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Following gunfire on people enjoying a last evening out before lockdown, police patrol at the scene in Vienna, early Tuesday, Nov. 3, 2020. Police in the Austrian capital said several shots were fired shortly after 8 p.m. local time on Monday, Nov. 2, in a lively street in the city center of Vienna. Austria's top security official said authorities believe there were several gunmen involved and that a police operation was still ongoing. (Photo/Ronald Zak)

Polizisten durchkämmten nach dem Anschlag die Wiener Innenstadt. Bild: keystone

Interview

Terrorismus-Experte: «Dass Wien gefährdet ist, war seit einigen Jahren klar»

Lukas Weyell / watson.de



Ein 20-jähriger Islamist hat am Montagabend nach aktuellem Stand mindestens vier Menschen durch ein mutmasslich islamistisches Attentat getötet. Mehrere Menschen wurden zusätzlich verletzt, als der in Wien geborene Täter mit Sturmgewehr auf Passanten in der Wiener Innenstadt schoss. Der Attentäter wurde von der Polizei noch am Tatort getötet.

Die österreichischen Behörden gehen allerdings von weiteren Tätern aus. Noch ist der Hintergrund der Tat nicht ganz klar. Das Attentat reiht sich allerdings in eine Serie von islamistisch motivierten Gewalttaten in den vergangenen Jahren ein: in Paris, Nizza und Dresden.

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Guido Steinberg ist Islamismus-Experte. screenshot br

Guido Steinberg ist Nahost-Experte und einer der renommiertesten Kenner des islamistischen Terrorismus. Von 2001 bis 2005 war er Mitarbeiter im Bundeskanzleramt und verfasste zahlreiche Bücher zum Thema. Am 1. Oktober erschien sein neues Buch «Krieg am Golf: Wie der Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien die Weltsicherheit bedroht».

watson wollte von ihm wissen, was man bisher über den Attentäter von Wien weiss, welche Verbindungen zum sogenannten «Islamischen Staat» bestehen – und ob uns weitere Anschläge drohen.

«Dass Wien gefährdet ist, war seit einigen Jahren klar.»

watson: Was wissen wir über den Täter?
Guido Steinberg:
Es soll ein junger Islamist aus Wien gewesen sein und er ist den österreichischen Behörden bekannt, weil er versucht haben soll, nach Syrien auszureisen.

Das heisst, der Anschlag war absehbar?
Dass Wien gefährdet ist, war seit einigen Jahren klar. Wien hat eine der stärksten dschihadistischen Szenen Europas. Österreich ist schon länger gefährdet. 250 Menschen aus Österreich sind nach Syrien ausgereist und haben sich dort Organisationen wie dem «Islamischen Staat» angeschlossen. Viele von ihnen wurden dort ausgebildet und haben gekämpft. Auf Einwohner gerechnet sind das mehr als doppelt so viele wie etwa in Deutschland.

Hätte man sich also besser auf einen möglichen Anschlag vorbereiten können?
Das ist bei Einzeltätern und kleinen Gruppen schwierig. Wenn der IS Kontakt zu Anhängern in Europa aufnimmt, ist es sehr wahrscheinlich, dass Anschlagspläne vereitelt werden. Besonders die Amerikaner sind sehr gut darin, das aufzudecken. Wenn es sich aber um Einzeltäter oder kleine Gruppen handelt, die nicht weiter in Kontakt mit anderen Dschihadisten treten, ist es sehr schwierig, diese zu enttarnen. Genau so war es in Nizza, Paris und Dresden auch. Das ist in liberalen Gesellschaften leider normal. Da sind die Möglichkeiten begrenzt. Man kann nicht jeden Gefährder 24 Stunden überwachen.

Steckt der sogenannte «Islamische Staat» hinter dem Anschlag in Wien?
Laut österreichischem Innenminister handelt es sich um einen IS-Sympathisanten. Daher gehe ich davon aus, dass der Attentäter nicht in Syrien war, dem IS aber ideologisch nahesteht.

Wie stark ist denn der IS überhaupt noch?
Der IS war in den letzten Jahren nicht mehr in der Lage, grössere Anschläge zu organisieren. Es gibt Nachrichten darüber, dass das bis 2019 noch versucht wurde, aber keiner dieser Anschläge ist mehr geglückt. Der letzte grössere ist der in Manchester im Mai 2017 gewesen. Auch in Barcelona gab es im August 2017 noch ein Attentat des «IS».

«Auffällig ist, dass es seit 2018 sehr ruhig in Europa war.»

Sehen Sie beim aktuellen Attentat Verbindungen zu der Enthauptung eines Lehrers in Paris im Oktober?
Es ist zu früh, um das zu sagen. Auffällig ist aber, dass es seit 2018 sehr ruhig in Europa war. Mit Ausnahme von Frankreich, wo es kleinere Attentate gab. In den meisten anderen Ländern blieben Attacken aus.

Können Sie sich diese neue Serie von Anschlägen erklären?
Das kann etwas mit der neuen Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im französischen Satire-Magazin «Charlie Hebdo» zu tun haben. Vielmehr halte ich aber die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty in einem Pariser Vorort für einen möglichen Auslöser einer neuen Welle von Anschlägen. Hier wirkt die Propaganda der Tat.

Erwartet uns nun eine Anschlagsserie wie 2016/2017?
Die Gefahr sehe ich als nicht besonders gross. Attentäter wie Anis Amri, der 2016 den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz verübte, hatte Kontakt zum «Islamischen Staat». Bei dem Attentäter in Wien deutet nach aktuellem Stand aber nichts darauf hin, dass er in direktem Kontakt mit dem «IS» stand. Trotzdem merken wir, dass wir es doch mit einer Art Welle zu tun haben. Das belegt vor allem, wie sehr die Ideologie des «IS» auf tausende Anhänger in Europa immer noch wirkt.

Vorangegangen war auch ein Streit zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron über Meinungsfreiheit und Karikaturen des türkischen Präsidenten in einer Satirezeitschrift. Könnten die Äusserungen von Präsident Erdoğan den Attentäter beeinflusst haben?
Ich glaube nicht, dass der Attentäter darauf regiert hat, was Herr Erdoğan sagt. Aber der türkische Präsident nutzt die Kontroverse über die Karikaturen, um Unterstützung unter den Muslimen in Europa zu gewinnen.

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Der Terroranschlag in Wien vom 2. November 2020

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