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President Donald Trump participates in a video teleconference call with members of the military on Thanksgiving, Thursday, Nov. 26, 2020, at the White House in Washington. (AP Photo/Patrick Semansky)
Donald Trump

Bild: keystone

Analyse

Donald Trump bastelt sich eine Dolchstosslegende

Das Verhalten des abgewählten Präsidenten erinnert an einen verrückten König. Doch leider gilt: Ist es auch absurd, so hat es doch Methode.



Drei Millionen Dollar musste das Trump-Team aufwerfen, um eine neue Auszählung der Stimmen im Bundesstaat Wisconsin zu erreichen. Nun liegt das Resultat dieser Nachzählung vor: Joe Biden hat 87 Stimmen hinzu gewonnen. Wisconsin hat deshalb den Sieg des Demokraten offiziell bestätigt.

Nicht nur im mittleren Westen blamiert sich Trump. Auch in Arizona hat der republikanische Gouverneur Doug Doucey, ein enger Verbündeter von Trump, Bidens Sieg verkündet. Damit haben sämtliche Swingstates Trumps Niederlage besiegelt.

Eigentlich sollte man meinen, dass der Präsident nun das Handtuch werfen würde. Weit gefehlt. Er werde «125 Prozent seiner Energie» darauf verwenden, das Wahlresultat anzufechten, erklärte Trump am Sonntag in einem Interview mit der Fox-News-Moderatorin Maria Bartiromo.

Supporters of President Donald Trump protest in front of a local hotel where Arizona Republicans have scheduled a meeting as a

Trump-Anhänger protestieren vor einem Hotel in Arizona. Bild: keystone

Das ist nicht als leere Drohung zu verstehen. Rund 170 Millionen Dollar haben seine Fans gespendet, damit er seinen Kampf gegen Windmühlen weiterführen kann.

In diesem Kampf schreckt Trump inzwischen vor nichts mehr zurück. Er beschuldigt neuerdings gar das FBI und das Justizministerium – mit seinem korrupten, ihm sklavisch ergebenen Justizminister William Barr –, sich gegen ihn verschworen zu haben. Zudem will er nun den Supreme Court anrufen, obwohl er selbst daran zweifelt, dass die obersten Richter ihm Gehör schenken werden.

Objektiv betrachtet ist Trumps Lage hoffnungslos geworden. In 34 Gerichtsverfahren haben ihm die Richter bloss in einem einzigen und unbedeutenden Nebenaspekt Recht gegeben. Sonst sind seine Klagen in Bausch und Bogen abgewiesen worden, teils begleitet von vernichtenden Bemerkungen der jeweils zuständigen Richter.

Die halbwegs vernünftigen Anwälte haben daher ihr Mandat niedergelegt. Der einzige, der inzwischen noch an Trumps Sache glaubt, ist sein persönlicher Anwalt Rudy Giuliani. Dessen Auftritte sind jedoch so lächerlich, ja bizarr, dass einzig die Late-Nigth-Comedians daran noch ihren Spass haben – und dies auch ausführlich tun.

FILE - In this July 17, 2020, file photo, Georgia Gov. Brian Kemp speaks during a coronavirus briefing at the Capitol, in Atlanta. Republican Gov. Kemp and his wife are quarantining after being exposed to someone who tested positive for COVID-19, his spokesman announced Friday, Oct. 30. (AP Photo/John Bazemore, File)
Brian Kemp

In Trumps Fadenkreuz: Brian Kemp, Gouverneur von Georgia. Bild: keystone

Trump knöpft sich derweil angebliche Verräter persönlich und per Twitter vor. Ins Fadenkreuz genommen hat er dabei vor allem Brian Kemp, den Gouverneur von Georgia, und dessen Staatssekretär Brad Raffensperger. Das ist insofern erstaunlich, als beide nicht nur Mitglied der Grand Old Party sind, sondern bisher auch als beinharte Trump-Fans aufgefallen waren.

Doch selbst das Duo Kemp/Raffensperger kann das Wahlresultat in Georgia nicht mehr ändern. Trump ist daher neuerdings «beschämt», dass er 2018 Kemp bei seiner Wahl zum Gouverneur unterstützt hat. Er will nicht einsehen, weshalb der «glücklose» Kemp seinen «sturen Staatssekretär» nicht einfach überstimmt.

Die Rennleitung der GOP schaut dem Hickhack in Georgia mit wachsender Panik zu. Wollen die Republikaner die beiden Senatssitze in diesem Staat gewinnen, dann sind sie auf die Unterstützung von Trump angewiesen. Nur er kann dafür sorgen, dass die Basis auch an die Urnen geht.

Indem der Präsident immer wieder von «gefälschten Wahlen» schwafelt, erreicht er genau das Gegenteil. «Man kann nicht permanent erklären, dass System sei manipuliert, und gleichzeitig die Menschen auffordern, die beiden republikanischen Senatoren zu wählen», jammert Eric Johnson, Berater von GOP-Kandidatin Kelly Loeffler.

epa08853679 Officials with the Fulton County Registration and Elections Department conduct a machine recount of the county's presidential election ballots at the the Georgia World Congress Center in Atlanta, Georgia, USA, 30 November 2020. A statewide recount was requested by the campaign of President Donald J. Trump and should be completed 02 December 2020.  EPA/ERIK S. LESSER

Nachzählung der Stimmen in Atlanta, der Hauptstadt des Bundesstaates Georgia. Bild: keystone

Wie also soll man Trumps irrationales Verhalten erklären? «Entweder leidet der Präsident an Wahnvorstellungen, oder er will ganz bewusst die Demokratie zerstören, um zu verleugnen, dass er ein Verlierer ist», meint dazu die «Washington Post» in einem redaktionellen Kommentar.

Vieles spricht für die zweite Variante – und damit hört der Spass definitiv auf. So befürchtet die «Washington Post»:

«Sollte Mr. Trump Millionen Amerikaner überzeugen können, dass das Wahlsystem korrupt ist, dann könnte er eine Ära von gefährlicher Instabilität einläuten; ein künftiger Kandidat könnte in der Lage sein, in einer engen Wahl ein faires Resultat umzustossen, indem er die Zweifel ausnützt, die der Präsident nun gesät hat.»

In einem Gastbeitrag in der «New York Times» geht «Zeit»-Redaktor Jochen Bittner gar noch einen Schritt weiter. Er vergleicht Trumps Vorgehen mit der Dolchstosslegende, die nach der Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg entstand. Und das kam so:

Nach vier sinnlosen Jahren Krieg weigerten sich die deutschen Soldaten, weiterzukämpfen. Sie streikten oder desertierten und zwangen das Oberkommando zur Kapitulation.

Reaktionäre deutsche Kreise weigerten sich jedoch, die Niederlage zu akzeptieren. «Im Felde unbesiegt», lautete ihre Parole. Die Schuld an der Niederlage wurde Verrätern in den eigenen Reihen in die Schuhe geschoben, hauptsächlich Sozialdemokraten und Juden.

Der Verrats-These fehlte jegliche faktische Grundlage. Trotzdem begann sie bald, ein Eigenleben zu entwickeln. Bittner schreibt:

«Sie (die Dolchstosslegende) wurde nach 1918 nicht abgeschwächt: Angesichts der Erniedrigung und der Weigerung oder der Unfähigkeit, die Wahrheit zu akzeptieren, schlossen sich viele Deutsche einer desaströsen Wahnvorstellung an: Die Nation wurde verraten, aber Ehre und Grösse gingen nie verloren. Und wer sich der nationalen Pflicht verweigerte – Linke und selbst gewählte Vertreter der Republik – konnte niemals ein Wächter des Landes sein.»

Die Dolchstosslegende war ein zentrales Element der Propaganda der Nationalsozialisten. Ohne Trump mit Hitler vergleichen zu wollen, sind die Parallelen seines Verhaltens mit den Nazis in der Weimarer Republik offensichtlich. Bittner verweist auf eine – wie damals die deutsche – tief gespaltene amerikanischen Gesellschaft und stellt fest:

«In einer Landschaft der sozialen Fragmentierung können Mr. Trumps faktenfreie Anschuldigungen grossen Schaden anrichten. Gemäss YouGov sind 88 Prozent der Trump-Wähler – eine erstaunliche Anzahl – überzeugt, dass das Wahlresultat nicht legal sei. Das ist die Saat für einen Mythos, wonach Verrat und Ungerechtigkeit auf dem Vormarsch sind.»

So gesehen ist es zu kurz gesprungen, sich über Trump lustig zu machen oder sein Verhalten bloss mit einem «verrückten König» zu vergleichen. Vergessen wir nicht: Er hat über 70 Millionen Stimmen erhalten – ein gewaltiges Potenzial für eine Neuauflage der Dolchstosslegende.

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