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Acht nackte Clowns vor der Sperranlage, welche die Westbank von Israel trennt.
bild: facebook/pallasos en rebeldía

Füdliblut gegen Mauern, Pelze und Unterdrückung: Wenn Nacktproteste in die Hose gehen 

Spanische Aktivisten der politisch linken Clownrebellen-Armee haben sich nackt an die Mauer zwischen Israel und Westjordanland gestellt. Viele fanden das alles andere als angebracht – nützt oder schadet die Nacktheit den Anliegen, für die sie werben will? 



Acht Aktivisten der spanischen Clownrebellen-Armee («Pallasos en Rebeldía») haben sich vergangene Woche an die Mauer gestellt, die die palästinensischen Gebiete des Westjordanlandes von Israel trennt. Nackt, mit roten Clown-Nasen – als Protest gegen diese «beschämende und ungerechte Grenze».

Die israelische Sperranlage

Mit dem Bau der 759 Kilometer langen Sperranlage wurde 2002 begonnen. Israel wollte damit die Selbstmordanschläge im israelischen Kernland eindämmen. «Ein Schutzwall gegen den Terror». Der Internationale Gerichtshof hat ihn in einem nicht bindenden Gutachten als völkerrechtswidrig erklärt. Die Grenze verläuft zu rund 80 Prozent auf palästinensischem Gebiet und durchschneidet teilweise palästinensische Dörfer.

«Die Clowns haben sich hier ausgezogen, um die Würde zu verlieren. Die Menschheit hat mit dem Bau solcher Mauern auch die ihre verloren. Im 21. Jahrhundert müssen Mauern niedergerissen, nicht neue errichtet werden. »

Facebook/pallasos en rebeldía

Palestinian men walk past a section of Israel's separation barrier to cross the Qalandia checkpoint on their way to pray at the Al-Aqsa Mosque in Jerusalem, on the second Friday of the Muslim holy month of Ramadan, at the Qalandia checkpoint between the West Bank city of Ramallah and Jerusalem, Friday, June 26, 2015.(AP Photo/Majdi Mohammed)

Palästinenser auf dem Weg in die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Sie müssen erst den Qalandia-Checkpoint passieren.
Bild: Majdi Mohammed/AP/KEYSTONE

Die Clowns wollten sich damit mit den Palästinensern solidarisieren, die in den eingezäunten Gebieten leben. Doch die Empfänger waren nicht gerade erfreut über diese Freikörper-Bekundung. Auf Facebook flog der Gruppe ordentliche Kritik um die Ohren: 

«Ihr seid nicht menschlich, ihr seid Idioten, die sich überhaupt nicht um die Sache der Palästinenser scheren. Ihr wollt mit euren hässlichen Cellulite-Hintern nur provozieren.»

Oder: 

«Schämt euch. Die Frage ist, warum wart ihr nicht auf der anderen Seite der Mauer?»

Oder:

«Es wäre besser, ihr hättet den Ort respektiert, anstatt einfach die Hosen runterzulassen. So helft ihr niemandem.»

Oder:

«Was soll das? EPIC FAIL. Wenn Solidarität daneben geht.»

Eine andere Wortmeldung lautete schlicht: «Ihr habt's verkackt.» Iván Prado, der Sprecher der spanischen Clown-Armee, sah sich daraufhin gezwungen, sich zu entschuldigen: Die Aktion sei kein Angriff auf den Islam gewesen, «es ist unsere Art des Protestes gegen die Existenz der Mauer». Wenn man vor dieser schändlichen Mauer stehe, sei die ganze Menschheit nackt. 

Der Nacktprotest – Ein nützliches Instrument für die gute Sache? Ein Blick unter die Haut 

Die Nacktheit im Dienste der Menschlichkeit. Ist sie dafür tauglich? Oder verraten Nackt-Proteste am Ende ihre eigene Sache? 

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Uschi Obermaier, das wilde «Kommune 1»-Fotomodell und Verfechterin der sexuellen Revolution in der 68er-Bewegung. 
bild: dpa

Joko Ono und John Lennon haben es in moderner Zeit als Erste getan. Und die wilde Uschi Obermaier sowieso. Heute sind die Erben der Unverhüllten überall auf der Welt aktiv: Der Nacktprotest hat sich als beliebtes Mittel zum Ausdruck politischen Unmuts etabliert. 

Mit nichts als seiner Nacktheit zieht der Protestierende durch die Strassen. Sein Protest kostet nichts. Das ist das symbolisch Gehaltvolle an seinem Aufbegehren. Er tritt mit nichts auf, während sein Gegner sich seines Militär- oder Beamtenapparates bedient, um ihn zu überwältigen. 

«Ein System, das Uniformierte aufbietet, um einen Nackedei zu überwältigen, hat ein Problem.»

Christian Buss, Spiegel Online

Mitglieder der Hilfsorganisation Oxfam stellen am Freitag (22.10.10) in Berlin an der Rueckseite der East Side Gallery das beruehmte Kommune-1-Foto von Thomas Hesterberg von 1967 nach, indem sie nackt an der Mauer stehen. Die Protestaktion unter dem Motto

Mitglieder der Hilfsorganisation Oxfam stellen in Berlin an der Rückseite der East Side Gallery das berühmte Kommune-1-Foto von Thomas Hesterberg von 1967 nach. 
Bild: AP dapd

Der Schwache, das ist der Nackte und damit der Verletzliche, wird zum Starken. Und niemand zeigt auf den Nackten und lacht ihn aus. 

Lady Godiva hat sich auch geschämt, als sie irgendwann im frühen 11. Jahrhundert, bedeckt mit nichts mehr als ihrem langen Haar, durch die Gassen von Coventry ritt. Sie tat es für ihr Volk, das unter der erdrückenden Steuerlast litt, für die ihr Ehemann Leofric verantwortlich war. Sie bat ihn, die Leute doch nicht so arg auszunehmen. Der Earl blieb hart. Nur wenn Godvia nackt zu Pferde durch die Gassen reite, werde er die Steuern senken. Und so geschah es, dass die mutige Frau ihr Pferd bestieg und gesenkten Hauptes den nackten Ritt für die Gerechtigkeit antrat. 

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Die Legendenfigur Lady Godiva von John Collier, ca. 1898.
bild: wikipedia

Ihr Mann war davon so beeindruckt, dass er den Bürgern von Coventry alle Steuern – mit Ausnahme derjenigen auf Pferde – erliess. Die Nacktheit hatte gesiegt. 

Die Hüllen fallen im Namen des Friedens und gegen Unterdrückung, Diskriminierung, Rassismus, Korruption und Krieg. PETA zum Beispiel, die weltweit grösste Tierschutzorganisation, macht sich die Ästhetik des Nacktprotestes schon lange für Werbezwecke zunutze. Schöne Menschen posieren so, wie Gott sie schuf. Auf Hochglanz-Papier glitzern sie für die gute Sache. Und für ein sauberes Gewissen. Denn sie sind «Lieber nackt als im Pelz». 

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1994: Topmodels, die lieber nackt sind, anstatt Pelz zu tragen. Naomi Campell hat sich allerdings nicht daran gehalten. 2009 machte sie Werbung für die edlen Kreationen des New Yorker Pelzmachers Dennis Basso.
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Was hältst du von Nacktprotesten?

Schon Uschi Obermaier und ihre Kommune 1 haben sich die Zeugnisse ihrer Unverhülltheit mit einem ordentlichen Batzen vergüten lassen. Die Kommerzialisierung des Nacktprotests ist so alt wie der Nacktprotest selbst. Und die Medien ersetzen das Page-Three-Girl mit dem Protestgirl – und dürfen sich dabei moralisch vollkommen im Recht fühlen. 

Das Markenzeichen der ukrainischen Frauenrechtsorganisation Femen ist die Barbusigkeit. Auch ihnen wird nicht nur zugejubelt. Sie würden extra schöne Frauen an die Front stellen, damit ihnen die Medien-Aufmerksamkeit sicher sei. Ihr Kampf «gegen die Unterdrückung der Frauenrechte in islamischen Ländern» wurde von muslimischen Frauen heftig kritisiert; sie würden zu pauschal urteilen und damit die Musliminnen als eine hilflose Gruppe darstellen, die es von aussen zu emanzipieren gelte.

An welchem Punkt fängt der nackte Kampf für die gute Sache an, sich selbst zu schaden? Sobald die Anliegen global werden, wird es schwierig. Sobald sie kommerzialisiert werden, wird es schwierig.

Und wenn so ein Bild eines nackten Menschen tausendfach im Netz geteilt und verlinkt wird, verwässert sich dadurch nicht seine Botschaft, seine ursprünglich politische Intention? Die Aufmerksamkeit, die durch die Nacktheit gewonnen wurde, schlägt zurück und was bleibt, ist allein die nackte Nacktheit. Und die kann für jeden beliebigen Zweck eingespannt werden.

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