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Analyse

Millennials swipen Trump ins Weisse Haus: Sie sind zu faul für Demokratie 

Welche Rolle hat die Generation der Millennials bei der Präsidentschaftswahl gespielt? Dass sie mehrheitlich demokratisch gestimmt haben, ist unbestritten. Dass sie im Vergleich zu den älteren Generationen der Urne eher fernblieben, ebenfalls. Das ist nicht neu. Aber dennoch ärgerlich.



Das Sprichwort geht so: Wer jung ist und nicht links wählt, hat kein Herz. Wer alt ist und nicht rechts wählt, kein Hirn. In der Schweiz zieht sich bei den Jungen das Herz offenbar zusammen, wie eine Umfrage unlängst feststellte. Sie rücken nach rechts. In den USA hingegen pocht es in den letzten Jahren stärker – dafür plagt die Jungen das Zipperlein in den Beinen. Sie schaffen es nämlich nicht an die Urne.

Kurz nach der Wahl, als das Gefühl der Konsternation der Wut gewichen war, kursierte eine US-Karte im Netz. Eine ziemlich blaue Karte. Sie besagte: Hätten nur die Millennials, die im Zeitraum von etwa 1980 bis 1999 geboren worden waren, abgestimmt, wäre Hillary Clinton mit überwältigender Mehrheit ins Weisse Haus gewählt worden. Der Kommentar dazu: «Unsere Eltern sind es, die wir verdammt nochmal bekämpfen müssen. Es ist wie immer.» 

Nur: Die Karte stammt von Ende Oktober und bezieht sich auf Umfragewerte, nicht auf die tatsächliche Wahl vom 9. November. Am Befund ändert sich jedoch nichts: Hätte man alle über 30 von den Wahlen ausgeschlossen, so wäre jetzt Hillary gewählt und der grosse Katzenjammer ausgeblieben. Bloss: So funktioniert Demokratie nicht. 

Die Jungen von heute ticken links, schrieb das US-Magazin «The Atlantic» zu Beginn dieses Jahres. Diese Wahl hätte also zur Wahl der Millennials werden können, der Generation Y, der Selfiekings, Guitarheroes, der Sinnsuchenden mit Bindungsängsten. Erstmals stellten die 18- bis 29-Jährigen gleich viel Wahlberechtigte wie die Babyboomer, die Flowerpower- und Anti-Vietnamkriegs-Generation. Und die Millennials denken links. Nicht klassisch links. Aber links. In gesellschaftspolitischen Fragen, in ökonomischen Fragen, bei Umweltthemen. 

Aber, prophezeite das Magazin dann, die Revolution werde nicht zustande kommen. Aus einem einfachen Grund: Die Jungen schwängen zwar gerne Fahnen und Parolen, besetzten Parks und die Wall Street und liessen sich begeistern für die Idee der totalen Umwälzung. Aber wenn es darum geht, in die Niederungen der Politik abzusteigen, dann schwinde die Begeisterung urplötzlich. Die Blockbusterisierung der Politik nennt es der «Atlantic»: Bei den Grossanlässen steht man sich geduldig bis um die übernächste Ecke die Beine in den Bauch. Aber lokalpolitische Themen? Nein danke.

Wie sich am Mittwochmorgen gezeigt hat, war die Prophezeiung des Magazins zwar nicht falsch. Aber massiv untertrieben. Die Millennials scheuen nicht nur die Auseinandersetzung um die Umgestaltung des Kreisels in der Nachbarschaft, sie können sich nicht einmal zum Urnengang bei den Präsidentschaftswahlen aufraffen.

Bild

bild: pewresearchcenter

58,5 Prozent der Wahlberechtigten bei den 18–24-Jährigen liessen sich registrieren. 66,4 Prozent bei den 25–34-Jährigen. Und wer sich registriert, geht noch lange nicht automatisch wählen. Die Gruppe der 55–74-Jährigen hingegen, die Babyboomer, registrierten sich zu 77,4 Prozent. Ein Hinweis darauf, dass Ältere in grösseren Zahlen ihre Stimme abgegeben haben als Junge. Und, so die vereinfachte Gleichung, je älter, desto trumper. Dass mit Hillary Clinton eine Kandidatin zur Wahl stand, die in vielem die Antithese verkörperte zur Lichtgestalt der jungen Linken, Bernie Sanders, hat mit Sicherheit nicht zur Mobilisierung beigetragen. 

«Gewählt wird nicht im Netz!», mahnen die selbsternannten Politfüchse schon seit Jahren oberlehrerhaft. Das ist richtig. Wer seinen Stimmzettel nicht in die Urne wirft oder die Wahlmaschine nicht bedient, der muss sich nachher nicht wundern, wenn ein oranges Knautschgesicht mit den Manieren eines verzogenen Bengels im Weissen Haus einzieht.

Gleichzeitig hat aber die Relevanz der politischen Arbeit in den sozialen Medien massiv zugenommen. Das weiss niemand besser als Trump, der es mit seinen Tweets fast täglich auf die Titelseiten der Medien schaffte.

Und die Demokraten wissen es ohnehin: Obama hatte 2008 mit seiner Grassroots-Kampagne vorgemacht, wie mit Social Media Wahlen gewonnen werden können. 

Blau: Hillary Clinton, rot: Donald Trump

Bild

bild: screenshot/washingtonpost

Nur, online abstimmen funktioniert nun mal noch nicht. Hat es also die «faule und selfieverliebte» Generation der Millennials verbockt, die mit ihrem Desinteresse Trump geistesabwesend ins Weisse Haus geswipt hat? Irgendwie schon, auch wenn auch die Latinos und ein beträchtlicher Teil weisser, gebildeter Frauen die Vernunft über Bord geworfen haben. 

Die Demokratie, wie sie heute ist, kann nur funktionieren, wenn sich Millennials nicht zu schade sind, sich mit dem Mehrzweckhallen-Neubau im Quartier zu beschäftigen. Ein Facebook-Like ist kein Urnengang, ein Twitter-Hashtag ersetzt keine Stimme, ein Repost von Lady Gagas «Love trumps hate»-Protest ist keine politische Auseinandersetzung. Spätestens jetzt dürften die Jungen dies gemerkt haben. 

Entweder müssen sie sich zum Urnengang aufraffen oder sie streben die totale Umwälzung an. Dann müssten sie sich aber zu einer noch viel grösseren Revolution entschliessen. 

Trump ist Präsident – so berichteten Zeitungen auf der ganzen Welt

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