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Zum Amüsement der Jungs gehörten obszöne Fotomontagen und Hasskommentare im Netz. bild: Shutterstock

Wie ein hipper Boys-Club aus Paris jahrelang Frauen mobbte – in 5 Akten

Eine Gruppe junger, aufstrebender französischer Medienschaffenden hat jahrelang im Internet gegen Frauen gehetzt – nun sind die Mitglieder der «Ligue du LOL» ihre Jobs los. Der Fall in fünf Akten.



Die Anfänge

Mögt Ihr euch noch an die Gruppe «cooler» Jungs in der Schule erinnern, die auf dem Pausenplatz andere mobbten? Ähnlich hielt es eine Clique mit rund 30, hauptsächlich männlichen Journalisten, Werbern und Bloggern seit 2008 im Internet.

Die damals aufstrebenden Medienschaffenden zelebrierten zunächst in einer privaten Facebook-Gruppe, später auf Twitter, ihren Lifestyle und ihre Meinungen, die keine Grenzen des guten Geschmacks kannten. Die selbsternannte «Ligue du LOL» (laugh out loud) koordinierte Jahre vor #metoo gezielte Attacken gegen YouTuberinnen, Journalistinnen und Moderatorinnen.

Zum Amüsement der Jungs gehörten Fotomontagen, in denen die Köpfe der Frauen auf die Körper von Pornodarstellerinnen montiert waren. Oder heimlich aufgenommene Fake-Anrufe mit vermeintlichen Jobangeboten, die sie später ins Internet stellten. Auch negative Kommentare über das Aussehen von weiblichen Kolleginnen oder antisemitische Äusserungen schienen sie zu belustigen.

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Vincent Glad, Alexandre Hervaud und David Doucet (v.l.n.r). bilder: Twitter

Gewisse Mitglieder wuchsen schnell zu Frankreichs bekanntesten und einflussreichsten Menschen der jeweiligen Szene an. Teil der Truppe waren Personen wie Vincent Glad (Gründer der «Ligue du LOL») und Alexandre Hervaud, bekannte Journalisten der renommierten Zeitung «Libération», oder David Doucet, Chefredaktor des Popkulturmagazins «Les Inrockuptibles». Eines der Mitglieder arbeitete laut diversen Medienberichten ausserdem als Community Manager für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Der bekannte YouTuber Cyprien schrieb zunächst auf Twitter, er habe selbst unter Attacken der «Ligue du LOL» gelitten. Kurze Zeit später tauchte jedoch ein alter Tweet von Cyprien auf, in dem er einen sexistischen Streich befürwortete.

«Guter Büro-Streich: Auf den Computer einer Freundin gehen und ihr dort die Seite facebook.com/hure oder facebook.com/schlampe reservieren.»

Der Untergang

Das Netz vergisst nichts. Auch nicht Cybermobbing. Die aktivsten Jahre der «Ligue du LOL» waren 2009 bis 2012. Publik wurde das Mobbing erst im Februar 2019, als sich Betroffene öffentlich darüber äusserten und die «Libération» darüber berichtete. Hier einige Vorwürfe:

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Nora Bouazzouni, Mélanie Wanga und Capucine Piot (v.l.n.r) bilder: youtube / Twitter

«Es war unerbittlich, ich wurde belästigt, mit Beleidigungen, Fotomontagen, animierten Gifs mit pornografischen Inhalten mit meinem Kopf darauf und anonymen Beleidigungs-Mails.»

Die Journalistin Nora Bouazzouni in «Libération».

«Wegen der Ligue du LOL habe ich 2013 Twitter verlassen. Stellt euch mal vor, ihr seid eine junge, schwarze Journalistin, die über Apartheid schreibt und ihr kriegt zwanzig Mal am Tag solche Nachrichten.»

Mélanie Wanga, Podcast-Produzentin, auf ihrem reaktivierten Twitter-Konto (unten).

Die ehemalige Bloggerin Capucine Piot schrieb auf Twitter, wie sie im Internet «jahrelang» das Ziel gehässiger Foto- oder Videomontagen war.

Die Verwunderung

Die meisten Mitglieder der «Ligue du LOL» arbeiteten bei Medien, die sich im linken Milieu verorten. Überraschend an den Vorfällen ist, dass diese Persönlichkeiten sich eigentlich betont tolerant, urban und feministisch gaben.

Das «Désolé»

Viele Mitglieder der Gruppe haben sich inzwischen öffentlich für ihr Verhalten entschuldigt.

Vincent Glad beschreibt die besonders aktiven Jahre der «Ligue du LOL» so:

«Wir waren einflussreich. Wenn wir jemanden kritisiert haben, hatte das Tragweite. Viele waren von uns fasziniert, wir waren ein wenig die Gangster von Twitter.» Er schreibt weiter, er habe ein «Monster erschaffen, das ihm entwischt» sei.

David Ducet erklärte sich wie folgt:

«Ich sah, dass verschiedene Personen regelmässig attackiert wurden, verstand aber nicht, welche Tragweite das hatte. Ich war zu feige und zu glücklich, Teil dieser Bande zu sein, die auf Twitter hochgefeiert wurde, um etwas zu sagen. (...) Es tut mir leid.»

Auch Hervaud meldete sich zu Wort: «Wir haben da Witze gemacht. Wir haben uns über alles lustig gemacht, wir haben uns über jeden lustig gemacht.»

Die Konsequenzen

Die «Libération» kündigte die Zusammenarbeit mit Vincent Glad vorläufig. Die Zeitung gibt an, die Sache intern ermitteln und aufarbeiten zu wollen.

Bisher ist bekannt, dass sechs weitere Mitglieder der «Ligue du LOL» von ihren Posten suspendiert wurden. Darunter auch David Doucet.

In einer Petition haben kürzlich 600 derzeitige Journalistenschüler gefordert, den «weissen, männlich determinierten Medienmechanismen» entgegenzutreten und sich gegen Frauenfeindlichkeit und andere Formen der Diskriminierung stärker einzusetzen.

Dieser Journalist ging durch die Social-Media-Hölle

Video: srf

Facebook erklärt seine Spielregeln

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