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Members of the Muslim community attend the Friday prayer at Strasbourg Grand Mosque, France, November 20, 2015, one week after the deadly attacks in Paris. REUTERS/Vincent Kessler

Muslimischer Gottesdienst in der grossen Moschee von Strassburg am ersten Freitag nach den verheerenden Anschlägen des «IS» in Paris. 
Bild: VINCENT KESSLER/REUTERS

Kommentar

5 Punkte zum Islam, die wir mal endgültig klären sollten

Die Schweizer Journalistin Shamiran Stefanos stammt von einer heute vom «IS» verfolgten christlichen Minderheit ab. Hier erklärt sie, weshalb Muslime zu Europa gehören und seziert die fünf meistgehörten Parolen der letzten Woche zum Umgang mit dem Islam und den Muslimen.

Shamiran Stefanos 



Die Terroristen von Paris wollten nicht einfach 129 Menschen umbringen, weil sie Lust am Töten haben. Sie und ihresgleichen verfolgen dabei eine Ideologie und berufen sich auf Quellen einer Religion, der 1,5 Milliarden mehrheitlich friedliche Muslime angehören. Sie wollen uns mitten ins Herz treffen. Uns Ängste und Misstrauen einpflanzen, unseren Hass schüren und unsere Gesellschaft spalten. 

Das Ziel ist letztlich dasjenige, das die Al Kaida schon um die Jahrtausendwende ausgegeben hatte: den Islam und die Muslime im Rest der Welt unmöglich zu machen, um sie so einfacher für den Kampf gegen die Ungläubigen gewinnen zu können. 

Diesen Gefallen sollten wir den Dschihadisten nicht tun und fünf in den letzten Tagen immer wieder reflexartig aus der Angst und Ratlosigkeit geborene Denkansätze analysieren. 

Shamiran Stefanos

Die freie Journalistin Shamiran Stefanos (28) spricht Arabisch, befasst sich seit Jahren mit der Nahost-Thematik und ist selber assyrisch-aramäischer Abstammung, einer verfolgten christlichen Minderheit aus dem heutigen Länderdreieck Irak, Syrien und Türkei. 

Der «IS» hat in den von ihm eroberten Gebieten, insbesondere im irakischen Mossul sämtliche Schulen der assyrisch-aramäischen Christen geschlossen. Deren Geschichte, Sprachen und Liturgie dürfen nicht mehr gelehrt werden und für die im Irak und in Syrien lebenden Christen gilt, was für die Angehörigen aller Religionen in «IS»-Gebieten gilt: Entweder sie konvertieren oder sie zahlen hohe Zusatzsteuern. 

 «Die Muslime müssen sich dafür entschuldigen»

Nein. Wir haben zwar im Kindergarten schon gelernt, uns zu entschuldigen – aber für Dinge, die wir getan haben. Eine einheitliche Vorstellung von den Muslimen gibt es sowieso nicht. Es gibt Sunniten, Schiiten, Wahhabiten, Ahmadis, Alawiten, ebenso eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Nichtreligiösen. Es gibt kulturelle Unterschiede. Ihre Auslegungen des Islam sind unterschiedlich. Es gibt muslimische Helden, die bei den letzten Anschlägen ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um andere zu schützen, und es gibt hirnamputierte Idioten wie die türkischen Fussballfans, die beim kürzlich stattgefundenen Testspiel gegen Griechenland die Schweigeminute für Paris mit «Allahu Akbar»-Rufen verhöhnten.

«Die Muslime» oder «den Islam» gibt es nicht. 

«Der Islam gehört nicht nach Europa»

Eine angeborene Kollektivschuld anzulasten ist eine Diskriminierung wie zu Zeiten Hitlers. Wenn wir ein generelles Misstrauen zulassen, geben wir den Extremisten Futter. Wir stigmatisieren alle Muslime. Junge Menschen, die hier geboren sind. Flüchtlinge, die hier Schutz suchen. Sektenhafte Organisationen, die sich gerne der Islamophobie bedienen – hierzulande der selbsternannte Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) – würden auf gesellschaftlich Ausgegrenzte attraktiver wirken. Dies wiederum liesse die Rechtsaussenparteien sich in ihren fremdenfeindlichen Meinungen bestätigt sehen und ihnen ebenso Zulauf verschaffen. Unser gesellschaftlicher Graben wäre tiefer denn je.

Dass Muslime zu Europa gehören, bedarf keiner Diskussion – sie sind ja da! Hier geboren, hier aufgewachsen, hier zu Hause. Ob der Islam zu Europa gehört, sollte nicht reflexartig mit Ja oder Nein beantwortet werden, solange wir nicht darüber diskutieren: Welchen Islam meinen wir denn? Es gibt europäische Strömungen des Islam, die geschichtlich gesehen dazu gehören und die sogenannte europäische Mentalität innehaben.

«Das hat überhaupt nichts mit dem Islam zu tun, wir dürfen so etwas gar nicht ansprechen»

Aber es hat damit zu tun. Mit einer hässlichen Sorte des islamistischen Extremismus. Eine unreflektierte Schutzaussage hilft uns nicht weiter. Wenn wir uns alle auf Augenhöhe begegnen möchten, müssen wir auch niemanden vor der Thematisierung unangenehmer Tatsachen schützen. Das gilt für alle Religionen, Ideologien und Richtungen.

Einige europäische Länder kommen erst seit jüngerer Zeit mit dieser Problematik erstmals in Berührung. Was «IS», Al Nusra, Boko Haram und ähnliche Gruppierungen verüben und propagieren, kennen die Minderheiten des muslimisch geprägten Nahen Ostens allerdings seit Jahrhunderten. Bedrohte Völker wie die Jesiden, anatolischen Aleviten und orientalischen Christen wurden in mehrfachen Massakern und Genoziden im Namen des sunnitischen Islam verfolgt und getötet mit Berufung auf Stellen im Koran, die scheinbar dazu auffordern.

Die Art der Auslegung der Schrift ist facettenreich und die Mehrheit der heutigen Muslime legt ihren Islam friedlich aus. Gerade Syrien war bis vor dem Kriegsausbruch ein weitestgehend funktionierender Staat in Bezug auf religiöse Gleichheit. Sunniten, Alawiten und Christen lebten zusammen.

Beim heutigen Extremismus sind es die Golfstaaten, die Modernisierungsprozesse im arabischen Raum hemmen oder gar verhindern, indem sie eben diesen gefürchteten Dschihadisten-Islam exportieren, finanzieren und möglichst weit streuen möchten. Allen voran beeinflusst Saudi-Arabien mit seiner sehr rückständigen Strömung, dem Wahhabismus, Terroristen in Syrien, die türkische Politik oder Moscheen im Balkan und spritzt somit nicht nur Geld, sondern auch Gift in jene Gesellschaften.

Tatsachen wie diese dürfen wir nicht ausblenden, aber: Die meisten unserer Muslime verachten genau diese Auslegung des Islam. Von dem «IS» werden nicht nur Minderheiten, sondern vor allem «moderne» oder «zu freiheitliche» Muslime bedroht und zahlenmässig am meisten getötet, weil sie einen anderen Islam leben. Ein Fortschritt in Europa wäre, gemeinsam das Tabu der Unantastbarkeit des Koran zu durchbrechen und existierende Probleme offen und ohne Schuldzuweisungen (!) zu thematisieren, um ein besseres Miteinander zu schaffen und die Diskussion den im oberen Abschnitt genannten Extremen nicht in die Hände zu spielen.

«Die Gefahr ist hoch, dass unter den Flüchtlingen Extremisten sind»

«Wir werden Tausende von uns getarnt als Flüchtlinge nach Europa bringen», kündigen bärtige «IS»-Leute per Videobotschaft an, die sich auf sozialen Medien tausendfach weiterverbreitet hat. Sie wissen genau, was das auslöst: noch mehr Angst und noch mehr Misstrauen. Und wir lassen das zu. Wie Hunderttausende von Menschen aus geplagten Regionen kam auch zumindest einer der Paris-Attentäter als Flüchtling – angeblich mit syrischem Pass – nach Europa.

Die Gefahr ist immer hoch. Die Flüchtlinge, die genau davor fliehen, können nichts dafür. Potentielle Attentäter müsste man aber nicht erst importieren, es gibt genügend Gesellschaftsversager unter den Schäfchen vom rekrutierenden deutschen Salafisten Pierre Vogel und seinem Koran verteilenden Freund, Ibrahim Abou Nagie, die sich, wenn man ihre Aussagen ernst nehmen möchte, dem Dschihad bis zur Umsetzung eines Attentats verpflichtet fühlen könnten. Schauen wir solch gut finanzierten Organisationen besser auf die Finger, anstatt mittellose Neuankömmlinge als Ursache des Problems zu sehen. Sie kommen sowieso. Wenn wir sie nicht auffangen, werden es die genannten, von Golfstaaten unterstützten Islamistenverbände tun.

«Unsere Werte gilt es zu verteidigen»

Aber nicht mit Angst. Europa ist das Zuhause der Aufklärung, des Humanismus, der Freiheit und der Selbstbestimmung. Genau da wollen uns die Terroristen treffen. Wenn mordende Wahnsinnige uns die Ängste diktieren, haben sie ihr Ziel erreicht. Ebenso, wenn grosse Schlagzeilen Probleme angstschürend aufbauschen, wir Schutzsuchenden die Aufnahme im Land verweigern, wir Menschen mit Fremdenhass begegnen oder Themen mit Diskussionsbedarf aus Angst vor Reaktionen tabuisieren und sie nach rechts spielen. Hier gilt: die richtige Balance zwischen Ratio und Emotionen.

Paris nach den Anschlägen

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