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Silja Läng mit dem Brustpanzer ihrer ersten, eigenen Rüstung. Hunderte Kristalle aus Harz hat sie dafür hergestellt und verklebt.
Silja Läng mit dem Brustpanzer ihrer ersten, eigenen Rüstung. Hunderte Kristalle aus Harz hat sie dafür hergestellt und verklebt.
Bild: watson
Interview

Cosplayerin Silja: «Ich inszeniere mich nur als starke oder Badass-Frau»

«Cosplayer sind hoffnungslose Träumer, die keine Freunde haben und sich darum in ihre Fantasiewelt flüchten» –  so das Vorurteil. Die Realität sieht anders aus.
23.11.2017, 18:54

An der Wand gegenüber dem Eingang lagern Rüstungsteile so gross, dass der Blick einen Moment fasziniert darauf haften bleibt. Daneben stehen ein Kleiderständer, ein Holzschrank und ein einfaches Regal, vollgestopft mit Sprühklebern, Styroporkugeln, Farbflaschen und Stoffbündeln. Diverse Schubladen und Kisten enthalten Kleinteile, bei denen man nur erahnen kann, wofür sie gut sind. Die einzigen zwei Fenster sind mit unzähligen vollgestopften Kisten verbarrikadiert. Ein Schlaraffenland für eine Bastlerin.

Ich befinde mich in Bern im Atelier von Cosplayerin Silja. Die 24-Jährige sitzt an ihrem Arbeitsplatz, einem rund zwei Meter langen Tisch, der mit unzähligen Materialien übersät ist. Irgendwo dazwischen liegen Werkzeuge, die einem eines verraten: Hier ist handwerkliches Geschick gefragt. Über all diesem scheinbaren Durcheinander thront eine Wand aus Postern von Cosplayerinnen und fiktiven Figuren. Viele davon aus dem Game-Bereich. Es ist das Spezialgebiet von Silja.

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Das Atelier einer Cosplayerin aus Bern
quelle: watson / pascal scherrer
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Silja, wie lange machst du jetzt schon Cosplay?
Silja: Im Februar sind es vier Jahre.

Was ist eigentlich Cosplay?
Das Wort Cosplay setzt sich aus den englischen Wörtern «Costume» und «Play» zusammen. Cosplay kommt ursprünglich aus den USA und ist mittlerweile weltweit populär. Fans basteln sich oft sehr aufwändige Kostüme, bei denen meist Film-, Serien- oder Game-Charaktere als Grundlage dienen. Diese Cosplays präsentieren sie dann an entsprechenden Messen, sogenannten Conventions. Es gibt sogar extra Veranstaltungen mit Catwalks, auf denen die Cosplayer ihre Kostüme in Szene setzen können. Oft ist so ein Event mit einem Wettbewerb verbunden, bei dem beispielsweise Preise für das beste Kostüm, das Auftreten oder den Gesamteindruck vergeben werden. Ein Cosplay wird nicht zuletzt durch den Träger zum Leben erweckt, was dazu führt, dass gewisse Cosplayer riesige Fangemeinschaften haben.

Wie bist du überhaupt zu diesem Hobby gekommen?
Erstmals in Kontakt kam ich mit Cosplay 2009 durch die JapAniManga Night. Damals wusste ich aber noch nicht, dass man das so nennt. Auch hatte ich mein damaliges Kostüm einfach gekauft. Danach habe ich das Thema für eine Weile aus den Augen verloren.

Und dann?
Ein paar Jahre später bin ich vor allem durch Facebook erneut auf Cosplay gestossen. Immer wieder sah ich Bilder von Conventions, mit Leuten, die riesige Rüstungen trugen, und ich begann mich zu fragen: Was ist das eigentlich und wie machen die das? Ich habe mich dann intensiv mit der Materie auseinandergesetzt, mir Bücher gekauft und Tutorials geguckt. Schliesslich habe ich mir einen eigenen Charakter designt und die Rüstung in nur zwei Wochen gebastelt. Danach konnte ich einfach nicht mehr aufhören.

Siljas erstes Kostüm: die Frost Queen Janna aus dem Game «League of Legends».

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Siljas erstes Kostüm: die Frost Queen Janna aus dem Game «League of Legends»
quelle: cyrill krähenbühl/cuerography / cyrill krähenbühl/cuerography
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Wie hat deine Familie auf dein Hobby reagiert?
Mein Bruder fand es gleich super. Meine Mutter war zuerst etwas besorgt, vor allem, weil ich so viel Zeit investierte und dafür andere Dinge vernachlässigte. Mittlerweile unterstützt sie mich, wo sie nur kann, teilt meine Beiträge, begleitet mich auf Conventions und ist extrem stolz auf mich. Es gibt aber auch einen Teil meiner Familie, der mit Cosplay nicht so viel anfangen kann. Sie finden es zwar schön, aber sie würden mich jetzt nie an einem Event besuchen kommen, um mich live zu sehen.

«Durch das Cosplay habe ich wirklich gute Freunde gefunden.»

Hast du das Gefühl, dass du wegen deines Hobbys Freunde verloren hast?
Ja. Aber nicht unbedingt, weil sie Cosplay schräg fanden und nichts damit zu tun haben wollten. Vielmehr hatte ich immer weniger Zeit, weil ich mich andauernd auf neue Conventions vorbereiten musste. Cosplay-Freunde sagen da: «Komm, lass uns zusammen basteln» und dann hast du etwas Quality-Time. Andere Freunde bleiben so leider auf der Strecke.

Hat sich dein soziales Umfeld dadurch sehr verändert?
Ja. Durch das Cosplay habe ich wirklich gute Freunde gefunden. Ich nenne sie gerne meine kleine Cosplay-Familie. Sowas hatte ich bisher noch nie. Leute, die für mich die Hand ins Feuer legen würden und umgekehrt – das kam erst mit dem Cosplay.

Woher nimmst du jeweils deine Ideen für dein nächstes Kostüm?
Ich habe eine extrem lange Wunschliste mit Kostümen, die ich noch machen möchte. Manchmal habe ich aber auch einfach spontan Bock, ein anderes Cosplay zu machen. Zum Beispiel hatte ich erst kürzlich schon Pläne für mein nächstes Projekt und dann kam bei League of Legends ein neuer Championship-Skin raus und ich dachte mir: «Fuck, den muss ich unbedingt machen!»

Solche Bilder des Championship-Skins helfen Silja bei der Planung des Kostüms.
Solche Bilder des Championship-Skins helfen Silja bei der Planung des Kostüms.
Bild: Riot Games

Danach suche ich Referenzbilder aus dem Internet. Vielleicht gibt es auch schon ein 3D-Modell, das ich mir angucken kann. Anhand der Bilder und Modelle nehme ich das Kostüm anschliessend Schritt für Schritt auseinander. Trägt die Figur einen Bodysuit? Aus welchen Materialien mache ich die einzelnen Teile? Welche Schnittmuster brauche ich? Finde ich die Perücke in der korrekten Farbe? So trage ich nach und nach meine ganze Materialliste zusammen und bestelle alles im Internet. Das sind oft mehrere Stunden Recherchearbeit, die ich dafür aufwende.

Mehrere Stunden heisst?
Zum Beispiel nur für den Stoff, den ich für mein neues Kostüm brauche, habe ich etwa drei Stunden recherchiert, bis ich die richtige Farbe und das richtige Material hatte.

Das richtige Material? Woher weisst du denn, wenn du nur ein 3D-Modell hast, welches das ist?
Ich mache das jetzt seit vier Jahren und habe vermutlich schon so ziemlich jedes Material ausprobiert, das es gibt. Mein erster Brustpanzer war noch aus Harz und hat ganze drei Kilogramm gewogen. Danach habe ich immer weitere Materialien ausprobiert, Glasfaser, Worbla, Kunststoff. Inzwischen weiss ich ziemlich gut, welche Kombination aus Materialien ich für ein Kostüm benötige.

Wie viel Arbeit steckt denn in so einem Kostüm?
Das können bis zu 300 Stunden sein. Ich habe meine bisherigen Kostüme alle in maximal vier Wochen gemacht und da ist das dann doch viel Zeit und Stress. Da ist es wichtig, dass du das Kostüm wirklich geil findest. Denn wenn man irgendwann den obligatorischen Nervenzusammenbruch hat, und der kam bei mir bisher jedes Mal, ist dies der Grund, der dich weiter machen lässt.

Alleine für ein scheinbar so simples Teil braucht Silja mehrere Stunden.
Alleine für ein scheinbar so simples Teil braucht Silja mehrere Stunden.
Bild: watson

Hast du ein Beispiel?
Zum Beispiel bei meinem Headhunter-Akali-Kostüm. Da habe ich das erste Mal mit LEDs gearbeitet und wusste echt nicht, ob ich das hinkriege. Das hat Nerven gekostet. Am Schluss hat es aber geklappt und ich war mega happy. Wenn ich so ein Projekt jeweils durchziehe, zeigt mir dies auch, dass Cosplay etwas ist, das ich irgendwann mal machen will.

Du meinst beruflich?
Ja. Ich habe noch nie ein Hobby so lange verfolgt, mit so viel Willen und trotz aller Rückschläge. Im Moment investiere ich wirklich jede freie Minute in Cosplay, helfe anderen und nehme sogar Auftragsarbeiten an.

Und wie viel verlangst du da?
Schwierig. Im Moment verlange ich eigentlich viel zu wenig. Für einen Auftrag habe ich zum Beispiel 1500 Euro berechnet und allein die Materialkosten haben etwa ein Drittel des Budgets aufgefressen. Für die 100 bis 200 Arbeitsstunden arbeite ich so natürlich fast gratis.

Mittlerweile kalkuliere ich meine Arbeitszeit besser ein. Wenn jemand eine Ganzkörperrüstung will, die einen durchschnittlichen Detailgrad hat, verlange ich etwa 5000 bis 6000 Franken – ohne Materialkosten. Aber in der Regel melden sich die Leute dann nicht mehr, wenn sie den Preis hören.

«Da war ich doch etwas erschrocken als ich am Schluss meine Ausgaben zusammen gezählt habe.»

Kommen wir auf das Budget deiner Kostüme zu sprechen. Setzt du dir da eine Limite?
Nein, ich kaufe da eher ein bisschen drauf los. Aber ich weiss inzwischen auch, welche Kosten mich in etwa erwarten. Zu Beginn war das noch anders. Da war ich doch etwas erschrocken als ich am Schluss meine Ausgaben zusammen gezählt habe. Heutzutage verwerfe ich auch mal ein Projekt, wenn ich in der Planungsphase merke, dass es wegen spezieller Materialien zu teuer wird.

Wie viel kostet dich ein Kostüm im Durchschnitt?
Etwa 500 Franken an reinen Materialkosten. Seit ich ein Postfach in Deutschland habe, kann ich die Kosten manchmal auch auf bis zu 250 Franken drücken.

Haben deine Cosplays ein Ablaufdatum?
Ich trage meine Kostüme so lange, bis ich sie fast nicht mehr anziehen kann. Mein Headhunter-Akali- und Vulpix-Cosplay habe ich beide etwa 15 Mal getragen. Und das ist dann schon extrem viel. Mein Marauder-Ashe-Kostüm habe ich zum Beispiel nur drei- oder viermal angezogen. Das ist einfach so ein heikles Kostüm, überall bricht immer wieder etwas ab.

Marauder Ashe, Warrior Vulpix und Headhunter Akali:

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Die verschiedenen Cosplays von Silja Läng
quelle: cyrill krähenbühl/cuerography / cyrill krähenbühl/cuerography
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Und wie lange dauert es, bis du dein Kostüm anhast?
Das dauert schon ein bisschen. Ich werde aber immer schneller. Ich versuche bereits bei der Herstellung die einzelnen Teile so zu gestalten, dass ich sie möglichst schnell anziehen kann. Am längsten brauchte ich bisher für das Marauder-Ashe-Kostüm. Mit viel Übung habe ich es in 45 Minuten geschafft – das Make-Up nicht mitgerechnet.

Kommen wir zu einem gern zitierten Klischee: Gibt dir das Cosplay mehr Selbstvertrauen?
Ja. Für mich ist klar: Dank dem Cosplay habe ich mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Überträgt sich das auch auf deinen Alltag?
Im Moment fühle ich mich im Cosplay immer noch massiv selbstbewusster. Ja, es ist ein Klischee, aber im Cosplay ist man einfach jemand anderes. Ich habe eine Perücke, Linsen an, manchmal eine Maske – einfach komplett andere Kleider. Ich laufe häufig bauchfrei herum, etwas, dass ich im «realen» Leben nie machen würde. Ich würde mich dabei nicht wohl fühlen. Ich cosplaye auch nur starke und Badass-Frauen.

Also ziehst du dein Selbstbewusstsein aus diesen starken Charakteren?
Ja, und das ist etwas, das ich sehr cool finde. Und mittlerweile habe ich dieses Selbstvertrauen auch immer mehr im Alltag.

Eine Variante des Charakters Sylvanas aus «Heroes of the Storms».
Eine Variante des Charakters Sylvanas aus «Heroes of the Storms».
Bild: Thomas Kilcher

Weibliche Game-Charaktere werden ja oft eher sexy dargestellt. Kriegst du da nicht des Öfteren zu hören, dass du ein falsches Frauenbild vermittelst, wenn du diese dann portraitierst?
Erstaunlicherweise noch nicht so oft. Andere laufen an solchen Events einfach im Bikini rum und die müssen sich dann schon eher solche Vorwürfe gefallen lassen.

Aber wenn ich ein neues Cosplay plane, spielt diese Überlegung natürlich auch eine Rolle. Viele machen ja auch solche Boudoir Shoots, also eine Unterwäsche-Version eines Cosplays, die richtig schön und mit Stil vor der Kamera inszeniert werden. Ich habe mir das auch schon oft überlegt, um mir mal selbst zu zeigen: Okay, so schön sehe ich aus. Das wäre schon ein Ego-Boost. Aber ich habe so dermassen Angst davor, in diese Schublade gesteckt zu werden.

In welche Schublade?
Kann nichts, stellt nur den Körper zur Schau und will möglichst viel Nutzen daraus ziehen.

Ich nehme an, das nervt?
Ja, mich nervt es sowieso, wenn Leute uns vorwerfen, dass wir nur Aufmerksamkeit wollen. Natürlich wollen wir die. Sonst würden wir keine Kostüme machen und uns dahin stellen. Viele Cosplayerinnen fühlen sich in freizügigeren Cosplays sehr wohl. Das hat auch sehr viel damit zu tun, dass man als Cosplayerin in dem Moment ein anderer Charakter ist. Du bist eben nicht beispielsweise im Bikini in der Badi, in der dich alle mit kritischen Blicken beurteilen.

Viele Frauen wachsen mit dem Eindruck auf, dass sie nie perfekt genug sind. Das ist eigentlich absoluter Blödsinn, das weiss ich auch. Trotzdem haben wir alle diese Tage, wo wir vor dem Spiegel stehen und denken: «Boah man, ich bin so fett». Gerade aus der Cosplay-Community erhält man aber sehr viel Bestätigung, weil die Leute es toll finden, wie wir aussehen, und auch verstehen, wie viel Arbeit dahinter steckt. Das führt zu mehr Selbstbewusstsein, sodass ich das Gefühl habe: Doch, ich sehe gut aus, so wie ich bin!

Definitiv kein Cosplay: dieses Pizzakleid

Video: watson/Lya Saxer

Und hier noch ein paar Eindrücke der Cosplayer, die an der Fantasy Basel waren:

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Cosplayer erobern Basel
quelle: keystone / georgios kefalas
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