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Deutsche Ärzte finden Hinweise auf Vergiftung bei Nawalny



22.08.2020, Berlin: Sanitaeter vom Bundeswehr Rettungsdienst bringen die Spezialtrage, mit der Nawalny in die Charite eingeliefert wurde, zurueck in den Krankenwagen. Der moeglicherweise vergiftete Kremlkritiker ist laut seiner Sprecherin mit einem Spezialflug zur Behandlung in Berlin eingetroffen. Der 44-Jaehrige landete am Samstagmorgen am Flughafen Tegel. (KEYSTONE/DPA/Kay Nietfeld)

Nawalny im Berliner Charité. Bild: keystone

Die deutsche Regierung hält im Fall des schwer erkrankten Kremlkritikers Alexej Nawalny einen Giftanschlag für möglich. Untermalt wird diese Haltung durch ein Statement der betreuenden Ärzte in Berlin. Demnach wiesen klinische Befunde auf eine Vergiftung hin, teilte die Klinik Charité am Montag in Berlin mit.

In der Universitätsklinik Charité in Berlin werde Nawalny von Beamten des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) bewacht, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in der deutschen Hauptstadt. «Schliesslich handelt es sich um einen Patienten, auf den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Giftanschlag verübt worden ist.»

Über den Gesundheitszustand des 44-Jährigen gibt es jedoch öffentlich keine Klarheit. Die behandelnden Ärzte wollen sich erst nach Abschluss der Untersuchungen und Rücksprache mit der Familie äussern.

Nawalny ist seit Jahren einer der bekanntesten Widersacher von Kremlchef Wladimir Putin. Der Aktivist hat sich mit seinen Recherchen zu Korruption und Machtmissbrauch viele Feinde gemacht. Nawalny spricht dieses Thema so deutlich an wie kaum jemand sonst in Russland.

Seit Donnerstag liegt er im Koma. Zunächst wurde er in einem Krankenhaus in Sibirien versorgt, am Wochenende aber in die Charité überstellt.

Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist nach Angaben seiner Hausärztin möglicherweise mit Gift in Berührung gekommen. (Archivbild)

Nawalny ist langjähriger Kritiker Putins. Bild: EPA

Noch immer sind die genauen Umstände des Falls unklar. Nawalny hatte bei einer Reise in Sibirien in einem Flugzeug unter Schmerzen das Bewusstsein verloren. Zudem wurde bekannt, dass er bei dem Aufenthalt in Sibirien von Sicherheitskräften beschattet worden sein soll.

«Es war klar, dass nach seiner Ankunft hier Schutzmassnahmen getroffen werden mussten», sagte Seibert weiter. Im Gespräch der Fachbehörden sei entschieden worden, dem BKA diese Aufgabe zu übertragen. Nach Paragraf 6 des BKA-Gesetzes ist das BKA unter anderem zuständig für den Personenschutz von Mitgliedern der deutschen Regierung sowie für deren ausländischen Gäste. Er sei aber nicht Gast von Kanzlerin Angela Merkel, hiess es. Es gebe «keine förmliche Einladung».

Auch der deutsche Aussenminister Heiko Maas wollte den Fall noch nicht bewerten. «Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Einschätzung auf Fakten basieren lassen», sagte Maas in Kiew. «Für den Fall Nawalny fehlen noch viele Fakten – medizinische, aber auch wahrscheinlich kriminologische. Und die gilt es abzuwarten.»

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch betonte, dass ihre Kollegen bereits vor Tagen eine Beschwerde wegen einer möglichen Vergiftung bei den russischen Behörden eingereicht hätten. Es seien aber trotz Verstreichen einer Frist keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet worden, schrieb sie bei Twitter.

Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass der 44-Jährige vergiftet wurde. Die russischen Ärzte sprachen dagegen von Stoffwechselproblemen. Für eine Vergiftung gebe es keine ausreichenden Belege, hiess es. Sie hätten alles Notwendige getan, sagte der Chefarzt der Klinik in Omsk, Alexander Murachowski. Die Behörden hätten keinen Druck auf sie ausgeübt. «Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von aussen auf die Behandlung des Patienten.»

Dem widersprach Nawalnys Team jedoch vehement. Die Ärzte in Omsk hatten aus ihrer Sicht «nichts zu sagen», sagte die Oppositionelle Ljubow Sobol dem «Spiegel». «Im Büro des Chefarztes sassen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden». Sie hätten mit unterschiedlichen Methoden «lange auf Zeit gespielt, bis das Gift wohl nicht mehr in Nawalnys Körper nachweisbar war.»

Der Kreml wies zurück, dass die Behörden in Omsk zu langsam gehandelt hätten. «Alle Genehmigungen und Formalitäten wurden zügig geklärt», sagte Sprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Der Spezialflug sei ohne Probleme freigegeben worden, als die Ärzte Nawalny für transportfähig erklärt hätten. Staatschef Putin habe mit dem Vorgang nichts zu tun gehabt. «Das ist absolut nicht das Vorrecht des Präsidenten», sagte Peskow.

In den russischen Staatsmedien wurden seit Tagen unterschiedliche Versionen verbreitet, warum Nawalny im Koma liegt – von Alkoholkonsum, einer Diät bis Unterzuckerung. Das sei eine vom Kreml koordinierte «typische Desinformation», sagte die Juristin Sobol. «Das war ein Mordanschlag auf Nawalny, der einzig einem nützt – dem Kreml.» Nawalny habe bis zu dem Vorfall nie gesundheitliche Probleme gehabt und sei sehr fit gewesen. «Er war nie richtig krank, höchstens mal erkältet. Wir haben mal gescherzt, dass er wie ein Roboter sei.»

Der Filmproduzent Jaka Bizilj, der den Flug nach Berlin organisiert hatte, geht davon aus, dass Nawalny überleben wird. Im Politik-Talk «Die richtigen Fragen» auf «Bild live» sagte Bizilj am Sonntagabend: «Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann.» In diesem Fall sei Nawalny aber sicherlich mindestens ein, zwei Monate politisch ausser Gefecht gesetzt.

Nawalnys Sprecherin Jarmysch zeigte sich darüber erstaunt. Niemand habe im Moment Zugang zu Informationen über den Gesundheitszustand – schon gar nicht jemand, der nicht zur Familie gehöre. (aeg/sda/dpa)

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Alexej Nawalny

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Füürtüfäli 25.08.2020 07:17
    Highlight Highlight Pjotr Wersilow, Boris Nemzow, Anna Politkowskaja, Natalja Estemirowa, Alexander Litwinenko, Sergei Skripal, Alexej Nawalny...alle nur bedauerliche Einzelfälle ...
  • Snowy 24.08.2020 21:37
    Highlight Highlight Es ist ein gigantischer Skandal, dass ein G7 Staat führende Oppositionelle mit System zu vergiften versucht.

    Sollte den „Putin-Freunden“ zu denken geben.
    • rolf.iller 25.08.2020 04:05
      Highlight Highlight G8 Staat, der schon seit Krim nicht mehr mitmachen darf.
    • Scarrus 25.08.2020 05:38
      Highlight Highlight Ja das tuts. Die finden das toll und nehmen es als Beispiel an.
    • Snowy 25.08.2020 11:22
      Highlight Highlight @Rolf: Korrekt. Immerhin.
  • Ah_geh 24.08.2020 18:20
    Highlight Highlight Laut derstandard.at Cholinesterasehemmer. Eines der Lieblingsgifte der ehemaligen Sowjetunion - hat quasi Tradition.
    • Ah_geh 24.08.2020 22:05
      Highlight Highlight Wieso blitzt man sowas? Das sind alles Fakten. Traurige Fakten!
  • Donny Drumpf 24.08.2020 18:04
    Highlight Highlight klar, Stoffwechselprobleme... Wers glaubt.
    • batschki 24.08.2020 22:05
      Highlight Highlight Cholinesterasehemmer machen Stoffwechselprobleme. Blutzuckersenker auch.
      Da wird medizinisches Wissen kriminell missbraucht. Schlimm.
    • Hans Jürg 24.08.2020 23:19
      Highlight Highlight Vergiftung führt zu Stoffwechselproblemen.
      Beim Lügen sind die Russen sehr geschickt. Sie lügen nicht, sondern erzählen nur die halbe Wahrheit. Und die verdrehen sie.
      Der KGB hat zwar heute einen anderen Namen, existiert aber noch immer und die Methoden sind auch noch die selben wie früher.
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 24.08.2020 17:44
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte formuliere deine Kritik sachlich und beachte die Kommentarregeln.
  • Magnum 24.08.2020 17:26
    Highlight Highlight Laut anderen Medien wurde im Organismus von Navalny eine Substanz aus der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer gefunden.

    Eine Substanz, die in der Humanmedizin bei der Bekämpfung von Demenz zum Einsatz kommt. Die aber auch zur Bekämpfung von Insekten und als Bestandteil von Nervengift Verwendung findet.

    Mehr Informationen dazu:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Acetylcholinesterase_inhibitor

    Also mal wieder etwas Exotisches, zu dem der kommune Verbrecher eher nicht greifen würde - analog zu Polonium und Novichok. Aber die Fanboys von Putin werden sicher wieder spannende *Erklärungen* finden.
    • Ah_geh 24.08.2020 22:13
      Highlight Highlight Gar nicht so exotisch, Cholinesterase- /AChE-Hemmer waren bis vor Kurzem noch in Insektiziden drin, die man beim Coop kaufen konnte.

      Die Novichokgruppe umfasst auch ausschliesslich AChE-Hemmer, wie übrigens auch alle stärksten chemischen Kampfstoffe des Westens. Das ideale Gift, denn man kann, wenn man's gut anstellt, die Produktion als Pflanzenschutzmittelherstellung tarnen und kaum nachweisen.

      Entdeckt wurden die Giftigkeit dieser Gruppe von Verbindungen übrigens in Nazideutschland bei dem Versuch, neue Insektenvertilgungsmittel zu finden. Das Know-How ist dann bei den Alliierten gelandet.
    • rolf.iller 25.08.2020 04:06
      Highlight Highlight Giftgas wie Sarin oder VX fallen unter diese Klasse.
  • Denk nach 24.08.2020 17:17
    Highlight Highlight Gute Besserung!

    Hoffentlich werden die Täter mindestens identifiziert, bestraft werden sie wohl kaum....
    • Firefly 24.08.2020 17:39
      Highlight Highlight Identifiziert wohl auch nicht und wenn, dann nur die Handlanger.
    • _kokolorix 24.08.2020 20:36
      Highlight Highlight Das waren ganz sicher verwirrte tschetschenische Terroristen...
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 24.08.2020 21:52
      Highlight Highlight Die Täter werden bestimmt bestraft, aber nicht identifiziert. Und zwar von Russland weil die Dosis nicht stark genug war.
  • Jawolaufensiedenn 24.08.2020 16:59
    Highlight Highlight Was ist die Regierung eines Landes wert, die zu solchen Mitteln greift, um im Sattel zu bleiben- armselig, schmutzig und traurig. Haben die wirklich das Gefühl, sowas ist langfristig überlebensfähig...
    Putin, Lukaschenko, Trump, Bolsonaro Netanyahu und Co die Welt hat Euch satt - haut ab, damit wir uns um Wesentliches kümmern können...
    • G. Laube 24.08.2020 21:42
      Highlight Highlight Schau her, Putins Troll-Fabrik ist aufgewacht und ist fleissig am blitzen.
  • Basti Spiesser 24.08.2020 15:49
    Highlight Highlight Heisst so viel wie; keine Beweise, dass er vergiftet wurde.
    • Randy Orton 25.08.2020 05:55
      Highlight Highlight Doch, die Aezte der Charite haben klar gesagt, sass nachgewiesen wurde, dass er mit Cholinesterasehemmern vergifted wurde.
    • Basti Spiesser 25.08.2020 10:19
      Highlight Highlight Mittlerweile ja. Als ich den Kommentar geschrieben habe, war der Titel noch ein anderer, mit etwas mehr Konjunktiv.

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