Leben
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In this Nov. 17, 2010 photo, British singer Duffy poses for photographs in West London. (AP Photo/Joel Ryan)

Fast ein Jahrzehnt war Duffy aus der Öffentlichkeit verschwunden. Jetzt sagt sie, wieso. Bild: AP

Analyse

Duffy, Natascha Kampusch und der Hass des Netzes gegen Opfer

Kaum hat die britische Sängerin Duffy auf Instagram über ihren Missbrauch geschrieben, wird sie auch schon wieder angegriffen. Natascha Kampusch kennt das schon lange. Im SRF-«Club» berichtete sie über ihre Erfahrungen mit Hatern.



Wenn ich meinen Eltern für eines richtig, richtig dankbar bin, dann dafür, dass ich vor der Lawine der sozialen Medien jung sein durfte. Die Hassbotschaften, die Vergewaltigungsfantasien, die Morddrohungen, die ich als junge Journalistin erhielt, kamen noch per Mail und per Post. Die sah nur ich. Die wurden nicht in aller Öffentlichkeit breitgetreten. Die boten keiner Gruppe von Hatern eine gemeinsame identitätsstiftende Basis.

Ich kann mir die Cybermobbing-Hölle, in der sich die 13-jährige Schweizer Schülerin Céline befunden haben muss, nicht vorstellen. Meine Fantasie weigert sich, an diesen Ort zu gehen. Oder in jenen Keller in Wien, wo Natascha Kampusch jahrelang eingesperrt gewesen war. Oder jetzt in das Martyrium der britischen Sängerin Duffy, die in einem Instagram-Post kundgetan hat, der Grund für ihren jahrelangen Rückzug aus der Öffentlichkeit sei eine total traumatisierende Erfahrung: Sie sei unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und mehrere Tage lang festgehalten worden. Alles unvorstellbar.

«Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie oft ich darüber nachgedacht habe, dies zu schreiben. Darüber, wie ich es schreiben würde, wie ich mich danach fühlen würde.»

Duffy auf Instagram

Céline hat sich das Leben genommen. Natascha Kampusch erzählte am Dienstagabend im SRF-«Club», sie habe mit zwölf, also nach zwei Jahren im Kellerverliess «mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreit». Sie hatte nur sich. Sie war der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte.

Auch Duffy schloss mit ihrem späteren Ich einen Pakt. Nämlich den, erst dann darüber zu sprechen, erst dann wieder zu singen, wenn ihr gebrochenes Herz wieder zusammengewachsen sei. Wenn sie sich wieder okay und sicher fühle. Sich der Öffentlichkeit nicht in ihrer ganzen Verletztheit auszuliefern.

Bild

Die «Club»-Runde vom 25. Februar: Traumatherapeutin Regula Schwager, Rechtsanwalt Martin Steiger, Jolanda Spiess-Hegglin, Psychoanalytiker Mario Gmür, Natascha Kampusch und Moderatorin Barbara Lüthi. Bild: via twitter/ Jolanda Spiess-Hegglin

Natascha Kampusch sagt im «Club», sie habe sich jahrelang auf den Moment ihrer Selbstbefreiung vorbereitet. Auf den Moment also, da sie sich nicht mehr nur einem Peiniger, sondern Massen möglicher Hater gegenüber sehen würde. Und als sie es geschafft hatte, als sie 2006 nach acht Jahren entkommen war, standen diese auch schon Spalier: Verschwörungstheorien wurden gedruckt, sie wurde auf offener Strasse beschimpft, Neider unterstellten ihr Mediengeilheit und Geltungssucht. Und als die Jahre ins Land zogen und die sozialen Medien erstarkten, las sie da – und liest es noch immer – Posts wie «Geh zurück in den Keller» oder «Geh sterben», auch sexuelle Gewalt wird ihr angedroht.

«Es ist wichtig, dass man die Opfer von Cybermobbing nicht dazu erzieht, ohnmächtig zu bleiben.»

Natascha Kampusch im «Club»

Employees of a department store watch the interview with Austrian kidnapping victim Natascha Kampusch at Austrian television channel ORF in Vienna, Wednesday 06 September 2006. 

Publication of this picture only in connection with reports on the interview with Natascha Kampusch on television channel 'ORF' on 06 September 2006 AND in connection with reports on the big public interest in this interview. The mentioning of the name of the tv channel 'ORF' is compulsory. EPA/HERBERT P. OCZERET

Am 6. September 2006 schauen Millionen von Menschen das grosse ORF-Interview mit Natascha Kampusch, die sich kurz davor aus achtjähriger Gefangenschaft befreit hatte. Bild: EPA

Nur wenige Stunden waren seit Duffys Instagram-Post vergangen, da setzte der Cyberhass auch schon gegen sie ein. Es gab ultrasexistische Voyeurismus wie «Heard she was begging for mercy» – «Ich hörte, sie flehte um Gnade». Eine geschmacklose Anwendung von Duffys grösstem Hit «Mercy», in dem es heisst: «Du machst, dass ich um Gnade flehe. Wieso lässt du mich nicht einfach frei?» Es gab kruden Sozialneid wie «Duffy kümmert mich einen Dreck, ihr Arsch zahlt nicht meine verdammten Rechnungen».

Und es gab einen Tweet, der mit den Worten «Vergewaltigung ist falsch, aber ...» begann und sie feige nannte, weil sie sich so lange Zeit gelassen hatte. Auch bei uns wurde leider ein Kommentar freigeschaltet, der Duffy unterstellte, jetzt endlich wieder «eine Geschichte» erzählen zu können. Er wurde umgehend gelöscht.

Es ist ekelhaft. Als ob es nicht schon unfassbar genug wäre, dass ein Verbrechen die Sängerin, die 2008 neben Adele und Amy Winehouse als dritte grosse britische Frauenstimme in den Pophimmel gestiegen war, für fast zehn Jahre zum Verstummen brachte.

Die Gesellschaft sieht ihre Opfer am liebsten stumm, zurückhaltend, gebrochen, bescheiden, gern auch verwirrt, nicht mehr ganz zurechnungsfähig, sagt Natascha Kampusch.

Ein Opfer darf den Voyeurismus der Gesellschaft befriedigen. Darf mit Mitleid rechnen. Für eine kurze Zeit jedenfalls. Wenn es stehen bleibt und redet – so erläutern der Psychoanalytiker Mario Gmür und die Traumatherapeutin Regula Schwager im «Club» – wenn es die Leute mit dem ganzen Ausmass seiner Ohnmacht konfrontiert, dann fühlen sie sich unangenehm in ihrem Selbstverständnis, ihrer Komfortzone gestört und schlagen sich lieber auf die Seite der Macht, also des Täters. Erklären das Opfer für verrückt oder geltungssüchtig. Victim blaming eben.

Welsh singer Duffy performs on stage at the Caprices Festival in Crans Montana, Switzerland, Wednesday, April 15, 2009. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Duffy, hier 2009 in Crans Montana. Bild: KEYSTONE

In den nächsten Wochen, so kündigt Duffy an, werde ein Interview erscheinen, in dem sie erzähle, was ihr widerfahren sei. Hoffentlich wappnet sie sich schon jetzt gegen das, was ihr dann auf den sozialen Medien zu widerfahren droht.

Denn wie das so klingen kann, illustriert die ehemalige Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, die nach einem Übergriff den Fallout der herkömmlichen und sozialen Medien aufs Härteste zu spüren bekam und noch immer bekommt. «Du bist der letzte Abschaum, eine Hure, die Vergewaltigungen erfindet. Du und deine Drecksfamilie müssen ausgelöscht werden. Wenn du billige Schlange lange genug gelitten hast, werde ich dich langsam und qualvoll töten», liest Spiess-Hegglin vor.

Dieser Artikel kommt zu keinem analytischen Schluss, ich habe kurzzeitig den Glauben an das Gute im Menschen verloren. Aber es ist den Frauen, ihren Familien oder Hinterbliebenen, zu wünschen, dass sie zu einer «Closure», einer Schliessung der Wunden finden. Der Fall von Céline ist jetzt erstmals vor Gericht, Natascha Kampuschs neues Buch mit dem Titel «Cyberneider» erscheint, und Jolanda Spiess-Hegglin kämpft Tag für Tag gegen Hass im Netz. Und Duffy macht die vorsichtigen ersten Schritte zurück in die Öffentlichkeit. Aus einer Dunkelheit, die man sich fast nicht vorstellen kann. Möge sie da mit Licht und Wärme empfangen werden.

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