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epa08654994 Belarus women, opposition activists resist the police attempt to detain them, as they gathered to support their current leader Maria Kolesnikova, in Minsk, Belarus, 08 September 2020. According to media reports citing eyewitnesses and fellow campaign members, Kolesnikova was detained by unidentified persons in Minsk on 07 September and taken to the border with Ukraine early 08 September to be deported, which she reportedly refused by ripping up her passport. The Belarusian State Border Committee confirmed the detention of Maria Kolesnikova on the border.  EPA/STRINGER

Frauen in Minsk widersetzen sich der Festnahme – sie gehen zur Untersützung Kolesnikowas auf die Strasse. Bild: keystone

Belarus rüstet sich für Massenprotest – Putin erwartet Lukaschenko



Nach der Festnahme der Oppositionellen Maria Kolesnikowa steht Belarus (Weissrussland) an diesem Wochenende vor neuen Protesten. Die Demokratiebewegung rief für Sonntag wieder zu landesweiten Massenkundgebungen gegen Präsident Alexander Lukaschenko auf.

Der «letzte Diktator Europas» – wie ihn Gegner nennen – steht inzwischen unter Druck wie noch nie in 26 Jahren Amtszeit. An diesem Montag wird der 66-Jährige zu einem Krisengespräch bei Kremlchef Wladimir Putin erwartet. Lukaschenko begibt sich damit erstmals seit der umstrittenen Wahl vor mehr als einem Monat ausser Landes.

Zuvor soll am Sonntag in der Hauptstadt Minsk ein «Marsch der Helden» stattfinden – auch zu Ehren Kolesnikowas. Die 38-Jährige hatte diese Woche nach einer brutalen Entführung ihren Pass zerrissen und damit ihre Abschiebung ins Nachbarland Ukraine vereitelt. Sie sitzt nun in Untersuchungshaft unter dem Vorwurf der versuchten Machtergreifung. Kolesnikowa, die in Stuttgart Musik studiert und dort zwölf Jahre gelebt hat, droht eine lange Haftstrafe.

epa08652100 (FILE) - Representative of Belarusian politician Viktor Babariko's campaign office Maria Kolesnikova attends a press conference of the Coordination Council of the Belarusian opposition in Minsk, Belarus, 24 August 2020 (reissued 07 September 2020). According to media reports citing eyewitnesses and fellow campaign members, Kolesnikova has been detained by unidentified persons in Minsk on 07 September.  EPA/TATYANA ZENKOVICH *** Local Caption *** 56293267

Ist zur Ikone der Protestbewegung geworden: Maria Kolesnikowa. Bild: keystone

Kolesnikowa wirft dem Geheimdienst KGB und der Polizei brutale Gewalt vor. Wegen einer Morddrohung und der Entführung hat sie Strafanzeige gestellt. Die Initiatoren des Protestaufrufs betonten, dass es in der Demokratiebewegung viele Helden gebe, die mit dem Marsch gewürdigt werden sollten. Der Widerstand gegen Lukaschenko ist seit der Präsidentenwahl vor mehr als einem Monat ungebrochen. Trotz Verboten, Festnahmen und massiver Gewalt von maskierten Uniformierten gehen täglich Menschen auf die Strasse.

Die Sonntagsdemonstrationen sind mit Abstand die grössten in der Geschichte des Landes. Allein in der Hauptstadt Minsk kamen Hunderttausende zusammen. Die Demokratiebewegung sieht Swetlana Tichanowskaja, die am Freitag 38 Jahre alt wurde, als rechtmässige Siegerin der Wahl vom 9. August. Die Bürgerrechtlerin war unter dem Druck der Behörden ins benachbarte EU-Land Litauen geflüchtet. Sie rief in einem neuen Videoclip ihre Landsleute dazu auf, im Kampf um die Freiheit nicht nachzulassen.

epa08651295 Belarus people attend a protest rally against the results of the presidential elections, Minsk, Belarus, 06 September 2020. Opposition activists continue their every day protest actions, demanding new elections under international observation.  EPA/STRINGER

Die Proteste reissen nicht ab: Sonntag für Sonntag zieht es in Belarus Zehntausende auf die Strassen. Bild: keystone

Ihre Unterstützer veröffentlichten an ihrem Geburtstag emotionale Videobotschaften. Tichanowskaja hatte auch den Koordinierungsrat der Zivilgesellschaft für einen friedlichen Machtwechsel in Belarus ins Leben gerufen. Fast alle führenden Mitglieder, auch Kolesnikowa, sind entweder in Haft oder im Ausland. Das Gremium werde trotzdem die Arbeit fortsetzen, sagte Tichanowskaja.

Polizei in Belarus hat keine Chance gegen diese protestierenden Frauen

Video: watson/leb

Lukaschenko trifft Putin

Das Treffen zwischen Lukaschenko und Putin soll in Sotschi am Schwarzen Meer stattfinden. Dabei gehe es um Schlüsselfragen bei der Entwicklung der strategischen Partnerschaft beider Länder, teilte der Kreml mit. Putin hatte Lukaschenko zum Wahlsieg gratuliert. Zudem stellte er ihm für den Ernstfall auch Unterstützung durch Truppen in Aussicht. Zugleich betonte er mit Blick auf die Massenproteste, dass die Menschen ein Recht hätten, ihre Meinung zu äussern.

Lukaschenko hatte zuletzt mehrfach Spekulationen widersprochen, er könne einen Besuch in Russland nutzen, um sich abzusetzen. Er gehe nirgendwo hin und werde seinen Verbleib an der Macht bis zum Tod verteidigen. Weil er sich am Präsidentenpalast zuletzt zweimal mit schusssicherer Weste und einer Kalaschnikow in der Hand zeigte, ist auch in der russischen Politik die Nervosität gross. Die beiden Präsidenten haben schon mehrfach telefoniert. Dem Vernehmen nach soll das persönliche Gespräch nun das weitere Vorgehen klären.

Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus, führt den Vorsitz einer Sitzung des Sicherheitsrats. Seit Tagen herrschen landesweit Proteste gegen den belarussischen Präsidenten. Foto: Andrei Stasevich/BeITA POOL/dpa

Klammert sich an seine Macht: Alexander Lukaschenko. Bild: sda

In der Bevölkerung in Belarus ist die Hoffnung gross, dass Putin Lukaschenko zum Aufgeben bewegen könnte und einen anderen Statthalter installiert, um die Lage zu beruhigen. Tichanowskaja sieht kaum noch Rückhalt der Führung in Moskau für Lukaschenko. «Ich sehe, dass Putin ihn unterstützt, aber nicht übermässig aktiv», sagte sie der polnischen Zeitung «Rzeczpospolita» (Freitag).

In der Ex-Sowjetrepublik kommt es seit der umstrittenen Präsidentenwahl täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich nach 26 Jahren an der Macht zum sechsten Mal in Folge zum Wahlsieger erklären lassen – mit mehr als 80 Prozent der Stimmen. Die Demokratiebewegung in dem Land zwischen EU-Mitglied Polen und Russland sieht hingegen Tichanowskaja als die neue Präsidentin. Die EU hat die Wahl - wie die meisten anderen Länder – nicht anerkannt. (sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Grave 11.09.2020 22:27
    Highlight Highlight Ich habe mal eine frage: zu beginn der berichterstattungen zu diesen ereignissen haben alle von "weissrussland" gesprochen, im TV, im Radio und in den Zeitungen und plötzlich spricht alles von "Belarus". Wieso ?
    • caro90 12.09.2020 12:02
      Highlight Highlight Weil der Name 'Weissrussland' veraltet ist (seit 1991 nennt es sich offiziell Belarus), im Deutschsprachigen aber weiterhin landläufig benutzt wurde. Ich denke, dass sich dem die Journalisten bei ihrer Recherche zum aktuellen Thema bewusst geworden sind und sich nun so die offizielle Benennung durchgesetzt hat.
    • bokl 12.09.2020 12:03
      Highlight Highlight Weil Belarus die offizielle Bezeichnung des Landes ist. Ausserhalb der CH haben die meisten Medien von Anfang an Belarus verwendet.
  • Notabik 11.09.2020 19:18
    Highlight Highlight Massenverhaftungen & Misshandlungen friedlicher Demonstranten in Belarus widerspiegeln das Desinteresse Europas. Es reicht nicht, ein paar Regierungsmitglieder zu sanktionieren. Lukaschenko gehört vor ein internationales Gericht! Menschenrechtsverletzungen mitten in Europa müssen von der Staatengemeinschaft geahndet werden. Sonst disqualifiziert sich Europa selber.
    • Kruk 11.09.2020 21:28
      Highlight Highlight "Menschenrechtsverletzungen mitten in Europa müssen von der Staatengemeinschaft geahndet werden."

      Soso... Aber auch nur dann wenn sie von den Falschen an den Falschen begangen werden...
    • Notabik 11.09.2020 21:40
      Highlight Highlight @ Kruk

      Nein, ohne wenn und aber! Auf jeden Fall! Wir tun immer so hoch zivilisiert, lassen diesen Frevel unter uns jedoch gewähren. Wie wollen wir das dereinst unseren Kindern erklären?
    • D(r)ummer 11.09.2020 22:02
      Highlight Highlight @Kruk

      Nein!

      Wer bei der Tat erwischt wird, muss Büssen.
      Die Omon kommen nicht zum Spass, sie sind die harte Hand der (Ex-)Soviets.

      Wenn nicht jetzt, wann dann?
      Möchten wir, dank der Schwächung von Justiz und Behörden, wirklich einen Freipass für Kleingeister die sich alles erlauben wollen?
      Despoten haben auf Europa nichts mehr zu suchen.


    Weitere Antworten anzeigen
  • {Besserwisser} 11.09.2020 17:19
    Highlight Highlight Sobald Staatsorgane vermummt auftreten dürfen, ist die Aussicht darauf, dass sie sich menschlich verhalten nicht mehr vorhanden.
    Das sind einfach bezahlte Schlägertrupps!
    Wie lange tolerieren die Partner dieser Länder solche Zustände noch?
  • Franz Meier 11.09.2020 17:15
    Highlight Highlight Und jetzt muss wirklich maximaler Druck von der Politik in Europa auf diese nichtmehr legitimierte „Regierungen“ aus geübt werden.... z.B. Sollte auch die Eishockey WM entzogen werden.... dies ist ein Prestigeobjekt von Herrn Lukaschenko......
    Ps, die Schweiz gehört da auch dazu....
  • G. Laube 11.09.2020 17:09
    Highlight Highlight Dem Volk von Belarus wünsche ich viel Kraft und Durchhaltewillen.
    Es darf nicht sein, dass in der heutigen Zeit ein ganzes Volk von einem Tyrannen terrorisiert wird. Jeder Mensch auf dieser Erde hat das Recht in Freiheit leben zu dürfen.
    Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass Zar Putin nicht wie in der Ukraine agieren wird.
    • Kruk 11.09.2020 21:31
      Highlight Highlight Ist die Gruppe Wagner eigentlich schon im Einsatz?

      Dieser Putin schreckt vor nichts zurück. Möglich ist dass er einen anderen Statthalter einsetzt, Demokratie wird er aber wohl nicht fördern.
      Hoffen müssen wir aber natürlich.
    • G. Laube 12.09.2020 00:50
      Highlight Highlight Auf jeden Fall sind bereits professionelle Provokateure im Einsatz, aber das Volk lässt sich nicht provozieren, weil sie darauf vorbereitet sind. Gut möglich, dass die von Putin gesponsert werden.
      Und ja Kruk Du hast recht, Putin schreckt vor nichts zurück, und er wird alles unternehmen, um zu verhindern, dass sich Belarus Europa annähern kann. Er ist und bleibt ein KGB-Mann.
  • Reto Schnurrenberger-Stämpfler 11.09.2020 16:28
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