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Interview

«Der Papst ist ein typischer Macho»

Theologin Monika Hungerbühler plaudert aus dem Nähkästchen: über ihr Dilemma als feministische Katholikin, Reformen und das Fluchen.

Mélanie Honegger / ch media



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Wünscht sich eine «fruchtbare Konkurrenz»: Theologin Monika Hungerbühler in ihrem Büro. Bild: Chmediea/Roland Schmid

Worüber sprechen wir?
Monika Hungerbühler: Über Konkurrenz. Das ist ein heikles Gebiet. Als Frau erlebt man in der römisch-katholischen Kirche sicher Konkurrenzsituationen.

Vor einem Jahr haben Sie mit 300 anderen Theologen und Theologinnen einen Brief zur umfassenden Gleichwertigkeit in der katholischen Kirche verfasst, in der Sie die «kranken Strukturen» anprangern. Was ist seither passiert?
Ich hatte diesen Juni mit vier Kollegen ein Gespräch mit Bischof Felix, dem Generalvikar und dem Medienbeauftragten des Ordinariats. Ich muss sagen, wir waren etwas enttäuscht. Wir waren uns nicht sicher, ob die Gegenseite wirklich verstanden hat, worum es uns geht. Aber es ist auch eine Idee entstanden. Wir sind daran, ein Weiterbildungsmodul zu Gleichwertigkeit zu entwickeln. Es geht um praktische Dinge, auch, wie man sich als Frau fühlt und was man tun kann, wenn man danebensteht, nicht gehört oder nicht ernst genommen wird.

Eine Situation, die Sie selbst auch kennen?
Hier in der Offenen Kirche Elisabethen sind wir absolut gleichberechtigt, da spielt Konkurrenz keine Rolle. In der römisch-katholischen Kirche gibt es das aber schon. Es ist ein hierarchisches System, in dem die Entscheidungsmacht klar verteilt ist. Eine Frau hat strukturell keine Handlungsmacht, da sie aufgrund ihres Geschlechts gar nicht erst Priesterin werden kann. Das empfinde ich als grosse Ungerechtigkeit und Unglaubwürdigkeit. Ich merke immer wieder, dass wir als Frauen und sogenannte Laien anstehen. Es ist eine doppelte Diskriminierung. Ich muss aber dazu sagen, dass man auf praktischer Ebene sehr wohl etwas bewirken kann.

Wie gehen Sie damit um?
Ich habe mich zur Kämpferin entwickelt. Als katholische Theologin stecke ich in einem ununterbrochenen Dilemma. Ich hatte immer gute Stellen, konnte viel Schönes tun. Trotzdem ist da eine strukturelle Ungerechtigkeit, die einfach bleibt.

Aber irgendwie müssen Sie sich doch zugehörig fühlen?
Ja, wegen der Menschen, die auch kämpfen. Und wegen der Arbeit vor Ort. In der Seelsorge, in Projekten mit Flüchtlingen, mit Armutsbetroffenen. Wir haben jetzt immerhin einen Papst, der auf sozialer Ebene fortschrittlich ist. Aber in Bezug auf Sexualität, Geschlechterfragen und Gender muss man leider sagen, dass der Papst entweder keine Ahnung hat oder sehr schlecht beraten ist. Er ist ein typischer lateinamerikanischer Macho wie Millionen andere auch. Das braucht viel Schnauf, Wut und Mut, alles miteinander.

epa08084757 Pope Francis (C) delivers his speech on the occasion of his Christmas greetings to the Roman Curia, in the Clementine Hall at the Vatican, 21 December 2019.  EPA/ANDREW MEDICHINI / POOL

Bild: EPA

Mit Ihrer Haltung ecken Sie wohl immer wieder an.
Ja. Gewisse Leute finden das furchtbar. Die denken dann, jetzt kommt die wieder, mit ihrem ewig gleichen Mantra. Ich habe zum Glück die Menschen gern und kann mit vielen immer wieder im Gespräch sein. Auch mit solchen, die ganz andere Positionen haben. Aber es stimmt schon, für viele bin ich ein rotes Tuch.

Wie stecken Sie das weg?
In der festen Verbindung mit den Leuten, die das ähnlich sehen, Freundinnen, Familie, Bekannte. Dann kann man auch mal schimpfen und fluchen und zusammen lachen. Und ich bete.

Ihre beste Freundin ist vor einem Jahr aus der Kirche ausgetreten. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Das ist ja das Schlimme. Weil wir uns schon jahrzehntelang kennen, gemeinsam unterwegs sind. Sie hat es mir auch im Vorfeld gesagt, wir hatten uns das versprochen. Ich musste weinen. Ein Teil von mir ist mit ihr ausgetreten.

Sie selbst wollten nie austreten?
Es ist mir kein fremder Gedanke. Aber dadurch, dass ich gute Positionen hatte, konnte ich Einiges bewirken und zur Sprache bringen. Deswegen gab es ein gewisses Gleichgewicht für mich. Und je mehr Reformkräfte austreten, desto konservativer wird die Kirche.

Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?
Ich würde die Ämterfrage reformieren und versuchen, das ganze Konstrukt synodal aufzubauen, damit nicht ein Mensch, sondern eine Gruppierung entscheidet. Dort müssten alle Zugang haben, Männer, Frauen, Transgender, Homosexuelle. Einfach alle – unabhängig davon, wie man lebt und wen man liebt.

Ist es denn denkbar, dass Frauen in Basel bald ein Amt in der römisch-katholischen Kirche innehaben können?
In Basel sagt Bischof Felix Gmür: Wir sind verbunden mit der Weltkirche, deswegen geht das nicht. Andererseits hat der Papst auch formuliert, dass man regionale Lösungen anstreben soll. Mir gefällt das Bild, dass das Bistum Basel die Abteilung Forschung und Entwicklung sein könnte und man hier etwas ausprobieren könnte. Der Bischof wird diesbezüglich auch beackert. Auf Ihre Frage hin: Ja, es ist zu hoffen.

Quasi ein Forschungsprojekt.
Ja, eine Projektphase. Um zu sehen: Wie nehmen das die Leute an? Strukturell ist man in der reformierten und in der christkatholischen Kirche viel weiter.

Trotzdem sind Sie Katholikin. Warum?
Ich bin halt da reingeboren. Das ist quasi mein Stallgeruch. Ich habe mir schon überlegt zu konvertieren. Ich habe unter anderem in Deutschland studiert und wäre gerne Lutheranerin geworden. Aber in der Schweiz habe ich gemerkt, wie klein hier die lutherische Kirche ist. Konvertieren ist nicht nur ein intellektueller Schritt. Das ist auch eine Gefühlssache. Ganz abgeschlossen ist diese Frage für mich nicht. Wichtiger scheint mir aber der Austausch zwischen den Konfessionen und unsere postkonfessionelle Arbeit in der Offenen Kirche Elisabethen. Hier wünsche ich mir eine fruchtbare Konkurrenz.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Beat-Galli 23.12.2019 23:30
    Highlight Highlight Nun wäre es doch eigentlich einfach all diese Probleme auf einen Streich zu regeln.
    Alle die dieses System nicht mögen, treten aus, und Gründen die Kirche neu!

    Hoppla, dass hat ja schon mal einer gemacht. 500 Jahre her, und hat recht gut funktioniert für damalige Verhältnisse.
    • Beat-Galli 24.12.2019 08:58
      Highlight Highlight All Ihr Blitzler.
      Das war die Reformation.
      Bevor Ihr etwas jammert, von wegen gegen Relegion oder so.

      Wäre diese verfl.... te Katholische Kirche keine anerkannte Religion, müsste mann die gesamte Führung wegen Geschlechterdiakriminierung anklagen und vor das Gericht bringen.

      Aber vielleicht sollte man dies gerade tun?
      Ich glaube jetzt, ich weiss was ich als Lebensziel verfolgen werde:-)

      Ich bin nicht gegen Den Katholizismus. Aber gegen Menschen die Machtgierig sind.
      Somit gibt es nur eine Formel!

      Katoliken minus Machthungrige= Reformierte Kirche. Problem fast gelöst:-)


  • Psipsina 22.12.2019 18:11
    Highlight Highlight Wenn ich mit den Statuten eines Vereins nicht einverstanden bin, trete ich aus. Kann diese Frauen nicht verstehen!
    • ChillDaHood 23.12.2019 12:11
      Highlight Highlight Nun, ist in etwa so, wie wenn sie mit der Schweiz nicht einverstanden sind, und deswegen ausgebürgert werden wollen und wegziehen.

      Nicht ganz so extrem, aber in die Richtung.

      Ist halt schon ein bisschen mehr als ein Verein...
  • Saerd neute 22.12.2019 17:01
    Highlight Highlight Monika Hungerbühler ist eine typische Feministin. Unbedingt dort fordern wo es gar nicht wichtig ist.
    Ist es nun von existenzieller Bedeutung Priesterin werden zu können? Sie kann ja Seelsorgerin werden, ist überhaupt kein Problem.
    In meinen Augen sind solche Leute nie aus der Trotzphase herausgekommen.
    • sowhat 22.12.2019 18:03
      Highlight Highlight @Saerd, das was sie macht ist das was jede Organisation braucht, die verkrustet ist. Von innen die Veränderung sukzessive und unermüdlich anschieben. Dass du das als Trotzphase abtust, zeigt nur, dass du Veränderungen nicht magst. Und auch keine Ahnung hast wie nötig sie in jedem Organismus sind.
  • bbelser 22.12.2019 14:28
    Highlight Highlight Gefällt mir, die Vorstellung eines Bistums Basel als Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung. ;-)
    Dazu braucht es den längst überfälligen Mut der Leitung, die Ortskirche als agierendes Subjekt ernstzunehmen statt als ausführendes Organ römischer Direktiven.
    Das Warten auf die Entwicklung der Weltkirche ist ein ziemlich durchsichtiges Muster der Verantwortungsverweigerung.
    Mutige Frau, die Frau Hungerbühler! Ich hoffe, sie bleibt in dieser Kirche als Teil der umgestaltenden Kräfte.
    Danke für das mutmachende Interview.
  • Dominik Hauser 22.12.2019 13:52
    Highlight Highlight Einerseits ist es schön zu lesen, dass es doch Menschen gibt, die versuchen gegen die starren Strukturen der katholischen Kirche zu kämpfen und wenigstens etwas Fortschritt zu erzielen. Andererseits halten auch diese Personen an dieser rückständigen Instutition im Grunde fest. Sein Leben frei zu leben ist nur ausserhalb einer Kirche möglich, die einem vorschreiben will, was richtig und was falsch ist.
  • Oxymora 22.12.2019 13:01
    Highlight Highlight Ob sich die Mühe lohnt?

    Jesus kommt bald wieder und dann ändert hier sowieso alles.
    Eigentlich sollte er schon hier sein; hat wohl Verspätung.
    • DieFeuerlilie 22.12.2019 15:38
      Highlight Highlight Er wartet wohl auf den grossen Regen. Damit er über‘s Wasser gehen kann..

      Oder er kann nicht landen, weil der BER immer noch nicht fertig ist..

      Oder..
      Es gibt ihn garnicht. :)
    • Oxymora 22.12.2019 16:15
      Highlight Highlight @DieFeuerlilie

      In der wissenschaftlichen Transsubstantiation-Forschung wird überprüft, ob er eventuell schon vollständig aufgeknabbert ist.
    • DieFeuerlilie 23.12.2019 08:45
      Highlight Highlight @Oxymora

      Ja.. der Laib/Leib Christi..

      Ich bevorzuge ja echte Waffeln.. 😁
  • infomann 22.12.2019 12:57
    Highlight Highlight Als erstes soll er in seinem Palast mal mit all den Schwulen Herren sprechen, sie raus schmeissen oder Homosexualität anerkenn. Die Verlogenheit muss ein Ende haben, Homosexualität gab es schon immer und das ist auch gut so
    • K1aerer 22.12.2019 14:00
      Highlight Highlight Vorallem die Kinderschänder vor Gericht stellen.
    • sowhat 22.12.2019 18:04
      Highlight Highlight Am Thema vorbei, aber trotzdem richtig
    • ChillDaHood 23.12.2019 12:14
      Highlight Highlight Als erstes sollte er seinen Leuten nicht mehr das Zölibat vorschreiben... das würde imho am ehesten dazu führen, dass wieder "normalere" Leute Priester werden und so die nötigen Reformen anstossen.

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