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Pierre Krähenbühl (links) und Bundesrat Ignazio Cassis am 14. Mai 2018 in Jordanien. Auf dem Rückflug in die Schweiz sollte Cassis das von Krähenbühl geleitete Hilfswerk plötzlich öffentlich in Frage stellen. bild: keystone

Wie ein Schweizer Uno-Diplomat unter die Räder von Trump und Cassis kam

Pierre Krähenbühl war Leiter des Palästinenser-Hilfswerks UNRWA. Dann kam er unter «friendly fire» aus dem Aussendepartement.

henry habegger / ch media



2013 wurde der Genfer IKRK-Mitarbeiter Pierre Krähenbühl zum Generalkommissar des UNRWA gewählt, des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge. Ueli Maurer als Bundespräsident unterschrieb das Empfehlungsschreiben an Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon. «Ich erhielt fantastische Unterstützung der Schweiz», erinnert sich Krähenbühl.

Das Hilfswerk betreibt ein Schulsystem für eine halb Million Kinder, bietet medizinische Versorgung für mehrere Millionen Patienten, leistet Fürsorge für die ärmsten Flüchtlinge. Aber dem Hilfswerk wird gerade von den Hardlinern in Israels Regierung und pro-israelischen Kreisen auch in der Schweiz vorgeworfen, es lasse die Indoktrinierung von Jugendlichen mit Gewalt-Propaganda gegen Israel zu.

Ab 2017 nahm die Regierung Trump das Hilfswerk ins Visier. In der Phase, als Trump die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels ankündigte. Im November 2017 traf Krähenbühl Trumps Schwiegersohn und Nahost-Beauftragten Jared Kushner in Weissen Haus. Kushner sagte den Satz, den Krähenbühl später noch einmal hören sollte: Das UNRWA sei für einige «nicht ein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems.»

Ein im Dezember ausgestrahlter Dokumentarfilm des Westschweizer Fernsehens zeichnet nach, was dann passierte. Im Januar 2018 kündigten die USA an, die Gelder an UNRWA massiv zu kürzen. Auf einen Schlag fehlten dem Hilfswerk über 536 Millionen, wie sich Krähenbühl im Gespräch mit CH Media erinnert. Das Ziel war offensichtlich, das Hilfswerk auszuhungern. Doch Krähenbühl und seine Leute machten sich auf die Geldsuche. Sie kürzten die Ausgaben um fast 100 Millionen, fanden erste Geldgeber. So zeigten sich Frankreichs Präsident Macron und Golfstaaten wie Katar und Saudi Arabien hilfsbereit.

2018: Erster Tiefschlag aus dem EDA

Im Mai 2018 fehlten noch etwa 300 Millionen. Just da besuchte Aussenminister Ignazio Cassis das Hilfswerk in Jordanien. Er traf Schüler, es kam zum Austausch mit Krähenbühl. Er habe danach ein gutes Gefühl . gehabt, erinnert sich der UNRWA-Direktor, auch wenn Cassis skeptischer gewesen sei als frühere Schweizer Vertreter. Aber was dann kam, traf den Diplomaten völlig überraschend. Auf dem Rückflug in die Schweiz stellte Cassis das Hilfswerk in einem Interview mit CH Media plötzlich öffentlich in Frage. Die Schweiz zahle zu viel. Und er sagte: «Für mich stellt sich die Frage: Ist die UNRWA Teil der Lösung oder Teil des Problems?»

Cassis brauchte den gleichen Satz wie zuvor Trumps Schwiegersohn.

White House senior adviser Jared Kushner speaks during a news conference with Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu in Jerusalem, Monday, Dec. 21, 2020. (Ronen Zvulun/Pool Photo via AP)

Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn. Bild: keystone

Mitten im Versuch, Geld für das Hilfswerk zu finden, kam der Angriff aus der Schweiz. Der Aufruhr war enorm, notabene die arabische Welt fragte sich, ob die Schweiz ihre traditionell neutrale Haltung im Nahost-Konflikt aufgegeben habe. Der Gesamtbundesrat beeilte sich am Tag darauf, zu erklären: Nein, die Haltung der Schweiz hat sich nicht geändert. Aber der Schaden war angerichtet, die Verunsicherung total.

Krähenbühl und seine Leute schafften es trotzdem, das Geld zusammenzubringen. Das habe man ihm nicht verziehen, sagt der Diplomat im Rückblick. Im Mai 2019 griffen die USA und Israel das Hilfswerk im UNO-Sicherheitsrat daher frontal an. Krähenbühl wehrte sich für das Hilfswerk, er hielt dagegen. Das rächte sich, sechs Wochen später gelangte ein vertraulicher Rapport an die Öffentlichkeit, der Krähenbühl und dem Hilfswerk Misswirtschaft, Korruption, Betrug vorwarf, ohne aber Beweise vorzulegen. Krähenbühl persönlich wurde unter anderem vorgeworfen, er habe ein Verhältnis mit seiner Assistentin.

2019: Zweiter Tiefschlag aus dem EDA

Im Juli 2019 folgte der zweite Tiefschlag aus der Schweiz. Sie suspendierte als erstes Land überhaupt eine Zahlung an das Hilfswerk – aufgrund des geleakten Berichts. «Nicht die Summe war das Problem, sondern das Signal, das mein eigenes Land damit aussandte», erinnert sich Krähenbühl. Sein eigenes Land war das erste, das sich von ihm abwandte. Die Schweiz warf gewissermassen den ersten Stein. «Die Unschuldsvermutung galt nicht für uns», stellt Krähenbühl fest.

Die Uno führte eine formelle Untersuchung durch. Krähenbühl und das UNRWA wurden von allen schwerwiegenden Vorwürfen entlastet: Kein Betrug, keine Misswirtschaft, keine Korruption. Dies berichtete das Westschweizer Fernsehen, dem der Bericht vorlag. Die Untersuchung brachte auch keine Hinweise auf eine Liebschaft Krähenbühls mit seiner Assistentin zutage.

Krähenbühl hörte offiziell nichts mehr von der Schweiz

Die Uno, unter US-Druck, wollte Krähenbühl trotzdem vorerst suspendieren, um «Einzelheiten zu klären». Dieser reichte seine Demission ein. Von der Schweiz, erinnert sich der Diplomat, habe er seit dem Erscheinen des Berichts, der ihn entlastete, nie mehr etwas Offizielles gehört. Die Untersuchung, die mit der Forderung nach Transparenz begründet worden war, bleibt bis heute unter Verschluss.

Der Fall Krähenbühl ist für Diplomaten im Schweizer Aussendepartement bezeichnend für die Politik unter Cassis. Er habe sich an die Regierung Trump angehängt, was ein katastrophales Signal im Hinblick auf den Ruf der Schweiz als neutrales und der humanitären Tradition verpflichtetes Land. Dass man eigene Leute wie Krähenbühl nicht nur im Stich lasse, sondern noch aktiv untergrabe, sei fatal, sagt ein Diplomat.

EDA: «Ist eine interne Angelegenheit der UNO»

Auf die Frage, ob die Schweiz irgendetwas unternommen habe, um Krähenbühl zu unterstützen oder zu rehabilitieren, teilt das Aussendepartement mit: «Herr Krähenbühl ist im Jahr 2019 zurückgetreten, nachdem eine interne Untersuchung der Vereinten Nationen Mängel in der Verwaltung des UNRWA festgestellt hatte. Es ist nicht am EDA, sich zu den Umständen dieses Rücktritts zu äussern, dies ist eine interne Angelegenheit der UNO

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