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Director Miranda July poses during a photocall for the presentation of her film

A perfectly lovely July.
Bild: AP

An Halloween beschloss Miranda July, dass es Zeit war, zu sterben

Doch vorher redete die Künstlerin noch mit Rihanna über ihre Vagina und schrieb den brillanten Roman «Der erste fiese Typ». Am 12. November liest sie daraus in Zürich.



An Halloween beschloss Miranda July, dass es Zeit war, zu sterben. Zwei Tage zuvor hatte die «Vogue» noch begeistert über ihr neustes Werk berichtet: Miranda July hatte sich höchst rätselhafte Sätze ausgedacht, und eine Designerin hatte sie illustriert. Für eine Schal-Kollektion. Die Sätze erzählten alle irgendwie von einem missverstandenen Liebesbegehren. Illustriert wurden sie mit Flugzeugen und Rasierklingen.

Ein paar Tage vor dem «Vogue»-Artikel hatte Miranda July Rihanna getroffen. Für die «New York Times». Und natürlich wurde ihr Text über das Treffen grossartig. Nicht nur wegen Rihanna, mit der sie über die unterschiedliche Tiefe ihrer Vaginen und übers Kinderkriegen redete, sondern weil Miranda July, die Schriftstellerin, Filmemacherin, Multimediakünstlerin und Performerin, höchst unbefangen das grösste aller journalistischen Klischees bediente, das No-go schlechthin: Grossflächig schrieb sie über das Gespräch mit ihrem Taxifahrer auf dem Weg zu Rihanna.

Rihanna & Miranda

Der Taxifahrer kam aus Nigeria, liebte Rihanna, weil sie wie er ein Fussballfan ist, und natürlich erfüllte Miranda July seinen Wunsch und fragte Rihanna, wann sie denn endlich einmal in Afrika auftreten werde. Rihanna liess dem Taxifahrer ausrichten dass sie gern in Afrika ein grosses Gratisevent im Stil von Bob Marley machen würde. Das stand dann alles in der «New York Times», und jetzt hat Rihanna noch mehr Street-Credibility.

Zurück zum Zwischenmenschlichen

Und dann war es Zeit für jemanden, zu sterben. Für ein Stück von Miranda July. Sie beschloss, «Somebody» zu töten. Somebody war ihre App. Und Somebody hatte ein Jahr lang gelebt und unter 10'000 Nutzern für fröhliches Chaos gesorgt. Denn über Somebody konnte man jemandem eine Nachricht schicken, aber die erreichte ihren Adressaten nicht schriftlich, sondern wurde ihm mündlich über einen andern Somebody-User in seiner Nähe überbracht. Eine Rückübersetzung von einer virtuellen Message in eine reale zwischenmenschliche Kommunikation also.

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So sah Somebody aus.
bild: miranda july/ miu miu

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Einer von mehreren Miranda-Schal.
Bild: Miranda July/ Heart Heart Heart

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Zur Miranda-Bag gibt es hier ein lustiges Video.
Bild: miranda july/ Welcome Companions

Das Modelabel Miu Miu von Miuccia Prada hatte Somebody mitkreiert und finanziert, aber mit wachsendem Erfolg rieten ihr begeisterte Leute aus der Technikbranche dazu, aus Somebody eine Firma zu machen, an die Börse zu gehen und im grossen Stil Werbung zu akquirieren. Da brach Miranda July die Übung ab. Somebody war für sie reine Konzeptkunst. 

Julys Roman ist herrlich hardcore. Wie ein Lovechild von Bret Easton Ellis, Chuck Palahniuk und T.C. Boyle – wenn die drei denn Frauen wären.

Zu Beginn ihrer Karriere war die heute 41-Jährige Punkmusikerin. Dann kamen Filme (mit «Me and You and Everyone We Know» gewann 2005 in Cannes gleich vier Preise), vielfach ausgezeichnete Kurzgeschichten, Skulpturen und Performances. Und ein Stalker, der auf der Suche nach Miranda July plötzlich verschwand und wahrscheinlich sein Leben liess. Letztes Jahr kreierte sie eine Handtasche mit einem liebevoll ausgestatteten Notfallset für die unternehmungslustige Frau. 2015 folgte der erste Roman. Oder anders: Vielleicht der beste Roman dieses Jahres. «The First Bad Man» («Der erste fiese Typ»).

Sauna der Perversitäten

Vor dem Roman war Miranda Julys Welt irgendwie retro-pastellig. Sie selbst ein feenhaftes Wesen in Kleidern mit grossen Krägen. Originell und präzis, aber auch süss und tröstlich, ein bisschen wie ein avantgardistischer Cupcake-Laden für Ultra-Hipster. Seit der Roman da ist, sieht man diese Welt ganz anders: greller, härter, noch grotesker, viel mehr Punk, viel weniger Zuckerwatte. Gewalt, Sex, Gewaltfantasien und sexuelle Neurosen ohne Ende. Protagonisten, die allesamt kein bisschen liebenswert sind, dafür latent eklig. Eine Sauna der Perversitäten.

Die depressiv-hysterische Ich-Erzählerin Cheryl arbeitet in einer Firma für Fitness-Videos, fantasiert von einem eingebildeten Baby und schwärmt für einen Mann, der in einen Teenager verknallt ist. Ihre Therapeutin sammelt Urin in Karton-Behältern vom Chinaimbiss. Cheryls Mitbewohnerin Clee – die Tochter ihres Chefs – ist zwanzig, sieht aus wie ein Playmate, duscht nicht und hat einen ekelhaft stinkenden Fusspilz. In Cherlys Garten bricht eine Schneckenplage aus, die schleimigen Tiere erobern das Haus. Cheryl und Clee prügeln sich regelmässig. Aus Spass. Aus Begehren. Aus Liebe.

Nichts ist normal. Alles ist sehr unterhaltsam, kompliziert und dreckig. Und vollkommen verrückt. Ein Buch wie ein Lovechild von Bret Easton Ellis, Chuck Palahniuk und T.C. Boyle – wenn die drei denn Frauen wären. Herrlich hardcore. Sprachlich vielleicht weniger sorgfältig als Miranda Julys bis in die letzte schimmernde Silbe hinein ausbalancierten Kurzgeschichten, dafür ein verdammter Pageturner. Fast ist es, als hätte der Roman eine ganz andere Mutter. Hat er aber nicht. Was für eine Frau.

Miranda July liest am 12. November um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Zur Ticketreservation gehts hier.

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