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Bild: shutterstock/watson

#allesdichtmachen: Das steckt hinter der umstrittenen Corona-Aktion

Mehr als 50 Schauspielstars haben am Donnerstagabend die Corona-Debatte in Deutschland aufgewirbelt. Mit überspitzten Clips kritisieren sie die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Das Netz hinter der Kampagne erscheint undurchsichtig.

Steven Sowa / t-online



Die Corona-Pandemie hält nahezu die gesamte Menschheit seit mehr als 13 Monaten in Atem. Manche Regierungen handeln strikt, andere weniger, doch in vielen Ländern der Erde herrscht Ausnahmezustand. Auch in Deutschland ist seit März 2020 nichts mehr so, wie es vorher war.

Dass das für alle gut 83 Millionen Einwohner schwer zu ertragen ist, ist nachvollziehbar. Mehr als 80'000 an oder mit Covid-19 gestorbene Menschen hat das Land bereits zu beklagen, Intensivmediziner, Pfleger, Ärzte und viele mehr arbeiten seit einem Jahr am Rande ihrer Belastungsgrenze. Nur logisch, dass an diesem Zustand und an dem Krisenmanagement der Regierung auch Kritik geäussert wird.

Bernd Wunder hatte offenbar Unterstützung

Die «Alles dicht machen»-Aktion, die am Donnerstagabend online ging, stellt dennoch eine Zäsur dar. Kaum eine Kritik hat für derart viel Wirbel gesorgt, wie die von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern veröffentlichten, überspitzt, ironischen Clips auf YouTube – und die neu ins Leben gerufenen Website «allesdichtmachen.de».

Dutzende Prominente haben dort in einer koordinierten Aktion die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert. Doch insgesamt arbeiten in Deutschland 15'000 bis 20'000 Schauspieler und viele von ihnen zeigten sich von den Meinungsäusserungen entsetzt.

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Doch wer steckt dahinter? Recherchen von t-online zeigen, dass es sich nicht nur um den Administrator der Seite handelt, Bernd K. Wunder, der für die Orchestration verantwortlich zeichnet.

Allerdings ist er der mit Abstand offensichtlichste Berührungspunkt aller beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler. Er ist im Impressum der neu gegründeten Homepage als Verantwortlicher ausgewiesen.

Ob er für die initiierte Kampagne allein verantwortlich ist, beantwortet er auf Anfrage von t-online nicht. Er reagiert auch nicht auf Anrufe. Eine Nachricht auf seiner Mailbox und eine E-Mail lässt er unbeantwortet.

Dem «Spiegel» sagte Wunder in der Nacht von Donnerstag auf Freitag immerhin noch: «Das ist Kunst» und bestätigte, dass seine Firma hinter der Aktion steckt.

Diese Stars sind beteiligt:

Pasquale Aleardi, Tina Maria Aigner, José Barros, Gianna Valentina Bauer, Peri Baumeister, Meret Becker, Martin Brambach, Volker Bruch, Dietrich Brüggemann, Jörg Bundschuh, Joseph Bundschuh, Samia Dauenhauer, Nadine Dubois, Roland Düringer, Ken Duken, Christian Ehrich, Werner Eng, Ulrike Folkerts, Inka Friedrich, Markus Gläser, Bernd Gnann, Cem Ali Gültekin, Nina Gummich, Felix Klare, Kea Könneker, Vicky Krieps, Jan Josef Liefers, Heike Makatsch (nicht mehr dabei), Alexandra Marinescu, Maxim Mehmet, Thorsten Merten, Wotan Wilke Möhring, Ben Münchow, Richy Müller, Nicholas Ofczarek, Kathrin Osterode, Jeana Paraschiva, Nina Proll, Trystan Pütter, Claudia Rippe, Manuel Rubey, Katharina Schlothauer, Christine Sommer, Miriam Stein, Karoline Teska, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Kostja Ullmann, Jens Wawrczeck, Monika Anna Wojtyllo, Ramin Yazdani, Hanns Zischler.

Doch die aufwendig durchorganisierte Aktion klingt nach grossem Organisationsaufwand für einen Mann, der laut seinem Account auf der Videoplattform «Vimeo» kleine Clips im Netz produziert. Zuletzt ging dort vor acht Monaten ein Trailer online.

Ausserdem hat Wunder offenbar an einer fünf Jahre alten Tourismus-Werbekampagne mit Philip Lahm als Testimonial mitgearbeitet und Werbeclips von Sky mit Harald Schmidt entworfen. Seine Münchner Produktionsfirma «Wunder am Werk» tritt eher im Hintergrund in Erscheinung und versteht sich laut Website als «kreativer Pool» von «Autoren, Regisseuren und Filmredakteuren».

Wunder selbst ist keine bekannte Grösse im deutschen Unterhaltungsgeschäft. Auf einem unverifizierten Instagram-Account mit seinem Namen folgen ihm 137 Abonnenten, seine Website «wunderamwerk.com» ist in der Bio verlinkt. Auf Instagram verharmloste er im Mai 2020 das Coronavirus, schrieb, man müsse «während der Grippesaison Mundschutz tragen», wenn man der Einstellung der «Mundschutzknappen und selbsternannten Retter der Menschheit» folge.

Zwei Monate später beschimpft er SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, als der bei «Markus Lanz» über mögliche Szenarien bei Kino-Schliessungen spricht: «Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten», so Bernd Wunder.

Wieder einen Monat später, am 15. August 2020, sagt er über Menschen, die die Massnahmen gegen Corona gutheissen: «Der Ausdruck Coronazi ist somit absolut gerechtfertigt». Ein in der Szene der Corona-Leugner und «Querdenker» gerne verwendeter Begriff, um Leute zu diffamieren, die vor dem Virus Sars-Cov-2 warnen und Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie unterstützen.

Wie die Kooperation zwischen ihm und den Prominenten zustande gekommen ist, lässt sich schwer rekonstruieren. t-online hat Schauspielerinnen und Schauspielern der Aktion angefragt und gebeten, die Zusammenarbeit zu erklären.

Einige wollen sich nicht äussern, andere, wie «Berlin Falling»-Star Ken Duken, verweisen auf ihre Statements bei Instagram, wieder andere reagieren auf unsere Bitten um Stellungnahmen gar nicht. Dass Heike Makatsch bereits ihr Video entfernen liess mit der Begründung, sie «bereue es zutiefst» und Ken Duken in seinem Statement sagt, die Aktion sei «gründlich in die Hose gegangen», zeigt aber, wie fragil das ganze Konzept offenbar gestaltet war.

Vor Social-Media-Kampagne bereits Unterstützer

Auffällig ist, wer umgehend die Kampagne unterstützt hat: Teile der AfD, der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, und «Querdenker»-Mitbegründer Michael Ballweg waren schnell mit an Bord, als es darum ging, die Aktion in den sozialen Medien zu verbreiten.

Der erste, der Medien darauf stossen und so weitere Verbreitung schaffen wollte, war der Arzt und Publizist Paul Brandenburg, Vorsitzender eines Vereins, der sich «1bis19 – Initiative für Grundrechte und Rechtsstaat e.V.» nennt und auch regelmässig bei Corona-Protesten demonstriert hat.

Brandenburg setzte am Donnerstag um 18.45 Uhr einen Tweet mit Link zu der Homepage ab und markierte darin die Accounts grosser Medien. Er sprach vom «Wahnsinn der Corona-Politik». Zu diesem Zeitpunkt war die Kampagne erst wenige Minuten online. Die früheste gespeicherte Version der Website datiert auf 18.26 Uhr, wie Recherchen von t-online belegen.

Zu dieser Zeit wurde auch zum ersten Mal über die Seite getwittert – von einem Arzt, der eigentlich der NoCovid-Bewegung für schnell wirksame Massnahmen zur Senkung der Inzidenzen angehört. Er hatte das Video von Schauspieler Volker Bruch gesehen, das Bruch auf Instagram um 18.15 Uhr hochgeladen hatte, und sich darüber geärgert.

Die Initiative «1bis19», bei der auch einige der Schauspieler aktiv sind, hat dann ab kurz nach 19 Uhr etliche der Videos auf Instagram hochgeladen. Vorsitzender Brandenburg wollte Fragen von t-online nicht beantworten, weil er Sorge habe, dass seine Aussagen «tendenziös» dargestellt würden. Bereits in einem am 20. März veröffentlichten Interview hatte er gesagt, er rechne mit einem Auftritt von bekannten Schauspielern in der Öffentlichkeit: «Ich persönlich glaube, wir stehen kurz davor, dass sich sehr viele outen werden, und ich freue mich.»

Die Firma von Ken Duken und Bernd Wunder

Brandenburg hat wie Filmproduzent Wunder bereits länger etwas gegen den in der Corona-Leugner-Szene als Hassfigur etablierten Karl Lauterbach. Gemeinsam mit dem geschassten, ehemaligen Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg, Friedrich Pürner, verfasste er am 30. März 2021 einen offenen Brief an Lauterbach. Der SPD-Politiker falle mit «extremen Meinungsbekundungen» auf, so der Vorwurf. Er solle seine «politische Betätigung künftig für die Öffentlichkeit deutlich erkennbar von seiner Berufszulassung als Arzt» trennen, so die Aufforderung.

Es gibt keine Belege dafür, dass Paul Brandenburg und Bernd Wunder vor der Aktion miteinander in Kontakt standen oder sich bereits kannten.

Anders ist das bei einem der beteiligten Schauspieler, Ken Duken, und Bernd Wunder. Gemeinsam gründeten sie 2004 in München die Produktionsfirma «GrandHotelPictures». Auf der Homepage heisst es zum Unternehmensverständnis dort: «Wir geben unser Herzblut und wir überschreiten von Zeit zu Zeit auch Grenzen mit unseren Projekten.» Grenzen, die Duken bereits selbst mit seinem Statement auf Instagram eingeräumt hat.

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quelle: keystone / peter klaunzer
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