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ARCHIV - Alexander Lukaschenko, Pr

Infolge des umstrittenen Wahlsiegs von Lukaschenko sind in Belarus grosse Unruhen ausgebrochen. Bild: sda

Journalist beschreibt seinen Horror in Belarus: «Wir lagen lebendig in einer Blutlache»

Ein russischer Journalist wird während der Proteste in Minsk festgenommen. Was er in einem Tag Polizeihaft erlebt, gleicht einem Film. Seine Schilderungen zeugen von brutaler Polizeigewalt, von Menschen, aufeinandergestapelt wie lebende Teppiche, und vom Transport in den eigenen Exkrementen.



In Minsk herrscht zurzeit Ausnahmezustand: In der Nacht zum Donnerstag kam es am vierten Tag in Folge zu Demonstrationen in der Hauptstadt Weissrusslands. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Präsident Alexander Lukaschenko.

Der russische Journalist, Nikita Telizhenko, war vor Ort. Doch in der Nacht auf den 11. August wurde er festgenommen. Ab da war er für einen Tag komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. In einem Bericht des russischen Mediums Znak schreibt er über die 16 Stunden in der «Hölle» der Polizei. Wir haben ihn für euch übersetzt.

Die Verhaftung

Kampffahrzeuge, Lastwagen und viele Militärs: So beschreibt der Journalist die Szenen auf den Strassen Minsks. Er machte Fotos von den Vorfällen und Verhaftungen und informierte die Redaktion regelmässig über die Zustände. Plötzlich hielt ein Minivan vor ihm an. Ausgerüstete Bereitschaftspolizisten der OMON, einer Einheit der Nationalgarde, sprangen heraus und fragten Telizhenko, was er hier mache.

«Ich sagte, ich wäre Journalist und in Kontakt mit meiner Redaktion. Sie griffen nach meinem Handy, lasen die Nachrichten und setzten mich ins Auto. Ich sagte ihnen, dass ich nichts verbrochen habe, dass ich nicht an den Protesten teilgenommen hatte. ‹Setz dich, die Bosse werden kommen und die Sache klären›, war deren Antwort.»

Die Beamten verlegten Telizhenko in ein anderes Fahrzeug. Eine Art Reisewagen, wie er beschreibt. Darin befanden sich noch andere Gefangene. Er bat um einen Telefonanruf, um die Redaktion zu informieren, dass er festgenommen worden war.

«‹Du bist nicht inhaftiert›, sagte einer der Polizisten. ‹Nun, ich bin hinter Gittern›, antwortete ich. ‹Setz dich und sei still›, gab er zurück. Danach nahmen sie meinen Pass und sahen, dass ich russischer Staatsbürger bin. ‹Und, Schw***, was machst du hier?›, fragte er. ‹Ich bin Journalist›, antwortete ich. Damit war der Dialog beendet.»

epa08596585 Riot police clear protesting people from an area in Minsk, Belarus, 10 August 2020. Long-time President of Belarus Alexander Lukashenko won the elections by a landslide with 80 percent of the votes. The opposition does not recognize the results and has questioned the transparency of the counting process.  EPA/TATYANA ZENKOVICH

Die Bereitschaftspolizei ist dafür ausgebildet, Protesten und Unruhen entgegenzutreten. Bild: keystone

16 Stunden in der «Hölle»

Wohin die Polizisten Telizhenko und die anderen brachten, wusste er nicht. Nach ungefähr 30 Minuten Fahrt hielt der Wagen an. Sicherheitskräfte mit kugelsicheren Westen standen auf der Strasse und befahlen den Gefangenen, sich auf den Boden zu legen. Schnell wurden sie festgenommen und mit den Armen hinter dem Rücken in ein Gebäude – welches sich später als eine berüchtigte Polizeiwache in Minsk herausstellte – geführt.

«Der Mann vor mir wurde mit dem Kopf an den Türrahmen des Eingangs zum Polizeirevier geschleudert. Er schrie vor Schmerz. Sie fingen an, ihn auf den Kopf zu schlagen und schrien: «Halt deine Klappe, Schlampe!». Das erste Mal, als sie mich schlugen, war, als sie mich aus dem Wagen zerrten. Ich bückte mich anscheinend nicht tief genug und wurde mit einer Hand und dann mit einem Knie auf den Kopf geschlagen.»

Telizhenko und die Gefangenen wurden im Gebäude der Polizei zunächst in einem Zimmer im vierten Stock untergebracht.

«Dort lagen Leute auf den Boden verteilt, wie ein lebender Teppich. Wir mussten direkt auf ihnen laufen. Es war sehr unangenehm für mich, dass ich immer wieder auf jemandes Hand trat, aber ich sah überhaupt nicht, wohin ich ging, weil mein Kopf stark nach unten gedrückt wurde. ‹Alle auf den Boden, mit dem Gesicht nach unten!›, schrien sie uns an. (...) Menschen lagen in Blutlachen herum.»

Die Gefangenen durften nur mit dem Gesicht nach unten auf dem Bauch liegen.

«Der Typ neben mir, der versuchte, es sich bequem zu machen, drehte versehentlich den Kopf zur Seite und bekam sofort einen Tritt mit einem Armeestiefel ins Gesicht.»

Telizhenko beschreibt die Zustände. Überall um ihn herum gab es heftige Auseinandersetzungen: Schläge und Schreie waren von überall zu hören. Er vermutete bei einigen Häftlingen gebrochene Knochen – weil diese bei der geringsten Bewegung vor Schmerz aufschrien.

«Neue Häftlinge mussten sich wie eine zweite Schicht auf die anderen legen. Zwar wurde den Polizisten nach einer Weile klar, dass dies eine schlechte Idee war, und jemand befahl, Bänke mitzubringen. Ich war unter denen, die darauf sitzen durften – aber nur mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen am Hinterkopf.»

Auf die Toilette durften sie nur mit Erlaubnis und in Begleitung. Der Journalist schreibt von Schmerzen in seinen Armen, Beinen und im Nacken. Gegen zwei Uhr morgens wurden neue Häftlinge gebracht.

«Und hier beging die heftige Brutalität. Die Milizsoldaten zwangen die Häftlinge, zu beten, ‹Vater unser...› zu lesen, und diejenigen, die sich weigerten, schlugen sie mit allen verfügbaren Mitteln. (...) Als wir in der Aula sassen, hörten wir, wie Menschen auf den Böden unter und über uns geschlagen wurden. Es fühlte sich so an, als würden diese Menschen praktisch in den Beton getreten werden.»

Gleichzeitig waren die Tumulte auf den Strassen nicht zum Stillstand gekommen. Draussen waren Explosionen und Schreie zu hören.

Die Beamten jeder neuen Schicht fragten jeden der Häftlinge, woher sie kamen und wann sie festgenommen wurden.

«Keiner von uns durfte einen einzigen Anruf tätigen.»

Gegen sieben oder acht Uhr morgens trafen die Behörden ein. Gemäss Telizhenko war es klar, dass diese nicht von zu Hause kamen, sondern von den Strassen Minsks, in denen die Auseinandersetzungen stattfanden. Danach wurden die Häftlinge inklusive Telizhenko in den ersten Stock geführt und in Dreissigergruppen in Zellen gesteckt, die für zwei konzipiert waren.

«Der Prozess wurde von Flüchen und Schlägen begleitet. ‹Enger, Enger!›, riefen die Beamten. Unter meinen Zellengenossen waren sowohl Rentner als auch junge Leute. Jemand, der es satt hatte, zu stehen, setzte sich auf den Boden, aber es gab überhaupt keine Luft, und er fiel in Ohnmacht. Diejenigen, die standen, starben fast an der Hitze.»

Nach zwei oder drei Stunden öffneten sich die Türen.

«‹Gesicht zur Wand!›, schrien sie uns an, und kurz darauf stürmten Sicherheitskräfte den Raum, und sie fingen an, unsere Hände hinter dem Rücken zu verdrehen und zogen uns über den Boden durch die Polizeidienststelle. (...) Draussen, im Reisewagen, legten sie uns wieder in stapelweise aufeinander. Diejenigen, die auf dem Boden lagen, wurden erdrückt vom Gewicht der Körper der anderen. Es stapelten sich drei weitere Schichten von Menschen obendrauf.»

Zwei Stunden in Schmerz und Blut

Im Wagen schlugen sie nach den Erzählungen Telizhenkos weiter auf die Menschen ein und demütigten diese. Und das aus den willkürlichsten Gründen: für Tätowierungen, für lange Haare.

«‹Du bist ein Päderast. Im Gefängnis werden sie dich der Reihe nach ficken›, riefen sie. Die Leute, die auf dem Boden lagen, baten darum, ihre Position ändern zu dürfen, aber dafür erhielten sie Schläge auf den Kopf mit einem Gummiknüppel. Wir haben eine Stunde in diesem Zustand im Reisewagen verbracht.»

Telizhenko beschreibt unmenschliche Zustände. Die Gefangenen mussten sich auf die Knie stellen und die Hände am Hinterkopf festhalten.

«Diejenigen, die gegen diese Anforderungen verstiessen, wurden gnadenlos geschlagen. Sie durften nur gelegentlich die Position ihrer Füsse ändern: Dazu mussten sie aber ihre Hände heben, ihren Namen nennen und sagen, woher sie kamen und warum sie inhaftiert waren. Wenn der Wachmann den Nachnamen, das Tattoo oder das Aussehen nicht mochte, war es ihnen verboten, die Position der Beine zu wechseln. Sie wurden für wiederholte Anfragen geschlagen. Es wurde gedroht, das Ändern der Pose werde als Fluchtversuch gewertet und man werde augenblicklich erschossen.»

Nach den Schilderungen Telizhenkos war es den Gefangenen untersagt, die Toilette aufzusuchen. Da die Fahrt jedoch einige Zeit in Anspruch nahm, konnten einige der Menschen es nicht mehr aushalten. Sie nässten und koteten sich ein. Und so verbrachten sie die meiste Zeit in den eigenen Exkrementen.

Den Wachen war es nach der Einschätzung von Telizhenko langweilig. Sie erlaubten sich einen Spass und forderten die Gefangenen dazu auf, zu singen.

«Hauptsächlich die Hymne von Belarus, sie filmten alles mit dem Telefon. Wenn ihnen die Ausführung nicht gefiel, schlugen sie uns erneut. Wenn man schlecht sang, musste man erneut singen, und die anderen gaben eine Bewertung ab. ‹Wenn du denkst, dass du Schmerzen hast, dann bist du noch nicht verletzt. Es wird jetzt im Gefängnis schmerzhaft sein, deine Lieben werden dich nicht wiedersehen›, sagten uns die Wachen. ‹Du S*** sitzt jetzt hier, und deine Tichanowskaja (Anm. d. Red.: Swetlana Tichanowskaja war die Herausforderin des Präsidenten Lukaschenko) verpisste sich aus dem Land. Eure Leben sind vorbei›, sagt einer der Wachen.»

«Die Reise dauerte zwei Stunden. Zwei Stunden in Schmerz und Blut.»

«Ich fragte eine Wache, warum sie mich festgenommen haben und warum ich in die Niere geschlagen wurde. ‹Wir warten nur darauf, dass du anfängst, etwas auf der Strasse zu verbrennen›, sagte er mir. ‹Und dann werden wir auf dich schiessen, das ist unser Auftrag. Es gab ein grossartiges Land, die Sowjetunion, und wegen solcher S*** wie dir ist es gestorben. (...) Wenn ihr Russen der Meinung seid, dass Tichanowskaja hier gewählt werden würde, hat man euch das Gehirn verbrannt. (...) Wir werden Weissrussland nicht erlauben, ein Teil Russlands zu werden.›»

Der Einschätzung zu Folge handelte es sich bei dem Wachen nicht um die örtliche Miliz, sondern um einen Mann von SOBR, eines Spezialeinsatzkommandos des weissrussischen Innenministeriums.

Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin bei der Pr

Swetlana Tichanowskaja, die Herausforderin von Lukaschenko, ist nach Litauen geflüchtet. Bild: sda

Im Gefängnis

Die Ungewissheit war das, was Telizhenko am meisten zusetzte.

«Wir wussten nicht, wohin sie uns brachten: In eine vorübergehende Haftanstalt, eine Untersuchungshaftanstalt, ins Gefängnis oder einfach in den nächsten Wald, wo sie uns entweder halb zu Tode schlugen oder einfach töteten. Was die letzte Option betrifft, übertreibe ich überhaupt nicht. Es war alles möglich.»

Die Beamten brachten Telizhenko und die anderen Gefangenen in eine Haftanstalt.

«Lange Zeit führten sie uns durch einige Korridore, dann brachten sie uns in den Gefängnishof. Und für uns war es schon fast ein Paradies. Wir konnten zum ersten Mal seit einem Tag unsere Arme senken, uns aufrichten, uns hinlegen und vor allem schlug uns niemand. Zum ersten Mal wurden wir wie Menschen behandelt: Sie brachten einen Eimer als Toilette, einige von uns taten dies fast einen Tag lang nicht, und eineinhalb Liter Wasser. Das war natürlich nicht genug für 25 Leute, aber trotzdem...»

«‹Wir werden heute nicht geschlagen?›, fragte einer der Häftlinge diejenigen, die den Eimer und das Wasser brachten. ‹Nein›, antwortete der Beamte überrascht. ‹Ihr werdet einfach in die Zellen geschickt und das war's dann.›»

Zum ersten Mal seit einem Tag konnten die Gefangenen miteinander sprechen. In den Gesprächen mit den anderen fand Telizhenko heraus, dass es sich um ganz normale Leute handelte: Unternehmer, IT-Spezialisten, Schlosser, Ingenieure. Ein Gefangener, der den Ort erkannte, sagte, sie befänden sich in Zhodino – einer Stadt in der Nähe von Minsk. Später rief ein Mann in Uniform nach Telizhenko. Sie brachten ihn nach draussen.

Heimweg

Telizhenko und ein anderer russischer Journalist wurden weggebracht.

«Vor dem Gefängnis standen viele Menschen. Angehörige der Vermissten, Menschenrechtsaktivisten. Eine Frau stellte sich als Angestellte des weissrussischen Migrationsdienstes vor. Sie brachte uns in die Stadt Zhodino selbst, in die Migrationsabteilung. (...) Wir mussten bis 24:00 Uhr Weissrussland verlassen. Es war bereits 22:30 Uhr.»

Telizhenko wurde mit einer Anklage gedroht. Die Angestellte sagte, er würde vor Gericht stehen werden, ohne ihm jedoch zu sagen, für was. Seine Geschichte endete damit, dass ein Mitarbeiter der russischen Botschaft eintrat und die beiden Journalisten in ein Fahrzeug setzte und sie nach Smolensk – einer Stadt in Russland – fuhr. Und das pünktlich vor Mitternacht. Er hatte Glück. Hunderte andere befinden sich immer noch in Haft. (cki)

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