll an EMUI 10, also an Huaweis neuste Benutzeroberfläche für seine Android-Smartphones, angelehnt sein.

Warum kündigt Huawei gerade jetzt eine Alternative zu iOS und Android an?

Huawei hat gerade HarmonyOS angekündigt und sagt – wir können Android «jederzeit» ersetzen
Selber schuld

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Laut Yu begann die Entwicklung von Harmony bereits vor zwei Jahren. Medienberichten zufolge war das System zunächst für vernetzte Geräte im sogenannten Internet der Dinge gedacht, also als Betriebssystem für Fernseher, Autos und dergleichen. Trumps Wirtschaftsembargo hat Huawei quasi gezwungen, das Betriebssystem auch für Smartphones und Tablets zu konzipieren. Dies für den Fall, dass Huawei aufgrund der US-Sanktionen den Zugang zu Googles Android verlieren sollte.

Was zeichnet HarmonyOS aus?

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HarmonyOS 1.0 kommt zuerst auf Smart-TVs und erst später für andere Geräte wie Smartphones, falls überhaupt. bild: via winfuture

HarmonyOS ist insofern ein Neuanfang, dass es im Gegensatz zu den meisten heutigen Plattformen wie iOS und Android nicht auf Betriebssystemen wie Unix oder Linux basiere, betonte Huawei. Der Konzern entwickelte es mit der Vision, dass die Software auf dem Geräte selbst relativ schlank sein kann, während ein grosser Teil der Arbeit über schnelle Netze an Rechenzentren abgegeben wird. HarmonyOS repräsentiere damit wahrhaft die nächste Generation von Betriebssystemen «für alle Szenarien», schwärmte Yu.

In einer Erklärung sagt Yu weiter, dass HarmonyOS «sich völlig von Android und iOS unterscheidet», weil es in der Lage sei, über verschiedene Arten von Geräten zu skalieren. Das heisst: Programmierer könnten Apps einmal entwickeln «und dann flexibel auf verschiedenen Geräten einsetzen», sagt Yu.

Huawei will die App-Entwickler also unter anderem damit locken, dass das Harmony-Betriebssystem übergreifend auf verschiedensten Geräten laufen kann und diverse Programmiersprachen unterstützt. Entwickler können Code von C/C++, Java, und Kotlin für HarmonyOS kompilieren, berichtet XDA Developers. Ob dies so einfach ist, wie es der Huawei-Manager verspricht, muss sich aber erst noch zeigen.

Klar ist: Huawei will und muss die Entwicklung von Apps für HarmonyOS über die verschiedenen Gerätetypen hinweg vereinfachen. Nur so hat das neue Betriebssystemen überhaupt eine Chance.

Wann kommen die ersten Geräte?

Nur ein Tag nach der Ankündigung von HarmonyOS hat Huawei ein erstes Gerät angekündigt, das mit dem neuen Betriebssystem ausgeliefert wird. Es handelt sich um den Smart-TV namens Honor Vision.

Die Auslieferung des Fernsehers soll am 15. August zunächst in China beginnen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass das Gerät auch bei uns erscheint.

Ist HarmonyOS schon fertig?

HarmonyOS ist lauffähig auf Smartphones. Laut chinesischen Medien plant der Konzern im vierten Quartal 2019 ein erstes Budget-Smartphone mit HarmonyOS in China zu lancieren. Huawei hat dies nicht bestätigt und sagt, Android habe weiterhin Priorität. Huawei hat also offenbar nicht vor, das Betriebssystem in naher Zukunft auf einem Smartphone in den Handel zu bringen, sofern dies nicht notwendig werden sollte. Dies wäre der Fall, wenn der Konflikt mit den USA eskaliert und Huawei von Android abgeschnitten würde.

Während der Ankündigung von HarmonyOS wurde zudem klar, dass sich das Betriebssystem in einer frühen 1.0-Phase befindet. Der Konzern wollte denn auch keine Bilder oder Videos von HarmonyOS in Aktion zeigen. Laut Roadmap soll HarmonyOS innert drei Jahren für weitere Geräte wie Wearables weiterentwickelt werden.

Wie schnell kann Huawei von Android zu HarmonyOS wechseln?

Huawei könnte vermutlich sehr rasch Smartphones mit HarmonyOS lancieren, ohne Apps wären diese Geräte aber praktisch nutzlos. Huawei stellt daher klar: Vorerst sei die Priorität Android weiter zu nutzen, um das Ökosystem aus Apps und anderen Diensten nicht aufzuspalten. «Aber wenn wir in der Zukunft keinen Zugang mehr dazu haben sollten, können wir sofort auf Harmony OS umsteigen», sagte Yu. Und Huawei könne das in wenigen Tagen bewältigen. «Von Android auf Huawei OS umzusteigen, ist nicht so schwierig. Eigentlich ist es sogar sehr einfach.»

Was bedeutet das für Apple und Google?

Huawei könnte das heutige Betriebssystem-Duopol aus Android von Google und iOS von Apple im Smartphone-Markt aufbrechen. Huawei machte deutlich, dass HarmonyOS eine vollwertige Alternative zu Android werden soll. «Wir wollen ein globales Betriebssystem etablieren, das nicht nur von Huawei genutzt wird», sagte Huawei-Manager Yu.

Dieses Szenario ist gar nicht so unwahrscheinlich. Denn: HarmonyOS wird wie Googles Android Open Source werden, kann also künftig von allen genutzt werden. Ein chinesisches Betriebssystem könnte die Position von Google und Apple in China somit (weiter) schwächen.

Warum ist HarmonyOS für Huawei zentral?

Für Huawei könnte das eigene System zum Lebensretter werden: Dem Konzern droht der Verlust des Zugangs zu Android, weil der Konzern von US-Präsident Donald Trump unter Hinweis auf Sicherheitsbedenken auf eine schwarze Liste gesetzt wurde. Damit wurde dem Unternehmen der Zugang zu Technologie von US-Konzernen und dem amerikanischen Markt weitgehend versperrt. Die Aussicht, dass Huawei-Smartphones keine Android-Updates von Google mehr bekommen, erschwerte zeitweise auch die Verkäufe in Europa - auch wenn sich das Absatz inzwischen nach Angaben des Konzerns weitgehend erholt hat. Die Android-Sperre wurde zunächst bis Ende August ausgesetzt - wie es danach weitergeht, ist noch offen.

Hat Huawei eine Chance?

Die neue Software wird genauso wie Android quelloffen für alle zugänglich sein. Das hatte seinerzeit den Aufstieg von Android zum meistbenutzten Smartphone-System mit mehr als 80 Prozent Marktanteil beflügelt. Auch in China laufen die meisten Smartphones mit Android - wenn auch im Gegensatz zum Westen ohne Google-Dienste.

Kommt hinzu: China ist der grösste Smartphone-Markt der Welt - und das US-Vorgehen gegen Huawei hatte dort vor dem Hintergrund des Handelskonflikts mit den USA eine Patriotismus-Welle bei der Technik-Auswahl ausgelöst. So wäre es denkbar, dass auch andere chinesische Smartphone-Anbieter auf ein einheimisches Betriebssystem umsteigen. Huawei ist beim Smartphone-Absatz die weltweite Nummer zwei nach Samsung, unter anderem auch dank der starken Position im Heimatmarkt.

Somit gilt: Selbst wenn sich HarmonyOS in Europa und den USA nicht schnell oder gar nie durchsetzen sollte, könnte es im Rest der Welt äusserst erfolgreich werden.

Warum könnte HarmonyOS floppen?

Ein neues Betriebssystem zu etablieren, ist eine extreme Herausforderung. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, genügend App-Entwickler für die neue Plattform zu gewinnen. So ist selbst der Software-Gigant Microsoft in der Vergangenheit daran gescheitert, sein Windows-Betriebssystem für Smartphones erfolgreich zu machen. Die App-Entwickler fokussierten sich auf iOS und Android, um Kosten zu sparen. Apps müssen über Jahre mit Updates gepflegt werden, App-Entwickler haben daher ein Interesse, nur möglichst wenig Betriebssysteme unterstützen zu müssen. Andere Alternativen wie Firefox OS, webOS von Palm/HP oder das Blackberry-System wurden daher ebenfalls aus dem Markt gedrängt.

Ein zusätzliches Problem für Huawei im Westen wäre auch der Verlust des Zugangs zu vorinstallierten Google-Diensten auf den Smartphones, die in den USA und Europa populär sind. Denn hierzulande werden die Android-Geräte nahezu immer mit Apps wie Google Maps, YouTube oder Gmail verkauft. Microsofts Betriebssystem Windows Phone für Smartphones konnte sich unter anderem nicht durchsetzen, weil es von Google nicht unterstützt wurde.

Mit Material der Agenturen SDA, AWP und DPA.

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