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PULITZER PRIZE PHOTO NEWS - This photograph is one in a portfolio of twenty taken by eleven different Associated Press photographers throughout 2004 in Iraq.  A U.S. Marine of the 1st Division carries a mascot for good luck in his backpack as his unit pushed further into the western part of Fallujah, Iraq, Sunday, Nov. 14, 2004. The Associated Press won a Pulitzer prize in breaking news photography for the series of pictures of bloody combat in Iraq. The award was the AP's 48th Pulitzer. (KEYSTONE/AP Photo/Anja Niedringhaus)

Preisgekrönt: Das Bild eines US-Marine, der seine Puppe als Maskottchen in den Häuserkampf von Falludscha mitgebracht hat.
Bild: AP

Falludscha – oder warum die Amerikaner sich hüten werden, Bodentruppen nach Syrien zu schicken

Die Rückeroberung der irakischen Wüstenstadt hat die US-Armee vor zehn Jahren beinahe hundert tote Soldaten und Milliarden Dollar gekostet. Die Amerikaner werden diesen Fehler bei Mosul oder Rakka nicht wiederholen.



Falludscha ist eine nicht sehr grosse Stadt in der irakischen Provinz Anbar. Trotz dem erfolgreichen Feldzug gegen das Regime von Saddam Hussein gelang es Al-Kaida-Kämpfern in der Stadt, Fuss zu fassen und Angst und Schrecken zu verbreiten. 2004 beschloss das US-Oberkommando die Operation «Phantom Fury» zu starten. Eine Streitmacht von mehr als 13'000 Soldaten – Amerikaner, Briten und Iraker – machten sich daran, Falludscha zurückzuerobern.

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So brutal war der Häuserkampf in Falludscha.
YouTube/MAHARBAL5022

Der Aufwand war gigantisch: Um 500 Al-Kaida-Kämpfer zu vertreiben, mussten sich die Alliierten während Wochen in einen gefährlichen und aufwändigen Kampf um jedes Haus einlassen. 107 Soldaten verloren dabei ihr Leben, 95 davon Amerikaner. Der Aufwand war weitgehend nutzlos. Zehn Jahre später war Falludscha eine der ersten Städte, die in die Hände des «IS» fielen.

Alle fordern Bodentruppen, niemand schickt sie

«Die Schlacht um Falludscha ist ein Mahnmal für alle westlichen Regierungen bei ihrem Versuch, die militärischen Anstrengungen gegen die Terroristen zu verstärken», stellt die «Financial Times» fest. Die Forderung nach Bodentruppen ist schnell gestellt, aber sehr schwer einzulösen.

Das zeigt derzeit auch das Beispiel von Ramadi. Seit Monaten versuchen rund 10'000 Mann der regulären irakischen Armee mit US-Luftunterstützung die Stadt vom «IS» zu befreien. Sie kommen kaum voran. Und auch das wäre bloss ein Teilerfolg.

President Barack Obama and French President Francois Hollande embrace during a joint news conference in the East Room of the White House in Washington, Tuesday, Nov. 24, 2015. Hollande's visit to Washington is part of a diplomatic offensive to get the international community to bolster the campaign against the Islamic State militants. (AP Photo/Andrew Harnik)

Hollande und Obama: Nur ein bescheidenes Aufstocken der Luftangriffe.
Bild: Andrew Harnik/AP/KEYSTONE

Koalition gegen den «IS» ist Wunschdenken

Um den «IS» wirksam zu treffen, müsste er auch aus Tikrit und Mosul vertrieben werden, ebenso aus den besetzten Städten in Syrien. Diesen Aufwand werden die US-Truppen nicht auf sich nehmen. Mehr als eine Zusage für ein bescheidenes Aufstocken der Luftangriffe konnte daher der französische Präsident François Hollande bei seinem Besuch in Washington US-Präsident Barack Obama nicht entlocken.  

«Die Türkei schäumt innerlich vor Wut, seit die Russen ihre militärische Operation gegen Syrien begonnen haben.»

New York Times

Die Koalition gegen den «IS», die sich Hollande erhofft, ist Wunschdenken. Dazu sind die Interessen der einzelnen Länder zu unterschiedlich. Das hat der Abschuss des russischen Kampfjets durch die türkische Luftabwehr gezeigt.

Putin und Erdogan haben nicht die gleichen Interessen

Wladimir Putin setzt nach wie vor alles daran, das Regime von Bashar al-Assad an der Macht zu halten. Deshalb haben russische Flugzeuge auch Dörfer mit türkischstämmiger Bevölkerung im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei bombardiert. Die Russen vermuten dort Oppositionelle gegen das Assad-Regime, die nicht dem «IS» angehören.

Die Türkei ist Mitglied der Nato. Sollte also der Konflikt zwischen der Türkei und Russland eskalieren, dann könnten die Dinge sehr rasch ausser Kontrolle geraten.

Turkish President Tayyip Erdogan makes a speech during his meeting with mukhtars at the Presidential Palace in Ankara, Turkey, November 26, 2015. Turkey only procures oil and gas from known sources and those who accuse it of buying from Islamic State need to prove their accusations, President Erdogan said on Thursday. Speaking to a group of local officials in the capital Ankara, Erdogan also said that Turkey was taking precautions to stop oil smuggling at its borders, a key source of revenue for the Islamist militant group. REUTERS/Umit Bektas

Bietet Putin Paroli: Der türkische Präsident Recep Erdogan.
Bild: UMIT BEKTAS/REUTERS

Die Russen haben mit diesem Vorgehen in ein Wespennest gestochen. «Die Türkei schäumt innerlich vor Wut, seit die Russen ihre militärische Operation gegen Syrien begonnen haben», stellt die «New York Times» fest.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mag im Geist ein Seelenverwandter Putins sein, in der Sache hat er völlig andere Interessen. Soner Cagaptay, Türkei-Experte im Washingtoner Institute for Near East Policy, erklärt: «Die aggressive türkische Haltung im syrischen Bürgerkrieg hat zum Ziel, eine Niederlage der von der Türkei unterstützten Rebellen zu verhindern.»

Die militärische Bedeutung des «IS» ist unerheblich

Die Türkei ist Mitglied der Nato. Sollte also der Konflikt zwischen der Türkei und Russland eskalieren, dann könnten die Dinge sehr rasch ausser Kontrolle geraten. Die USA haben deshalb alles Interesse daran, den Konflikt zu deeskalieren, zumal sie kaum wirtschaftliche Interessen im Gebiet haben.

«Aggressive Anstrengungen, den ‹IS› zu zerstören, könnten ihm helfen zu überleben, besonders dann, wenn die USA die Führung übernehmen.»

Politologe Stephen M. Walt in «Foreign Affairs»

Kommt dazu, dass die militärische Bedeutung des «IS» nebensächlich ist. Mit Selbstmordattentaten können die Terroristen kurzfristig Angst und Schrecken verbreiten und grosse Emotionen auslösen. Sie sind jedoch weit entfernt davon, eine ernsthafte militärische Bedrohung darzustellen.

US-Truppen wären kontraproduktiv

Falludscha hat gezeigt, dass eine massive Militäroperation des Westens mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Das alte Vorurteil des Imperialisten wird so bestätigt und die Solidarität mit den Rebellen gestärkt. Oder wie der Harvard-Politologe Stephen M. Walt im Magazin «Foreign Affairs» schreibt: «Aggressive Anstrengungen, den ‹IS› zu zerstören, könnten ihm helfen zu überleben, besonders dann, wenn die USA die Führung übernehmen.»

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