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In this Jan. 16, 2015 photo, Donald Trump, host of the television series

Donald Trump macht Werbung für seine TV-Show «The Apprentice» auf NBC. Er präsentierte sie elf Jahre lang, von 2004 bis 2015.  Bild: AP Invision

Interview

«Trump ist ein Mischwesen aus Reality-TV-Star und Internet-Troll»

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Er analysiert für uns das Netz, das hinter Trumps scheinbarem Wahlkampf-Chaos der letzten Monate steckt.



Herr Pörksen, wer ist Donald Trump?
Donald Trump ist eine Medienfigur der alten und der neuesten Welt, eine Art Mischwesen aus Reality-TV-Star und Internet-Troll. Das macht ihn, bei aller Schockiertheit über seinen Sieg, analytisch interessant.

Ist das Fernsehen tatsächlich noch so wirkungsmächtig?
Sein Triumph zeigt dies. Denn es gab eine verborgene Komplizenschaft zwischen Trumps agressivem Populismus und dem Spektakelfernsehen mit seinem latenten Extremismus. Wir wissen, dass Trump, wenn er auf Sendung ging, die Einschaltquoten um bis zu 170 Prozent gesteigert hat.

Der Traum jedes Medienmachers!
Wir wissen, dass ein CBS-CEO gesagt hat: «Donald Trump mag schlecht sein für Amerika, aber er ist verdammt gut für CBS.» Wir wissen, dass mit der von ihm orchestrierten Dauererregung die Werbeerlöse sprudelten und die Einschaltquoten stiegen. 

«Das Fernsehen hat Trump erlaubt, Aufmerksamkeit zu kannibalisieren, sie in einer fast totalitären Weise anzusaugen.»

Bernhard Pörksen

Aber es gab auch noch andere mediale Wahlkampfhelfer. 
Unbedingt. Sein Fall zeigt auch: Wir müssen im digitalen Zeitalter lernen, in Wirkungsnetzen zu denken. Da ist der geschwächte Journalismus und die Medienverdrossenheit, die Trump erlaubt, sich gegen Kritik zu immunisieren. Und da sind die neuen Möglichkeiten, sich über die sozialen Netzwerke direkt und barrierefrei an das eigene Publikum zu wenden, eigene Medienkanäle zu erschaffen und eigene Selbstbestätigungs-Milieus zu kreieren. Milieus, in denen sich Gleichgesinnte finden, in denen sie ihre Isolationsfurcht abstreifen. In denen sie sich versichern, wir sind im Recht, Hillary Clinton gehört ins Gefängnis und Amerika ist im Niedergang und nur die Gestalt eines mächtigen Führers kann uns retten.

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen. Bild: Herbert von Halem Verlag

Er beschuldigt einerseits die Medien, verlogen zu sein, andererseits kamen ihm gerade die verlogensten Schlagzeilen zugute. Jene nämlich, die von irgendwelchen Teenagern in Mazedonien frei erfunden wurden.
Manches wird ihm auch geschadet haben. Aber die Fake-News, die satirischen Nachrichten, die neuen Wendungen und Soundbites und Skandälchen, die Trump selber geliefert hat, haben in der Summe ein konstantes Stakkato der Enthüllungen, der grösseren und kleineren Dramen und der immer neuen Überraschungseffekte geschaffen.

Trotzdem bleibt eine Lüge eine Lüge, oder nicht?
In einem derart toxischen Kommunikationsklima wird dann die einzelne Unwahrheit, die einzelne Verdrehung unwichtig. Dauererregung im Verbund mit der neuartigen Hektik und Plötzlichkeit neutralisiert die Wirkung einer konkreten Enthüllung.

Chaos als Wahlkampfstrategie?
Das Internet war einmal als ein grosses Geschenk gedacht, als der Beginn einer neuen Informationsfreiheit. Natürlich profitieren wir alle nach wie vor unendlich von diesem Informationsreichtum. Und doch zeigt sich gegenwärtig – dies ist mein reichlich sperriger Begriffsvorschlag – eine Art Informations-Desinformations-Paradox der digitalen Zeit.

«Immer mehr Information erlaubt offenkundig die immer effektivere Desinformation.»

Bernhard Pörksen

Das klingt erklärungsbedürftig!
Die Menschen fragen sich: Sind es Bots oder russische Hacker, die regieren? Ist es die Wahlkampfhilfe, die ein Julian Assange mit seinen neuen E-Mail-Enthüllungen leistet? Sie sind verunsichert. Sie sehnen sich nach der Klarheit, nach festen Wahrheiten, nach einem Schema der Einordnung in einem Trommelfeuer verstörender Nachrichten. Und da hatte Trump dann seine grosse Chance. Er gebrauchte als Meister der simplen Symbolkommunikation einfache Formeln («Make America great again»), sofort verständliche, plakative Bilder («die Mauer»).

In this March 27, 2004 photo, passersby look at a sign from Donald Trump's television show,

Selbstverständlich wurden in «The Apprentice» mehr Leute gefeuert als angeheuert. Bild: AP

Aber wie vermochte die Klarheit der Bilder darüber hinwegzutäuschen, dass seine Botschaften inhaltlich sehr konfus und widersprüchlich waren? 
Auf die Inhalte kam es im Falle von Donald Trump kaum an, sie taugten ihm nur als ein beständig variierbares Material, das aber in einem einzigen grossen Versprechen des Epochenbruchs gipfelte: «Ich werde ziemlich hartes Zeug machen. Ich lasse mich von niemandem einschüchtern, ich bin bereit zu jeder Grenzüberschreitung!» Im Gegensatz zu Hillary Clinton hat er nicht mehr primär inhaltlich argumentiert, sondern metakommunikativ.

«Seine Meta-Botschaft war: Alles wird anders, besser.»

Bernhard Pörksen

Haben Sie als Medienwissenschaftler sowas schon mal erlebt?
Nein, denn hier zeigt sich eine neuartige Kombination von Person und medialer Situation. Zum einen war dies der erste Wahlkampf, der unter den Bedingungen des digitalen Kontrollverlustes stattfand. Wir hatten geleakte E-Mails, ein zufällig entstandenes Handyvideo von Hillary Clintons Schwächeanfall, eine Tonaufzeichnung aus dem Archiv, die Trumps Frauenverachtung zeigte. Sichtbar wurde ein hochnervöses Wirkungsnetz der Medien, das geeignet ist, jede Information sofort in fiebrige Erregungsschübe zu verwandeln.

Und daraus ergab sich ein Match made in hell ...
Diese mediale Situation traf dann auf die skrupellose Person von Donald Trump, der mit Genuss attackiert hat. Gestützt haben ihn bei seinem Ego-Feldzug Menschen, die sich womöglich sehr zu Recht abgehängt und missachtet fühlen.

Ich wette, dass hinter den Kulissen enorm viele Chefredakteure jubeln, weil Trump im Gegensatz zu Clinton Einschaltquoten bedeutet. Nicht nur bei CBS. Was war ihr – vielleicht unbewusster – Beitrag zu seinem Erfolg?
Selbst hervorragende Zeitungen in den USA haben eine entscheidende, Trump nützende Entpolitisierung der Berichterstattung mit voran getrieben, indem sie von Anfang an politischen Journalismus als eine Form von Charaktertest betrieben haben. Das Motto dieser Form der schmutzigen Psychologie: Wir analysieren die Privatsphäre eines Kandidaten; wir mutmassen über seine seelische Verfassung, seine Gesundheit, seinen Charakter – und entscheiden dann, ob dieser Kandidat als Präsident taugt oder nicht.

FILE - In this Jan. 16, 2007, file photo, Donald Trump, center, the billionaire and developer and producer of NBC's

Ein Walk-of-Fame-Stern für den Reality-TV-Macher. Bild: AP

Das klingt nach ganz normalem Medienalltag.
Das Problem ist: Hier wechselt man ganz grundsätzlich die Sphäre, hier überschreitet man eine Grenze – von der Politik zur Psychologie, von der Ideologie zur Frage der persönlichen Integrität.

Also auch hier Trash statt Seriosität?
Bis hin zur «Washington Post» und zur «New York Times» lauteten die Fragen immer wieder auch: Argumentiert Hillary Clinton nicht ein bisschen zu steif und spröde? Warum kann sie nicht mal lächeln? Welche Narzissmusprobleme hat Donald Trump? Das Nachrichtenmagazin «Atlantic Monthly» hat sich auf Dutzenden von Seiten nur mit dem Geisteszustand von Donald Trump befasst und im Ernst eine Schimpansenforscherin gefragt, ob sie das Dominanzverhalten von Donald Trump erklären kann. Und so schafften es auch die klassischen Medien, ihre Berichterstattung zu entpolitisieren.

Die Karikaturisten dieser Welt zu Trumps Wahl

Hätte man Trump ohne Küchenpsychologie-Boulevard verhindern können?
Ich behaupte, in einem scharf geführten, politisch informierten Diskurs kann ein Donald Trump nicht gewinnen. In dem Moment, indem wir vor allem darüber reden, was die Abschaffung von Obamacare bedeutet, was es heisst, Millionen Menschen zu deportieren, den Klimawandel als eine Erfindung zu begreifen und den Kurs des ökonomischen Isolationismus zu wählen – in diesem Moment haben wir eine andere Matrix der Berichterstattung.

Leider hat diese den Qualitätsjournalismus nicht interessiert.
So scharf würde ich nicht formulieren. Aber er hat die Figur Trump mitbefördert, indem er, selbst geschwächt, kein System von Fragen mehr propagiert hat, das es erlaubt hätte, diesen Mann zu stellen. Dazu gehört auch, dass man ihn lange nicht ernst genommen hat.

«Es hat ihn – merkwürdig genug – geschützt, dass er zunächst als eine Witzfigur mit bizarrer Frisur erschien.»

Bernhard Pörksen

Ehrlich?
Der Effekt war, dass die erste Garde der amerikanischen Investigativ-Journalisten sich überhaupt erst in der Schlussphase des Wahlkampfs in der nötigen Schärfe mit Trump auseinandergesetzt hat.

Gerade schreiben alle, dass sich die Welt in den Klauen von zwei Irren – Trump und Putin – befindet. Und wer soll’s richten? Eine Frau! Angela Merkel mit ihrer Nüchternheit wird ja jetzt allgemein zur Lichtgestalt hochgeschrieben, die den Westen retten soll. Fällt Ihnen dazu was ein?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber mir scheint: Man sucht jetzt ganz schlicht jemanden, den man als Gegenhelden aufbauen kann. Trump ist ja ein «Held» neuen Typs. Es gibt den Helden, der den klassischen Erwartungen, den Erwartungen des Establishments, des gesellschaftlichen Mainstreams genügen will. Hillary Clinton wollte das.

FILE - In this Monday, June 8, 2015 file photo, German Chancellor Angela Merkel speaks with U.S. President Barack Obama at Schloss Elmau hotel near Garmisch-Partenkirchen, Germany, during the G-7 summit. (Michael Kappeler/Pool Photo via AP, File)

Angela Merkel erklärt Barack Obama die Welt. Das war einmal. Bild: AP/Pool dpa

Und Trump ist konsequenterweise der heldenhafte Antiheld?
Donald Trump imponiert seinen Anhängern genau deshalb, weil er die Massstäbe, nach denen man ein Vorbild oder Rollenbewusstsein definiert, überhaupt nicht mehr akzeptiert. Weil er sie mit jeder einzelnen Äusserung, jeder einzelnen Entscheidung verletzt. Und das scheint etwas zu sein, was Menschen durchaus anzieht.

Wieso?
Wir können auf die brutale Transparenz der gegenwärtigen Medienepoche und den digitalen Kontrollverlust mit Anpassung reagieren, frei nach dem Motto: «Bloss keine Fehler machen, am besten ein perfektes Leben führen von Kindesbeinen an, niemals etwas Dümmliches oder Plumpes  in irgendein Mikrophon sagen!» Oder wir sagen mit Trump: «Eure Massstäbe interessieren mich nicht, ich verachte sie, ich werde mich ihnen nicht unterwerfen.» Eine solche Ansage begründet eine eigene Form von scheinbar heldenhafter Selbstpräsentation in einer medial total ausgeleuchteten Welt.

Und Angela Merkel?
Sie setzt eher auf Verzögerung, das Abwarten und Abperlenlassen, sie versucht, die Transparenzforderung zu ignorieren, um sich Spielräume zu erhalten. Trump ist derjenige, der seine Anhänger dazu bringt, dieses totale Egal gegenüber den etablierten Massstäben zu feiern.

Es scheint gerade, als befänden sich die Medien an einem Nullpunkt. Wie sollen wir weitermachen?
Die Schwierigkeit und das Dilemma wird jetzt sein: Wie geht man mit populistischen Führungsfiguren um, wie kritisiert und attackiert man sie, ohne gleichzeitig die Anhänger zu diffamieren und pauschal zu stigmatisieren? Wie schafft man die Balance zwischen der unbedingt gebotenen Konfliktbereitschaft und der auch notwendigen Empathie für das Anliegen von Verzweifelten, denen kaum einer zuhört? Diese Fähigkeit zur Differenzierung ist für den kommunikativen Klimawandel entscheidend.

Bernhard Pörksen, 47, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt schrieb er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch «Kommunikation als Lebenskunst» (Carl Auer-Verlag). In der «Zeit» schrieb er den Essay «Die Schuldfrage» zu den US-Wahlen.

So könnte Trumps Regierungsmannschaft aussehen

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