DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Women related to fighters of the Islamic State group sit next to Syrian Democratic Forces guards as they wait to board buses and trucks, leaving the overcrowded a an overcrowded al-Hol camp to return to their homes on Monday, June 3, 2019, in Hasakeh province, Syria. The departure is the largest since the IS group's territorial defeat in Syria in March, when the U.S.-backed SDF captured Baghouz, the last village controlled by the militants near the Iraqi border. (AP Photo/Baderkhan Ahmed)

Zwei SDF-Kämpferinnen passen auf Ehefrauen von IS-Kämpfern auf. Bild: AP/AP

Zehntausende IS-Anhänger sitzen in Al-Haul fest – und träumen vom neuen Kalifat

Im nordsyrischen Al-Haul sitzen Zehntausende IS-Anhänger fest. Die katastrophalen Zustände treiben ihre Radikalisierung voran. Einige träumen schon vom neuen Kalifat.

Andrea Backhaus / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Seit dem Einmarsch der türkischen Truppen hat sich die Lage im Nordosten Syriens dramatisch verändert. In den Städten und Dörfern in der Region kämpfen türkische und kurdische Truppen um die Kontrolle, in anderen Ortschaften rücken Soldaten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und seinen russischen Verbündeten vor. Auch Zivilisten, Ärzte und Helfer geraten unter Beschuss. Hunderttausende Menschen sind vor den Kämpfen auf der Flucht, innerhalb Syriens oder ins Nachbarland Irak. Unsere Reporterin Andrea Backhaus ist in diesen Tagen in Nordsyrien und im Nordirak unterwegs.

Man könnte denken, der Krieg habe Al-Haul ausgespart. In der Kleinstadt im Nordosten von Syrien, nahe der irakischen Grenze, herrscht trügerische Ruhe. Die Kämpfe zwischen türkischer Armee und kurdischen Milizen sind weit entfernt, bis zur Türkei sind es von hier gut 70 Kilometer Luftlinie.

Und doch liegt vor der kurdisch kontrollierten Stadt einer der gefährlichsten Orte Syriens: Im gleichnamigen Lager von Al-Haul sitzen derzeit schätzungsweise 71'000 Menschen fest, darunter vertriebene Iraker und Syrer, aber vor allem Angehörige von Kämpfern des «Islamischen Staats», viele Frauen und Kinder. Rund 11'000 Ausländer aus 53 Ländern, einige auch aus Deutschland, sind in einem abgetrennten Bereich untergebracht, sie gelten als extrem radikalisiert. Was sich hier anbahnt, könnte Folgen weit über die Region hinaus haben: Das Lager droht, zur Keimzelle eines neuen IS zu werden.

Reporter dürfen nur in den Eingangsbereich jenes Teils, in dem die ausländischen Frauen von IS-Kämpfern mit ihren Kindern untergebracht sind. Die kurdischen Sicherheitsleute erlauben nicht, bis zu ihren Zelten zu gehen, denn sie könnten die Besucher angreifen. Viele von ihnen wurden Anfang des Jahres in das Lager gebracht, als das kurdisch geführte Militärbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) Baghuz vom IS zurückeroberte. Baghuz war die letzte Enklave, die noch von den Terroristen gehalten wurde.

In this March 31, 2019 photo, women shop in the marketplace at Al-Hol camp, home to families of Islamic State fighters, in Hasakeh province, Syria. The Islamic State group could get a new injection of life if conflict erupts between the Kurds and Turkey in northeast Syria as the U.S. pulls its troops back from the area. The White House has said Turkey will take over responsibility for the thousands of IS fighters captured during the long campaign that defeated the militants in Syria. But it’s not clear how that could happen. (AP Photo/Maya Alleruzzo)

Reporter dürfen nur in den Eingangsbereich des Lagers – zu gross ist die Gefahr. Bild: AP

Direkt neben dem Eingang halten sich an diesem Tag rund zehn Frauen mit ihren Kindern auf. Ein paar von ihnen sitzen vor einem Zelt, andere spazieren vorüber. Alle sind vollverschleiert, einige haben auch die Augen verdeckt. Sie kommen aus Ländern wie Russland, Usbekistan, Tadschikistan oder den Niederlanden. Erst schweigen sie, aber dann stellen sich ein paar Frauen hinzu, die reden wollen.

«Die Ungläubigen verdienen das»

Eine stellt sich als Aisha Mohammed Emin vor, sie stamme aus dem chinesischen Turkestan, also ganz aus dem Westen der Volksrepublik, wo turkstämmige Bevölkerungsgruppen beheimatet sind. Ihr Mann sei im Gefängnis und sie mit den beiden Kindern hier. Vor fünf Jahren sei sie nach Syrien gekommen und bis zum Ende in Baghuz gewesen. Im «Islamischen Staat» zu leben, das habe für sie Freiheit bedeutet. Endlich habe sie einen Hidschab tragen können und ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken müssen. «Im Islamischen Staat durfte ich alles», sagt sie. Dass der IS Menschen bestraft, ihnen etwa den Kopf abgeschlagen habe, sei für sie in Ordnung gewesen: «Die Ungläubigen verdienen das.»

«Es gibt ja schon einen neuen Kalifen.»

In Al-Haul bauten sie nun einen neuen «Islamischen Staat» auf, sagt die Frau. Daran ändere auch der Tod von al-Bagdadi nichts. Der IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi hatte sich in die Luft gesprengt, nachdem er von einer US-Spezialeinheit in seinem Versteck in Idlib aufgespürt und umstellt worden war. Aber Aisha Mohammed Emin stört das nicht. «Es gibt ja schon einen neuen Kalifen.»

Sätze wie diese bereiten Aylol al-Rezgar grosse Sorge. Sie ist im Lager von Al-Haul für den Ausländertrakt verantwortlich. Sie sitzt im Schneidersitz auf einer Matratze auf dem Boden eines Containers, der ihr Büro sein soll. Am Anfang hätten viele der Frauen um al-Bagdadi getrauert, sagt sie. «Jetzt sagen sie: Es gibt einen besseren Kalifen.» Der IS hatte nach al-Bagdadis Tod einen Nachfolger verkündet. Es werde immer schwieriger, die Frauen zu kontrollieren, sagt al-Rezgar. «Sie sind eine Gefahr für die ganze Welt.»

Das Lager von Al-Haul gab es schon lange vor Beginn des Syrienkriegs, es war lange ein Zufluchtsort für Iraker, die vor den Konflikten in ihrem Land über die Grenze flohen. Dann kamen vor drei Jahren die IS-Anhänger, schliesslich die türkische Offensive, mit der Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine sogenannte Sicherheitszone entlang der türkisch-syrischen Grenze durchsetzen will. Al-Haul liegt weit ausserhalb dieses Streifens, aber die Auswirkungen sind zu spüren. Die Zustände waren schon vorher prekär, seither sind sie katastrophal.

Women and children related to fighters of the Islamic State group wait to board buses and trucks, leaving the overcrowded a an overcrowded al-Hol camp to return to their homes on Monday, June 3, 2019, in Hasakeh province, Syria. The departure is the largest since the IS group's territorial defeat in Syria in March, when the U.S.-backed Syrian Democratic Forces captured Baghouz, the last village controlled by the militants near the Iraqi border. (AP Photo/Baderkhan Ahmed)

In Al-Haul herrschen prekäre Zustände. Bild: AP/AP

Mit Ausnahme lokaler Helfer haben nahezu alle Hilfsorganisationen Nordsyrien verlassen, weshalb selbst die Grundversorgung kaum noch gewährleistet werden kann. Das Lager ist überfüllt, es fehlt an sauberem Wasser, Essen, sanitären Anlagen, medizinischer Versorgung, einfach an allem. Vor allem viele Kinder haben Infektionen und leiden an Mangelernährung, laut den UN sind schon einige Hundert daran gestorben. Bei einem Gang durch die dicht an dicht stehenden Zelte sieht man Kinder, die barfuss oder ohne Kleidung im Schmutz spielen, die Haare struppig, der Blick glasig. Experten warnen, die schlimmen Lebensumstände würden dazu beitragen, dass sich die Menschen hier nur noch weiter radikalisieren.

Viel ist geschrieben worden über den Verrat an den Kurden. Darüber, dass sie – fallen gelassen vom einstigen Verbündeten USA – nun aus purer Not das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad um Hilfe bitten müssen. Doch neben dem moralischen Versagen zeigen sich an Orten wie Al-Haul die Sicherheitsrisiken, die durch diesen Krieg entstehen. Die kurdischen Milizen, die den Nordosten Syriens seit 2014 kontrollierten, hatten Tausende Terroristen in ihren Gefängnissen gefangen gehalten. Doch nun werden viele kurdische Sicherheitskräfte eingezogen, um an der Front gegen die weiter vorrückenden türkischen Truppen und Milizen zu kämpfen. Die mangelnde Bewachung der Lager und Gefängnisse nutzen die Dschihadisten aus, seit Beginn der Offensive sind bereits Hunderte entkommen. Auch aus Al-Haul sind etliche IS-Sympathisanten ausgebrochen, vermutlich mit Unterstützung von ausserhalb des Lagers.

FILE - In this March 31, 2019 file, photo, women speak to guards at the gate that closes off the section for foreign families who lived in the Islamic State's so-called caliphate, at Al-Hol camp in Hasakeh province, Syria. The IS could get a new injection of life if conflict erupts between the Kurds and Turkey in northeast Syria as the U.S. pulls its troops back from the area. The White House has said Turkey will take over responsibility for the thousands of IS fighters captured during the long campaign that defeated the militants in Syria. But it’s not clear how that could happen. (AP Photo/Maya Alleruzzo, File)

Kurdische Wächter bewachen das Camp. Bild: AP

Wie viele ins Ausland fliehen konnten und wie viele sich im Untergrund in Syrien bereits neu formieren, weiss niemand genau. Viele Menschen in Nordsyrien fürchten mögliche Schläferzellen, einige vermeiden es, im Dunkeln über die Landstrassen zu fahren, aus Angst vor Überfällen und Entführungen. In der Stadt Al-Haul sagen viele, dass sie fürchten, die IS-Anhänger könnten sich nach einem Ausbruch an ihnen rächen, weil sie ihrer Ideologie nicht folgen.

«Das Regime würde sie umbringen»

Doch auch die IS-Anhänger, die bislang nicht entkommen konnten, werden zu einer immer grösseren Gefahr. Manchmal attackieren sie das Wachpersonal oder andere Lagerbewohner. Einige Anhängerinnen des IS haben in Al-Haul eine neue Terrorherrschaft errichtet, sie haben laut den Lagerverwaltern eine Art Mini-Kalifat errichtet, mit eigenen Scharia-Gerichten und Hinrichtungen. Zudem versuche der noch verbliebene Teil des IS von aussen in dem Lager eine neue Anhängerschaft zu rekrutieren. Die Radikalisierung ist in Al-Haul in vollem Gange.

Wie es mit dem Lager weitergehen soll, darauf weiss Aylol al-Rezgar in ihrem Container-Büro keine Antwort. Sie würden jetzt darauf warten, dass die Heimatstaaten die IS-Anhänger zurückholen. Und wenn das nicht passiert? Immerhin hatten sich bislang vor allem die Europäer dagegen gewehrt. Al-Rezgar zuckt mit den Schultern. Sie, die Kurden, würden das Lager zunächst weiter betreuen. Man wolle die Leute nicht dem Assad-Regime überlassen. «Das Regime würde sie umbringen.»

Das glaubt auch Am Alzhraa. Sie steht an der staubigen Strasse eines Abschnitts in Al-Haul, in dem die Iraker untergebracht sind. Die Türken seien besser als das syrische Regime, sagt sie, die Frauen im Lager würden sich vor den Assad-Schergen fürchten. Alzhraa war aus dem irakischen Anbar einst nach Syrien gegangen, «um Dschihadistin zu werden», wie sie sagt. Ihr Mann sei ein IS-Kämpfer gewesen, jetzt sei er im Gefängnis, in welchem, das wisse sie nicht. Der IS habe Frauen respektiert. Ihr Mann habe eine zweite Frau geheiratet, aber das sei kein Problem gewesen. Er hätte auch vier haben können, sagt sie, das sei Männern ja laut Koran erlaubt. Und auch sie ist sich sicher: Wen der IS bestraft habe, der sei ein Ungläubiger gewesen und habe es verdient gehabt. «Die Ungläubigen, das sind alle, die uns angreifen.»

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wenn du auf den längsten Strich der Welt gehen willst – eine Geografie-Reise des Grauens

Kann gut sein, dass Guy Bruneau als Kind stundenlang im Atlas herumstöberte. Als Erwachsener kam der Kanadier, der beruflich mit Geoinformationsdaten zu tun hat, jedenfalls auf eine unkonventionelle Idee – eine Idee, auf die wohl nur Karten-Freaks kommen. Bruneau suchte und fand die längste gerade Strecke, die man auf diesem Globus zu Land zurücklegen kann, ohne ein Meer oder ein grösseres Gewässer zu überqueren.

Das Resultat ist erstaunlich: Die Linie beginnt im Westen von Afrika am Atlantik …

Artikel lesen
Link zum Artikel