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epa08441922 British Prime Minister Boris Johnson's Special Advisor Dominic Cummings returns to his home in London, Britain, 24 May 2020. Calls for Cummings' resignation have increased since news broke the Cummings broke lockdown regulations while showing symptoms for Covid-19.  EPA/ANDY RAIN

Dominic Cummings, Chef-Berater von Boris Johnson, hat Lockdown-Regeln missachtet. Bild: EPA

Grossbritanniens «verrücktestes politisches Wochenende seit langem» – was ist passiert?

Grossbritannien hat gerade das «verrückteste politische Wochenende seit langem» hinter sich. Was ist passiert? Eine Chronologie des Wochenendes.



Freitag: die Meldung

Der wichtigste Berater des britischen Premierministers Boris Johnson, Dominic Cummings, soll gegen die Ausgangsbeschränkungen in dem Land verstossen haben. Das berichteten der «Guardian» und der «Daily Mirror» am Freitagabend. Cummings soll demnach Ende März von London in die rund 430 Kilometer entfernte nordostenglische Grafschaft Durham zu seinen Eltern gefahren sein – zusammen mit seiner an Covid-19 erkrankten Frau und seinem 4-jährigen Sohn. Cummings selbst zeigte bereits Symptome, kurz danach erkrankte er nach eigener Darstellung selbst daran.

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Nur rund eine Woche vorher hatte die Regierung zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie strenge Auflagen für die Bewegungsfreiheit erlassen. Das Reisen war mit Ausnahme von dringenden Gründe nicht erlaubt. Wer Symptome aufweist, muss zudem sieben Tage in Selbstisolation verbringen.

Samstag: Rücktrittsforderungen

Ein Regierungssprecher verteidigte das Verhalten von Cummings am Samstag. Es sei für ihn unumgänglich gewesen, die Betreuung seines jungen Kindes sicherzustellen, hiess es in einer Mitteilung. Seine Schwester und Nichten hätten Hilfe angeboten, als seine Frau Symptome von Covid-19 gezeigt habe und auch er mit einer Erkrankung habe rechnen müssen. Cummings sei überzeugt, vernünftig und rechtmässig gehandelt zu haben. «Sein Handeln war in Einklang mit den Coronavirus-Richtlinien.»

In this handout photo provided by UK Parliament, SNP Westminster leader Ian Blackford asks a a question remotely during Prime Minister's Questions, as members of parliament observe social distancing due to the coronavirus, in the House of Commons, London, Wednesday, May 6, 2020. (Jessica Taylor/UK Parliament via AP)

Klare Worte von Blackford: Cummings muss zurücktreten oder rausfliegen. Bild: AP

Harsche Kritik kam von der Opposition. «Die Position Dominic Cummings' ist vollkommen unhaltbar – er muss zurücktreten oder rausfliegen», sagte der Fraktionschef der Schottischen Nationalpartei SNP im britischen Parlament, Ian Blackford. Der konservative Regierungschef habe nun ernste Fragen zu beantworten, so Blackford am Samstag auf Twitter.

Die Labour-Abgeordnete Tulip Siddiq sagte dem «Guardian», die Regierung müsse nun rasch Erklärungen liefern. «Die britische Öffentlichkeit erwartet nicht, dass es eine Regel für sie gibt und eine andere für Dominic Cummings», sagte die Abgeordnete.

Rückendeckung bekam Cummings von Staatsminister Michael Gove. «Sich um seine Frau und sein Kind zu kümmern, ist kein Verbrechen», twitterte er. Aussenminister Dominic Raab warf Kritikern vor, den Vorfall für politische Grabenkämpfe ausschlachten zu wollen.

Sonntag: Johnson verteidigt Cummings

Am Sonntagnachmittag folgte dann eine Pressekonferenz des Premiers. Nach einem ausführlichen Gespräch mit Cummings sei Johnson zu dem Schluss gekommen, dass Dominic Cummings «den Instinkten eines jedes Vaters gefolgt» sei. Er habe «in jeder Hinsicht verantwortlich, legal und mit Integrität» gehandelt, so der Regierungschef. Forderungen nach einem Rauswurf Cunning's wies er zurück.

In this photo issued by 10 Downing Street, Britain's Prime Minister Boris Johnson speaks during a media briefing on coronavirus in Downing Street, London, Sunday May 24, 2020. Boris Johnson says he won't fire his chief aide Dominic Cummings for allegedly violating the national coronavirus lockdown rules that he helped to create. (Andrew Parsons/10 Downing Street via AP)

Johnson an der Pressekonferenz vom Sonntag. Bild: AP

Doch Kritiker fürchten, die Glaubwürdigkeit der Regierung könne durch die grosszügige Auslegung der Lockdown-Regeln für den Regierungsberater ernsthaften Schaden genommen haben. Mehrere Experten, die nach eigenen Angaben die Regierung bisher beraten hatten, äusserten sich besorgt. Innerhalb von ein paar Minuten habe Johnson «alle Ratschläge, wie man Vertrauen aufbaut und das Einhalten der Massnahmen sicherstellt, die für die Kontrolle von Covid-19 notwendig sind, in die Tonne getreten», twitterte beispielsweise der Psychologe Stephen Reicher von der St.-Andrews-Universität in Schottland.

Kritik vom Civil Service

Eine ungewöhnlich kritische Bemerkung über Premierminister Boris Johnson vom offiziellen Account der britischen Berufsbeamten (Civil Service) hat nach Johnsons Pressekonferenz für Aufsehen gesorgt. Darin hiess es: «Arrogant und beleidigend. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, mit diesen Wahrheitsverdrehern zusammenzuarbeiten?»

Wer die Nachricht geschrieben hatte, war zunächst unklar. Die Regierung kündigte an, dem kritischen Tweet nachzugehen. «Ein nicht autorisierter Tweet wurde heute Abend von einem Regierungskanal gesendet. Die Nachricht wurde entfernt und wir untersuchen die Angelegenheit.» Doch damit handelte sie sich noch mehr Spott ein.

Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling antwortete darauf: «Wenn Sie rausgefunden haben, wer es war, lassen Sie es uns wissen, ich will denen ein Jahresgehalt geben.» Ex-Fussballstar und BBC-Moderator Gary Lineker twitterte: «Eine nicht autorisierte Reise wurde von einem Regierungsberater unternommen. Der Berater wird nicht entfernt und wir untersuchen die Angelegenheit nicht.»

Montag: Kommt noch mehr?

Die einflussreiche Boulevardzeitung «Daily Mail» titelte am Montag zu Bildern von Johnson und Cummings: «Auf welchem Planeten leben die eigentlich?» Oppositionschef Keir Starmer von der Labour-Partei zeigte sich von Johnsons Vorgehen enttäuscht. «Das war ein grosser Test für den Premierminister und er ist gerade durchgefallen», sagte Starmer in einem BBC-Interview. Millionen Menschen hätten qualvolle Entscheidungen treffen müssen, beispielsweise Angehörige nicht zu besuchen, und nicht zu Beerdigungen zu gehen, sagte der Labour-Chef.

Nicht auszuschliessen scheint, dass in der Sache noch weitere Details an die Öffentlichkeit gelangen. Der «Guardian» und der «Daily Mirror» berichteten am Sonntagabend, ein Augenzeuge, der Cummings am 12. April an einem Ausflugsziel rund 50 Kilometer vom Wohnhaus seiner Eltern entfernt gesehen haben will, habe inzwischen Anzeige erstattet. Auch für einen weiteren Aufenthalt Cummings' in Durham am 19. April gibt es demnach einen weiteren Augenzeugen. Die Regierung stritt weitere Aufenthalte Cummings in Durham ab.

Übrigens: Am Montagmorgen tauchte vor Cunnings Haus ein Van mit einem Bildschirm auf, auf dem das «Stay at home»-Video von Johnson abgespielt wird.

Britischer Humor vom Feinsten:

Update Montagmittag

Boris Johnson gerät nach der Rückendeckung für Cummings selbst immer mehr unter Druck. Ausser der Opposition forderten inzwischen mehr als ein Dutzend Parlamentarier aus Johnsons Konservativer Partei sowie Kirchenvertreter und Ärzte den Rücktritt Cummings.

Der Premier behandle die Menschen «wie Trottel» und «ohne Respekt», twitterte der Bischof von Leeds, Nicholas Baines. Ausser ihm kritisierten noch viele andere Geistliche der Kirche von England Johnsons und Cummings Verhalten.

Auch in der Tory-Partei bröckelt die Unterstützung. Der frühere Staatssekretär Paul Maynard nannte das Verhalten des Chefberaters «völlig unhaltbar». Der Abgeordnete David Warburton sagte dem Sender BBC, Cummings «schädigt die Regierung und das Land». Der Mediziner Dominic Pimenta twitterte ein Foto von sich in voller Schutzausrüstung und schrieb: «Wenn er (Cummings) nicht aus dem Dienst ausscheidet, dann mache ich das.»

(jaw/sda/dpa)

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • So en Ueli 25.05.2020 13:03
    Highlight Highlight Und ich dachte, der Trump sei an Dummheit nicht zu übertreffen, aber da wurden wir eines Besseren belehrt.
  • Seuli 25.05.2020 12:25
    Highlight Highlight Quod licet Iovi, non licet bovi
    • So en Ueli 25.05.2020 15:08
      Highlight Highlight Für diejenigen die des Lateins nicht mächtig sind:

      „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“
  • Alex2000 25.05.2020 11:49
    Highlight Highlight Zu schön... Spricht mir au der Seele
    Play Icon
  • Therealmonti 25.05.2020 11:48
    Highlight Highlight Selber Schuld, wenn man so einen selbstverliebten Trottel zum Premier macht. Gilt auch für die Amerikaner. Und ein paar andere Länder könnte man auch noch aufzählen.
  • Kaspar Floigen 25.05.2020 11:08
    Highlight Highlight Vielleicht das verrückteste politische Wochenende seit langem, aber weit weg vom verrücktesten politischen Ereignis der letzten Monate auf der Insel.
  • HabbyHab 25.05.2020 10:35
    Highlight Highlight Manche Fische sind halt gleicher als andere.
    • petrolleis 25.05.2020 12:32
      Highlight Highlight Sie meinen "Inselaffen", oder? Soweit ich weiss, hehören die nicht zu den Fischen 😉
  • swisskiss 25.05.2020 10:26
    Highlight Highlight Cummings ist "systemrelevant" und "too big to fail"

    Man kann Boris nicht seinen Machiavelli wegnehmen, denn sonst wird noch planloser in Nummer 10.
  • INVKR 25.05.2020 10:09
    Highlight Highlight Rules for thee, not for me!
  • frederik 25.05.2020 09:56
    Highlight Highlight Meine Frau ist an Covid-19 erkrankt, ich zeige auch schon Symptome. Höchste Zeit zu meinen Eltern zu fahren.

    Wirklich ein Vorzeigesohn :'-)
    • Q anon = B annon 25.05.2020 10:26
      Highlight Highlight ja, wir wissen ja nicht wie er zu seinen Eltern steht!
      Eventuell war das die gelegenheit die er seit jahren gesucht hat!

      Sorry, sein Verhalten ist nur Dumm!
    • The oder ich 25.05.2020 13:50
      Highlight Highlight Früher hiess so etwas "Erbschleicher"^^
  • Bee89 25.05.2020 09:13
    Highlight Highlight Ja die Regeln gelten halt nur für das Fussvolk. Die britische Regierung zeigt wieder mal ganz deutlich, dass es ein "Wir vs. Ihr" gibt..
  • Inspiration 25.05.2020 09:09
    Highlight Highlight Es gab mal einen schönen Film mit dem Namen: "much ado about nothing." Passt irgendwie zu diesem Bericht.
    • Magnum 25.05.2020 10:17
      Highlight Highlight Es gibt ein schönes Buch mit dem Namen «Animal Farm». Passt nochmals besser zu diesem Bericht.
    • Magnum 25.05.2020 11:05
      Highlight Highlight Ich würde es eben nicht als «nothing» bezeichnen, wenn eine Regierung von anfänglicher Verharmlosung aufgrund der schweren Erkrankung des Premierministers den Kurs wechselt und strenge Einschränkungen zur Eindämmung von Covid-19 erlässt - nur damit der Chefberater ohne Ministerium sich dann über ebendiese Regeln in eklatanter Weise hinwegsetzt.

      Das Fehlverhalten von Cummings lässt tief in das Selbstverständnis einer Elite blicken, die sich für über schnöde Regeln und Gesetze stehend hält. Sogar ein übles Brexit-Revolverblatt wie Daily Mail kritisiert diesen Umstand in voller Schärfe.
    • Shabaqa 25.05.2020 19:48
      Highlight Highlight Genau, ein Film. Der damals noch völlig unbekannte William Shakespeare hat dann das Buch dazu geschrieben.

      And now for something completely different: Wie steht es eigentlich um unsere Schulen?
  • Töfflifahrer 25.05.2020 09:06
    Highlight Highlight Na ja, viele die ich kenne sind aus England, Wales oder Schottland und nehmen Johnson eh nicht mehr ernst, halten ihn mittlerweile eher für gefährlich.
    Viele bezweifeln ob der überhaupt einen Plan hat.
    • The oder ich 25.05.2020 09:24
      Highlight Highlight Boris Johnsons Plan war, Premierminister zu werden.

      Der Plan ist aufgegangen.


      Schade, dass er sich für danach noch keinen Plan gemacht hat.
    • Heinzbond 25.05.2020 09:56
      Highlight Highlight Das Problem mit dem nicht für voll nehmen ist das er an der Spitze hockt. Den anderen Clown hat auch keiner für voll genommen und jetzt hat er schon 100.000 auf dem gewissen.
      Ich bin mir sicher das beide einen Plan haben, möglichst viel abgreifen was geht und dann nach mir die Sintflut...
      Schade das den Haag für so was nicht zuständig ist...
    • pamayer 25.05.2020 12:28
      Highlight Highlight Populismus hat ein Ego, keinen Plan.
  • P_hr 25.05.2020 08:54
    Highlight Highlight ordaaaaa

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