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Putins Schicksal und die Corona-Krise

Nach 20 Jahren an der Macht droht die Corona-Pandemie ein Desaster für den russischen Präsidenten zu werden.

Ulf mauder / dpa



Russian President Vladimir Putin speaks during a session prior to voting for constitutional amendments at the State Duma, the Lower House of the Russian Parliament in Moscow, Russia, Tuesday, March 10, 2020. Putin says he supports a proposed constitutional amendment that would allow him to seek another term and remain in power. Putin gave his support Tuesday to the amendment put forward by a lawmaker who as a Soviet cosmonaut became the first woman to fly to space.(Alexei Nikolsky, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP)

«Distanz sieht wie Schwäche und Verlorenheit aus.» Putin ist vielen Russen zu distanziert in der Krise. Bild: AP

Russlands Machtzentrum Moskau gleicht in diesen Tagen des verzweifelten Kampfes gegen das Coronavirus einer Geisterstadt. Die Strassen sind leer, Luxusboutiquen der schillernden Millionenmetropole geschlossen. Museen, Theater, Stadien zu. Kremlchef Wladimir Putin ordnete arbeitsfrei bei vollem Lohn bis Ende April an. Er selbst lenkt in seiner Vorstadtresidenz Nowo-Ogarjowo die Geschicke des Landes. Die Hauptstädter aber sind zu Hausarrest verdonnert. Selbstisolation heisst es offiziell – und ist wie eine Gegenwelt dessen, was das Staatsfernsehen zeigt: der wie ein Kriegseinsatz inszenierte Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Reporter berichten, wie hier Desinfektionssprays, dort Schutzmasken und -anzüge produziert werden. Eine Grossküche kocht Menüs für Krankenhausärzte. Es entstehen neue Krankenhäuser. Die Botschaft lautet: Russland ist gerüstet und geeint, um das Virus zu besiegen.

«Für das Putin-System ist die schwerste Zeit seit seinem Bestehen gekommen»

Tatjana Stanowaja

Tatsächlich erlebt das flächenmässig grösste Land der Erde bisher einen eher glimpflichen Verlauf der Corona-Krise. Am Montag waren es nach offiziellen Angaben mehr als 6000 Infizierte – und knapp 50 Todesfälle wegen der Lungenkrankheit Covid-19.

Dann Bilderwechsel in den Hauptnachrichten im Ersten Kanal des Staatsfernsehens: Chaos und Tod durch das Virus im Ausland - vor allem in den USA. Wohl auch deshalb zeigte sich Putin grosszügig und schickte Flugzeuge nach Italien, Serbien und in die USA – mit medizinischen Hilfsmitteln, Ausrüstung und teils auch Personal. Es sind diese Bilder, die in sozialen Netzwerken für Unmut sorgen, weil viele Russen sich auch selbst Hilfe wünschen.

Schon ein Einkauf auf dem berühmten Moskauer Kutusowski Prospekt in der Nähe des Regierungssitzes zeigt: keine Apotheke kann Schutzmasken anbieten – oder wirksame Desinfektionsmittel. In einem Lebensmittelladen der Kette Magnolia sitzt eine Kassiererin ohne Maske oder sonstigen Schutz. «Fragen Sie doch mal die Direktion», sagt sie auf die Frage, ob sie nicht besser geschützt sein sollte im Kontakt mit den vielen Kunden. Ein Handgel hat sie sich selbst gekauft – bei einem Monatslohn von wenigen hundert Euro.

Zensur und Polizeigewalt

Wenn russische Medien kritisch berichten, dann drohen harte Strafen, weil Behörden sie wegen «Falschnachrichten» verfolgen können. «Dabei lügen Machthaber ständig», sagte Oppositionspolitiker Alexej Nawalny am Montag im Radiosender Echo Moskwy. Das Gesundheitssystem sei kaputt gespart worden in Putins Jahren an der Macht. Für die Propaganda in den Staatsmedien mit ihren «Fakes» seien Millionen da, die einfachen Bürger hätten das Nachsehen, kritisierte er.

Der Kremlchef hält sich schadlos in der Krise, wie Politologen meinen. Arbeit und schlechte Nachrichten delegiert Putin an Regierung und Gouverneure. In der schlimmsten Krise seit 30 Jahren trete Putin kaum in Erscheinung – abgesehen von zwei kurzen Fernsehansprachen, bei denen er weder Trost noch Mitgefühl zeigte, wie die Denkfabrik Moskauer Carnegie Center bemerkte.

Viele Menschen fragten sich inzwischen, warum sie Putin nun per Verfassungsänderung ewig an der Macht halten sollten, wenn er nichts unternehme, um dem Volk in der schweren Zeit zu helfen. Der für das Überleben des Landes wichtige Ölpreis ist im Keller, der Rubel gegenüber den Leitwährungen Euro und Dollar auf Talfahrt. Nach 20 Jahren an der Macht wird 2020 zu Putins Schicksalsjahr.

«Für das Putin-System ist die schwerste Zeit seit seinem Bestehen gekommen», sagte Carnegie-Expertin Tatjana Stanowaja. «In kritischen Situationen werden vom Präsidenten Präsenz und Entschlossenheit erwartet.» Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron machten das vor. «Distanz dagegen sieht wie Schwäche und Verlorenheit aus.» Der ganze Staatsapparat wirke orientierungslos. «Nach 20 Jahren igelt sich das Putin-System nun ein und isoliert sich von der Gesellschaft – wie von einem ansteckenden Virus.»

Auch der Politologe Alexander Kynew sieht schwere Fehler Putins. Es drohe eine Destabilisierung des ganzen Systems - und ein Scheitern seiner Pläne. Putin hatte wegen der Corona-Krise die Volksabstimmung über die grösste Verfassungsänderung der Geschichte verschoben. Kynew ist überzeugt, dass die darin versprochenen sozialen Wohltaten nicht kommen. Das Volk werde der Änderung des Grundgesetzes wohl nicht zustimmen. In sozialen Netzwerken nimmt die Kritik an Putins Politik täglich zu.

Nicht nur in Moskau sind Spaziergänge oder Sport an der frischen Luft unter Strafandrohung verboten. Polizisten nahmen dieser Tage einen Mann fest, der vor seiner Wohnung seinen Hund ausführte. Sie stiessen ihn mit Gewalt in einen Wagen. Der Hund blieb allein zurück, wie auf einem Video zu sehen war. Dabei hatte die Stadtregierung das Gassigehen eigentlich erlaubt. Seit Tagen meldet die Stadt immer wieder Verstösse gegen die Selbstisolation. Und viele Moskauer stellen sich darauf ein, dass die wegen ihrer Willkür berüchtigten Behörden die Geldbussen nun als ein neues Zusatzeinkommen entdecken.

Sars-Cov-2, Covid-19, Coronavirus – die wichtigsten Begriffe
Coronaviren sind eine Virusfamilie, die bei verschiedenen Wirbeltieren wie Säugetieren, Vögeln und Fischen sehr unterschiedliche Erkrankungen verursachen.

Sars-Cov-2 ist ein neues Coronavirus, das im Januar 2020 in der chinesischen Stadt Wuhan identifiziert wurde. Zu Beginn trug es auch die Namen 2019-nCoV, neuartiges Coronavirus 2019 sowie Wuhan-Coronavirus.

Covid-19 ist die Atemwegserkrankung, die durch eine Infektion mit Sars-Cov-2 verursacht werden kann. Die Zahl 19 bezieht sich auf den Dezember 2019, in dem die Krankheit erstmals diagnostiziert wurde.

News zum Coronavirus in der Schweiz und International. Die wichtigsten Fakten zum Coronavirus: Symptome, Übertragung, Schutz.
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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 06.04.2020 23:12
    Highlight Highlight Dass in Russland nicht alles Gold ist, was glänzt, ist wohl nichts Neues.

    Fairerweise muss man aber sagen, dass diese Zeit eine Zerreissprobe für jeden Staat wird. Die Schwächen und Versäumnisse der Vergangenheit werden schonungslos aufgedeckt und zu Tage gebracht.

    Bisher haben wir selbst als Nation zwar recht gut mit der doch eindrücklichen Zahl an Fällen umgehen können.

    Man muss aber auch bedenken, dass wir ein kleines Land sind. Russland ist ein Monsterreich, und selbst unter besten Bedingungen wäre die Krise schwer zu meistern.
  • DaniSchmid 06.04.2020 22:32
    Highlight Highlight Man mag von Putin ja halten, was man will - aber: Keine Schutzmasken und Desinfizierungsgels in Apotheken und ungeschützte Kassiererinnen? Dazu braucht man nicht nach Russland zu fliegen...
    • Dirk Leinher 07.04.2020 16:37
      Highlight Highlight Ja, auch bei uns sind noch lange nicht alle Kassierer/innen mit Schutzmasken am arbeiten, das blendet man einfach aus, es geht ja im Artikeln aber offensichtlich nicht um das Problem gesamtheitlich aufzuarbeiten, sondern einfach Russland-Bashing zu betreiben. Dann ist das natürlich legitim.
  • Skeptischer Optimist 06.04.2020 16:15
    Highlight Highlight Berichte aus Moskau, die sich auf Nawalny und das Moskauer Carnegie Center abstützen, dürfen mit einer gewissen Skepsis gelesen werden.

    So, ich muss jetzt in die Apotheke um Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel kaufen - zum Glück gibt es diese bei uns ja überall ohne Probleme. Und die Kassiererin in der Migros trägt natürlich eine Maske, nicht wie in dem unter Diktator Putin verarmten Russland.
    • Marco (3) 06.04.2020 18:17
      Highlight Highlight 😁
    • Nikolai 07.04.2020 01:49
      Highlight Highlight Warum sollen Navalny's Berichte mit Skepsis angesehen werden?

      Definitiv ist er glaubwürdiger als die russische Regierung und kämpft schon lange für ein offeneres Russland ohne Korruption. Seine Videos sind mit vielen Beweisen versehen und die Arbeit die er macht ist meiner Meinung nach unglaublich. Er ist die einzige Hoffnung für junge Russen und hoffentlich kann er was erreichen für sie, bevor er endet wie Nemzov.
    • Skeptischer Optimist 07.04.2020 12:23
      Highlight Highlight Wenn Navalny die einzige Hoffnung für junge Russen wäre, würde ich mir grosse Sorgen um Russland machen. Er ist ein Liebling westlicher Propagandisten, aber politisch ungefähr so bedeutend wie es Andrea Stauffacher in der Schweiz ist.

      Nemzov war in den Yeltsin Jahren ein korrupter Absahner. Es gibt keine glaubwürdigen Belege, dass er sich je gebessert hätte.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Name_nicht_relevant 06.04.2020 15:36
    Highlight Highlight Dieser Bericht zeigt wieder einmal mehr das dieser Putin, zwar gerne als Held gefeiert wird jeodhc von vielen seiner eigenen Leute im Stich gelassen werden. So ist Putin und so wird er auch immer bleiben. Alles ist fake an dem und was er sagt ebenso.
  • rodolofo 06.04.2020 15:30
    Highlight Highlight Starker Mann, was nun?
    Wladimir Putin hat einen wichtigen Verbündeten:
    Viktor Orban, Staatspräsident von Ungarn!
    Der befindet sich auf der selben "Flucht nach vorn"
    (Orban ist ein FLÜCHTLING!):
    - Noch mehr autoritäre Vollmachten für ihn
    - Noch mehr Verfolgung von Opposition und Kritik
    - Noch mehr Überwachung
    - Noch mehr Militaristischer Fanatismus
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