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FILE - In this June 1, 2020, file photo, President Donald Trump holds a Bible as he visits outside St. John's Church across Lafayette Park from the White House in Washington. Part of the church was set on fire during protests on Sunday night. (AP Photo/Patrick Semansky, File)

Billige Politpropaganda mit der Bibel. Bild: keystone

Analyse

Trumps Bibel-Show wird zum Eigengoal

Bischöfe und Pfarrer sprechen von religiöser Schändung und verurteilen das brutale Vorgehen der Polizei gegen friedliche Demonstranten. Prominente Kommentatoren sprechen bereits von einem «kulturellen Bürgerkrieg».



Präsident Trump war frustriert, weil er wegen gewalttätigen Ausschreitungen vor dem Weissen Haus in den Sicherheitsbunker gewiesen wurde. Er hatte Angst, er sehe schwach aus und wirke wie ein Feigling. Diesen Eindruck wollte er ausmerzen.

Angeblich auf Rat seiner Tochter Ivanka beschloss er, sich am folgenden Tag vor der St. John’s Church gegenüber dem Weissen Haus fotografieren zu lassen. Die kleine Kirche war in der Nacht durch ein Feuer leicht beschädigt worden.

Es gab da jedoch ein kleines Problem. Um zur Kirche zu gelangen, musste der Präsident den Lafayette Square durchqueren, und dieser war voll von friedlichen Demonstranten. Justizminister William Barr, stets der Diener seines Herrn, sprang ein und befahl den Sicherheitskräften, den Platz mit berittenen Ordnungshütern und Tränengas räumen zu lassen. Chaos brach aus.

EDS NOTE: OBSCENITY - President Donald Trump walks from the White House through Lafayette Park to visit St. John's Church Monday, June 1, 2020, in Washington. (AP Photo/Patrick Semansky)

Vorbei an Graffitis: Trump auf dem Weg zur St.-John’s-Kirche in Washington. Bild: keystone

Kaum hatten sich die Tränengaswolken verzogen, marschierte Trump mit seinem halben Kabinett vor die verrammelte Kirche, hielt eine Bibel zunächst verkehrt in die Höhe und trottete dann wieder von dannen, ohne weitere Fragen zu beantworten.

Bei der Basis und den fundamentalistischen Evangelikalen ging Trumps Rechnung auf. «Jeder Gläubige, mit dem ich gesprochen habe, schätzt, was der Präsident getan und die Botschaft, die er ausgesandt hat», schwärmt etwa Robert Jeffress, Baptisten-Pfarrer aus Dallas und Trump-Fan, in der «New York Times». «Ich denke, es war ein historischer Moment in seiner Präsidentschaft.»

Es könnte tatsächlich ein geschichtsträchtiger Moment gewesen sein, aber nicht im Sinne des Baptisten-Pfarrers. Für das liberale Amerika war dieser Vorfall ebenfalls ein Wendepunkt. Brutale Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten, nur um dem Präsidenten einen Foto-Termin zu verschaffen, das kommt bei den liberalen Amerikanern überhaupt nicht gut an, vor allem nicht bei den betroffenen Gottesdienern.

Die zuständige anglikanische Bischöfin, die Pfarrerin, sie beide verurteilten die präsidiale PR-Aktion aufs Schärfste. In der «Washington Post» veröffentlichten die beiden prominenten Theologen William J. Barber und Jonathan Wilson-Hartgrove einen Kommentar, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liess:

«Es ist nicht das erste Mal, dass Trump Gottes Wort politisch missbraucht hat. Aber das war selbst für ihn obszön», stellen die beiden fest.

A sign says

Klare Botschaft: Tritt zurück. Bild: keystone

Die beiden Theologen bezeichnen den Präsidenten als Heuchler und raten ihm, doch bitte die Bibel einmal zu lesen, ihren Werten gemäss zu leben, und sie nicht in die Kamera zu halten.

Trump und die konservativen Medien geben sich Mühe, die Demonstrationen als gewalttätig und von linksextremen Antifa-Provokateuren organisiert darzustellen. Es gab unschöne Szenen, Plünderungen und Brandstiftungen, doch die Proteste sind mehrheitlich friedlich. Gerade auf dem Lafayette Square gab es an diesem Abend keine Gewalt.

Das Vorgehen der Ordnungskräfte – es waren mehrheitlich Militärpolizisten – war daher nicht nur deplatziert. Es stand auch im krassen Gegensatz zum verständnisvollen Vorgehen gegen die mit halbautomatischen Gewehren bewaffneten, rechtsextremen Demonstranten. Diese hielten noch vor kurzem das Parlament in Lansing, der Hauptstadt des Bundesstaates Michigan, besetzt. Ihnen wurde von der Polizei kein Haar gekrümmt. Der Präsident hat sie sogar ausdrücklich gelobt.

epa08461803 Members of the Georgia National Guard secure the street after clearing protesters after curfew during a demonstration over the arrest in Minnesota of George Floyd, who later died in police custody, in Atlanta, Georgia, USA, 02 June 2020. A bystander's video posted online on 25 May, shows George Floyd, 46, pleading with arresting officers that he couldn't breathe as one officer knelt on his neck. The unarmed black man soon became unresponsive, and was later pronounced dead. According to news reports on 29 May, Derek Chauvin, the police officer in the center of the incident has been taken into custody and charged with murder in the George Floyd killing.  EPA/ERIK S. LESSER

Martialisch: Truppen der Nationalgarde in Atlanta (Bundesstaat Georgia). Bild: keystone

Nach wie vor droht Trump damit, Soldaten gegen die Demonstranten einzusetzen. Ob er das Recht dazu hat, ist umstritten und hängt davon ab, wie man ein rund 200 Jahre altes Gesetz interpretiert. Sicher ist einzig, dass alle Gouverneure, auch die republikanischen, keine Truppen wollen. Soldaten sind nicht zur Bekämpfung von Unruhen im eigenen Land ausgebildet und richten mehr Schaden als Nutzen an.

Trump hingegen setzt auf die militärische Karte. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Mark A. Milley, stapft in Kampfuniform durch die Hauptstadt und lässt Apache-Helikopter kriegsmässige Einsätze fliegen. Verteidigungsminister Mark T. Esper bezeichnet derweil die amerikanischen Städte als «Kampfstätten».

Wenig erstaunlich weckt das Ängste. Trump wird bereits mit Diktatoren wie Viktor Orban oder Recep Tayyip Erdogan verglichen. In der «New York Times» befürchtet Thomas Friedman gar, dass die USA in einen neuen «kulturellen Bürgerkrieg» rutschen könnten.

In Grossbuchstaben hat Trump gewittert: «SCHWEIGENDE MEHRHEIT». Das ist kein Zufall. Er nimmt das Schlagwort auf, mit dem Richard Nixon Ende der Sechzigerjahre an die Macht kam. Nixon instrumentalisierte die Angst, welche die Unruhen damals beim weissen Mittelstand ausgelöst hatten. Ob Trump mit der gleichen Taktik Erfolg haben wird, ist allerdings umstritten. Der prominente Historiker Max Boot nennt fünf Gründe, warum das Rezept von 1968 in der Gegenwart nicht mehr funktionieren wird.

Erstens gibt es nicht mehr so viele weisse Wähler, ihr Anteil ist von 89 auf 69 Prozent geschrumpft. Dank dem allgegenwärtigen Smartphone wird zweitens heute die Brutalität der Polizei dokumentiert und lässt sich nicht mehr unter den Teppich wischen.

Drittens ist die Kriminalität im Vergleich zu damals massiv gesunken. Viertens bewegen sich die Umfragewerte des Präsidenten seit Beginn seiner Amtszeit kaum. Und fünftens und am wichtigsten:

«Trump ist jetzt der Amtsinhaber. Er mag sich der Recht-und-Ordnung-Rhetorik von Wallace und Nixon bedienen. Anders als die beiden im Jahr 1968 kann er jedoch nicht einen amtierenden Präsidenten dafür verantwortlich machen und versprechen, alles besser zu machen.»

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Jadon Sancho und Co. protestieren gegen Rassismus

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