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Jedes vierte Schweizer Kind surft täglich im Internet. (Symbolbild)

Im Durchschnitt sehen Jugendliche ihren ersten Porno mit 14, manche auch schon früher. Bild: KEYSTONE

Porno-Forscherin erklärt, wie Eltern mit Kindern über Pornos sprechen können



Vor ein paar Jahrzehnten musste man sich zu den hinteren Regalen in der Videothek schleichen, meist zwischen dunklen Vorhängen hindurchschlüpfen, um sie zu finden: Pornos. Mittlerweile sind Sexfilme durch das Internet deutlich zugänglicher geworden – mit nur wenigen Klicks findet man leicht sein Lieblings-Genre, ob Hardcore oder Soft, hetero- oder homosexuell, zu zweit oder zu mehreren.

Pornografie ist allerdings nicht nur für Erwachsene leicht auffindbar, auch viele Kinder und Jugendliche suchen gezielt im Netz nach Sexfilmen oder entsprechenden Bildern. Manche stossen auch versehentlich auf pornografisches Material. Laut einer Befragung der Universitäten Hohenheim und Münster sehen Jugendliche ihren ersten Porno im Durchschnittsalter von etwa 14 Jahren.

Ob es schädlich ist für Kinder und Jugendliche, so früh mit Pornografie in Berührung zu kommen, wie Eltern reagieren können und welchen Einfluss Pornos allgemein auf unsere Sexualität haben – darüber hat watson mit Madita Oeming gesprochen. An der Uni Paderborn forscht sie zu und lehrt über Pornografie.

«In der Regel zeigen Kinder und Jugendliche eine höhere Medienkompetenz, als wir ihnen zutrauen.»

Frau Oeming, als Amerikanistin forschen Sie hauptsächlich zu Porno-Filmen. Wie sind sie dazu gekommen?
Madita Oeming:
Ganz zufällig eigentlich: Ich hatte damals während meines Studiums zu etwas ganz anderem recherchiert, dem US-amerikanischen Literatur-Klassiker «Moby Dick». Sie glauben gar nicht, auf wie viel Porno-Material man mit dieser Suchanfrage stösst. Damals habe ich zum ersten Mal durch meine wissenschaftliche Brille einen Porno geschaut und mir ist bewusst geworden, dass dieses Medium noch total unerforscht ist.​

Obwohl Millionen Deutsche vermutlich Pornos schauen – wie viele es genau sind, schwankt je nach Statistik ziemlich – ist das Genre mit vielen Tabus behaftet. Können Filme, in denen Sex dargestellt wird, denn «gut» oder «böse» sein?
Ich vermeide diese Formulierungen meistens, weil sie oft dazu führen, dass wir anfangen, zu bewerten, was «richtiger» und was «falscher» Sex ist – und davon will ich Abstand nehmen. Ein «böser» Porno wäre für mich allenfalls einer, der unter unethischen Bedingungen produziert worden ist. Wo beispielsweise nicht garantiert ist, dass alle im Film gezeigten Personen einvernehmlich Sex haben. Wobei ich es dann schwierig finde, überhaupt noch von Pornografie zu sprechen: Wenn jemand zum Sex gezwungen oder ohne Einverständnis dabei gefilmt wird, ist das nicht Unterhaltung, sondern sexualisierte Gewalt. Und ein «guter» Porno ist für mich letztlich einer, der mich erregt. Was natürlich komplett subjektiv ist.

«Es hilft in der Regel allen, Kindern wie Eltern, über Pornos zu sprechen, um so auf das Gezeigte vorbereitet zu sein, beziehungsweise es im Nachgang zu verarbeiten.»

Angeblich sehen Kinder in Deutschland ihren ersten Porno sehr früh, teilweise bereits im Alter von durchschnittlich 14 Jahren. Können sie mögliche Botschaften, die Porno-Filme senden, überhaupt verstehen? Vertragen sie die gezeigten Sex-Szenen?
Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Studien und Meinungen gehen da stark auseinander, insgesamt ist die Forschungslage sehr dünn. In der Regel zeigen Kinder und Jugendliche eine höhere Medienkompetenz, als wir ihnen zutrauen. Das bedeutet, dass ihnen bewusst ist, dass sie dargestellten und keinen realen Sex sehen. Aber auch das heisst nicht, dass sie die Bilder nicht überfordern. Grundsätzlich ist das sehr individuell.​

Welche Faktoren könnten da eine Rolle spielen, ob ein Kind einen Sexfilm gut verarbeitet?
Das hängt zum Beispiel stark davon ab, welche Gesprächsangebote dem Kind oder Jugendlichen zur Verfügung stehen und überhaupt vom sozialen Umfeld, aber auch vom eigenen Reflexionsvermögen. Es hilft allerdings in der Regel allen, Kindern wie Eltern, über Pornos zu sprechen, um so auf das Gezeigte vorbereitet zu sein, beziehungsweise es im Nachgang zu verarbeiten. Dabei sollten Eltern darauf achten, ihren Kindern zu vermitteln, dass sowohl Ekel als auch Erregung ganz normale Reaktionen sind und auf wertende Sprache verzichten, die in «guten» und «schlechten» Sex unterteilt.

Sex ist an sich in vielen Familien schon ein krampfiges Thema. Was, wenn ein Kind eben nicht mit Mutter oder Vater darüber sprechen kann, wenn es heimlich einen Porno gesehen hat?
Es kann passieren, dass sich ein Kind dann mit dem Gesehenen alleingelassen fühlt, weil es seine Eindrücke mit niemandem teilen kann. Es könnte denken: Stimmt was nicht mit mir? So kann sich ein starkes Gefühl von Scham entwickeln, das manche Menschen bis ins Erwachsenenalter begleitet. Auch Ängste oder Druck wie «Kann mein Körper das auch?» können entstehen. Solchen negativen Emotionen kann vorgebeugt werden, indem Porno nicht zu einem grossen Geheimnis stilisiert wird.

«Diese angeblich komplett übersexualisierte Jugend ist wohl eher eine Elternangst.»

Aber ist es andersherum nicht fast schon normal, wenn selbst Kinder Sex im Fernsehen oder Internet sehen? Schliesslich wird immer wieder von der «Generation Porno» gesprochen.
Diese angeblich komplett übersexualisierte Jugend ist wohl eher eine Elternangst. Sie zeichnet sich zumindest in Zahlen zu Jugendsexualität nicht ab. Diese sind gleichbleibend bis rückläufig. Teenager haben heutzutage tendenziell später und weniger Sex als vorherige Generationen. Oft haben sie sehr romantische Vorstellungen von Sex und Liebe. Trotzdem zeigt sich in Studien immer wieder, dass Bilder aus Pornos in jungen Köpfen präsent sind. Auch wenn sich also noch kein besorgniserregendes Bild zeichnet, sollten Eltern und Lehrpersonen ihren Medienbildungsauftrag ernst nehmen und junge Menschen zu einer Porno-Kompetenz verhelfen.

Bedeutet das, dass Kinder und Jugendliche sogar bewusst Pornos schauen sollten?
Nein. Es bedeutet vielmehr, dass junge Menschen eine umfassende, sexpositive und queerinklusive sexuelle Bildung brauchen, damit ihnen nicht Pornos alle Fragen beantworten müssen. Denn dafür sind sie nicht gemacht und auch nicht geeignet. Wir sollten ihnen beibringen, dass Sex nicht immer abläuft wie im Porno. Dass zum Beispiel Analsex in Wirklichkeit Übung und Vorbereitung bedarf. Dass nicht immer auf Körperteile ejakuliert werden muss. Oder dass nicht alle Genitalien aussehen wie im Porno. So können wir vermeiden, dass sich Vorstellungen von Sex ausbilden, die Druck auf junge Menschen ausüben.

Beeinflussen Pornos denn unser Sexualverhalten?
Klar. Aber das gilt für alle Medien. Auch Hollywood-Filme und Netflix-Serien prägen unsere Vorstellungen von Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Mit ihnen gehen wir aber als Gesellschaft selten so hart ins Gericht wie mit Pornos. Das ärgert mich. Zumal zum Beispiel der Einfluss von Werbung und Mainstream-Medien auf unsere Geschlechterrollen und Körperbilder meiner Meinung nach viel katastrophaler ist als von Pornos. Wir sollten Abstand davon nehmen, letztere zum Sündenbock zu machen. Schönheitsideale und Sexismus wurden nicht im Porno erfunden.

«Sowieso ist es eine Fehlannahme, dass wir alles, was wir im Porno gerne sehen, auch in der Realität erleben wollen.»

In vielen Pornos wird gewaltvolles Verhalten gegen Frauen gezeigt. Warum ist das so? Und wird das Verhalten dann in die Realität übernommen?
Das ist ein kompliziertes Thema. Grundsätzlich sehe ich in Pornos eher einen Spiegel der Gesellschaft als ihren Motor. Wir erkennen darin, was auch sonst unsere Kultur prägt, und dazu gehört leider Frauenfeindlichkeit. Mir wäre es lieber, wir würden das Problem von realer sexualisierter Gewalt ernster nehmen, statt uns auf Gewaltfantasien im Porno zu konzentrieren. Dass letzteres zu ersterem führt ist in keiner Weise belegbar. Wir hätten mit dem Boom an Online-Pornografie einen massiven Anstieg sexueller Übergriffe verzeichnen müssen, wenn dem wirklich so wäre. Sowieso ist es eine Fehlannahme, dass wir alles, was wir im Porno gerne sehen, auch in der Realität erleben wollen.

Was sind denn aktuelle Trends in der Pornoindustrie?
In den vergangenen Jahren sind Inzestfantasien auffällig im Kommen. Das ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass wir manche Dinge auf dem Bildschirm faszinierend finden, aber in der Realität nicht ausleben wollen. Die Millionen Menschen, die täglich Inzest-Pornos schauen, fühlen sich sicherlich nicht alle tatsächlich sexuell zu ihren Familienmitgliedern hingezogen. Das Reizvolle ist der Tabubruch. Porno hat schon immer über Grenzüberschreitung funktioniert. Wir müssen also nicht automatisch mit einer Inzest-Welle in naher Zukunft rechnen. Es bleibt für die meisten eine Fantasie.

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