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bild: watson/rar/ap/raqqa media center of the islamic state group

Die Liste der Verbote und des Hasses

Diese Dokumente aus Syrien zeigen, wie der IS sein Töten rechtfertigt. Und wie seine Anhänger zu leben haben

Vor der Eroberung der syrischen Stadt Manbidsch hat der IS Schriften verteilt, die zeigen, wie die Terrormiliz seinen brutalen Kampf legitimiert. Dieser richtet sich nicht nur gegen Juden und Christen sondern zentral auch gegen nicht radikale Muslime.



Die Papiere stammen direkt aus Syrien, genauer aus dem Hauptquartier der Kämpfer in Manbidsch. Die Stadt im Norden liegt rund 60 Kilometer von Kobane entfernt, wo die Kurden in einem verzweifelten Kampf den IS-Kämpfern immer noch die Stirn bieten. In Manbidsch regiert mittlerweile der Islamische Staat. Die Übernahme wurde allerdings bereits im Sommer 2013 vorbereitet.

Damals verteilten einige IS-Kämpfer Dokumente, die zeigen, wie der IS seinen Kampf legitimiert – und wie die Gläubigen zu leben haben: Auf der Durchreise in Nordsyrien wurden auch einem Schweizer Hilfswerkmitarbeiter die Papiere ausgehändigt. Der Islamwisschenschafter Reinhard Schulze hat sich die 20 Seiten in arabischer Druckschrift angeschaut, die watson vorliegen. 

Reinhard Schulze vom Institut fuer Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universitaet Bern, aufgenommen am Donnerstag (14.10.10) in Berlin bei einer Pressekonferenz zur Bekanntgabe der ersten Standorte in Deutschland fuer islamische Studien. In Tuebingen und in Muenster/Osnabrueck entstehen die ersten mit Bundesmitteln gefoerderten Zentren fuer islamische Studien. (zu dapd-Text) Foto: Oliver Lang/dapd

Reinhard Schulze (Archivbild 2010). Bild: AP dapd

Zur Person

Reinhard Schulze (geboren 1953 in Berlin) promovierte an der Universität Bonn mit einer Dissertation über die Rebellion der ägyptischen Fallahin. Seit bald 20 Jahren ist er ordentlicher Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei der Islamischen Kultur-, Wissens- und Religionsgeschichte, den zeitgenössischen islamischen politischen Kulturen und der Sozial- und Kulturgeschichte der Neuzeit und Moderne in der islamischen Welt. 

«Der IS kann nur bestehen, so lange er kämpft»

Sein Fazit: «Die Schriften dienen dem IS vor allem als Rechtfertigung seines brutalen Kampfes», sagt Schulze. «Sie sind teilweise sehr alt und zeugen vom typischen Schreibstil der ultrareligiösen Dschihad-Szene», so Schulze weiter. Das meiste sei von Vordenkern der Al-Kaida abgekupfert, die seit Jahren solche und ähnliche Schriften verbreiten würden. 

Im Gegensatz zu Al-Kaida erobert der IS neue Gebiete. Das bedeute, dass die Kämpfer des Islamischen Staat «ihre Geltungsansprüche in den eroberten Gebieten legitimieren müssen», erklärt Schulze. «Gewehrlauf und Terror reichen hierfür nicht aus.» 

Also zieht der IS scheinbar alles heran, was seinen Kampf legitimieren könnte: «Jeder Text, der den Kampf des Islamischen Staats zu begründen hilft, erfüllt für den IS seinen Zweck», sagt Schulze. Kampfbünde wie der IS würden keine Zukunftsordnung definieren, sondern nur eine aus zusammenhangslosen Einzelregeln bestehende Herrschaftsordnung. Denn: «Der IS kann nur bestehen, solange er kämpft», sagt Schulze.

Im Folgenden die wichtigsten Punkte aus den Schriften. Sie zeigen, wie der IS seinen Kampf legitimiert und wie seine Verhaltensregeln aussehen:

1. Legitimation für den Kampf gegen die «Vereinten Nationen» 

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bild: watson

Ein Dokument rechnet mit den «Vereinten Nationen» ab und spricht ihnen die «Internationale Legitimität» ab. Darin steht:

«Die ‹internationale Legitimität› wurde von den Ketzerstaaten erfunden, die die ‹UN› – die Vereinten Nationen – gegründet haben.»

Verfasst wurde die Schrift vom Jordanier Abu Mohammed Al-Maqdissi, dem Mentor des späteren Al-Kaida-Gründers Abu Musab al-Zarqawi. «Dieser Text spielt in der Propaganda des IS insofern eine Rolle, als damit jegliches internationales Eingreifen in den Krieg in Syrien als islamisch illegitim angesehen wird», sagt Reinhard Schulze. Gleichzeitig würden alle islamischen Staaten, die sich an dieser Koalition beteiligen, als Abtrünnige bezeichnet:

«Auf jeden Fall steht die UN-Organisation unter dem christlich-jüdischen Einfluss. Sie ist für die Teilung Palästinas im Jahre 1948 verantwortlich. Es ist auch bekannt, dass diese Organisation den Islam hasst. Also ist die Organisation eine Ketzerorganisation.»

Damit darf die UN und alle ihre Mitglieder in den Augen des IS bekämpft werden. «Das Papier ist im Prinzip eine Kampfansage an die ganze Welt», sagt Schulze. 

2. Legitimation für den Kampf gegen Syrien und das Assad-Regime

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bild: watson

Im Papier mit dem Titel «Dschihad und Kampf in Syrien ist Pflicht jedes Moslems» äussert sich der Autor – ein gewisser Abu Zaid Asch-Schami (übersetzt: «Der Syrer»)  – zum Dschihad. Dieser sei zur Pflicht jedes Moslems geworden. Insbesondere das Assad-Regime gelte es zu bekämpfen: 

«Das in Syrien regierende Baath-Regime ist ein Regime der Ungläubigen und Ketzer. Denn es bekämpft die Religion Gottes, weil es nicht die Gesetze Gottes anwendet.»

Die Idee des Dschihad geht auf den 1989 ermordeten Scheich Abdalla Azzam zurück. Er war der Mentor Osama bin Ladens: «Die Aussage, dass der Dschihad Individualpflicht sei, wurde von Azzam popularisisert», sagt Schulze. Der IS nehme sie wieder auf und nutze sie für seine Zwecke. Über den Autor Asch-Schami ist allerdings nichts bekannt. 

3. Legitimation für den Kampf und die Hinrichtung von Ungläubigen

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bild: watson

Dieses Faltblatt stammt aus der Feder des bekannten ägyptischen Al-Kaida-Gelehrten Abdelhakim Hassan. Der IS nimmt seine Hassschrift gegen die Abgefallenen und Ungläubigen in seinen Kodex auf: 

«Es ist in dieser Zeit überall bekannt geworden, dass die Ketzerparteien, die von Juden, Christen und den aus dem Islam zurückgetretenen Verrätern gegründet worden sind, sich geeinigt haben gegen den Islam und die Moslems zu kämpfen»

Etwas weiter unten steht dann: 

«Gott hat es durch die Koranverse sehr deutlich gemacht, dass die Hinrichtung dieser Apostaten («Abtrünnige» od. Personen, die sich vom Glauben lossagen, Anm. d. Red) erlaubt ist.»

«Bemerkenswert ist hier die Betonung, dass vom Islam Abgefallene – in den Augen des IS beispielsweise die Schiiten – ebenfalls bekämpft werden müssen», sagt Islamprofessor Reinhard Schulze. Die Dschihadisten der ersten Generation, also Bin Laden und seine Getreuen, hätten primär die Juden und Kreuzzügler als Feind definiert. Der IS bekämpft aber auch Muslime.

4. Die Liste der 31 Verbote

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Bild: watson

Die Liste der 31 «Vergehen, vor denen gewarnt werden soll» bestimmt, wie sich Anhänger des Islamischen Staats zu verhalten haben. «Es sind solche Regeln, die der IS nun in seinen Herrschaftsgebieten durchsetzt», sagt Schulze. Zu den IS-Regeln gehört unter anderem: 

«Hexerei: Hexerei ist Ketzerei. Sie ist eine der grossen Sünden. Wer Hexerei betreibt, ist Apostat und Ketzer. Ein Hexer muss nach den Islamvorschriften hingerichtet werden.» 

«Der Glaube an Horoskope und ihr Einfluss auf das Leben. Das ist auch eine schwerwiegende Sünde. Auch wenn man sie in Zeitungen und Zeitschriften als Unterhaltung liest, ist es streng verboten.»

«Parlamentarier zu sein: Für das Parlament zu kandidieren, ist ein grober Fehler. Denn die Parlamente sind gesetzgebende Organe, die das Recht haben, alles zu erlauben oder zu verbieten.»

«Musik hören und spielen: der Islam verbietet das. Auch für Handytöne müssen dezente Gesänge verwendet werden, aber keine Lieder mit Musik.» 

«Das Tratschen ist eine Eigenschaft, von der die Moslems fernbleiben sollen.»

«Das Haar schwarz färben ist verboten. Eine andere Farbe wie rot oder hennagelb ist erlaubt. Und dies gilt sowohl für den Mann als auch für die Frau.» 

«Allein sein mit einer fremden Frau. Wenn man mit einer Frau allein ist, ist unbedingt der Satan als dritter dabei.»

Die Liste sei typisch für Dschihad-Kreise, meint Reinhard Schulze. Sie stammt aus dem Jahr 2006 aus der Feder von Muhammad Salih al-Munajjid. Der salafistische Prediger ist bekannt für seine antiwestlichen Hetztiraden. Dass das Dokument vom IS adaptiert wird, zeige, wie verbündet sich der IS anfänglich mit der Al-Kaida sah, sagt Schulze.

5. Das Glaubensbekenntnis

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bild: watson

Auch das Glaubensbekenntnis des IS stammt aus der Feder der Al-Kaida. Der Inhalt stammt schon aus den 90er Jahren. «Diese Publikation ist wahrscheinlich ebenfalls um 2006 entstanden», sagt Schulze. Das Dokument führt ein mit: 

«Es ist die Religion Gottes, der wir folgen und wofür wir kämpfen. Diejenigen, die dieser Religion angehören, sind von uns und diejenigen, die anderer Religion sind, sind unsere Feinde.»

Dass das eigentliche Glaubensbekenntnis neben den Glaubenssätzen auch die Feinde bestimme, sei typisch für dschihadistische Gruppierungen, meint Schulze.

«Der Dschihad wird existieren, solange es ein Leben gibt. Jeder Gläubige muss gegen die Feinde Gottes kämpfen.»

«Die Apostasie ist viel schlimmer als ein gebürtiger Ketzer. Deswegen wird vorgezogen, die Apostaten zu bekämpfen als die Ketzer.»

«Wir sind der Meinung, dass die Nation unter einer Flagge – besonders die der Dschihadisten – vereinigt werden soll.»

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