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Interview

Leistungsdruck beim Sex: Wenn Spass zur Herausforderung wird

Tim Kröplin / watson.de



Sex bringt in der Fantasie so viel Gutes mit sich. Lust, Leidenschaft, Entspannung, Ekstase, verschwitzte Körper, die sich verknotet auf Bettlaken fläzen. Alles verläuft wunderbar, alles macht Spass. Und genau das kann sich zum Problem entwickeln. Denn in der Realität läuft der Sex nicht immer optimal ab, auch wenn wir uns das wünschen. Mal endet er früher als erhofft, mal können sich die Beteiligten nicht aufeinander abstimmen, mal probiert eine Seite etwas aus, was der anderen nicht gefällt.

Da viele Menschen aber eine idealisierte Vorstellung von Sex haben, erzeugen reale Probleme Druck, der mitunter auch zu einer Versagensangst führt. Schnell überlegt eine Person, ob sie nicht gut genug, gar ein schlechter Liebhaber oder Liebhaberin ist, bloss weil es einmal nicht so lief, wie in einem x-beliebigen Liebesfilm dargestellt.

Über dieses Problem haben wir mit dem Sexualtherapeuten Carsten Müller gesprochen. Er schrieb bereits in seinem Sachbuch «Sex ist wie Brokkoli, nur anders» über sexuelle Versagensängste. Um eins vorweg zu nehmen, Nervosität beim Sex ist menschlich.

«Warum sollte sich denn jemand zwingen, etwas auszuprobieren, was gar nicht zu ihm passt?»

watson: Für viele Menschen bedeutet Sex Druck. Manche meinen, abliefern zu müssen, dem Partner eine neue Welt des Lustempfindens zu eröffnen. Das kommt bei langen Beziehungen ebenso wie bei One-Night-Stands vor. Woher kommt das Gefühl?
Carsten Müller: Ich glaube, dass wir Menschen nicht wirklich über Sex sprechen können. Wir leben 2020 in einer Welt, in der Sexualität so frei verfügbar ist wie nie, von allen Seiten werden wir mit Sex konfrontiert. Werbeplakate für Sexspielzeug, frei zugängliche Pornografie im Internet, die Körperbilder in Medien. Doch so präsent das Thema auch ist, es wird trotzdem tabuisiert. Und eben dieser spannende Spagat zwischen nicht reden können und der ständigen Präsenz von Sex, kann Druck erzeugen. Weil nun mal Bilder generiert werden, von denen die Menschen glauben, sie bedienen zu müssen – zumindest ist das meine Vermutung. Letztendlich wissen sie aber nicht, ob der Sexualpartner oder die Sexualpartnerin das genauso sieht, dafür müssten wir schon miteinander sprechen.

Auch gibt es die typischen Szenen in Serien oder Filmen, in denen sich über «unfähige» Partner und Partnerinnen lustig gemacht wird. In «Sex and the City» geht es häufig um schlechte Nächte, weil eine Seite nicht abliefern konnte. Vermittelt das nicht genau das Gefühl, «abliefern» zu müssen?
Klar, ich würde Alltagsmedien sogar ein ähnliches Wirkungspotential wie Pornografien zuschreiben. Spannend ist noch, dass wir in der Berichterstattung zur Sexualität sehr viel Schwarz-Weiss-Darstellungen haben. Einerseits haben wir die vielen schönen, auf Hochglanz polierten Themen, andererseits die sexualisierte Gewalt. Für viele liefert das aber kein Identifikationspotential.

Gerade bei den Hochglanzthemen, die besseren Sex wegen neuer, abgedrehter Stellungen versprechen, kann es doch auch passieren, dass einem der eigene langweilig erscheint – und man ihn entsprechend aufpeppen will.
Aber dabei ist es doch okay, wenn das eigene Sexleben wenig Abwechslung bietet, man aber trotzdem zufrieden ist. Warum sollte sich denn jemand zwingen, etwas auszuprobieren, was gar nicht zu ihm passt? Ist eine Person mit ihrem Sexleben zufrieden, muss sie es doch nicht zwanghaft aufpeppen. In Gesprächen mit meinen Patientinnen und Patienten nenne ich gerne ein Beispiel: Gehe ich Pizza essen, habe ich ein, zwei Kombinationen, die mir gefallen. Experimentierfreudig bin ich nicht – und das stört niemanden. Beim Sex soll ich es hingegen sein. Diese Idee, dass Sex erst dann gut ist, wenn wir experimentierfreudig sind, erzeugt schlussendlich Druck.

«Stehen Männer massiv unter Druck, können sie Erektionsprobleme bekommen oder zu früh kommen.»

Ist das nicht eher typabhängig?
Absolut. Ich will niemandem absprechen, dass er seinen Schrank mit Sexspielzeug vollpacken darf. Die Menschen sollen in der Lage sein, selbstbestimmte, bewusste Entscheidungen zu treffen. Das ist das, was letztendlich zählt. Leider erlebe ich viel zu häufig, dass die Menschen von aussen in ihrer Entscheidungsfähigkeit beeinflusst werden. Mir geht es nicht um die Daseinsberechtigung von Sextoys, sondern um den empfundenen Zwang, sie einzusetzen. Da läuft man Gefahr, enttäuscht zu sein. Häufig folgt darauf Unzufriedenheit.

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Kann man so nicht auch eine Angst vor Sex entwickeln?
Ich würde eher sagen, dass wir eine neue Drucksituation schaffen. Wenn etwas nicht allzu gut funktionierte, was im Fernsehen vielleicht gut aussah, könnten wir uns sagen: «Hoffentlich klappt es diesmal». Sex soll aber was Schönes und Gutes sein, da ist es doch schade, dass wir genau in so eine Situation kommen.

Ist der Druck stärker bei Männern oder Frauen vertreten?
Ich vermute, dass es da keinen grossen Unterschied gibt. Wie sich der Druck auswirkt, kann sich allerdings zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Stehen Männer massiv unter Druck, können sie Erektionsprobleme bekommen oder zu früh kommen. Bei Frauen kann hingegen eher Lustlosigkeit auftreten. Das Gefühl, performen zu müssen, kann hingegen jeder haben.

Männer gestehen sich selten eine Lustlosigkeit ein.
Absolut. Und das sind Menschen, bei denen ein hoher Leidensdruck da ist. Ausserdem glauben sie häufig, nicht darüber sprechen zu können – sei es mit Freunden, dem Partner oder der Partnerin. Hier wäre die Sprachfähigkeit innerhalb einer Beziehung entscheidend, um Druck herauszunehmen. Oft wird Männern auch vorgehalten, ständig Lust auf Sex haben zu müssen. Natürlich ist das nicht richtig. Auch müssen sie beim Penetrationssex nicht zwangsläufig für einen Orgasmus bei ihrem Partner sorgen. Immerhin gibt es da viele ebenso schöne Wege. Sobald das klar ist, nimmt der Druck ab.

Gerade am Anfang einer Beziehung scheint Druck für viele Paare kein Thema zu sein – zumindest, wenn es darum geht, Neues auszuprobieren. Warum sehnen sich Paare plötzlich nach «ausgefallenerem» Sex?
Es gibt immer das persönliche Bild von Sexualität und die Schnittmenge mit dem des Partners oder der Partnerin. Über diese Gemeinsamkeiten muss man sprechen. Die finden sich relativ rasch am Anfang einer Beziehung. Beide tragen die rosarote Brille, man kommt nicht aus dem gemeinsamen Bett. Solange, bis Routine einkehrt. Ist sie da, kann die Schnittmenge auseinanderdriften. Hier ist Kommunikation wichtig, um die Schnittmenge aufrechtzuerhalten, sonst geht das Kopfkino los. Plötzlich fragt man sich, ob der Partner Sex will, ob es okay ist, den ersten Schritt zu machen. Und dann merkt man direkt, dass der Flipper im Kopf losgeht.

«Ich muss lernen, sprachfähig in Bezug auf sexuelle Themen zu sein.»

Nun heisst es aber auch, dass Sex am schönsten ist, wenn er sich ergibt. Wäre die Kommunikation in dem Fall nicht ein Stimmungskiller?
Ja, wahrscheinlich. Am Anfang läuft es über nonverbale Kommunikation. Das Gespräch ist da häufig nicht nötig. Lust wahrzunehmen, ohne ins Gespräch zu kommen, ist die Champions League. Deshalb wären Gespräche über Sex dann am besten, wenn er gerade kein Thema ist. Bei nichtsexuellen Handlungen, etwa beim gemeinsamen Kochen, kann man über Wünsche, Gedanken, Grenzen, aber auch Ängste sprechen. Sobald diese Dinge besprechbar sind, wird der Rahmen in dem man sich bewegt deutlich sicherer sein. Die Folge davon, wenn ich mich sicher fühle, kann ich entspannend und mich fallen lassen. Das, was so viele Menschen brauchen, um geniessen zu können

Jetzt ging es aber nur um Beziehungen. Auch vor einem One-Night-Stand kann Druck entstehen. Wie gehe ich damit um?
Ich muss lernen, sprachfähig in Bezug auf sexuelle Themen zu sein. Das fängt dabei an, dass ich mir beispielsweise überlegen muss, welche Begriffe ich für meine Geschlechtsteile nutze. Die Grundlage für ein gemeinsames Gespräch wird in einer Beziehung oft eher vorhanden sein als bei einem One-Night-Stand. Es geht da um grosse Gefühle und Emotionen und diese brauchen Raum.

Also sich selber überprüfen: «Was empfinde ich?», um dann in die Auseinandersetzung zu gehen, ob es ein realistischer Anspruch ist oder doch nur ein Bild, das ich mir selbst in meinem Kopf kreiert habe. Wenn dieses Gefühl bei einer neuen Bekanntschaft auch oder noch vorhanden ist, würde ich trotzdem dringend empfehlen, es zu kommunizieren. Verstecken wird man es sowieso nicht können, weil nackter als beim Sex kann man nicht sein.

Nach dem Artikel ein kleines Quiz? Wir hätten da: Sex oder Sterben – kannst du die Filmszenen auseinanderhalten?

Quiz
1.Diese Dame ...
Bild zur Frage
... kommt.
... geht.
2.Was passiert hier: Sex oder Sterben?
Bild zur Frage
Sex
Sterben
3.Natalie Portman ...
Bild zur Frage
... kommt gleich.
... stirbt gleich.
4.Geben wir Natalie noch eine Chance. In dieser Szene ...
Bild zur Frage
... kommt sie.
... geht sie.
5.Sex oder Sterben?
Bild zur Frage
Nicole Kidman kommt
Nicole Kidman geht
6.Sex oder Sterben?
Bild zur Frage
Sex
Sterben
7.Und hier?
Bild zur Frage
Sex
Sterben
8.Sex oder Sterben?
Bild zur Frage
Definitiv Sex!
Definitiv Sterben!
9.Sex oder Sterben?
Bild zur Frage
Sex
Sterben
10.Was ist denn hier los?
Bild zur Frage
Kate Winslet stirbt
Kate Winslet hat Sex
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