Leben
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Big Zis

Big Zis präsentiert sich 2020 als Bosslady mit Goldzähnen. Bild: Nicole Somogyi

Interview

Vulva-Power mit Big Zis: «Die sexuelle Aufklärung ist noch nicht zu Ende»

Gibt es einen weltweiten Geheimbund der Rapperinnen? Ein Track auf dem neuen Album der Zürcherin Big Zis lässt das schwer vermuten. Oder weshalb reden plötzlich alle über das Gleiche?



Bis eben hatte Franziska Schläpfer aka Big Zis genau so viele Alben wie Kinder, nämlich drei. Eigentlich wollte sie bloss ein paar Songs schreiben. Vielleicht für eine EP. Doch dann kam der Lockdown, Big Zis war plötzlich entfesselt und schrieb zu ihrer eigenen Überraschung ein ganzes Album. Jetzt ist «4xLove:2» da, eine Feier der Liebe und der Libido. Mit «iCare» als möglicher Marschmusik für den nächsten Frauenstreiktag und vor allem mit «FCV» – eine ungemein tanzbare Hymne an jenes Teil, dessen Namen die wenigsten selbstbewusst auszusprechen wagen. Unverschämt statt verschämt könnte das Motto hinter «4xLove:2» sein. Aber das war Big Zis ja schon immer.

Als ich jung war und nach Zürich kam, warst du eins meiner Idole.
Das heisst, du hast zu denen gehört, die mich gefeiert haben?

Haben das nicht alle?
Ein paar schmissen auch Bierflaschen auf die Bühne. Und ich dachte so: Hä, wieso habt ihr jetzt Eintritt bezahlt? Das brauchte damals eine ziemlich dicke Haut.

Aber jetzt ist jetzt, und soeben kamen die Songs «WAP» von Cardi B und «FCV» von dir raus. Also «Wet Ass Pussy» und «Funky Cool Vagina». Zwei Rapperinnen stürzen sich auf das weibliche Geschlechtsteil. Habt ihr euch abgesprochen?
Nein, sie hat mir nicht gesagt, dass sie das macht! Es wäre lustig, wenn wir Rapperinnen in einem Geheimbund vernetzt wären und beschliessen würden...

... jetzt machen wir alle mal Pussy-Songs.
Ja! Allerdings dachte ich auch,«FCV» kommt zu spät, ich hätte genau den Song schon vor zehn Jahren schreiben sollen. Das ist zu einfach, zu klamaukig, zu überholt.

Dabei ist die Vagina auch ohne dich und Cardi B in aller Munde. Frauen demonstrieren mit Pussy Hats. Die Comics von Liv Strömquist sind Weltbestseller, es wurde noch nie so viel über die Menstruation geredet ...
Strömquist hat mich sicher beeinflusst und darin bestätigt, dass die sexuelle Aufklärung noch nicht zu Ende ist. Es gibt zu vieles, über das zu wenig geredet wird. Die weibliche Anatomie ist eines davon. Nehmen wir «Pussy», das ist ein verniedlichendes Wort.

Big Zis live mit «FCV»

abspielen

Video: YouTube/SRF Virus

Herzig und harmlos und rosa wie ein Pussy Hat.
Meine Kinder reden in der Schule ja auch von Schnäggli und Müscheli und finden es zwar interessant, wenn ich über Vagina, Vulva und Klitoris rappe, sagen aber weiterhin Müscheli. Als ich klein war, sagte ich auch Schnäggli. Und du?

(Schweigen)
Eben! Irgendwann versuchte ich es mit Scheide, aber das war auch blöd, denn eine Scheide ohne Schwert ist nichts wert. In einer Scheide muss etwas drinstecken. Die anatomisch korrekten Begriffe kannte ich lange nicht. Aber zu Cardi B: Dieses ganze «Sex sells» ist nicht meins. Ich feierte früher Lil' Kim mega, wusste aber, ich bin nicht so. Für mich liegt darin ein Widerspruch: Einerseits verstehe ich die Selbstermächtigung über das Ausleben von Sexualität, andererseits ist die Art der Darstellung sehr oft sehr konform mit den Frauendarstellungen der Männerwelt. Schließlich sollen Männer das auch kaufen wollen. Cardi B ist nicht Peaches, vor der die Männer davonlaufen, weil sie sich nicht rasiert.

Stimmt es, dass Corona bei dir für einen kreativen Schub gesorgt hat?
Jedenfalls für einen noch grösseren Schub. Da war all die Zeit, es war nichts los, einfach nichts, die Kinder waren oft beim Vater. Verstört hat mich damals vor allem das schöne Wetter.

Weil es sich nicht um den Lockdown kümmerte und grau und trist war?
Ja genau! Und wenige Tage vor dem Lockdown war es schon so, dass alle über die armen Künstlerinnen und Künstler redeten und wie schlecht es ihnen jetzt gehen würde. Das Radio war voll davon. Dabei waren wir noch gar nicht so weit!

Und wurdet quasi lebendig begraben.
Ja! Ein Bewusstsein für Corona setzte bei mir eigentlich erst mit dem Ende des Lockdowns ein. Vorher hatte ich an kinderfreien Tagen viel fürs Album zu tun, und wenn die Kinder bei mir waren, musste ich eh Programm machen. Dann gingen sie wieder zur Schule, und ich ging raus in der Meinung, dass jetzt alles wieder normal ist und merkte: Nichts ist normal! Da hat es mich eingeholt. Corona wird jahrelange Auswirkungen auf uns alle haben. Da hatte ich eine kleine Krise.

Liv Strömquist Frauen stockholm u-bahn

Eine Illustration der schwedischen Comiczeichnerin Liv Strömquist. Bild: https://www.instagram.com/thisistyvi/

Du darfst auch sagen eine grosse.
Ja, stimmt schon. Ich hatte Existenzangst. Ich habe drei Kinder, ich habe die letzten Jahre vom Konzertegeben gelebt ...

Aber du hast für Herbst ein paar Konzerte geplant.
Es macht keinen Sinn, ein neues Album rauszubringen und nicht wenigstens zu versuchen, irgendwo damit aufzutreten. Es kann allerdings gut sein, dass keins der Konzerte stattfindet, das wissen wir. Aber vielleicht ist es jetzt einfach so: Vielleicht wird es professionelle Kulturschaffende, wie wir sie jetzt noch kennen, bald nicht mehr geben. Das Verrückte ist ja: Die richtig Erfolgreichen, Kommerziellen, die vor einem Riesenpublikum spielen, trifft es eigentlich noch härter. Obwohl, nein, denen geht es eh besser. Aber es trifft alle. Deshalb sind Förderungen, Unterstützungen, die Nothilfe jetzt total wichtig. Es gibt kein kulturelles Leben ohne Unterstützung.

Nicht nur euch, auch den Veranstaltern geht es schlecht.
Wenn ich so weit denke, setzt bei mir schon wieder der Pragmatismus ein: Wenn was zu Ende geht, entsteht irgendwann was Neues. Mit neuen Ansätzen, neuer Energie.

Auf deine Kreativität wirst du dich auch dann verlassen können. Schliesslich hast du jetzt in ein paar Wochen ein Album geschrieben, obwohl du gar nicht damit gerechnet hattest.
Der Glücksfall war ja der: Ich wollte unter keinen Umständen ein Corona-Album schreiben. Und ich dachte, na ja, dann entspricht es eben nicht dem Zeitgeist. Und jetzt heisst es: Das Album trifft den Punkt dieser Zeit! Der Grund ist der, dass die Themen, die mich vorher schon beschäftigt haben ...

...zum Beispiel unterbezahlte Care-Arbeit in «iCare» ...
... jetzt umso klarer zu Tage getreten sind.

Lil' Kim performs at the

Lil' Kims Bühnenperformance unterscheidet sich ganz leicht von der ihrer Schweizer Rap-Sister Big Zis. Bild: Charles Sykes/Invision/AP/Invision

Wie muss ich mir das eigentlich vorstellen: Erzählst du auf «4xLove:2» quasi mit jedem Track eine Art Kurzgeschichte oder hast du ein Konzept, das über allem steht und einen Bogen schlägt?
Ich arbeitete früher bei den EPs mit Konzepten und Bögen, keine Ahnung, ob man die dann auch wahrgenommen hat. Aber auf «4xLove:2» hat alles eine unterschiedliche Motivation. «iCare» ist zum Beispiel aus einem Chügeli-Spiel heraus entstanden, das mein Sohn geschenkt bekommen hat. Die Kugeln fallen auf kleine Resonanzkörper und machen eine Melodie. Das nahm ich auf, schickte es meinem Komponisten Ruedi Tobler und der verarbeitete es.

Darf ich nochmals auf «FCV» und Cardi B zurückkommen? Eine weitere Gemeinsamkeit neben der inhaltlichen ist ja, dass ihr beide Material von Männern um 1990 verarbeitet habt. Du «Funky Cold Medina» von Tone Lōc und sie «There’s Some Whores in this House» von Frank Ski. Habt ihr euch nicht doch abgesprochen?
Ach lustig, das hab ich noch gar nicht gecheckt! Ich klaue ja oft. Kleine Dinge, meist erkennt man sie gar nicht wieder, aber sie gaben den Auslöser. In «Liecht» etwa steckt ein Hauch Dua Lipa, in diesem «chum übere, chum übere, da». Das klingt am Ende zwar ganz anders, aber sie lieferte die Inspiration.

Du klaust?
Das tun wir doch alle, wir alle sind Teil von allem und Teile einer Welt. Deshalb habe ich auch grosse Probleme mit dem Genie-Begriff. Die Idee hinter einem Genie ist doch, dass jemand, meist ein Mann, alles aus sich selbst schöpft. Sowas kann es doch gar nicht geben. Natürlich gibt es Menschen mit sehr originellen Gedanken, aber auch die basieren auf allem, was sie erlebt, gesehen und gehört haben.

Hat dich noch niemand Genie genannt?
Nein.

Aha, aber gehört hättest du es schon gern?
Überhaupt nicht! Ich glaube, das Wort Genie wurde aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus erfunden. Okay, eine Frau kann Leben in die Welt setzen, was ja an sich unglaublich ist. Aber was kann dann ein Mann in die Welt setzen? Ideen! Deshalb stehen das Gedankliche und Kognitive in unserer westlichen Tradition auch über allem.

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