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Democratic presidential candidate, Sen. Bernie Sanders, I-Vt., speaks during the opening of his Cedar Rapids field headquarters, Sunday, Aug. 16, 2015, in Marion, Iowa. (AP Photo/Charlie Neibergall)

Mit 76 Jahren noch voll im Saft: Bernie Sanders. Bild: Charlie Neibergall/AP/KEYSTONE

Lacht nicht: Vielleicht zieht bald ein Sozialist ins Weisse Haus ein

Lange galt Bernie Sanders, Senator des Bundesstaates Vermont, als politischer Witz. Jetzt wird er immer mehr zu einem ernsthaften Rivalen von Hillary Clinton.



Alle sprechen von Donald Trump, aber was ist mit Bernie Sanders? «Bernie Wer?», werdet ihr euch jetzt vielleicht fragen, denn der Mann ist hierzulande praktisch völlig unbekannt. Doch viele, die schnippisch die Frage «Bernie Wer?» gestellt haben, sind inzwischen eines Besseren belehrt worden. Deshalb hier zunächst eine kurze Zusammenfassung seiner Karriere: 

Sanders ist in einfachen Verhältnissen in Brooklyn (New York) aufgewachsen. Seine politische Laufbahn nahm ihren Lauf jedoch im kleinen Bundesstaat Vermont. In den 1980er Jahren wurde er Bürgermeister von Burlington, der grössten Stadt in diesem etwas speziellen US-Bundesstaat an der kanadischen Grenze. 

U.S. Democratic presidential candidate Bernie Sanders (R) greets supporters as he campaigns in Eldridge, Iowa, United States, August 16, 2015.  REUTERS/Jim Young

Bernie Sanders ist beliebt bei Jung und Alt. Bild: JIM YOUNG/REUTERS

Alle sprachen damals von einem Ausrutscher. Doch Sanders trat ein zweites und ein drittes Mal an und wurde mit immer grösseren Mehrheiten wiedergewählt. Dann betrat er die nationale Bühne und vertrieb einen amtierenden Abgeordneten der Republikaner aus dem Amt.

Niemand spracht mehr von «Bernie Wer?»

Niemand sprach nun mehr von einem Ausrutscher, denn das gleiche Spiel wiederholte sich. Bei jeder Wahl verbesserte Sanders sein Resultat. Logisch, dass er später auch als Senator gewählt wurde – mit einer Zweidrittelmehrheit übrigens –, und dass er jetzt nach den Sternen greift: Er will ins ovale Büro des Weissen Hauses. 

Alle, die Sanders bisher milde belächelt haben, werden jetzt langsam nervös. Kaum hatte er seine Kandidatur als demokratischer Präsidentschaftsanwärter angemeldet, geschah Erstaunliches: Schon am ersten Tag flossen 1.3 Millionen auf sein Wahlkampfkonto – alles Kleinstspenden. Gleichzeitig strömten Zehntausende zu seinen Wahlkampfveranstaltungen – mehrheitlich Jugendliche –, und Hunderttausende klickten seine Videos auf YouTube und Facebook an. Mittlerweile trauen die Umfrage-Experten ihren Augen nicht, wenn sie die Resultate analysieren: In einigen Staaten hat Sanders inzwischen Hillary Clinton überflügelt.

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Fast zu schön um wahr zu sein: Die Landschaft im Bundesstaat Vermont. bild: shutterstock

Dabei ist Sanders ein bekennender, demokratischer Sozialist. Er will die USA nach skandinavischem Vorbild umbauen, tritt für höhere Steuern für die Superreichen und für höhere Mindestlöhne für die Ärmsten ein. Er will ein bezahlbares Gesundheits- und Bildungswesen für alle, ist gegen Freihandelsverträge wie TPP und TTIP, gegen Pipelines wie die Keystone XL und für einen ökologischen Umbau der Wirtschaft. 

Warum Sanders Chancen hat

Mit einem solchen Programm hat er etwa so viele Chancen, US-Präsident zu werden, wie ein Schneeball in der Hölle zu überleben, wird man nun einwenden. Doch das ist zu kurz gesprungen, und zwar aus drei Gründen:

Erstens

Sanders steht in einer politischen Tradition der USA, nämlich der Tradition der Progressiven. Diese sind als Reaktion auf die «Räuberbarone» am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als Gegenspieler der Monopolisten wie John Rockefeller und J.P. Morgan. Ihre Sternstunde erlebten die Progressiven in den 30er Jahren, als sie unter Präsident Franklin Roosevelt an den Schalthebeln der Politik und der Wirtschaft sassen und das von den Republikanern eingebrockte Wirtschaftsdebakel ausbügelten.

Zweitens

Sanders trifft mit seinem Kampf gegen Superreiche den Nerv der Zeit. Die US-Politik ist im Begriff, von Milliardären gekauft zu werden. Die berühmt berüchtigten Koch-Brüder beispielsweise versprechen Kandidaten Spenden in dreistelliger Millionenhöhe, aber nur, wenn sie dafür für tiefere Steuern und die Zerschlagung des Sozialstaates eintreten. Diese Spenden haben eine verheerende Wirkung. Das zeigt die Kandidatenflut bei den Republikanern. «Alles, was man heute braucht, ist ein Milliardär, der ein Super-Pac finanziert (eine versteckte Wahlkampfhilfe, Anm. d Red.) und die Kandidaten bleiben im Rennen», stellt die «Financial Times» fest. 

United States Democratic presidential candidate Hillary Clinton blows a kiss as she holds a pork chop on a stick and a lemonade at the Iowa State Fair in Des Moines, Iowa August 15, 2015. REUTERS/Joshua Lott

Hillary Clinton macht Wahlkampf in Iowa. Bild: JOSHUA LOTT/REUTERS

Auch Hillary Clinton steht im Verdacht, grosse Spenden hauptsächlich von der Wall Street zu erhalten und stark mit dem Polit-Establishment verbandelt zu sein. 

Drittens

Der grösste Trumpf von Sanders ist, dass er keinem Polit-Clan angehört. Die Amerikaner hegen seit den Tagen der Gründungsväter ein grosses Misstrauen gegenüber Dynastien. Jetzt haben sie die Schnauze voll den Clintons und den Bushs.

Mit Donald Trump hat Bernie Sanders nur die Herkunft – New York – gemeinsam. Sonst sind die beiden nicht zu vergleichen. Anders als das narzisstische Grossmaul Trump ist Sanders ein bescheidener Teamplayer. Während der Immobilientycoon selbst seine Parteikollegen aufs Übelste beleidigt, spricht Sanders mit sehr viel Respekt von Hillary Clinton. Und während Trump – sollte er die parteiinterne Ausmarchung verlieren – es nicht ausschliesst, als unabhängiger Kandidat anzutreten, ist es für Sanders völlig klar, dass er sich dem Verdikt der Partei beugen wird.

Aber zunächst steigt er in die Hosen, und zwar längst nicht mehr als «Bernie Wer»? «Unterschätzen Sie mich nicht», entgegnet er jeweils lächelnd auf die immer gleiche Frage nach seinen Chancen zu gewinnen. 

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