Leben
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Insumisas

Enrique Favez (Sylvie Testud), der Arzt von Baracoa, wartet auf die Hochzeitsnacht mit seiner Frau. Bild: sister distribution

Review

Eine Schweizerin macht vor 200 Jahren als Mann, Arzt und Sklavenbefreier Karriere auf Kuba

Das Leben der Henriette Favez aus Lausanne ist eine der verrücktesten Geschichten des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist sie im Kino zu bestaunen. Mit angehaltenem Atem.



Henriette ist 15, als sie mit einem französischen Soldaten verheiratet wird. Ihre Eltern sind beide tot, sie lebt bei einem Onkel in Paris, er ist ein höherer Militär, sie wächst in einem militärischen Umfeld auf, der Onkel macht sich Sorgen um ihre Weiblichkeit und denkt, dass er diese mit einer frühen Heirat retten könne. Nach drei Jahren stirbt Henriettes Mann im Kampf. Kurz darauf stirbt ihre wenige Tage alte Tochter. Und Henriette nimmt sich das Einzige, was ihr Mann ihr hinterlassen hat: seine Kleider und seine Uniform.

Sie verwandelt sich in Henry Faber und studiert Medizin an der Sorbonne. Schliesst ihr Studium problemlos ab und arbeitet erst einmal in den Feldlazaretten der Napoleonischen Kriege. Als Mann. Als Frau ist es ihr verboten, als Ärztin tätig zu sein. In Spanien wird sie gefangengenommen, lernt im Gefängnis Spanisch und beschliesst, nach Kuba auszuwandern. 1819, mit 28 Jahren, praktiziert sie als Enrique Faber im isoliert an der Küste der Provinz Guantanamo liegenden Baracoa. Dort, wo Kolumbus zum ersten Mal auf Kuba angelegt hatte.

Trailer zu «Insumisas»

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Video: YouTube/Sister Distribution

Enrique behandelt, wie das als Arzt sein Credo ist, Reiche und Arme. Weisse und ihre schwarzen Sklaven. Und er befreit Sklaven. Verhilft ihnen zu bezahlten Anstellungen und Freiheitsbriefen. Das macht ihn in der streng katholischen, konservativen Gesellschaft von Baracoa suspekt. Zudem ist er ein auffallend unmännlicher Mann.

Um den aufbrandenden Gerüchten vorzubeugen, heiratet er eine Frau. Es ist seine zweite Ehe. Seine Gattin ist Juana de Leon, eine «entehrte» und daher verstossene Mestizin, die von einem Sklavenhändler vergewaltigt wurde. Die beiden sind glücklich miteinander. Bis Enriques Verkleidung 1823 auffliegt.

Es gibt darüber – wie auch über sein Geburtsjahr und seinen genauen Geburtsort – verschiedene Angaben. Eine sagt, Juana habe ihn verraten, eine andere, das Dienstmädchen, eine weitere, dass er betrunken und mit weit offenem Hemd in einer Bar entdeckt worden sei. Er wird verhaftet, Ärzte stellen bei einer folterartigen Untersuchung fest, dass er eine einwandfreie Frau ist, es kommt zum Gerichtsprozess, aus Enrique wird Enriqueta, und alles, was über sie verbürgt ist, stammt aus ihren (teilweise widersprüchlichen) Aussagen vor Gericht. Es ist unklar, was schwerer wiegt: Dass sie einen für Frauen verbotenen Beruf ausübte oder dass sie eine Identität gelebt hatte, die nicht ihre «natürliche» war.

Insumisas

Wäre «Insumisas» ein amerikanischer oder englischer Film, so wäre sonnenklar, dass Sylvie Testud mit dieser Rolle für einen Oscar nominiert würde. Bild: sister distribution

Was danach geschieht, ist ebenfalls unklar. Unterschiedlichen Quellen zufolge verbringt Enriqueta Faber kürzere oder längere Zeit in diversen Gefängnissen, versucht zu praktizieren, wird wieder verhaftet, unternimmt einen oder mehrere Suizidversuche und kommt schliesslich ins Kloster. Sie stirbt als Kranken pflegende Nonne in New Orleans, im Jahr 1845 oder 1856.

Man muss angesichts von «Insumisas», so heisst der Film über dieses verrückte Leben, schon sagen: Move over, «Bruno Manser», du blasser Knabe des Regenwaldes.

Abenteuerlicher als mit Enriqueta geht es nun wirklich nicht mehr. «Insumisas» (Die Ungehorsamen) ist eine schweizerisch-kubanische Koproduktion, Regie führten die Genferin Laura Gazador, die auf Kuba studiert hat, und der Kubaner Fernando Pérez, Henriette/Enrique wird von der Französin Sylvie Testud gespielt, einer Frau, die selbst eine Hausnummer des europäischen Arthouse-Kinos ist.

Da über Favez/Faber nicht alles so genau bekannt ist, haben sich Gazador und Pérez beim Drehbuch ein paar Freiheiten genommen, haben die viel zu kompliziert zu erzählenden Napoleonischen Kriege abgekürzt und eine familiär motivierte Schauerstory erfunden, die Henriette nach Kuba führt. Es fühlt sich eher nach Brontë-Schwestern als nach Wirklichkeit an, dient aber dem dramaturgischen Bogen ganz ausgezeichnet.

Juana wird ebenfalls als Medizinkundige eingeführt, sie beherrscht die Kunst der Pflanzen und ihrer Heilkräfte beziehungsweise Gifte. Die beiden kommen sich nahe, als Enrique sie behandelt, ihre Beziehung ist von Anfang an sehr sinnlich, Enriques (nicht-penetrative) Fähigkeiten mit Frauen machen ihn nicht nur zum Arzt, sondern auch zum Sexualtherapeuten von Baracoa.

Insumisas

Die Grausamkeit hat einen Namen: Rassismus. Bild: sister distribution

Die Situation zwischen Weissen und Schwarzen ist für heutige Augen entsetzlich, die Schwarzen stehen auf einer Stufe mit den Tieren («Der Neger heilt sich selbst wie die Tiere», heisst es angesichts eines schwer kranken Sklaven), man kann sie ausbeuten, vergewaltigen, foltern, erschiessen, verbrennen, der gesellschaftlich sanktionierte Sadismus kennt keine Grenzen.

Dass eine Frau, die einen geradezu anmassend eigensinnigen Mann spielt, dieser Gesellschaft ein paar Jahre lang unter Lebensgefahr die Stirn bieten kann, ist ein tollkühnes Wunder.

«Insumisas» beginnt man trotz zupackender Bilder zunächst ohne grosse Erwartungen. Und dann wird es krass. Und krasser. Es steckt auch ein bisschen «Fitzcarraldo» in dieser Enriqueta und sehr viel Jeanne d'Arc, und die paar Menschen, die sie zu ihren Verbündeten macht, sind genauso unerschrocken wie sie.

Als Ganzes ist das ein souveränes, spannendes Historiendrama ohne Längen oder andere helvetische Hürden, ein Muss für alle, die sich für Schweizer Geschichte, Geschlechtergeschichte, Medizingeschichte interessieren oder auch einfach fürs Abenteuer. Und wer von uns tut das nicht?

«Insumisas» läuft ab dem 6. August im Kino.

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