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Television equipment is set up in front of Buckingham Palace in London, Monday, March 8, 2021. Britain's royal family is absorbing the tremors from a sensational television interview by Prince Harry and the Duchess of Sussex, in which the couple said they encountered racist attitudes and a lack of support that drove Meghan to thoughts of suicide. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Kamerateams lauern am Morgen nach Meghans und Harrys Interview mit Oprah Winfrey der royalen «Firma» vor dem Buckingham Palace auf. Bild: keystone

Kommentar

War das jetzt all die Aufregung wert?



Die britischen Medien überbieten sich darin, das zweistündige Gespräch von Oprah und dem Paar, das mal royal war, es dann nicht mehr sein wollte, aber gerade daraus enorm viel symbolisches, emotionales und kapitales Kapital schlägt, hochzujazzen. Schliesslich muss jetzt einkassiert werden.

Nicht nur CBS, auch ausseramerikanische Sender wie ITV oder RTL müssen damit Quote machen, der Einkauf war nicht billig, die Werbeminuten wurden überteuert verkauft, das muss sich jetzt einfach lohnen. Und am kommenden Samstag, wenn wirklich alle schon alles wissen und das Ganze sowas wie Schnee vom letzten Jahr ist, wird es auch noch auf SRF gezeigt. Erwartet wurde ein Explosiv-Interview wie das mit Diana 1995, aber ein wirklich enthüllender Sprengsatz für die Ewigkeit wie Dianas «Well, there were three of us in this marriage, so it was a bit crowded» ist beim besten Willen nicht gefallen.

Images tv de Lady Diana sur la B.B.C, lors de l'émission Panorama où elle se livre à une interview-confession. (Photo by Mathieu Polak/Sygma/ Sygma via Getty Images)V

1995 stürzt Diana mit taktisch hervorragend eingesetztem Bambi-Blick und einigen Geständnissen über die Ehe mit Charles die britische Monarchie ins Chaos. Bild: Sygma

Natürlich ist es traurig, dass Meghan im goldenen Käfig derart verzweifelte, dass sie Suizidgedanken hegte. Und es ist unendlich bitter, dass die «Firma» ihr eine Therapie untersagt haben soll, weil der royale Ruf darunter zu leiden hätte. Und wenn es stimmt, dass Bedenken über die Hautfarbe des noch ungeborenen Archies geäussert wurden, so ist das skandalös. Aber war das jetzt all die Aufregung im Voraus wert? Ist es wirklich erstaunlich? War die Firma nicht gerade dafür bestens bekannt? Und waren es nicht schon immer die Liebesbeziehungen, die unter der Traditionsstarre einer Institution besonders litten?

Edward VIII. verzichtete aus Liebe zur geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson auf den Thron. Prinzessin Margaret verzichtete auf eine Ehe mit dem geschiedenen Peter Townsend, weil sie dann alle ihre royalen Privilegien verloren hätte. Diana war immer nur eine unzulängliche Ersatzfrau für Camilla. Und Meghan ist die Schauspielerin, die sich in einen Prinzen verliebte und sich – wie sie im Interview gesteht – keine Sekunde lang Gedanken machte, in was für eine Familie sie eigentlich einheiratet. Die ausblendete, dass die Windsors weder mit ethnisch durchmischten amerikanischen Self-Made-Milliardärs-Familien noch mit «Plötzlich Prinzessin» zu tun haben.

FILE - In this June 3, 1937 file photo, the Duke and Duchess of Windsor pose after their wedding at the Chateau de Cande near Tours, in France. Divorce has bedeviled the royal family, creating problems not only when senior figures like Prince Charles and Princes Diana ended their marriage in most bitter fashion but also when royals fell in love with people who had been divorced. King Edward VIII provoked one of the greatest crises to face the modern British monarchy when he proposed to Wallis Simpson shortly after he ascended to the throne in 1936. (AP Photo, File)

Ganze elf Monate lang war Edward VIII. 1936 König. Seine langjährige Beziehung mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson, die er nicht aufgeben wollte, erforderte schliesslich seinen Rücktritt. Die beiden heirateten 1937. Bild: AP/AP

Innerhalb der Firma vermag die Liebe nicht allzu viel zu überwinden. Jedenfalls nicht die importierte Liebe. Der Selbstschutz der Windsors dagegen ist absurd und stossend. Zwar wurde Prinz Andrew nach Bekanntwerden seiner Verstrickungen mit dem Mädchenhändler Jeffrey Epstein seiner repräsentativen Pflichten vorübergehend enthoben, aber sonst fiel kein Wort des Missfallens und keine Entschuldigung. Als Prinzessin Michael von Kent an Weihnachten 2017 Meghan kennen lernte, kommentierte sie dies mit Tragen einer venezianischen Mohren-Brosche.

LONDON, ENGLAND - DECEMBER 20:  Princess Michael of Kent attends a Christmas lunch for the extended Royal Family at Buckingham Palace on December 20, 2017 in London, England.  (Photo by Mark Cuthbert/UK Press via Getty Images)

Prinzessin Michael von Kent fährt 2017 mit ihrer «Blackmoor»-Brosche zum Weihnachtslunch der Royal Family. Bild: UK Press

Die rassistischen Witze, die Queen-Gatte Prinz Philip auf seinen Reisen durch das Commonwealth allenthalben fallen liess und damit bewies, dass das Prinzip Commonwealth eben nicht auf einer gleichberechtigten Gemeinsamkeit vieler, sondern auf dem von allen erarbeiteten Wohlstand weniger beruht, wurden allgemein als der possierliche Humor eines knorrigen Individualisten bewertet. Und dass die Kostümparty, an der Harry 2005 (von William unterstützt) als Nazi verkleidet teilnahm, ganz offiziell «Colonials and Natives», also Kolonialherren und Eingeborene hiess, das störte in der Firma niemanden.

Bridgerton

Diese Vision geht nur in der Fiktion: Der britische Hofstatt, reimaginiert im Netflix-Hit «Bridgerton». Bild: Netflix

Was also hat Meghan erwartet? Dass Liebe alle Schranken niederreisst? So wie in «Bridgerton», wo ein weisser König eine Schwarze heiratet und plötzlich ist der halbe Hofstaat schwarz und Rassismus ein Gespenst aus der Vergangenheit? «Bridgerton» ist ein fiktionales Experiment, eine kreative Geschichts-Appropriation, angelehnt an mögliche Ereignisse, weit mehr Märchen als Historie.

Meghan und Harry erlebten in England die ganz normale royale Realität, vorbelastet durch Jahrhunderte an Traditionen und Konventionen. Dass die beiden jetzt einen Vertrag mit «Bridgerton»-Produzent Netflix haben, ist eine wahrhaft amerikanische und durchaus ironische Wendung des Schicksals. Sie werden dort noch viel, viel mehr Sendezeit erhalten als bei Oprah. Denn wie man die Medien als Multiplikator seiner Geschichte nutzt, mindestens das haben sie von Diana in aller Perfektion gelernt. Sie können daraus noch viel Kapital schlagen.

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Meghan Markle und Prinz Harry

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Meghan Markle und Prinz Harry
quelle: ap/the canadian press / nathan denette
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Meghan über Rassismus in der Royal Family

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