International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Inakzeptabler Ton»: Russland teilt im Fall Nawalny gegen Deutschland aus



ARCHIV - Alexej Nawalny, Oppositionsf

Wieder bei Bewusstsein: Alexej Nawalny Bild: sda

Russland hat Deutschland im Fall des Giftanschlags auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny scharf angegriffen. Aussenminister Sergej Lawrow hielt Berlin am Mittwoch vor, die Ermittlungen zu verschleppen.

Bei ihrer Kritik an Moskau habe die deutsche Seite einen «absolut inakzeptablen Ton, um ihre Position in der Weltöffentlichkeit zu verbreiten», sagte Lawrow russischen Agenturen zufolge. Es gebe viele Fragen an die deutschen Kollegen. Diese zeigten aber eine «absolut unangemessene Einstellung», indem sie nicht auf offizielle Anfragen der russischen Generalstaatsanwaltschaft reagierten.

Lawrows Ministerium beklagte, dass Berlin einen «unkonstruktiven Ansatz» bei der Aufklärung verfolge. Die russische Regierung wolle einen intensiven Dialog. «Leider bremst die deutsche Seite diesen Prozess.»

Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr wurde zum Gespräch ins russische Aussenministerium gebeten. Dabei sollte von Geyr die deutschen Erkenntnisse zu dem Fall vorlegen. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hiess es, dass es sich um einen lange geplanten Termin handele.

Deutschland wies die Vorwürfe zurück. Berlin verhalte sich «so konstruktiv wie es geht in diesem ganzen Prozess», sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts. Die Ergebnisse eines Bundeswehrlabors seien transparent veröffentlicht worden. Das Rechtshilfegesuch sei durch die Bundesregierung weitergeleitet worden.

Der Fall Nawalny

Russland sei nun gefragt, einen entscheidenden Beitrag zur Aufklärung zu leisten. «Die Bundesregierung hat das ihrige im Moment getan und ist natürlich auch weiter gesprächsbereit», sagte sie.

Nawalny, einer der schärfsten Gegner von Kremlchef Wladimir Putin, wurde am 20. August bei einem Inlandsflug in Russland bewusstlos. Auf Drängen seiner Familie wurde er nach einer Erstbehandlung in Sibirien nach Berlin in die Charité verlegt. Die Bundesregierung sieht es nach Untersuchungen in einem Spezial-Labor der Bundeswehr als erwiesen an, dass er mit einem militärischen Nervenkampfstoff vergiftet wurde. Unterstützer Nawalnys vermuten Moskau hinter der Tat. Nach mehr als zwei Wochen wurde der 44-Jährige inzwischen aus dem künstlichen Koma geholt.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hat in dem Fall ein Rechtshilfegesuch in Deutschland gestellt. Aussenminister Heiko Maas hatte in der ARD angekündigt, die deutsche Seite werde zustimmen. Die deutsche Regierung sieht aber keine Voraussetzungen für eine Übergabe der Beweisführung an Russland.

«Wir bleiben dabei, an die russische Seite zu appellieren, Informationen zu liefern», sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz. Die Vergiftung sei auch kein Fall zwischen Deutschland und Russland, sondern ein Verstoss gegen das Chemiewaffenabkommen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, die Testergebnisse seien der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) übergeben worden, an der auch Russland beteiligt ist.

Ein Bundeswehrlabor - das Institut für Pharmakologie und Toxikologie in München - hatte die Vergiftung Nawalnys mit dem chemischen Nervenkampfstoff Nowitschok nachgewiesen. Der Stoff steht auf der von der OPCW erstellten Liste der verbotenen Giftstoffe. Das Labor gehört zu 17 Instituten, die die Organisation für das Verbot chemischer Waffen für diese Aufgabe zertifiziert hat. Die Arbeitsweisen und Fähigkeiten unterliegen teils militärischer Geheimhaltung.

Das russische Aussenministerium erklärte, es gebe grundlose Angriffe auf Russland und eine massive «Desinformationskampagne», die als Vorwand für neue Sanktionen gegen das Land genutzt werde. «Die Hysterie in diesem Fall nimmt nur zu.» Im Vordergrund stehe nicht Aufklärung und Sorge um Nawalnys Gesundheit, sondern Stimmungsmache für Sanktionen.

Zuvor hatten die G7-Staaten von Russland eine Aufklärung des «abscheulichen Giftanschlags» verlangt. Gleichzeitig gibt es eine Diskussion um einen Baustopp für das Pipeline-Projekt Nord Stream 2. Der russische Vize-Aussenminister Sergej Rjabkow betonte: «Es darf keine Versuche geben, uns, der Russischen Föderation, ein Ultimatum zu stellen.»

Mehrere Politiker der Linkspartei hatten zuvor in Frage gestellt, ob Russland in die Vergiftung verwickelt sei. Der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, kritisierte deshalb die Linkspartei. «Was die Linke macht, ist unterirdisch. Das geht ja in Richtung Verschwörungstheorien», sagte Habeck am Mittwoch im RTL/ntv «Frühstart». Er sprach sich erneut für einen Baustopp der Gaspipeline aus. Es dürfe nicht das Signal gesetzt werden, dass Russland und Putin machen dürften, was sie wollten. Die Bundesregierung lässt die Zukunft des deutsch-russischen Projekts bislang offen. (aeg/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Alexei Nawalny: Mit der WC-Bürste gegen Putin

Der russische Präsident hat sich verschätzt: Die Demonstrationen am Wochenende waren weit grösser als erwartet – und das war erst der Anfang.

Oft sind es die kleinen Dinge, die grosse Dinge bewirken. Ein gewiefter Volkstribun wie Alexei Nawalny weiss das. Deshalb hat er in sein Zwei-Stunden-Video über Wladimir Putins Protz-Palast am Schwarzen Meer ein neckisches Detail eingebaut: Allein die WC-Bürsten in den Toiletten hätten 850 Dollar gekostet – pro Stück, wurde enthüllt. Das Video ist inzwischen mehr als 50 Millionen Mal auf YouTube angeklickt worden.

Die Botschaft ist angekommen. An den Demonstrationen vom vergangenen Samstag in 110 …

Artikel lesen
Link zum Artikel