Leben
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Paris Hilton and Nicky Hilton attend InStyle Magazine's 20th Anniversary Party at Diamond Horseshoe at the Paramount Hotel on Monday, Sept. 8, 2014, in New York. (Photo by Amy Sussman/Invision/AP)

Paris Hilton (rechts Schwester Nicky) redet sich nach zwanzig Jahren Schweigen echten Kummer von der Seele. Bild: Amy Sussman/Invision/AP/Invision

Review

Gewürgt, erniedrigt und weggesperrt: Paris Hilton über ihre dunkelste Zeit

ACHTUNG SPOILER! Was Paris Hilton im YouTube-Dokfilm «This Is Paris» über sich erzählt, ist die typische Geschichte eines armen reichen Mädchens. Denkt man sich. Und ist dann doch erschüttert über das ganze Ausmass des Elends hinter der goldenen Fassade.



Eigentlich wollte Paris Hilton Tierärztin werden. Doch eines Tages kam ihr dieser Plan abhanden. Wann, weiss niemand mehr so genau, sie selbst erinnert sich, dass sie mit 13 zum ersten Mal davon träumte, eine Celebrity zu werden. Dass sie die Vorstellung, von Paparazzi verfolgt zu werden, prickelnd fand. Ihre konservativen Eltern versuchten krampfhaft, sie zur Debütantin zu formen. Zu einem katholischen Mädchen mit Perlenkette, Krägchen und föngewelltem Haar. Ihre Mutter hatte selbst als Kinderschauspielerin und in der Werbung gejobbt, sie wollte die eigenen Töchter vom Showbizz fernhalten.

«Sauber, zurückhaltend, perfekt», hätte sie werden sollen, sagt Paris Hilton. Doch sie besorgte sich eine gefälschte ID, eine Halskette mit der Aufschrift «Bitch» und kurze Kleider, schwänzte die Schule und ging raven. Verschmolz mit Nacht, Musik und Champagner und war glücklich.

Anstatt ihrem Kind zuzuhören, befürchteten die Eltern einen Imageschaden und schickten sie in eine Institution für schwer erziehbare Jugendliche.

«This Is Paris» – der ganze Film

abspielen

Video: YouTube/Paris Hilton

Sie rannte mit ein paar andern Mädchen davon. Kam in die nächste Institution, rannte wieder weg. Auf der Suche nach der widerspenstigen Urenkelin des Hotel-Tycoons Conrad Hilton wurden Flughäfen und Autobahnen abgesperrt. Und dann, mit 16 Jahren, kam sie in eine der härtesten Anstalten, in die Provo Canyon School (PCS) in Utah. Bereits in den 80er- und 90er-Jahren war die Schule mehrfach wegen physischer und psychischer Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler verklagt worden.

Der Dokfilm «This Is Paris» von Alexandra Haggiag Dean begleitet Paris Hilton auf der Konfrontation mit jener Zeit, über die sie bisher noch nie geredet hat und die ihr Leben und die Fassade, zu deren Inszenierung sie sich entschloss, doch ganz essentiell formte. Elf Monate lang verbrachte sie in der PCS, Schlagen, Würgen und den Mädchen beim Duschen Zuschauen waren an der Tagesordnung. Ebenso das Verabreichen nicht deklarierter Medikamentencocktails.

Als sich Paris Hilton weigerte, die Tabletten zu schlucken, wurde sie für zwanzig Stunden in Unterwäsche in eine eiskalte Zelle gesteckt.

Andere Schülerinnen wurden sexuell missbraucht. Jedes Selbstwertgefühl wurde vernichtet. Das Stillschweigen der Mädchen wurde mit der Androhung von noch mehr Gewalt erpresst. Viele waren unter Suizid-Verdacht. Und Paris Hilton schwor sich, dass nach ihrem 18. Geburtstag kein Mensch mehr über sie Kontrolle ausüben würde. Auch nicht ihre Eltern.

CAP D'ANTIBES, FRANCE - MAY 17:  Paris Hilton and Chris Zylka attend at the amfAR Gala Cannes 2018 at Hotel du Cap-Eden-Roc on May 17, 2018 in Cap d'Antibes, France.  (Photo by Gisela Schober/Getty Images)

Chris Zylka (rechts) schenkte ihr 2018 einen millionenschweren Verlobungsring. Aber das ist schon mindestens zwei Boyfriends her. Bild: German Select

Ihre Freiheit würde sie sich mit nichts anderem als sich selbst erkaufen. Sie würde sehr berühmt und sehr reich werden. Sie würde 100 Millionen Dollar verdienen und dann glücklich sein. Und sie setzte ihren Plan in die Tat um: Wurde im Nu zu einer Megacelebrity. Verlieh den Nächten, in denen sie herumflirrte und Handküsse in Kameras verteilte, den Glanz einer DisneyPrinzessin. Schien ein nimmermüdes Wesen aus Plastik zu sein. War Influencerin avant la lettre. Gilt als Erfinderin des Selfies. Wurde zum Reality Star («The Simple Life»). Und wider Willen zum Pornostar («One Night in Paris»).

Sie wurde aber auch Unternehmerin und DJane mit Millionengage. Und setzte sich immer neue Ziele: Aus den 100 Millionen Dollar soll jetzt eine Milliarde werden. Dann, so denkt sie immer noch, wird sie vielleicht glücklich. Dann will sie sich vielleicht zur Ruhe setzen und aus ihren eingefrorenen Eizellen eine Tochter bauen lassen. Name: London. Bis dahin füllt sie das Loch in sich mit viel zu vielen Dingen. Und mit Tieren, die sie mehr liebt als Menschen. Und mit der Zuneigung der Fans, die sich für sie immer «wie Liebe» anfühlt. Auch die Aufmerksamkeit der Paparazzi. Wahrscheinlich auch das Funkeln ihres Schmucks.

Pro Tag sonnt sie sich 16 Stunden lang im eigenen Glanz auf den sozialen Medien. Sie ist sich selbst Lebenszweck genug.

Paris Hilton arrives onstage with her dog Diamond Baby to present the Cutest Musician's Pet award during the 2018 iHeartRadio Music Awards at The Forum on Sunday, March 11, 2018, in Inglewood, Calif. (Photo by Chris Pizzello/Invision/AP)

Hier mit Lieblingshund Diamond Baby, der schon viele Männer und Dinge kommen und gehen sah. Bild: Chris Pizzello/Invision/AP/Invision

Schlafen kann sie schon seit vielen Jahren kaum, weil sie dann immer Szenen aus der PCS vor sich sieht. Auch ihre Männergeschichten werden durch diese Vorgeschichte etwas verständlicher, ihre krankhafte Angst vor Bindung, ihr Drang, die Typen mit Geheimkameras zu überwachen, wenn sie unterwegs ist, ihr Ritual, nach jedem Boyfriend sofort einen neuen Computer zu kaufen, damit nicht einer ein Revenge-Hacking macht. In ihrem Haus türmen sich so Dutzende ausrangierter Laptops, jeder gehört zu einem ausrangierten Boyfriend. Ein Friedhof der kaltgestellten Herzen.

Gut zwanzig Jahre lang denkt sie, dass die Konfrontation mit der Vergangenheit ihren «Brand» beschädigen könnte. Ihre glatte Goldmarie-Fassade. Doch dann trifft sie sich mit einigen Mitschülerinnen von früher und schliesst sich der Initiative #BreakingCodeSilence an. Und aus ihrem persönlichsten Elend wird ein Engagement für andere. Für weggesperrte Kinder, deren Lebensmut systematisch unterminiert wird.

Paris Hilton, left, and Nicole Richie pose with Tinkerbelle in this undated publicity photo. The friends star in Fox's new reality series

2003 zeigten sich Paris Hilton und Nicole Richie in «The Simple Life» simpler als sie in echt waren. Bild: AP FOX

Geld und Glanz als Sublimation von Schmerz. Und am Ende mündet alles doch nur in Schlaflosigkeit. Der ganze Glamour ist ein Leerlauf aus Zuckerguss. Oder ein Versteck in aller Öffentlichkeit.

Sie habe durch den Dokfilm von Alexandra Haggiag Dean enorm viel über sich selbst gelernt, sagt Paris Hilton gleich zu Beginn. Und macht damit klar, dass auch der Film seinen ganz pragmatischen, ganz amerikanischen Zweck im zielgerichteten System Paris Hilton hat. Er ist ein Ersatz für die Therapie, die sie bisher nicht machen wollte. Weil sie in einer Therapie ja die Kontrolle verlieren müsste.

Im Film tut sie das nicht. Im Film bleibt sie ganz die Chefin. Die uns jetzt eine andere Geschichte über sich erzählt. Und die vielleicht endlich einmal genug Geld hat und einen Freund, dem sie vertrauen mag. Auf dass das mit Gold gefüllte Loch in ihrem Herzen zuwachse.

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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • mon tuno 15.09.2020 16:00
    Highlight Highlight Mir ist Paris einerlei, und habe den Rummel um sie nie verstanden, aber: Mir fällt wieder mal auf, wie schlecht "man" differenzieren kann: "Sie hat Geld, also nicht jammern...". Beides geht scheinbar nicht.

    Vielleicht hätte auch sie lieber eine Familie wie wir gehabt, sich geborgen gefühlt, und jemand, der sich um sie kümmert.
  • Konsortin Sha'ira 15.09.2020 10:10
    Highlight Highlight Das würde ihr Vorgehen mit dem Sextape erklären; der Versuch der Wiederbeschaffung der Kontrolle ist ein häufiges Merkmal von Missbrauchten, egal ob psychisch oder physisch.
    Als ehemaliges Internatskind eines "schweizer Vorzeigeinternats" kann ich nur sagen, dass ich dort mehr Kontakt mit Drogen, Sex und Gewalt hatte, als es mir auf Zürichs Strassen je passiert wäre. Zum Glück ging bei uns der Terror nicht von den Lehrern aus.
  • insert_brain_here 15.09.2020 09:53
    Highlight Highlight Und dabei ist sie noch gut weggekommen, JFKs Schwester Rosemary wurde auf Geheiss der Eltern lobotomisiert weil ihre psychischen Probleme peinlich waren...
    • Müller Lukas 15.09.2020 10:43
      Highlight Highlight Die Aussage, dass Paris Hilton "noch gut weggekommen ist" würde ich als ziemlich krasse Untertreibung bezeichnen. Ich meine, es gibt ja nicht viele Menschen auf diesem Planeten die NOCH besser weggekommen sind als Frau Hilton...
    • insert_brain_here 15.09.2020 15:01
      Highlight Highlight @Müller Lukas: Ich persönlich ziehe psychische und emotionale Gesundheit jederzeit einem Leben in Saus und Braus vor, aber jeder wie er mag.
    • Müller Lukas 15.09.2020 15:46
      Highlight Highlight Ach wie sozialromantisch... Wäre Frau Hilton statt in eine obszön reiche Familie in eine schwarze Familie in der Bronx geboren worden, wären ihre Chancen auf psychische und emotionale Gesundheit allerdings kaum grösser gewesen. Im Gegenteil. Aber wenn du lieber das Märchen von den armen benachteiligten Milliardären glauben willst... Jeder wie er mag ;-)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Müller Lukas 15.09.2020 08:08
    Highlight Highlight Oh je. Auch hier gilt wohl wieder: Wer die Hälfte von all dem glaubt, ist immer noch hoffnungslos naiv... Nur schon die wiederaufgewärmte Geschichte mit dem Sex-Tape, das (natürlich) völlig ungeplant und (natürlich) völlig überraschend den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, ist doch nur noch zum Gähnen. Ich kann mir zwar schon vorstellen, dass die echte Person Paris Hilton auch ihre Probleme hat. Aber was hier (zum x-ten mal) als "echte" Paris Hilton verkauft wird, ist doch nur wieder eine neue Episode der Kunstfigur Paris Hilton. Wo ist da die Grenze zwischen Realität und Fiktion?
  • Coffeetime ☕ 14.09.2020 22:40
    Highlight Highlight Habe sie direkt auf einem Flug erlebt... war, sagen wir mal.... interessant. Von ungeschminkt und rastlos (im Piji) bis zur "Diva" mit männlichen Begleitern. Alles war dabei. Aber ich glaube, ich habe mein Leben lieber. 🤷🏻‍♀️
  • So oder so 14.09.2020 21:50
    Highlight Highlight Schrecklicher Mensch , die macht ne Story draus , wohl kaum wird da was wahr dran sein. Bei der ist alles Inszeniert. Dekadente Bemitleiden - so weit kommts noch.
  • I_am_Bruno 14.09.2020 20:02
    Highlight Highlight Traurig. Auch, dass es das heute immer noch gibt. Gerade letztes Jahr wurde eine vergleichbare Deutsche Institution in einem Kinofilm glorifiziert. Inzwischen sollten wir mit unserem Wissen über Kindererziehung weiter sein.
    • Müller Lukas 15.09.2020 09:23
      Highlight Highlight Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wäre das Wissen über Kindererziehung weiter verbreitet, bräuchte es diese Institutionen gar nicht. Wenn derartige Massnahmen nötig werden, ist das Kind doch sprichwörtlich bereits in den Brunnen gefallen...
  • N. Y. P. 14.09.2020 19:51
    Highlight Highlight Ein Kollege hat mir den Auftrag gegeben, abzuklären, ob das mit dem Video "One night in Paris" stimmt.

    Man kann einem Kollegen ja nicht so eine Bitte abschlagen. Habe also das ganze Video geschaut, damit ich sicher sagen kann, dass es wirklich Paris Hilton ist.

    Ja, sie ist es, was ich dem Kollegen pflichtschuldig mitgeteilt habe.
  • EMIGGLM 14.09.2020 18:28
    Highlight Highlight Müssen wir jetzt Mitleid haben mit der armen Paris? Ich hab da so meine liebe Mühe damit...
    Wenn sie wirklich unsägliches Leid an ihrem eigenen Körper und Geist erfahren hat, dann lass ich mich gerne eines besseren belehren.
    • Knacker 14.09.2020 22:14
      Highlight Highlight Wäre sie nicht prominent würde sich niemand für ihr Leid interessieren. Arme und Unbekannte haben weitaus schlimmeres erlebt, aber eben, who cares?
    • Nutshell 14.09.2020 22:28
      Highlight Highlight Warum so schwarz-weiss?
    • Müller Lukas 15.09.2020 08:41
      Highlight Highlight Denke ich auch. Mit der Kunstfigur Paris Hilton Mitleid zu haben, wäre irrational, da sie ja nicht real ist. Um zu entscheiden, ob man mit der echten Paris Hilton Mitleid habe sollte, müsste man ersteinmal die echte Person von der Kunstfigur trennen können. Ausser ihren engsten Vertrauten (sofern sie überhaupt solche hat) kann aber eh keiner mehr unterscheiden, was bei ihr echt und was fake ist...
  • Pasionaria 14.09.2020 18:14
    Highlight Highlight Leider auch eine, die einen grossen Teil ihres Lebens damit verschwendet, sog. Vorzüge zu zeigen, die sie gar nicht hat!
  • MGPC 14.09.2020 18:10
    Highlight Highlight Kann jeder sagen was er will aber wer so etwas seinem Kind antut, gehört selbst in diese Institution. Wie können die ruhig schlafen im Wissen das ihr eigenes Kind gerade gefoltert wird?
    Mein Junge ist auch ein Rebell, das kommt nicht von ungefähr ich war selbst einer. Mir würde es nie in den Sinn kommen in wegzugeben. Aber ich bin halt nicht reich und habe , angeblich, einen Ruf zu verlieren. Hätten die Eltern ihr Potential gesehen, könnte sie heute ruhig schlafen.
  • Peter Vogel 14.09.2020 17:48
    Highlight Highlight Die Ärmste.
    Die geerbte Hotelkette im Wert von hunderten Millionen dürfte dennoch geholfen haben darüber hinweg zu kommen.
    • Walter Sahli 14.09.2020 23:48
      Highlight Highlight Es ist mir zwar nicht bekannt, dass man sich Glücklichsein und Seelenheil kaufen kann, aber ich habe immer geahnt, dass es komische Vögel gibt, die das glauben.
  • Jessesgott! 14.09.2020 17:44
    Highlight Highlight Geld und Glamour allein hat noch nie glücklich gemacht. Das sollten inzwischen alle begriffen haben. Es gibt genügend Beispiele, die dies bestätigen (Boris Becker, Amy Winehouse, Elvis Presley, Kurt Cobain, Britney Spears, Michael Jackson, Prince, Donald Trump und und und). Schön, hat auch Paris dies erkannt. Oder auch nicht. Die Frage bleibt: Ist diese Doku sehenswert? Andernfalls empfehle ich „Gaga: Five Foot Two“ auf Netflix oder „Amy - the girl behind the name“.
    • Lafayet johnson 15.09.2020 02:13
      Highlight Highlight Stimmt, Geld alleine macht nicht glücklich. Es muss einem auch gehören :)
    • Müller Lukas 15.09.2020 08:22
      Highlight Highlight "Geld und Glamour allein hat noch nie glücklich gemacht."
      Was für eine Platitüde... Man könnte es aber auch so sehen: Wer als erfolgreicher Künstler heutzutage nicht vorgibt, in "Wahrheit" total unglücklich zu sein, wirkt eben auch nicht "authentisch". Dann könnte man nämlich gar keine psychologisch tiefgründige Netflix-"Doku" über das "wahre" Leben des Künstlers bringen. Notfalls muss deswegen halt eine dunkle Seite im Leben erfunden werden - damit man sie öffentlichkeitswirksam auf Netflix zelebrieren kann ;-)
  • pamayer 14.09.2020 17:34
    Highlight Highlight Es ist kaum je alles, was glänzt.
    • Jessesgott! 14.09.2020 19:41
      Highlight Highlight Gold? 🤔
    • Val Boralis 15.09.2020 06:24
      Highlight Highlight Hä? Ging der nicht anders der Spruch?
    • beaetel 15.09.2020 08:16
      Highlight Highlight Glanz ist per se kurzlebig und flüchtig. Ähnlich wie Perfektion. Diese Momente gibt es, aber wenn, dann nur ganz kurz.
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