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FILE - In this Nov. 28, 2020, file photo President Donald Trump plays golf at Trump National Golf Club in Sterling, Va. (AP Photo/Alex Brandon, File)
Donald Trump

Immer nur Golfen kann langweilig werden. Bild: keystone

Analyse

Warum Trump mit einer Twitter-Kopie scheitern wird

Der Ex-Präsident will seine eigene Social-Media-Plattform lancieren. Wir dürfen uns eine Prise Schadenfreude erlauben.



Gestern hat Joe Biden seine erste Pressekonferenz abgehalten. Ausser bei den konservativen Medien hat er dafür gute Noten erhalten. So erklärte etwa Douglas Brinkley, ein auf Präsidenten spezialisierter amerikanischer Historiker, in der «Washington Post»:

«Biden will sich als ‹Steady Eddie› (verlässlicher Kumpel) mit viel Erfahrung präsentieren und mit der Fähigkeit, Geduld und Diplomatie als seine Werkzeuge einzusetzen.»

Weniger gut ergeht es derzeit seinem Vorgänger. Donald Trump versauert in seinem Exil in Mar-a-Lago. Regelmässige Golfrunden und gelegentliche Telefoninterviews bei Fox News sind kein Ersatz für das tägliche Twitter-Gewitter, mit dem Trump die Menschen jahrelang auf Trab gehalten hat.

Twitter und Facebook haben Trump bekanntlich verbannt. Doch nun scheint der Ex-Präsident eine Lösung gefunden zu haben. Jason Miller, einer seiner engsten Berater, hat kürzlich in einem Interview mit Fox News mit typischer Trump’scher Bescheidenheit erklärt:

«Wahrscheinlich werden wir in zwei bis drei Monaten erleben, dass Präsident Trump mit seiner eigenen Plattform zurückkehrt. Das wird das heisseste Ding in den sozialen Medien werden und wird die Spielregeln grundlegend verändern. Jedermann wird darauf warten, was Präsident Trump zu vermelden hat.»

Bereits wird gerätselt, wie Trumps Twitter-Ersatz heissen könnte – Trmpr, Trumpbook sind Favoriten –, doch eine soziale Plattform ins Leben zu rufen, ist leicht anspruchsvoller als einen Hot-Dog-Stand auf die Beine zu stellen. Will er sein Ziel erreichen, muss Trump noch verschiedene und hohe Hürden überwinden.

Zunächst braucht es dazu viel Kapital. Nach wie vor sind Trumps Finanzen ein Rätsel, und sein Leistungsausweis als Unternehmer ist durchzogen, um es höflich auszudrücken. Ob Trump-Mineralwasser, Trump University, Trump Casinos, Trump Airlines, Trump Wodka und Trump Steaks – alle sind grandios gescheitert.

A statue of former president Donald Trump on display at the merchandise show at the Conservative Political Action Conference (CPAC) Friday, Feb. 26, 2021, in Orlando, Fla. (AP Photo/John Raoux)

Goldene Trump Statue an der Conservative Political Action Conference in Orlando (Florida). Bild: keystone

Eine soziale Plattform lässt sich ohne hoch bezahlte Spezialisten weder aufbauen noch unterhalten. «Man braucht dazu eine ganze Armee von Geeks (Computer-Spezialisten), und denen muss man richtiges Geld bezahlen», stellt Kara Swisher, Tech-Kolumnistin in der «New York Times» fest. «Und falls du das nicht tust, hacken sie dich zu armen Tagen.»

Trotzdem dürfte Geld Trumps kleinstes Problem sein. Es ist denkbar, dass Gönner wie etwa der Milliardär Robert Mercer und seine Tochter Rebecca die Rechnung begleichen werden. Sie haben bereits das Online-Portal Breitbart oder die inzwischen stillgelegte Twitter-Kopie Parler finanziert.

Es gibt daher bereits Gerüchte, wonach Trump versucht sein könnte, Parler zu neuem Leben zu erwecken. Schneller gesagt als getan. Parler ist nämlich ein Paradebeispiel dafür, dass Geld und Technik allein nicht genügen. Selbst wenn die Plattform wieder aktiv würde, ist ein zentrales Problem nicht gelöst: die Tatsache, dass man unter sich ist.

Parler hat zwar den Anspruch erhoben, eine Plattform zu sein, in der jede Meinung unzensiert veröffentlicht wird. Dieser Anspruch wurde jedoch nie eingelöst. Parler degenerierte stattdessen rasch zu einer Echokammer für Rechtsradikale, White Supremacists, Anti-Semiten und Neo-Nazis.

Ein rechtsradikales Silo würde Trump wenig nutzen. Man wäre rasch unter Seinesgleichen. Trump will jedoch die Aufmerksamkeit der von ihm so verachteten Mainstream-Medien. «Sind nur Konservative dabei, wird es selbst für alle, die anfänglich enthusiastisch mitgemacht haben, allmählich langweilig», stellt Paul Waldman in der «Washington Post» fest.

FILE - In this Wednesday, Jan. 6, 2021 file photo, supporters of President Donald Trump, including Jacob Chansley, right with fur hat, are confronted by U.S. Capitol Police officers outside the Senate Chamber inside the Capitol in Washington. Congress is set to hear from former security officials about what went wrong at the U.S. Capitol on Jan. 6. That's when when a violent mob laid siege to the Capitol and interrupted the counting of electoral votes. Three of the four testifying Tuesday resigned under pressure immediately after the attack, including the former head of the Capitol Police. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta, File)
Jacob Chansley

Trump-Fans unter sich. Bild: keystone

Trump hat sich mittlerweile mit Twitter und Facebook überworfen. Beide können bestens damit leben. Seit Twitter den Ex-Präsidenten von seiner Plattform verbannt hat, ist der Aktienkurs deutlich gestiegen. Mark Zuckerberg entpuppt sich derweil immer mehr als Biden-Fan.

Damit sind wir bei Trumps grössten Problem angelangt: Die pragmatische Politik Bidens kommt sehr gut an. Das 1,9-Billionen-Dollar-Corona-Hilfsprogramm wird von drei Viertel der Bevölkerung begrüsst, ebenso das 3-Billionen-Dollar-Infrastrukturprogramm, das Biden bereits in Aussicht gestellt hat.

Selbst konservative Kommentatoren wie David Brooks in der «New York Times» beginnen, umzudenken. Sie anerkennen, dass die Vereinigten Staaten grundsätzlich Reformen dringend nötig haben – und dass dies viel kosten wird. Der ehemalige Neokonservative stellt nun fest:

«Noch vor zehn Jahren wäre ich angesichts dieses Linksrutsches vor Schrecken erbleicht. Ich habe jedoch gesehen, wie die Ungleichheit immer grösser und das soziale Netz immer brüchiger wurde. Zu Recht stellen die Amerikaner fest, dass ihr Land aus den Fugen geraten ist, und sie fürchten sich vor einem Niedergang. Wie viele andere bin ich deswegen nach links gerückt und habe meine Meinung darüber, was die Rolle der Regierung ist, revidiert.»

Diese Entwicklung lässt sich nicht mit sinnlosen Kulturkriegen und Twitter-Gewittern stoppen. Sollte Trump seine Drohung eines Ersatz-Twitters tatsächlich wahr machen, ist die Gefahr gross, dass er ein weiteres Mal grandios scheitert. Er wäre dann der sprichwörtliche Hund, der den Mond anbellt.

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